Philippinische Literatur

Die Literatur der Philippinen spiegelt die reiche kulturelle Geschichte des vielsprachigen Landes ebenso wider wie die fast 400 Jahre kolonialer Unterdrückung und schwieriger Identitätsbildung. Sie umfasst die mündliche und schriftliche Tradition in mehreren Sprachen, darunter die dominante Sprache der Metropolregion Manila, das dialektreiche Tagalog (als Nationalsprache seit 1887 Filipino), das ebenfalls von vielen Millionen gesprochene Cebuano (auch Visayan oder Bisayan genannt) auf den Visayas und Mindanao, weitere Regionalsprachen wie Ilokano, Waray-Waray sowie Englisch (seit 1935 die zweite Nationalsprache) und Spanisch (Amtssprache bis 1987).

Die Literatur des Landes war zunächst durch die spanische Missionstätigkeit geprägt. Die säkulare Literatur setzt sich nach sozialkritischen Anfängen in der späten spanischen Kolonialzeit in den letzten Jahrzehnten verstärkt mit der kolonialen Vergangenheit auseinander. Sie war bisher in Deutschland wenig bekannt, seit etwa 2022 steigt jedoch die Zahl der Übersetzungen. Immer mehr philippinische Autoren schreiben mittlerweile in englischer Sprache. Kennzeichnend für die neuere Sprachentwicklung ist die Verwendung hybrider Neologismen.[1]

Mündliche Überlieferung und der Beginn der schriftlichen Fixierung

Vor der spanischen Kolonialzeit existierte auf den Philippinen eine reiche Tradition an mündlichen Erzählungen, Märchen, Gedichten, Liedern und Sprüchen, mit denen die Geschichte, Mythologie und Moralvorstellungen tradiert wurden. Aufgrund der ethnischen Vielfalt der Inseln mit ihren ca. 180 Sprachen ist die mythologische Tradition sehr vielfältig. Besonders umfangreich ist die Überlieferung der Ilokanos im zentralen Hochland Luzons.

Die schriftliche Fixierung der oralen Tradition erfolgte seit Beginn der spanischen Kolonialzeit.[2] So wurden die poetische und Erzählformen (balac/balak) in Waray und orale Traditionen in Cebuano erstmals 1668 von einem spanischen Mönch dokumentiert. Viele dieser Traditionen wurden auch in der Kolonialzeit weiter gepflegt, so das Karagatan (Ozean), ein ritueller, dramatisch inszenierter Dichterwettbewerb, bei dem es ursprünglich um einen von einer Prinzessin in die See geworfenen Ring ging. Duplo ist ein poetischer Dialog, bei dem ein Teilnehmer schnell auf eine von einem anderen gesprochene Zeile antworten muss. In der schriftlich fixierten Lyrik war das Tanaga verbreitet, eine metaphernreiche, Haiku-ähnlich puzzleartig komponierte Form mit vier Versen zu je sieben Silben und dem Endreimschema : AAAA, AABB oder ABAB, die häufig moralische Botschaften enthielt und heute wiederbelebt wird.[3] Das Ambahan war ähnlich komponiert, aber von unbegrenzter Länge.

Prägend waren in der vorkolonialen Zeit jedoch malayische, indojavanisch-hinduistische und chinesische Einflüsse, die vor allem über Handelskontakte vermittelt wurden. Diese Kontakte hinterließen erste schriftliche Zeugnisse. Das älteste schriftliche Dokument der philippinischen Geschichte ist die Laguna-Kupferplatteninschrift, eine Urkunde eines Herrschers, die um 900 in indonesischer Kawi-Schrift in einer Mischung aus Sanskrit, Altjavanisch, Altmalaiisch und Tagalog geschrieben wurde. Aus der Kawi-Schrift entwickelte sich etwa seit 1200 die Baybayin-Silbenschrift, die von den Spaniern zur katholischen Missionierung genutzt wurde. Seit dem 10. Jahrhundert betrieb China Handel mit den Philippinen, insbesondere mit der reichen Inselgruppe der Visayas, und hinterließ deutliche Kultureinflüsse. Zahlreiche Wörter sind aus dem Chinesischen in das Tagalog eingeflossen. Im 15. Jahrhundert erstarkte der islamische Einfluss, wodurch sich im Süden der Philippinen das arabische Jawi-Alphabet verbreitete, das vor allem für religiöse Schriften genutzt wurde.

Das früheste schriftlich überlieferte komplette Epos, Das Leben des Lam-Ang (Biag ni Lam-ang), stammt aus der Region Iloko im nordwestlichen Teil der Insel Luzon. Es handelt sich um eine schon in vorkolononialer Zeit mündlich tradierte Ramayana-Adaption, die um 1640 in der regionalen Sprache Ilokano mit lateinischen Buchstaben niedergeschrieben wurde. Das dem populären christlichen Prediger Pedro Bukaneg (ca. 1592–1620) zugeschriebene Werk enthält 294 Strophen mit ca. 1500 Versen; die Zuschreibung ist jedoch fraglich, weil Bukaneg blind war. Das Werk zeigt, welch hohen Kulturstandard die schriftlose Ilokano-Kultur erreicht hatte.[4]

Das Darangen (Darangan) ist ein episches Lied der Maranao aus vorislamischer Zeit, das seit 2008 zum UNESCO-Weltkulturerbe gehört. In mehr als 72.000 tetrametrischen Zeilen werden die Geschichte des Volkes und die Taten seiner mythischen kriegerischen Helden dargestellt. Das Epos wird (heute nur noch selten) mit Musikbegleitung und improvisierten Einlagen vorgetragen. Es wurde teilweise in arabischer Schrift überliefert und erfordert von den Rezitatoren eine enorme Gedächtnisleistung.[5] Das Darangen wird mit den großen indischen und den homerischen Epen verglichen.[6]

Das Ausmaß der überregionalen Kontakte der Philippinen in vorkolonialer Zeit wird deutlich im sog. Boxer-Codex, einem erst 1947 wiederentdeckten, reich illustrierten Manuskript. Der um 1590 unter chinesischem Einfluss entstandene und auf chinesischem Reispapier verfasste Codex beschreibt die Länder, Ethnien und Mythologien Südost- und Ostasiens in spanischer Sprache.[7] Mit der spanischen Eroberung ging der chinesische Einfluss zwar schlagartig zurück. Jedoch finden sich in der Literatur zahlreiche Motive, Figuren und Fabeln chinesischer Herkunft sowie konfuzianische Werte.

Frühe spanische Kolonialzeit

1571 eroberten die Spanier Manila, stürzten den letzten muslimischen Herrscher des Luzon-Reichs und bauten die Stadt zur Hauptstadt der Kolonie aus. Der Islam war im Norden des Landes aber noch nicht tief genug verwurzelt, so dass die christliche Mission sehr erfolgreich war. Während der ersten 250 Jahre der kolonialen Herrschaft wurden vor allem vor allem religiösen Texte, Gedichte, aber auch erbauliche Prosa in spanischer Sprache verfasst. 1593 wurde der erste Katechismus Ang Doctrina Cristiana in spanischer Sprache und Tagalog (in römischer Schrift und Baybayin) als Holzschnitt gedruckt. Das zweite, ebenfalls als Holzschnitt gedruckt Buch mit dem Titel Nuestra Señora del Rosario umfasste Heiligengeschichten und Gebete. Es wurde 1602 von dem Priester Blancas de San José verfasst. Das erste mit beweglichen Lettern erstellte Druckerzeugnis war das Libro de los Cuatro Post Primeras de Hombre über Tod, Jüngstes Gericht, Hölle und Ewiges Leben in spanischer Sprache und Tagalog von Gaspar Aquino de Belen (1704). Gaspar übersetzte zahlreiche weitere religiöse aus dem Tagalog Texte und verfasste unter Einbeziehung vorchristlicher Mythen den Passionszirkel Ang Mahal na Pasión ni Jesu Christong Panginoon Natin na Tola (1704), die immer wieder neu aufgelegte sog. Pasyón Mahal, die auch eine Schöpfungsmythologie einschließt.

Wichtige Elemente der spanischen Missionsarbeit waren erbauliche religiöse Theateraufführungen, in die volkstümliche vorkoloniale Traditionen sowie Elemente des javanischen, malayischen und indischen Theaters einflossen. Zu den beliebtesten Formen gehörte das Cenacul (senakulo),[8] ein in achtsilbigen Versen verfasstes Passionsspiel mit acht Versen pro Strophe. Man unterscheidet die gesungene Cantada von der Hablada, bei der mehr rezitiert wird. Das Salubong ist ein Osterfestspiel, bei dem die Begegnung des auferstandenen Christus mit seiner Mutter dargestellt wird.[9] Aber auch reines Unterhaltungstheater wurde in der Kolonialzeit gepflegt: Das Carillo war eine inzwischen nicht mehr praktizierte Form des Schattenspiels, das nachts aufgeführt wurde. Es enthielt oft Szenen, die den Kampf der Christen gegen muslimische Piraten und Sklavenhändler aus Mindanao schilderten (moro-moro). Die Zarzuela (sarsuwela) ist eine oft mehraktige musikalische Komödie oder ein Melodram, dessen Form im 19. Jahrhundert aus dem spanischen Theater übernommen wurde.[10] Die Sainete ist wie im Spanischen eine schlichte einaktige musikalische Posse oder Komödie.

Späte spanische Kolonialzeit

Seit Mitte des 19. Jahrhunderts gewann die säkulare Literatur an Bedeutung, die nicht mehr von Spaniern oder Missionaren, sondern von auf den Philippinen geborenen Weißen und Mestizen verfasst wurde. Mit erwachendem Nationalbewusstsein – eine Wirkung der Aufklärung, aber vor allem der lateinamerikanischen Revolutionen – entwickelte sie mit allerdings großer Verspätung gegenüber Lateinamerika einen antiklerikalen, sozialkritischem oder nationalistischem Charakter, wobei sie dennoch die Volksfrömmigkeit achtete.

Florante at Laura (1838) ist ein bis heute immer wieder neu aufgelegtes romantisches Liebesgedicht zwischen einer Christin und einem persischen Muslim von Francisco Balagtas (1788–1862), angesiedelt in einem fiktiven Albanien. Das Gedicht mit 399 Strophen ist nach dem für Tagalog-Gedichte bekannten Standardschema von vier zwölfsilbigen Versen pro Strophe gebaut und durch Assonanzen des Typs AAAA gekennzeichnet.[11] Es lässt sich unschwer als verschlüsselte Kritik an der spanischen Herrschaft deuten. Außerdem schrieb Balagtas zahlreiche Theaterstücke, die heute zum größten Teil verschollen sind.

Pedro Paterno (1858–1911) kann als frühester Nationalromantiker der Philippinen gelten. Der Vorkämpfer für die Unabhängigkeit versuchte, philippinische Kultur und spanische Bildung zu verbinden, wobei er die vorkoloniale Kultur romantierte. Sein Werk Ninay (1885) ist der erste romanartige Text eines Filipinos in spanischer Sprache. Er verfasste auch historische Werke in Tagalog.

Eine der ersten antiklerikalen satirischen Romane ist Fray Botod (1890) des Journalisten Graciano López Jaena. Kritisiert wird die spanische Kolonialherrschaft, personalisiert in der Figur des gierigen, korrupten und lüsternen Mönchs Fray Botod. Der Verfasser war Mitherausgeber der Zeitschrift La Solidaridad, eines wichtigen Organs der philippinischen Aufklärer in Spanien, an der andere philippinische Reformer wie Reformer wie Rizal und del Pilar sowie der Pharmazeut Antonio Luna mitwirkten.

Marcelo H. del Pilar (1850–1896), ebenfalls Journalist, Aufklärer und antiklerikaler Satiriker, schrieb in Spanisch und Tagalog, oft mit politischem Spott und blasphemischen Parodien. Verfolgt vom Klerus ging er 1888 nach Spanien, wo er bei Liberalen für die Gleichberechtigung der Filipinos warb, aber verarmt starb. La Soberanía Monacal en Filipinas (1888) war eine Satire auf die Dominanz der Mönchsorden, Dasalan at Tocsohan (1890) eine Parodie auf katholische Gebetbücher, um die religiöse Unterdrückung zu kritisieren.

Der wichtigste Autor der späten Kolonialzeit ist José Rizal (1861–1896) mit Vorfahren aus Fujian, Nationalheld der Philippinen und Symbol der Aufklärung und des antikolonialen Widerstands. Der in Heidelberg ausgebildete Augenarzt und Universalgelehrte – er wurde auf Rudolf Virchows Vorschlag Mitglied der Anthropologischen Gesellschaft in Berlin – übte in seinen Büchern Kritik am Kolonialregime. In seinem Essay Sobre la indolencia de los filipinos (Madrid 1890) zeigt er, wie das wirtschaftliche Streben des Volkes durch das Kolonialregime systematisch behindert wurde. Handelsmonopole, Zwangsarbeit, ein korrupter Klerus und mangelnde Ausbildungsmoglichkeiten brachten den Filipinos zu Unrecht den Ruf der Trägheit ein.[12][13] Während seines Aufenthalts in Deutschland übersetzte Rizal Schillers Wilhelm Tell ins Tagalog, um den philippinischen Kampf gegen die spanische Kolonialherrschaft zu inspirieren.[14] In seinem realistischen Gesellschaftsroman Noli me tangere (Berlin 1887) kritisierte er die Macht der Kirche über die spanische Zivilverwaltung, die verbreitete Korruption, den spirituellen und sexuellen Missbrauch einheimischer Frauen (auch der Elite) durch die spanischen Mönche und deren religiöse Heuchelei, mit der sie ihre Gegner als Häretiker und vermeintliche Freimaurer denunzierte und ausschaltet. Der Titel lässt sich als Warnung an die Kolonialmacht lesen. Die Fortsetzung des Romans, El Filibusterismo (Gent 1891; dt. Neuausgabe Die Rebellion, 2025) ist noch expliziter politisch. Hier geht es um die Vorbereitung eines gewaltsamen Umsturzes und dessen Scheitern – Rizal war ein Gegner der Gewalt. Nach seiner Rückkehr aus Europa gründete er die aufklärerische Liga Filipina, die jedoch sogleich verboten wurde, Rizal wurde verbannt und lebte im Exil in Dapitan. Bei Ausbruch der philippinischen Revolution 1896 wurde er hingerichtet.[15] Heute wird Rizal teils in religiöser Form verehrt – ein Paradox angesichts seiner antiklerikalen Haltung. Das Zitat aus seinem Buch Noli me tangere: „Fantasie beseelt die Luft“ wurde zum Motto des Gastlandauftritts der Philippinen auf der Frankfurter Buchmesse 2025.

Faktisch lag die Macht auf den Philippinen Ende des 19. Jahrhunderts noch in den Händen der Mönche, vor allem der Dominikaner, die die einheimische Bevölkerung auch wirtschaftlich ausplünderten. Dagegen richtete sich der Aufstand von 1896, in dem Pedro Paterno 1897 die kurzlebige Republik ausrief.[16] Bereits bei dieser Revolte spielte das politischeStraßentheater eine Rolle, für das der Journalist Juan Abad (1872–1932) Stücke schrieb. Der Aufstand war durch einen Vertrag mit den Rebellen noch nicht vollständig befriedet, als die US-Amerikaner im Verlauf des Spanisch-Amerikanischen Krieges die Philippinen besetzten, was von vielen amerikanische Autoren wie z. B. von Mark Twain kritisiert wurde.

Amerikanische Kolonialzeit

Der Philippinisch-Amerikanische Krieg von 1899 bis 1902 bezeichnet den Kampf der philippinischen Unabhängigkeitsbewegung gegen die neue Kolonialmacht, der vor allem von den Ilocanos im nördlichen Luzon geführt wurde. Auch in diesen Kämpfen spielte das Straßentheater eine Rolle, das wiederum von Juan Abad und José Palma y Velásquez mit neuen Stücken befeuert wurde. Unter Emilio Aguinaldo proklamierte die geheim agierende Unabhängigkeitsbewegung Katipunan eine nationale Republik, die mit dem Ende des Widerstands gegen die Amerikaner ihre Grundlage verlor. Die spanische Zensur wurde weitgehend durch die amerikanische ersetzt, was die literarische Produktion hemmte, obwohl sich zunächst die Regionalsprachen besser entwickelten als unter der spanischen Verwaltung.

Der Lokalpolitiker Vicente Sotto (1877–1950) verfasste seit dem Jahr 1900 Geschichten und Theaterstücke auf Cebuano und gilt als Vater der modernen Cebuano-Literatur. Im Exil in Hongkong gründete er 1911 eine Oppositionszeitung und schuf nach der Unabhängigkeit 1946 als Senator das Gesetz über die Pressefreiheit.[17] Auch Vicente Ranudo (1882–1930) verfasste seine romantisch-mystischen Gedichte wie Hikalimtan in Cebuano.[18]

Trotz der Zensur erschien 1906 der Roman Banaag at Sikat von Lope K. Santos (1879–1963) auf Tagalog. Der sozialistische Ideen vertretende Autor, der eine Gewerkschaft gründete und auch als Protagonist einer nationalen Sprache wirkte, schrieb darin unter dem Mäntelchen einer Liebesgeschichte über die sozialen Kämpfe, Fragen der sozialen Gerechtigkeit und forderte soziale Reformen ein. Das Buch inspirierte die Gründung einer sozialistischen Partei der Philippinen. Eine englische Fassung der „Bibel der philippinischen Arbeiter“ erschien 2021 unter dem Titel Radiance and Sunrise.

Allmählich gewann jedoch die englische Sprache in der philippinischen Literatur an Bedeutung. Die amerikanischen Erziehungs- und Bildungsideen gerieten immer wieder in Konflikt mit den indigenen Werten und der spanisch-katholischen Tradition. Paz Marquez Benitez schrieb mit Dead Stars (1925) die erste philippinische Kurzgeschichte auf Englisch. Damit zog die Moderne in die philippinische Literatur ein.

Einer der wichtigsten Autoren, die in englischer Sprache schrieben, ist Nick Joaquin (1917–2004). In den 1930er und 1940er Jahren machte der sich zum Katholizismus bekennende Autor die philippinische Kultur durch seine Kurzgeschichten bekannt. Angela Manalang-Gloria (1907–1995) drückte in ihren englischsprachigen Gedichten ihren Protest gegen männliche Übergriffe aus. Claro M. Recto (1890–1960), Jurist und Politiker, schrieb Gedichte und Essays in spanischer und englischer Sprache und in Tagalog sowie das Drama La ruta de Damasco. Er gilt als Vater der philippinischen Verfassung von 1946.

Die japanische Besetzung 1942–45, die vermutlich einer Million Menschen das Leben kostete, unterbrach den Aufschwung der modernen philippinischen Literatur für mehrere Jahre. Die Besatzer versuchten, westliche Einflüsse zu unterdrücken und die philippinische Kultur umzugestalten. Westliche Filme wurden verboten, während das Bodabil-Varietétheater gefördert wurde, eine Art von Vaudeville, die bis heute populär ist. Zugleich wurde das Theater aber auch gegen die japanischen Okkupanten als Forum für gut getarnte Kritik genutzt.

Nach der Unabhängigkeit 1946

Nick Joaquins in englischer Sprache verfasstes Drama A Portrait of the Artist as Filipino warf 1952 in paradigmatischer Form die Fragen der noch unsicheren neuen nationalen Identität auf. Es thematisiert die elegischen Erinnerungen der gehobenen Schichten der Vorkriegsgesellschaft Manilas an alte kulturelle spanische Vorbilder. Das Stück wurde 1965 auch verfilmt.

Allerdings erlebte das traditionelle Theater bald einen Niedergang, da sich westliche Stücke und das Kino durchsetzten. Erst seit Ende der 1960er Jahre wurde das einheimische Theater wiederbelebt. Wilfrido Ma. Guerrero (1910–1995) war einer der wichtigsten Dramatiker und Theaterautoren, der in spanischer Sprache schrieb und das moderne philippinische Theater maßgeblich beeinflusste. 1971 fand das erste Welttheaterfestival auf den Philippinen statt.

Vor allem soziale Themen standen seit der Unabhängigkeit im Vordergrund. Francisco Sionil José (1924–2022) wurde durch seinen Roman The Pretenders (1962) bekannt, die Geschichte einer sozial ungleichen Beziehung. Seit den 1970er Jahren bis 2011 veröffentlichte er zahlreiche weitere Romane, von denen über 20 in andere Sprachen und einige seit 1990 auch ins Deutsche übersetzt wurden. Sein Einsatz für soziale Gerechtigkeit und seine elitenfeindliche Haltung in seinem fünfbändigen Romanzyklus The Rosales Saga über seinen Heimatort Rosales, in dem er zugleich ein Panoptikum der Philippinen entwirft, machte ihm unter der Diktatur von Ferdinand Marcos 1972–1986 wenig Freunde.

Lualhati Bautista (1945–2023) war die erste bedeutende feministische Autorin des jungen Staates (Decada 70, dt. Ausgabe Die 70er über das Leben der Mittelklassefrauen in einer Gated Community, 2025; Gapo, 1980). Sie schrieb auf Filipino und wurde unter Präsident von Marcos unter Kriegsrecht in Haft gehalten. Das gleiche Schicksal traf den Lyriker, Dramatiker und Kritiker Bienvenido Lumbera (1932–2021). Die Feministin und Marcos-Kritikerin Ninotchka Rosca (* 1946) emigrierte in die USA, ebenso Jessica Hagedorn (* 1949).

Während der Marcos-Diktatur kam es zu einer Wiederbelebung des politischen Theaters auf lokaler Ebene. Zu den oppositionellen Theatertruppen zählten Hochschulgruppen wie Samahang Kamanyang, aber auch die katholische Patbutlak. Das improvisierte Straßentheater spielte eine wichtige Rolle beim Sturz des Marcos-Regimes in der EDSA-Revolution. Der Wahlkampf zwischen Marcos und Corazon Aquino wurde zum Beispiel als Hahnenkampf inszeniert.[19]

Jose Dalisay Jr. (* 1954) ist der wohl bekannteste philippinische Autor der Gegenwart. Sein Buch Killing Time in a Warm Place (1992) erzählt von Kindheit und Jugend in der Marcos-Zeit. Edith Tiempo (1919–2011) war die erste Autorin, die für ihre Romane und Gedichte in englischer Sprache den Titel National Artist for Literature (1999) erhielt.[20] René O. Villanueva (1954–2007) war ein Pionier der philippinischen Kinderliteratur, Ricky Lee (* 1948) ist ein populärer sozialkritischer Romancier und Drehbuchautor, der durch seine über 180 Drehbücher auch international bekannt wurde. Auch er war unter dem Kriegsrecht in Haft.

21. Jahrhundert

Gewaltsame Auseinandersetzungen der jüngeren philippinischen Geschichte wie die muslimischen Aufstände des Südens (Moro-Konflikt), die bis zum Jahr 2000 über 100.000 Tote forderten, oder der Terror der Abu Sayyaf, die auf dem alten Gegensatz zwischen dem dominanten katholischen Norden und den marginalisierten muslimischen Minderheiten auf Mindanao und dem Sulu-Archipel im Süden basieren, sind bisher von der Literatur noch wenig aufgearbeitet worden. Das gilt auch für den brutalen Antidrogenkrieg unter Rodrigo Duterte (2016–2022). Ausnahmen bilden das reportageartige Buch Some people need killing (dt. Ausgabe 2022) der Journalistin Patricia Evangelista über die Morde der Todesschwadronen Dutertes und der Roman Die Kollaborateure (dt. 2025) über die Mitläufer der Marcos-Diktatur von Katrina Tuvera. Sie ist die Tochter der Esayistin Kerima Polotan-Tuvera (1925–2011), die 1969 die offizielle Biographie von Imelda Marcos, der Gattin des Diktators, verfasst und sich in dessen Umfeld bewegt hatte.

Das aus acht Episoden bestehende, in englischer Sprache verfasste, teils autobiographische Erstlingswerk von Blaise Campo Gacoscos (* 1968) mit dem eutschen Übersetzungstitel Der Junge aus Ilocos handelt von Lebensstationen eines jungen Schwulen vor dem Hintergrund des Konflikts zwischen allgemein steigender Toleranz und religiösen Werten in der noch stark von Traditionen bestimmten Regionn Ilocos.

Wichtigster Vertreter der chinesischen Diaspora ist heute wohl Charlson Ong (* 1960). In seinem politischen Roman An Embarrassment of Riches (2002) zeichnet der Träger des Palanca-Preises und anderer Auszeichnungen das Porträt eines fiktiven vollständig amerikanisierten südostasiatischen Inselstaates, der seine Identität weitgehend verloren hat. Seine Erzählungen und insbesondere sein einen längeren historischen Zeitraum umfassendes Familiendramen wie Banyaga: A song of war (2006, etwa: Der Fremde: Ein Kriegsgesang) zeigen, dass aller Hybridisierung zum Trotz die Werke chinesischstämmiger Autoren auch in thematischer Hinsicht einen eigenen Block der philippinischen Literatur bilden.[21]

Auch die Umwelt- und Klimadiskussion findet Eingang in die philippinische Literatur, nachdem sie bis gegen Ende des letzten Jahrhunderts noch weitgehend ignoriert wurde. Die Journalistin Daryll Delgado verfasste mit Überreste (dt. 2025) einen Roman über die Folgen eines Tropensturms, in den sie dokumentarischen Material einarbeitete.

Zu erwähnen ist die über 80-jährige Comic-Tradition auf den Philippinen mit einer Anhängerschaft, die nach Japan zu den größten in Asien gehört. Einer der ersten international bekannten Zeichner und Autoren war Nestor Redondo (1928–1995), der schon vor dem Zweiten Weltkrieg die Vorläuferfigur Varga seiner späteren Superheldin Dama schuf. Viele talentierte Comic-Zeichner und -Autoren wanderten unter der Marcos-Diktatur in die USA aus, seit den 1990er Jahren setzte jedoch eine Renaissance der graphischen Literatur ein.

Heute sind immer mehr philippinische Schriftstellerinnen und Schriftsteller international erfolgreich. Zu den neuen Genres zahlen z. B. Urban Fantasy und Science Fiction, mit denen sich vor allem der Name Roberto Tranquilino verbindet.

2025 sind die Philippinen Gastland der Frankfurter Buchmesse.[22]

Literaturpreise

  • National Book Awards des Kritikerzirkels von Manila (seit 1999 auch für Comics)
  • Carlos Palanca Memorial Awards[23]
  • Republic Cultural Heritage Award (1960 begründeter höchster Regierungspreis für Kultur, 2093 abgeschafft)

Literatur

  • Bienvenido Lumbera: Tagalog Poetry, 1570–1898: Tradition and Influences in Its Development. Ateneo de Manila University Press, Manila 1986, ISBN 9789711130510.
  • Michael Maintz: Die Rosales-Romane Francisco Sionil Joses: Die Suche nach nationaler Identität in der philippinischen Literatur (= Neue Studien zur Anglistik und Amerikanistik. Nr. 68). Lang, Frankfurt am Main, Berlin, Bern, New York, Paris, Wien 1996, ISBN 978-3-631-30219-4 (Zugl.: Freiburg (Breisgau), Univ., Diss., 1995).
  • Resil B. Mujares: Origins and Rise of the Filipino Novel: A Generic Study of the Novel Until 1940. The University of the Philippines Press, Quezon City 1983. Neuausgabe 1998: ISBN 978971542898-9.

Audio

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Einzelnachweise

  1. R. David Zorc: Tagalog Slang Dictionary. Manila 2000
  2. R. Nolasco: Philippine Oral Literature: An Introduction. Ateneo de Manila University Press, Quezon City 2005.
  3. Beispiele mit formgetreuer engl. Nachdichtung
  4. Pedro Bukaneg Father of the Iloko Literature
  5. Darangen: Epic of the Maranao people of Lake Lanao auf ich.unesco.org
  6. Mimitua Saber: Darangen: The Epic of the Maranaws, in: Philippine Sociological Review, Vol. 9, No. 1/2 (1961), S. 42–46.
  7. C. R. Boxer: A Late Sixteenth Century Manila MS. In: The Journal of the Royal Asiatic Society of Great Britain and Ireland. No. 1/2 (1950), S. 37–49
  8. Senakulo auf nationalmuseum.gov.ph, 15. April 2022
  9. Salubong-Auffuhrung in der Kathedrale von Cubao 2025
  10. Nicanor G. Tiongson: A Short History of the Philippine Sarsuwela (1879-2009). In: Philippine Humanities Review, 11. Mai 2010, S. 149–186.
  11. Jose P. Rizal: Tagalische Verskunst. Komisyon sa Wikang Filipino & Pambangsang Komisyon At Para Sa Kultura. At Mga Sining, Manila 2014 (zuerst Berlin 1887)
  12. J. Rizal: The Indolence of the Filipino. Online
  13. Syed Hussein Alatas: The Myth of the Lazy Native: A Study of the Image of the Malays, Filipinos and Javanese from the 16th to the 20th Century and Its Function in the Ideology of Colonial Capitalism. Routledge, 2010.
  14. Der Roman der Übersetzerin Annette Hug, Wilhelm Tell in Manila, Heidelberg 2016, erscheint demnächst in Neuauflage, siehe [1]
  15. Dietrich Harth: José Rizals Kampf um Leben und Tod. Facetten einer kolonialismuskritischen Biografie. Heidelberg 2025. ISBN 978-3-911056-10-6.
  16. Die Biak-na Bato-Republik (engl.) auf philippine-history.org
  17. The Sotto Family of the Philippines auf philstar.com, 19. April 2023
  18. Hikalimtan: englische Übersetzung
  19. Eugene von Erven: Philippine Political Theatre and the Fall of Ferdinand Marcos, in: The Drama Review (TDR), Vol. 31, No. 2 (1987), S. 57–78.
  20. Kurzbiographie auf ncca.gov.ph
  21. Kurzbiographie auf goodreads.com
  22. Neuerscheinungen aus den und über die Philippinen zur Buchmesse auf buchmesse.de
  23. http://www.palancaawards.com.ph/ Website