Ptolemais (Phyle)
Die Ptolemais (altgriechisch Πτολεμαΐς Ptolemaís) war eine 224/223 v. Chr. eingerichtete Phyle im antiken Athen. Nach der Antigonis und der Demetrias war sie die dritte von insgesamt fünf nachkleisthenischen Phylen der Stadt. Im Gegensatz zu ihren 201/200 v. Chr. wieder aufgelösten Vorgängerinnen bestand sie bis in römische Zeit. Innerhalb der nun 13 Phylen nahm sie die 7. Stelle ein.
Vorgeschichte
Als es Antigonos III. Doson im Jahr 224 v. Chr. gelang, den ursprünglich antimakedonisch eingestellten Achäischen Bund auf seine Seite zu ziehen und mit dem „hellenischen Bund“ ein gemeinsames Bündnis zu etablieren, erneuerte er die Vorherrschaft der Makedonen über Griechenland.[1] Athen wandte sich, um der Bedrohung durch dies neue Bündnis zu entgehen, Ptolemaios III. zu, dessen Einfluss- und Herrschaftsgebiet durch den Hellenenbund ebenfalls bedroht war, war der Achäische Bund doch zuvor mit den Ptolemäern verbündet.[2] Wie schon im Fall des Antigonos I. Monophthalmos und seines Sohnes Demetrios I. Poliorketes im Jahr 307/306 v. Chr. wurde Ptolemaios, der die Freiheit Athens garantierte, im Jahr 224 v. Chr. mit außerordentlichen Ehren bedacht: Ein „Ausdruck der Dankbarkeit Athens für die Bereitschaft des Königs, für Athen in einer Krisis einzutreten, die an der Existenz des Freistaats rührte“, wie Christian Habicht formulierte.[3] Während aber die Antigoniden für die Wiederherstellung von Demokratie und Freiheit geehrt wurden, wurden Ptolemaios Ehrungen wegen seiner Bewahrung der Freiheit zuteil.[4]
Phyle
Zu den Ehren, die Ptolemaios empfing,[5] gehörten ein wiederkehrendes Fest zu Ehren des Ptolemaios, die Ptolemaia, und die Einrichtung eines neuen Demos Berenikidai, der nach der Ehefrau und Mitregentin des Ptolemaios III., Berenike II., benannt wurde. Höchste Ehre aber war die Einrichtung eines Priesteramts eigens für Ptolemaios und Berenike,[6] die folglich als Kultgenossen göttliche Verehrung im Rahmen eines Herrscherkultes genossen.[7] Der Historiker Polybios beschuldigte in seinem Geschichtwerk die Athener wegen ihrer Ehrungen der Unterwürfigkeit besonders gegenüber Ptolemaios.[8] Zudem wurde unter dem Namen Ptolemais eine neue Phyle eingerichtet.[9]
Wie schon bei der Einrichtung der antigonidischen Phylen wirkte sich auch die Gründung der Ptolemais auf die Gesamtorganisation der Phylen und Demen aus. Da jede Phyle 50 Ratsmitglieder (Bouleuten) in die Boule, den Rat der Stadt Athen, zu entsenden hatte, wurde deren Anzahl nun von 600 auf 650 erhöht. Zusammengesetzt wurde die Phyle allem Anschein nach dadurch, dass jede der bestehenden zwölf Phylen einen Demos abgeben musste. Hinzu kam als 13. Demos das neu gegründete Berenikidai. Folgende Demen wurden der Ptolemais zugewiesen:[10]
| Demos | Ursprüngliche Phyle | Lage | Bouleuten (neu/seit 307 v. Chr.) |
|---|---|---|---|
| Kolonai | Antigonis | Binnenland | 2 (2?) |
| Oinoe | Demetrias | Küste | 2? (2?) |
| Themakos | Erechtheis | Stadt | 1 (1) |
| Kydantidai | Aigeis | Binnenland | 1? (2) |
| Konthyle | Pandionis | Binnenland | 1 (1) |
| Hekale | Leontis | Binnenland | 1 (1) |
| Prospalta | Akamantis | Binnenland | 5 (5) |
| Boutadai | Oineis | Stadt | 1 (1) |
| Phlya | Kekropis | Küste | 9? (9?) |
| Oion Dekeleikon | Hippothontis | Binnenland | 3 (3) |
| Aphidna | Aiantis | Binnenland | 16 (16) |
| Aigila | Antiochis | Küste | 7 (7) |
| Berenikidai | neu | ? | 1? (-) |
Während bei der kleisthenischen Phyleneinteilung die Verteilung der Bouleuten auf Stadt-, Land- und Küstentrittyen ausgewogen war, bei der Einrichtung der antigonidischen Phylen hingegen ein Übergewicht zugunsten der städtischen Trityen festzustellen war (20 städtische, 18 binnenländlische, 12 der Küste zugewiesene Bouleuten), entfielen nun 29 Bouleuten auf binnenländlische, 18 auf küstennahe und nur 2 auf städtische Demen, wobei bei Berenikidai die Lage unbekannt ist.
Die abermalige Vermehrung der Phylen wirkte sich erneut auf das Monument der Phylenheroen auf der Agora von Athen aus. Wurde das Monument schon zuvor so erweitert, dass zwei zusätzliche Statuen für die beiden neuen Phylenheroen Antigonos und Demetrios Aufstellung finden konnten, so musste nun einer der Dreifüße, die die Statuengruppe links und rechts rahmten, entfernt werden. An seiner Stelle wurde eine Statue des Ptolemaios aufgestellt, die auch von Pausanias beschrieben wird.[11] Die gleiche Problematik betraf das analoge Monument aus der Hand des Phidias in Delphi,[12] das laut Pausanias um die Statue des Ptolemaios erweitert worden war.[13] Für Athen war die Erweiterung auch deshalb eine Notwendigkeit, weil auf der Schauseite des Monuments unterhalb der eponymen Heroen Verlautbarungen der einzelnen Phylen befestigt wurden.
Als im Jahr 201/200 v. Chr. die antigonidischen Phylen wieder abgeschafft wurden und die Gesamtzahl dadurch kurzzeitig auf 11 sank, hatte dies keine nachweisbaren Auswirkungen. 200 v. Chr. wurde mit der neuen Phyle Attalis die Anzahl wieder auf 12 gebracht und die Ptolemais musste den Demos Oion Dekeleikon an die neue Phyle abgeben. Wie die Verteilung der Bouleuten sich nun im wieder auf 600 Mitglieder reduzierten Rat gestaltete, lässt sich in einer Gesamtschau nicht ermitteln.[14] Die Ptolemais bestand noch, als im Jahr 126/127 n. Chr. mit der Hadrianis erneut eine 13. Phyle geschaffen wurde, diesmal zu Ehren des römischen Kaisers Hadrian.
Literatur
- Hans Lohmann: Ptolemais 10. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 10, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01480-0, Sp. 574 (Digitalisat).
- Ernst Meyer: Ptolemais 11. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XXIII,2, Stuttgart 1959, Sp. 1887 (Digitalisat).
- Kendrick Pritchett: The Tribe Ptolemais. In: American Journal of Philology. Band 63, 1942, S. 413–432.
- John S. Traill: The Political Organization of Attica: A Study of the Demes, Trittyes, and Phylai, and Their Representation in the Athenian Council (= Hesperia Supplements. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1975, S. 29 f., 33, 61, 102, 107, Tabelle 13.
Anmerkungen
- ↑ Zur Geschichte Athens nach 229 v. Chr. siehe zusammenfassend Volker Grieb: Hellenistische Demokratie: Politische Organisation und Struktur in freien griechischen Poleis nach Alexander dem Großen (= Historia. Einzelschriften. Heft 199). Steiner, Stuttgart 2008, S. 99–107.
- ↑ Kendrick Pritchett: The Tribe Ptolemais. In: American Journal of Philology. Band 63, 1942, S. 413–432, hier S. 423; Christian Habicht: Studien zur Geschichte Athens in hellenistischer Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, ISBN 3-525-25171-8, S. 105–112.
- ↑ Christian Habicht: Studien zur Geschichte Athens in hellenistischer Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 112; zur Datierung S. 108.
- ↑ Volker Grieb: Hellenistische Demokratie: Politische Organisation und Struktur in freien griechischen Poleis nach Alexander dem Großen (= Historia. Einzelschriften. Heft 199). Steiner, Stuttgart 2008, S. 107.
- ↑ Zusammenstellung des Quellenmaterials samt Kommentar bei Haritini Kotsidu: TIMH KAI ΔOΞA. Ehrungen für hellenistische Herrscher im griechischen Mutterland und in Kleinasien unter besonderer Berücksichtigung der archäologischen Denkmäler. Akademie-Verlag, Berlin 2000, ISBN 3-05-003447-5, S. 65–70.
- ↑ IG II² 4676 erwähnt einen Priester des Ptolemaios Euergetes und der Berenike (ἱερε[ὺς Πτο]λεμαίου Ε[ὐεργ]έτου καὶ [Βε]ρενίκης).
- ↑ Zu möglichen Kultorten in Athen siehe Olga Palagia: Berenike II in Athens. In: Peter Schultz, Ralf von den Hoff (Hrsg.): Early Hellenestic Portraiture. Imga, Style, Context. Cambridge University Press, Cambridge 2007, S. 237–245.
- ↑ Polybios 5,106,6–8; zu den Ehrungen und dem Kommentar des Polybios siehe Christian Habicht: Studien zur Geschichte Athens in hellenistischer Zeit. Vandenhoeck & Ruprecht, Göttingen 1982, S. 105–117.
- ↑ Kendrick Pritchett: The Tribe Ptolemais. In: American Journal of Philology. Band 63, 1942, S. 413–432; Hans Lohmann: Ptolemais 10. In: Der Neue Pauly (DNP). Band 10, Metzler, Stuttgart 2001, ISBN 3-476-01480-0, Sp. 574.
- ↑ John S. Traill: The Political Organization of Attica: A Study of the Demes, Trittyes, and Phylai, and Their Representation in the Athenian Council (= Hesperia Supplements. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1975, S. 27, 29 f., 103, Tabelle 13.
- ↑ Pausanias 1,5,5; zum archäologischen Befund siehe T. Leslie Shear, Jr.: The Monument of the Eponymous Heros in the Athenian Agora. In Hesperia. Band 39, 1970, S. 145–222, hier S. 196–200 (Digitalisat).
- ↑ Peter Funke: Wendezeit und Zeitenwende. Athens Aufbruch zur Demokratie. In: Dietrich Papenfuß, Volker M. Strocka (Hrsg.): Gab es das griechische Wunder? Griechenland zwischen dem Ende des 6. und der Mitte des 5. Jahrhunderts v. Chr. Philipp von Zabern, Mainz 2001, S. 1–20, hier S. 8–10. 14 f. (Digitalisat).
- ↑ Pausanias 10,10,2.
- ↑ John S. Traill: The Political Organization of Attica: A Study of the Demes, Trittyes, and Phylai, and Their Representation in the Athenian Council (= Hesperia Supplements. Band 14). American School of Classical Studies at Athens, Princeton [NJ] 1975, S. 33 f.