Peter Hünermann
Peter H. Hünermann (* 8. März 1929 in Berlin; † 21. Dezember 2025 in Erligheim)[1] war ein deutscher römisch-katholischer Priester, Theologe und Professor für Dogmatik.
Leben
Peter Hünermann studierte von 1948 bis 1958 Katholische Theologie und Philosophie an der Päpstlichen Universität Gregoriana. Er war Alumnus des Collegium Germanicum et Hungaricum (kurz „Germanicum“) in Rom. 1955 empfing er in Rom die Priesterweihe. Nach seiner Promotion zum Dr. theol. über die in Auseinandersetzung mit dem Deutschen Idealismus entwickelte trinitarische Anthropologie bei Franz Anton Staudenmaier kehrte er 1958 nach Deutschland zurück. Von 1958 bis 1961 war er als Kaplan und Religionslehrer in Mönchengladbach und Aachen tätig. Von 1961 bis 1967 vervollständigte er seine Studien an der Ludwig-Maximilians-Universität München bei Max Müller und an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg. Dort prägte ihn vor allem der Religionsphilosoph Bernhard Welte. Im Jahr 1967 legte Hünermann seine Habilitationsschrift über den „Durchbruch des geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert“ an der Theologischen Fakultät in Freiburg vor. Ein öffentlicher Konflikt entstand 1970, als Erzbischof Hermann Schäufele Hünermann die kirchliche Zustimmung zur Berufung auf die Professur für Dogmatik an der Universität Freiburg verweigerte.[2]
Hünermann lehrte von 1971 bis 1982 als Professor für Dogmatik an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Münster, danach bis zu seiner Emeritierung an der Katholisch-Theologischen Fakultät der Eberhard Karls Universität Tübingen. 1983 erhielt er die Honorarprofessur der Universidad Católica Boliviana in Cochabamba, die ihm 1997 auch die Ehrendoktorwürde verlieh. Weitere Ehrendoktorwürden erhielt Hünermann 2005 von der Pontificia Universidad Católica Argentina in Buenos Aires, von der Universität Freiburg sowie 2008 von der Universität Erfurt. Er wurde 1989 mit dem Bundesverdienstkreuz und 2001 mit dem Verdienstorden des Landes Baden-Württemberg ausgezeichnet.
Von 1985 bis 2003 hatte Hünermann die Präsidentschaft des Katholischen Akademischen Ausländerdienstes (KAAD) inne[3] und war danach Ehrenpräsident des KAAD. Von 1989 bis 1995 war er Gründungspräsident der Europäischen Gesellschaft für Katholische Theologie. Von 1973 bis 2002 war Hünermann Vorsitzender des Stipendienwerkes Lateinamerika-Deutschland e.V., das er 1968 zusammen mit seinem akademischen Lehrer Bernhard Welte gegründet hatte.[4]
Hünermann lebte in Oberndorf bei Rottenburg am Neckar.[5] Auf dem dortigen Friedhof wurde er am 2. Januar 2026 auch beigesetzt.
Zu seinen zahlreichen Schülerinnen und Schülern gehören Guido Bausenhart, Fernando Berríos, Margit Eckholt, Thomas Fliethmann, Barbara Hallensleben, Dieter Hattrup, Linus Hauser, Regina Heyder, Helmut Hoping, Martin Kirschner, Claudia Lücking-Michel, Thomas Schärtl-Trendel, Carlos Schickendantz, Roman Siebenrock, Joaquin Silva-Soler und Jan-Heiner Tück.[6]
Werk
Die großen Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils haben nach Hünermann konstitutiven Charakter. Sie bringen eine neue Programmatik und Pragmatik der katholischen Kirche in ihrem Verhältnis zur Moderne. Allerdings lasse die theologische Aufarbeitung des Konzils nach drei Jahrzehnten noch sehr zu wünschen übrig.[7]
Hünermann gab zusammen mit Bernd Jochen Hilberath ab 2004, 40 Jahre nach dem Konzil, einen neuen, fünfbändigen theologischen Kommentar zu den Lehrdokumenten des Zweiten Vatikanischen Konzils heraus, der dem früher ebenfalls als Dogmatikprofessor in Tübingen lehrenden Papst Benedikt XVI. im Februar 2006 am Rande einer Generalaudienz überreicht wurde.[8]
Im Zusammenhang mit der Rücknahme der Exkommunikation der Priesterbruderschaft St. Pius X. 2009 sprach er von einem „Amtsmissbrauch“ des Papstes.[9]
Hünermann setzte sich für den Diakonat der Frau ein, mit dem er sich schon im Kontext der Würzburger Synode beschäftigt hatte.[10]
In ökumenischer Absicht befürwortete Hünermann dezentrale, synodale Prozesse.
Hünermann war von 1994 bis 2019 Herausgeber der im Herder-Verlag erscheinenden theologischen Buchreihe „Quaestiones Disputatae“.
Familie
Peter Hünermann war ein Neffe des Aachener Weihbischofs Friedrich Hünermann (1886–1969) und des Priester-Schriftstellers Wilhelm Hünermann (1900–1975).
Werke (Auswahl)
- Sprache des Glaubens – Sprache des Lehramts – Sprache der Theologie. Eine geschichtliche Orientierung. Herder, Freiburg/Br. 2016.
- Herders Theologischer Kommentar zum Zweiten Vatikanischen Konzil. 5 Bände. Hrsg. von Bernd Jochen Hilberath / Peter Hünermann. Freiburg 2004/5, ISBN 3-451-28561-4.
- Dogmatische Prinzipienlehre. Glaube, Überlieferung, Theologie als Sprach- und Wahrheitsgeschehen. Aschendorff, Münster 2003.
- Jesus Christus, Gottes Wort in der Zeit. Eine systematische Christologie. 2. Aufl. Aschendorff, Münster 1997.
- Ekklesiologie im Präsens. Perspektiven. Aschendorf, Münster 1995.
- Offenbarung Gottes in der Zeit. Prolegomena zur Christologie. Münster 1989.
- Über-Setzung oder Der Glaube an die Kraft des Gotteswortes in unserer Zeit. Predigten zum Kirchenjahr. Münster 1984.
- Gott im Aufbruch. Die Provokation der lateinamerikanischen Theologie. Hg. mit Gerd-Dieter Fischer, Freiburg – Basel – Wien 1974.
- Der Durchbruch geschichtlichen Denkens im 19. Jahrhundert. Johann Gustav Droysen, Wilhelm Dilthey, Graf Paul Yorck von Wartburg. Ihr Weg und ihre Weisung für die Theologie. (= Freiburg i. Br., Hab.Schr.), Herder, Freiburg i. Br./Basel/Wien 1967.
- Herausgabe des Enchiridion Symbolorum (Denzinger-Hünermann).
Literatur
- Margit Eckholt, Regina Heyder (Hrsg.): „In der Freiheit des Geistes leben“. Peter Hünermann im Gespräch. Matthias-Grünewald-Verlag, Ostfildern 2010, ISBN 978-3-7867-2843-6.
- Margit Eckholt, Dorando Michelini (Hrsg.): Interpretatio temporis. Annäherungen an Peter Hünermanns Denken im Dienst einer Kirche in der Welt. Matthias Grünewald Verlag, Ostfildern 2024, ISBN 978-3-7867-3364-5.
Weblinks
- Literatur von und über Peter Hünermann im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Literatur von und über Peter Hünermann im Index Theologicus
- Nachruf Prof. Dr. em. Peter Hünermann. Katholisch-Theologische Fakultät der Universität Tübingen, 22. Dezember 2025.
- Agathe Lukassek: Hünermann: Mein Brief wurde als Attacke auf das Papsttum gedeutet. In: katholisch.de. 8. März 2019.
Einzelnachweise
- ↑ Theologe Peter Hünermann im Alter von 96 Jahren verstorben. In: Domradio. 22. Dezember 2025, abgerufen am 26. Dezember 2025.
- ↑ Leerer Stuhl. In: DER SPIEGEL 20/1970. Abgerufen am 6. Januar 2026.
- ↑ Überblick: 50 Jahre KAAD – Historischer Rückblick. (pdf, 93 kB) In: kaad.de. 30. Dezember 2009, S. 17, archiviert vom am 8. März 2012; abgerufen am 31. August 2011.
- ↑ Nachruf des Stipendienwerkes Lateinamerika. 22. Dezember 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.
- ↑ Agathe Lukassek: Hünermann: Mein Brief wurde als Attacke auf das Papsttum gedeutet. In: katholisch.de. 8. März 2019, abgerufen am 9. März 2019.
- ↑ Jan Heiner Tück, Nachruf Peter Hünermann (ungek. Version des Nachrufs in der FAZ)
- ↑ Erich Garhammer: Ein Gespräch mit Peter Hünermann. (pdf, 43% kB) In: Lebendige Seelsorge 4/56. 2005, S. 219–221, archiviert vom am 28. Dezember 2018; abgerufen am 9. März 2019.
- ↑ Konzilskommentar. In: Website der Katholisch-Theologischen Fakultät der Universität Tübingen. 6. Dezember 2006, archiviert vom am 29. September 2007; abgerufen am 9. März 2019.
- ↑ Peter Hünermann: Excommunicatio – Communicatio: Versuch einer Schichtenanalyse der aktuellen Krise. (pdf, 90 kB) In: Herder Korrespondenz 2 (2009). 20. Februar 2009, S. 119–125, abgerufen am 9. März 2019.
Katholischer Theologieprofessor hält Papst Amtsmissbrauch vor. In: epd.de. Archiviert vom am 3. Oktober 2009; abgerufen am 9. März 2019. - ↑ Nachruf des Netzwerkes Diakonat der Frau. 23. Dezember 2025, abgerufen am 4. Januar 2026.