Prince-Hall-Freimaurerei

Prince-Hall-Freimaurerei (Englisch: Prince Hall Freemasonry) bezeichnet eine Tradition der Freimaurerei in Nordamerika, die von afroamerikanischen Freimaurern begründet wurde. Sie geht auf Prince Hall (ca. 1735–1807) zurück und ist die älteste bis heute aktive von Afroamerikanern gegründete brüderliche Organisation in den USA.[1] Ihren Ursprung hat sie im Jahr 1775 in Boston, wo Prince Hall mit 14 weiteren freien Afroamerikanern erstmals unter der Schirmherrschaft einer britischen Militärloge in den Freimaurerbund aufgenommen wurde.[2] 1784 erhielt Hall von der Großloge von England eine offizielle Gründungsurkunde (Charter) für eine eigene Loge, der African Lodge No. 459. Aus dieser ging die Prince-Hall-Freimaurerei hervor, die trotz der Rassentrennung eigenständige Logen und Großlogen afroamerikanischer Freimaurer etablierte. Heute bestehen in nahezu allen US-Bundesstaaten anerkannte Prince-Hall-Großlogen, und die Organisation umfasst international über 300.000 Mitglieder.[1]

Geschichte

Die Entstehung der Prince-Hall-Freimaurerei ist eng mit der Geschichte der Afroamerikaner in den USA verbunden. Nachdem afroamerikanische Männer im kolonialen Amerika von den etablierten (weißen) Logen ausgeschlossen wurden, suchte Prince Hall nach alternativen Wegen, Zugang zur Freimaurerei zu erlangen.[3] Am 6. März 1775 wurden Hall und 14 weitere Afroamerikaner in Boston durch eine britische Militärloge No. 58 (unterstand der Grand Lodge of Ireland und war stationiert bei den Truppen von General Thomas Gage) als Freimaurer initiiert. Diese initiierten Brüder erhielten die Erlaubnis, sich als eigene Loge zu versammeln sowie in der Öffentlichkeit aufzutreten und Zeremonien wie Beerdigungen durchzuführen, jedoch noch nicht selbst Grade zu verleihen oder andere freimaurerische Tätigkeiten durchzuführen.[2]

Nach dem Ende des Amerikanischen Unabhängigkeitskriegs wandte sich Prince Hall an die Großloge von England mit dem Anliegen, eine reguläre Logen-Charta zu erhalten, was ihm die weißen Freimaurer in Massachusetts verweigert hatten. Diese wurde am 2. März 1784 genehmigt, und damit entstand die African Lodge No. 459 in Boston, die erste Freimaurerloge für Afroamerikaner in Nordamerika. Aufgrund von Verzögerungen erreichte die formale Urkunde Boston erst 1787; in diesem Jahr erklärte sich die African Lodge unter Prince Halls Führung für autonom und wurde als African Lodge No. 1 weitergeführt. Prince Hall selbst wurde 1791 zum Großmeister einer neu gebildeten Großloge ernannt, welche die bis dahin drei bestehenden afroamerikanischen Logen in Boston, Philadelphia und Providence unter einem Dachverband vereinigte. Diese African Grand Lodge, nach Prince Halls Tod oft Prince Hall Grand Lodge genannt, gilt als Ursprung der unabhängigen Großlogen der afroamerikanischen Freimaurerei.[1][4]

1827 erklärte die African Lodge ihre Unabhängigkeit von der Vereinigten Großloge von England, wie es die Großloge von Massachusetts 45 Jahre zuvor getan hatte. Sie erklärte auch ihre Unabhängigkeit von allen weißen Großlogen in den Vereinigten Staaten und erklärte sich zu einer eigenständigen freimaurerischen Organisation.[5] Dies führte zu einer Tradition separater, überwiegend afroamerikanischer Logen in Nordamerika, die zusammen als Prince Hall Freemasonry bekannt wurden.

Im 19. Jahrhundert breitete sich die Prince-Hall-Freimaurerei trotz anhaltender rassistischer Diskriminierung allmählich aus. Bis zum Sezessionskrieg existierten Prince-Hall-Logen vor allem in den Nordstaaten, da Afroamerikanern im Süden der USA die Gründung von Logen weitgehend verwehrt war. Nach der Emanzipation und dem Ende der Sklaverei 1865 kam es jedoch zu einem raschen Wachstum: In der Reconstruction-Ära gründeten wandernde freigelassene oder im Norden ausgebildete schwarze Freimaurer zahlreiche Logen in den Südstaaten. Weiße Logen in diesen Staaten weigerten sich jedoch noch bis ins 20. Jahrhundert, diese afroamerikanischen Logenmitglieder als legitime Freimaurer anzuerkennen.[1]

1847 schlossen sich Vertreter mehrerer Staaten zeitweilig zu einer National Grand Lodge (Prince Hall National Compact) zusammen, um eine einheitliche Leitung zu schaffen. Dieses föderative Experiment erwies sich jedoch als kurzlebig und zerfiel gegen Ende des 19. Jahrhunderts wieder, sodass die einzelnen Bundesstaaten fortan weitgehend autonom agierten, während die National Grand Lodge separat weiterexistierte. Bis 1900 blieb die Mitgliedschaft exklusiv und relativ klein, doch im frühen 20. Jahrhundert wuchs der Zulauf erheblich. Damit einher ging ein Bedeutungswandel: Aus einer kleinen Eliteorganisation entwickelte sich eine breiter aufgestellte Gemeinschaft innerhalb der afroamerikanischen Mittelschicht

Die Prince-Hall-Freimaurerei spielte historisch eine wichtige Rolle in den afroamerikanischen Gemeinschaften und der Bürgerrechtsbewegung. Schon früh engagierten sich ihre Mitglieder in abolitionistischen Bestrebungen: Viele der führenden schwarzen Abolitionisten wie etwa Lewis Hayden in Boston waren Prince-Hall-Freimaurer, und einige Logen dienten als Stationen der Underground Railroad für flüchtige Sklaven. Im Verlauf des 19. Jahrhunderts und besonders nach dem Bürgerkrieg stellten Prince-Hall-Logen wichtige Netzwerke für Bildung, gegenseitige Hilfe und politischen Aktivismus. So gründeten Freimaurer wie Isaac Myers, Großmeister in Maryland, afroamerikanische Gewerkschaften und organisierten 1870 Massenkundgebungen zur Durchsetzung des Wahlrechts (15. Verfassungszusatz), das Afroamerikanern häufig verwehrt blieb.[6]

Im 20. Jahrhundert blieben Prince-Hall-Logen Zentren des gesellschaftlichen Lebens und der Bürgerrechtsbewegung. In vielen Städten stellten sie Versammlungsorte und Infrastruktur für Organisationen wie die NAACP und andere Bürgerrechtsgruppen bereit. Zahlreiche führende Persönlichkeiten des afroamerikanischen Kampfes für Gleichberechtigung waren Freimaurer der Prince-Hall-Tradition, etwa der Gewerkschafter A. Philip Randolph und weitere Organisatoren des Marsches auf Washington 1963.[1]

Während der Bürgerrechtsära der 1950er und 1960er Jahre unterstützten Prince-Hall-Großlogen die Protestbewegung sowohl logistisch (z. B. durch Bereitstellung von Räumlichkeiten und Druckgeräten) als auch finanziell in erheblichem Umfang. Der NAACP-Rechtsanwalt Thurgood Marshall (selbst Prince-Hall-Freimaurer) betonte rückblickend, dass die Erfolge in richtungsweisenden Prozessen (wie Brown v. Board of Education 1954) ohne die Unterstützung der Logen nicht möglich gewesen wären.[6]

Bis weit ins 20. Jahrhundert blieb das Verhältnis zwischen der Prince-Hall-Freimaurerei und den „regulären“ (überwiegend weißen) Großlogen der USA über lange Zeit von Vorbehalten geprägt. Die Mainstream-Großlogen erkannten die Afroamerikaner-Logen vielfach nicht an. Hintergrund war zum einen tiefverwurzelter Rassismus, zum anderen formale Einwände – so hatten sich die Prince-Hall-Logen nach dem Unabhängigkeitskrieg ohne direkte Anbindung an eine anerkannte Großloge selbständig gemacht, was von Kritikern als Verstoß gegen Freimaurer-Regeln ausgelegt wurde. Erst ab den 1980er Jahren änderte sich dies grundlegend: In einem langjährigen Prozess sprachen die meisten der 51 US-Großlogen (50 Bundesstaaten plus Distrikt Columbia) den jeweiligen Prince-Hall-Großlogen ihrer Jurisdiktion nach und nach die offizielle Anerkennung zu, beginnend mit Connecticut 1989.[4] Im Jahr 1994 erkannte auch die Vereinigte Großloge von England, die älteste Großloge der Welt, die Prince-Hall-Freimaurerei als regulär an, was international großes Gewicht hatte.[7]

Organisation

Die Prince-Hall-Freimaurerei entwickelte früh eine eigene Organisationsstruktur nach dem föderalen Prinzip der US-Freimaurerei. Jede anerkannte Prince-Hall-Großloge ist für einen Staat (bzw. Bundesstaat) zuständig und besitzt Souveränität über die in ihrem Gebiet ansässigen Logen (sogenannte blaue Logen).[3] Innerhalb der Prince Hall Freimaurerei gibt es zwei konkurrierende Organisationen. Eine Minderheit der Logen, die der Prince Hall National Grand Lodge unterstehen, wird als Prince Hall Origin (PHO) bezeichnet und führt ihre Abstammung auf die African Lodge #459 zurück.

Die Mehrheit der Logen, die 41 unabhängigen Staatsgroßlogen unterstehen, sind regulär und werden, bis auf wenige Ausnahmen, von ihren entsprechenden Staatsgroßlogen und der Vereinigten Großloge von England anerkannt. Die Bezeichnung Prince Hall Affiliation (PHA) hat sich eingebürgert, um diese regulären, anerkannten Prince-Hall-Großlogen von anderen, nicht anerkannten freimaurerischen Gruppen afroamerikanischer Herkunft zu unterscheiden. Neben den drei symbolischen Graden der Johannis-Freimaurerei unterhalten die Prince-Hall-Großlogen auch verbundene Hochgrad-Systeme (etwa des Scottish Rite und York Rite) sowie Frauen- und Jugendorganisationen, analog zu den bei allen Freimaurern verbreiteten Eastern Star- und Shriner-Gruppierungen.

Der Mitgliederbestand der Prince-Hall-Freimaurer macht einen erheblichen Teil der US-Freimaurerei aus. Heute ist sie die größte afroamerikanische Freimaurerorganisation und zählt in den USA und einigen weiteren Ländern insgesamt mehrere hunderttausend Mitglieder. In den Vereinigten Staaten bestehen in nahezu allen Bundesstaaten anerkannte Prince-Hall-Großlogen; darüber hinaus existieren Prince-Hall-Logen oder Großlogen auch in Kanada und einigen karibischen Staaten sowie in Liberia. Obwohl die meisten Prince-Hall-Freimaurer eng mit der afroamerikanischen Bevölkerung der USA verbunden sind, sind auch einige nicht-Farbige Mitglieder von Prince-Hall-Logen.[2]

Die einzelnen Prince-Hall-Großlogen betreiben wohltätige Werke und engagieren sich häufig in der Gemeindeentwicklung und Bildungsförderung, insbesondere in afroamerikanischen Gemeinschaften. Ihre rituellen Arbeiten und Erkennungszeichen entsprechen weitgehend denen der traditionellen Freimaurerei; Prince-Hall-Logen unterscheiden sich in Lehre und Brauchtum nicht grundsätzlich von anderen Freimaurerlogen, legen aber besonderen Wert auf die Bewahrung der eigenen geschichtlichen Identität und ihres Beitrags zur Emanzipation der Schwarzen in Amerika.

Bekannte Mitglieder

Zu den bekanntesten Angehörigen der Prince-Hall-Freimaurerei zählen führende Persönlichkeiten der afroamerikanischen Geschichte aus verschiedenen Bereichen:

Einzelnachweise

  1. a b c d e The Secret History of Prince Hall Freemasonry. In: American Heritage. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  2. a b c Abigail Swanson: Prince Hall Masons (1784- ). In: BlackPast.org. 2. Januar 2012, abgerufen am 30. September 2025 (amerikanisches Englisch).
  3. a b The Origins of the Prince Halll Mason Grand Lodge of Nebraska Nebraska State Historical Society
  4. a b The Mason's Lady: Prince Hall Masonry. In: The Mason's Lady. 30. September 2015, abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  5. James Sidbury: Becoming African in America: Race and Nation in the Early Black Atlantic. Oxford University Press, 2007, ISBN 978-0-19-804322-5, S. 74 (google.de [abgerufen am 30. September 2025]).
  6. a b Special to the AFRO: America’s Oldest Civil Rights Organization – The Prince Hall Masons. In: AFRO American Newspapers. 28. Mai 2020, abgerufen am 30. September 2025 (amerikanisches Englisch).
  7. Prince Hall Freemasonry
  8. a b c d e f g h i j k l m Notable Prince Hall Masons. Abgerufen am 30. September 2025 (englisch).
  9. a b c d e f g h i Masons: Prince Hall Masonry. In: Masons of California. 5. Juli 2021, abgerufen am 30. September 2025 (amerikanisches Englisch).
  10. Paper: African American Freemasonry and African Liberation: An Unknown History (123rd Annual Meeting (January 2 - 5, 2009)). Abgerufen am 30. September 2025.
  11. Jimmy McDonough: Soul Survivor: A Biography of Al Green. Grand Central Publishing, 2017, ISBN 978-0-306-82268-1, S. 225 (google.de [abgerufen am 30. September 2025]).