Purpus-Heckenkirsche
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Blattwerk eines dreijährigen Strauchs im Hochsommer | ||||||||||||
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| Rehder |
Die Purpus-Heckenkirsche (Lonicera × purpusii), auch Winter-Heckenkirsche oder Winter-Duftgeißblatt, ist ein Gehölz aus der Gattung der Heckenkirschen (Lonicera) in der Familie der Geißblattgewächse (Caprifoliaceae). Es handelt sich dabei um eine vor 1920 im Botanischen Garten Darmstadt zufällig entstandene Kreuzung zwischen der in China beheimateten Wohlriechenden Heckenkirsche und einer ihrer Unterarten.
Die Purpus-Heckenkirsche gilt als attraktiver und pflegeleichter, in Mitteleuropa aber bislang wenig verbreiteter und bekannter Zierstrauch. Sie wird aufgrund ihrer ähnlichen Blütezeit nicht selten als ökologisch wertvollere Alternative zu Forsythien angeführt; in ihrem Erscheinungsbild und ihren gärtnerischen Eigenschaften unterscheiden sich die Arten aber doch nicht unwesentlich.
Beschreibung
Die Purpus-Heckenkirsche ist ein aufrecht wachsender Strauch bis 2,5 m Höhe und ca. 3 m Durchmesser. Er ist laubabwerfend, kann aber in milden Wintern einen Teil seines Laubes behalten und erst beim Neuaustrieb abwerfen. Die jungen Zweige sind zunächst purpurfarben, ältere Zweige hellbraun und in langen Streifen abfasernd; insbesondere längere, kräftige Triebe sind locker mit zurückgebogenen Haaren besetzt. Die gegenständig angeordneten Blätter sind 5–8 cm lang und 2,5–4 cm breit, haben eine elliptische bis eiförmige Form, sind an der Basis abgerundet bis breit keilförmig und an der Spreitenspitze spitz bis zugespitzt, unten an der Mittelrippe und den Adern leicht behaart, Ränder borstig. Die Spreitenunterseiten sind heller als die Oberseiten, die Blattstiele kurz und borstig bis fast kahl.[1]
Die Blütenstände der Purpus-Heckenkirsche sind achselständig mit paarigen Blüten an der Basis neuer Triebe. Die intensiv duftenden, zwittrigen und fünfzähligen Blüten öffnen sich teilweise schon im Dezember, die Hauptblütezeit ist Februar bis März. Blütenstiel bis 15 mm lang, kahl bis behaart; Hochblätter blattartig bis lanzettlich, 7–10 mm lang, oftmals bewimpert. Der kahle Kelch ist becherförmig. Die Krone ist zweilippig mit einer zurückgelegten Unterlippe, sie ist rund 1,6 cm lang und 1,2 cm breit, cremeweiß bis rosa und perlmuttartig glänzend, die kurzen Lappen sind abgerundet. Die Staubblätter sind glänzend weiß, die Staubbeutel leuchtend gelb. Die Staubblätter und der schlanke Griffel sind auffällig aus der Kronröhre herausragend.[2]
Es werden rote und vielsamige, fleischige Doppelbeeren gebildet.
Geschichte
Die Purpus-Heckenkirsche ist eine vor 1920 im Botanischen Garten Darmstadt zufällig entstandene Kreuzung: Als väterliche Elternart wird dabei die in China beheimatete Wohlriechende Heckenkirsche (Lonicera fragrantissima Lindl. & Paxton)[3] angenommen, da sie an diesem Standort nur sehr selten fruchtete. Als mütterliche Elternart gilt die Unterart „Lonicera fragrantissima subsp. fragrantissima“[4], die damals noch als eigenständige Art Lonicera standishii Carrière eingestuft war. Art und Unterart unterscheiden sich insbesondere bei der Behaarung der Triebe, Blätter und Blütenstiele, die bei der Unterart sehr viel ausgeprägter ist. Die Unterart zeichnet sich auch durch deutlich längere und länglich-lanzettliche Blätter (statt eher ovaler Blätter bei Lonicera fragrantissima) aus.[5]
Die Kreuzung wurde von Joseph Anton Purpus, dem damaligen Inspektor des Botanischen Gartens, entdeckt. Sie zeigt bei Behaarung, Blattform und Blattgröße eine Mischung der Eigenschaften beider Elternarten. Bei der Winterhärte und beim Blütenreichtum beschrieb Joseph Anton Purpus in seinen Notizen deutlich bessere Eigenschaften der Hybride gegenüber beiden Elternarten.[6] Botanisch beschrieben wurde die neue Hybride 1923 durch Alfred Rehder, den damaligen Kurator des Arnold-Arboretums bei Boston (USA), der 1888 während seiner damals üblichen „Wanderjahre“ auch für eine Saison im Darmstädter Botanischen Garten als Gärtner beschäftigt gewesen war.[1][6] Mit dem Epitheton purpusii ehrte Rehder den Entdecker der Hybride, die heute wie ihre mütterliche Elternart in die Unterart „Lonicera fragrantissima subsp. fragrantissima“ eingeordnet ist.[7]
Gärtnerische Eigenschaften
Die Purpus-Heckenkirsche kommt mit mehr oder minder nährstoff- und humusreicher Gartenerde und verschiedenen anderen, möglichst durchlässigen Bodentypen gut zurecht, die auch kalkhaltig sein dürfen. Staunässe sollte vermieden werden.
Die Art bevorzugt sonnige bis halbschattige Standorte. Die Angaben zur Winterhärte streuen zwischen USDA-Klimazone 6 (bis −23 °C)[8][9] und 4 (bis −34 °C).[10] Purpus-Heckenkirschen bilden eine Herzwurzel aus; etablierte Exemplare ertragen damit auch recht gut Trockenheit, wobei Wassergaben bei lang anhaltender Trockenheit förderlich für den Blütenansatz des Folgejahres sind.
Die Art gilt insgesamt als robust und pflegeleicht: Probleme mit Pflanzenkrankheiten oder Schädlingen sind nicht bekannt. Sie kommt ohne regelmäßige aufwändige Schnittmaßnahmen aus; bei Bedarf sollten kranke oder abgestorbene Triebe entfernt werden. Ein Erziehungs- oder Verjüngungsschnitt sollte nach dem Ende der Blühphase durchgeführt werden.
Als einzige bislang bekannte Zuchtsorte ist die Sorte 'Winter Beauty' bekannt. Sie wurde 1966 von Alf Alford in den Hillier Nurseries in Großbritannien aus Rückkreuzungen mit ihrer mütterlichen Elternart ausgewählt. Die britische Royal Horticultural Society hat diese Sorte 1993 wegen ihrer Kombination aus Anspruchslosigkeit, Pflegeleichtigkeit und hohem dekorativen Wert mit dem Award of Garden Merit ausgezeichnet.[11] Über von der Darmstädter Urhybride abweichende Eigenschaften sind keine belastbaren Informationen auffindbar, teilweise wird von einer etwas verlängerten Blütezeit berichtet.
Die Purpus-Heckenkirsche wird aufgrund ihrer ähnlichen, aber früher einsetzenden Blütezeit nicht selten als ökologisch wertvollere Alternative zu Forsythien angeführt. Gärtnerisch erreicht sie mit ihrer Blüte aber nicht die Leuchtkraft und Fernwirkung von Forsythien, in der Nahwirkung kann sie dagegen mit ihrem Duft, ihren perlmuttartig glänzenden cremeweißen Blüten, ihrer sattgrünen Sommerbelaubung und ihren purpurfarbenen Jungtrieben punkten und ist hinsichtlich ihres ökologischen Wertes für die Insektenwelt deutlich überlegen.
Ökologischer Wert
Die Blüten der Purpus-Heckenkirsche sind einfach und für die meisten Insekten leicht zugänglich aufgebaut. Die Ergiebigkeit der Blüten wird angegeben mit einem Wert von 2 (mittel) sowohl für den Pollenwert wie auch den Nektarwert.[12] Die Blüten werden in Mitteleuropa üblicherweise sehr gut von Honigbienen und verschiedenen Wildbienen- und Hummelarten besucht.[13] Besonders wertvoll für die Insektenwelt sind die Blüten der Purpus-Heckenkirsche durch ihren sehr frühen Blühzeitraum. Sie können für vorzeitig aus dem Winterschlaf erwachte oder regulär sehr früh im Jahr aktive Insekten (z. B. überwinternde Schmetterlingsarten, Hummelköniginnen) überlebenswichtige Nahrungsquellen darstellen.
Nicht nur die Blüten, sondern auch das Blattwerk hat einen sehr hohen ökologischen Wert für die Insektenwelt: Bislang wurde für mindestens 27 verschiedene tag- und nachtaktive Schmetterlingsarten nachgewiesen, dass sie die Purpus-Heckenkirsche als Raupenfutterpflanze angenommen haben; acht Arten davon wurden auch beim Blütenbesuch beobachtet.[8] Außerdem sind die Früchte der Purpus-Heckenkirsche sehr begehrt bei Singvögeln und werden meistens schon vor Erreichen ihrer vollständigen Reife abgefressen. Damit kann sich die Art prinzipiell ornithochor ausbreiten, was aber bislang noch nicht beobachtet und dokumentiert wurde.
Biodiversitätsorientierte gärtnerische Verwendung
Kommunen, Umweltbehörden und Naturschutzverbände appellieren immer wieder an Gartenbesitzer, ihre Gärten naturnäher zu gestalten und zu bepflanzen, um sie damit zu kleinen ökologischen Trittsteinen im Siedlungsraum zu entwickeln, die im Verbund mit anderen nahegelegenen Biotopen durchaus eine artenschutzförderliche Wirkung entfalten können. Dabei wird in der Regel der Einsatz heimischer Wildsträucher propagiert, die aber u. a. mit ihrem Erscheinungsbild (Dornenbesatz, Habitus, Wuchsstärke) bei drei von fünf soziokulturellen Gärtnertypen[14] auf wenig bis keine Akzeptanz stoßen.
Die Purpus-Heckenkirsche kombiniert ihren ökologischen Wert mit einem attraktiven Erscheinungsbild und einer gärtnerischen Anspruchslosigkeit und Pflegeleichtigkeit. Sie ist bislang im deutschsprachigen Raum für den gärtnerischen Einsatz in privaten und öffentlichen Gärten noch wenig bekannt und eingesetzt und hat damit zusätzlich den Charakter des Außergewöhnlichen. Mit diesen Eigenschaften kann sie allen fünf soziokulturellen Gärtnertypen gerecht werden. Zusammen mit einigen weiteren Pflanzenarten mit ähnlichen Eigenschaftsprofilen wie z. B. der Kalifornischen Heckenkirsche, Diervilla- oder den Sieben-Söhne-Sträuchern kann sie als „Türöffner“-Gehölz helfen, die bisherige Akzeptanzbarriere und Stagnation bei den Bemühungen zu insektenfreundlicherer Gartengestaltung zu überwinden.
Literatur
- Andreas Roloff, Andreas Bärtels: Flora der Gehölze. Bestimmung, Eigenschaften und Verwendung. Mit einem Winterschlüssel von Bernd Schulz. 5., aktualisierte Auflage. Eugen Ulmer, Stuttgart (Hohenheim) 2008, ISBN 978-3-8186-0016-7, S. 391.
- Marilena Idžojtić: Dendrology. Academic Press, 2019, ISBN 978-0-444-64175-5, S. 396, eingeschränkte Vorschau in der Google-Buchsuche.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b Alfred Rehder: New Species, Varieties and Combinations from the Herbarium and the Collections of the Arnold Arboretum. In: Journal of the Arnold Arboretum. Arnold Arboretum, November 1923, abgerufen am 15. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Lonicera × purpusii Rehd. In: Trees and Shrubs Online. The International Dendrology Society, abgerufen am 12. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Lonicera fragrantissima Lindl. & Paxton. In: Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens (Kew), abgerufen am 15. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Lonicera fragrantissima subsp. fragrantissima. In: Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens (Kew), abgerufen am 16. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ Lonicera fragrantissima Lindl. & Paxt. In: Trees and Shrubs Online. The International Dendrology Society, abgerufen am 16. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b Stefan Schneckenburger: Lonicera x purpusii REHDER – eine ‚Darmstädter Hybride‘. (PDF; 78 kB) Botanischer Garten Darmstadt, 2013, abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ Lonicera purpusii Rehder. In: Plants of the World Online. Royal Botanic Gardens (Kew), abgerufen am 13. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ a b Winter-Heckenkirsche. In: NaturaDB. Maseto GmbH, abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ Lonicera × purpusii. In: Landscape Architect’s Pages. Davis Landscape Architecture, 24. Januar 2011, abgerufen am 23. Dezember 2025.
- ↑ Winter-Heckenkirsche 'Winter Beauty'. In: NaturaDB. Maseto GmbH, abgerufen am 22. Dezember 2025.
- ↑ AGM Plants December 2024. (PDF; 974 kB) Royal Horticultural Society, Dezember 2024, abgerufen am 12. Dezember 2025.
- ↑ Bernhard Jaesch: Schwerpunkt Bienenweide: Die lohnen sich! (PDF; 385 kB) Deutsches Bienen-Journal, 2007, abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ Bäume und Sträucher für Bienen und Insekten. (PDF; 11,2 MB) Bayerische Landesanstalt für Weinbau und Gartenbau LWG, 5. September 2019, S. 18, abgerufen am 13. Dezember 2025.
- ↑ Melina Stein, Lukas Sattlegger, Johanna Freudenberg: Insektenfreundliches Gärtnern bei verschiedenen Typen von Gärtner*innen – Eine sozialwissenschaftliche und linguistische Analyse. (PDF; 13 MB) Institut für sozial-ökologische Forschung (ISOE) GmbH, 2. November 2023, abgerufen am 17. Dezember 2025.