Paul Veyne
Paul Veyne (geboren 13. Juni 1930 in Aix-en-Provence; gestorben 29. September 2022 in Bédoin) war ein französischer Historiker, der auf das antike Rom spezialisiert war. Er war ein Schüler der École Normale supérieure (1951–1955), Mitglied der École française de Rome (1955–1957) und schließlich Honorarprofessor am Collège de France (1975–1998).
Kindheit und Jugend
Familie
Paul Veyne stammte aus bescheidenen Verhältnissen. Sein Vater war Sohn eines Bauern, arbeitete zunächst als Bankangestellter und machte sich dann als erfolgreicher Weinhändler in Orange, durch Handel, einen Namen. Seine Mutter stammte aus einer Familie von Kurzwarenhändlern. In seiner Autobiografie Et dans l'éternité, je m'ennuierai pas (2014) beschreibt Veyne eine enge Beziehung zu seiner Großmutter mütterlicherseits. Sowohl mütterlicher- als auch väterlicherseits hatte seine Familie italienische Wurzeln.
Interesse an Geschichte
Schon in jungen Jahren interessierte sich Paul Veyne für die antike Geschichte. Im Alter zwischen acht und neun Jahren stieß er, bei einem Spaziergang in der Nähe von Cavaillon, auf eine römische Amphorenspitze. Bereits mit zehn Jahren vertiefte er sich intensiv in die Werke Homers, insbesondere in die Odyssee oder Hymnes homériques und suchte beim Buchhändler nach weiteren Werken Homers. Zwei Jahre später besuchte er gemeinsam mit einem Freund das archäologische Museum von Nîmes.[1]
Leben während des Zweiten Weltkriegs
Nachdem Paul Veyne in Aix-en-Provence aufgewachsen war, zog seine Familie nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs im Jahre 1942 nach Nîmes. Nach einem ersten Bombenangriff auf Nîmes zog die Familie dann in ein Dorf am Fuß des Mont Ventoux. Ihr Alltag war relativ geschützt, sodass Veyne persönlich kaum unter den Einschränkungen der Besatzung litt. Seine Eltern handelten auf dem Schwarzmarkt, sein Vater war der stellvertretende Geschäftsführer eines Weinunternehmens, bei dem deutsche Offiziere Wein kauften, und seine Mutter schrieb Veyne in einem Englischunterricht in sicherer Umgebung an. Dennoch prägte die Besatzung das tägliche Leben. Deutsche Truppen besetzten häufig öffentliche Gebäude oder patrouillierten durch die Stadt. Außerdem nahm Veyne die Kriegsgeschehnisse bewusst wahr: Er beobachtete einen Luftangriff auf Arles, hörte die Bombenangriffe in Nîmes und verfolgte die Aktionen der Résistance.[2]
Ausbildung
École Normale supérieur
Da der Unterricht in der Region nicht unterbrochen wurde, setzte Veyne seine schulische Ausbildung nach der Befreiung Südfrankreichs in 1944 fort und vertiefte zugleich sein historisches Interesse außerhalb des Unterrichts. Anschließend, trat er 1947 als Internatsschüler am Lycée von Marseille ein, in die Vorbereitungsklasse (en khâgne) für das literarische Aufnahmeexamen der École Normale supérieure. Die Vorbereitung auf den Wettbewerb war intensiv und vermittelte eine umfassende kulturelle Grundbildung. Veyne beschrieb die „khâgne“ als besonders effizientes Ausbildungsumfeld, das die Grundlage für seine weitere Laufbahn als Lehrer und Forscher bildete. Gleichzeitig erlebte er einen sozialen Wechsel: Seine Mitschüler stammten überwiegend aus Lehrerfamilien oder der Mittelschicht, und er befand sich nun in einer Großstadt.
Nach einem ersten Scheitern wird Veyne, beim zweiten Versuch, an der École Normale Supérieure aufgenommen. In den folgenden Jahren sollte er dort zu einem Agrégé de grammaire ausgebildet werden, mit der Absicht, sich auf die antike Geschichte Roms zu spezialisieren. Die École Normale Supérieure bot nur begrenzten Unterricht, und die Studenten mussten sich die Fachkenntnisse weitgehend selbst aneignen. Veyne nutzte diese Möglichkeit, um sich mit römischer Geschichte, Archäologie und epigraphischen Quellen auseinanderzusetzen. Er schloss Freundschaften, darunter mit Michel Foucault und Georges Ville. Zudem prägte ihn der Einfluss der École des Annales.[3]
Kommunistischer Einfluss
Während seiner Zeit an der École Normale Supérieure entwickelte Veyne ein Interesse am Kommunismus, welches jedoch nur durch den Wunsch nach gesellschaftlicher Gerechtigkeit geprägt war. Er wollte sich selbst beweisen, dass er den Mut besaß, sich politisch zu engagieren, auch wenn er nicht an die praktische Umsetzbarkeit des Kommunismus glaubte.
1951, als er zwanzig Jahre alt war, trat er dieser kommunistischen Bewegung bei. Innerhalb der Schule gehörte er einer kleinen Gruppe kommunistischer Studenten an, die sich selbst als „groupe Saint-Germain-des-Prés marxiste“ oder „groupe folklorique“ bezeichnete. Zusammen mit anderen Studierenden, darunter Michel Foucault, diskutierten sie über politische und intellektuelle Fragen, wobei er selbst nur selten das Wort ergriff. Seine Mitgliedschaft endete 1956, nachdem sowjetische Truppen militärisch in Budapest eingegriffen hatten.[4]
Akademische Laufbahn
École française de Rome
Er bestand die Agrégation en Grammaire an der École Normale supérieur, was ihn offiziell als Lehrer qualifizierte. Nach seinem Abschluss im Jahr 1955 wurde Paul Veyne von der Jury seiner maîtres als Mitglied der École française de Rome ausgewählt. Zur Vorbereitung auf seine Arbeit an der École française de Rome besuchte er Kurse in Archäologie an der École des Hautes Études und nahm an Kursen in lateinischer Epigraphik teil. Nach seiner Ankunft in Rom bestand Veynes alltägliche Arbeit aus intensiver wissenschaftlicher Recherche, Bibliotheksbesuchen und dem Austausch über wissenschaftliche Quellen. Zudem hatten die Mitglieder der École française de Rome die Möglichkeit, ganz Italien zu bereisen, um historische Stätten zu besichtigen oder Museen zu besuchen. Veyne nutzte diese Gelegenheit, um im ersten Jahr seines Aufenthalts die antike Landverteilung in der Provinz Benevent zu untersuchen.
Im zweiten Jahr an der École française de Rome waren für die Studenten Auslandsgrabungen vorgesehen. Veyne nahm nicht an den Grabungen in Algerien teil, da diese noch unter französischer Militäraufsicht standen und er nicht in einem kolonialen Kontext tätig sein wollte. Stattdessen wurde er schlussendlich für ein Grabungsprojekt in Utica, Tunesien, eingesetzt, wo er erste praktische Erfahrungen in der archäologischen Feldarbeit sammelte.[5]
Karriere an der Sorbonne
Sein Aufenthalt an der École française de Rome endete 1957, als Veyne nach Paris ging, um eine Position als Assistent für Latein an der Sorbonne anzutreten. Dort sammelte er seine erste Lehrerfahrung im universitären Kontext und unterrichtete Studenten des zweiten Studienjahres. Er vertiefte seine Lateinkenntnisse und beschäftigte sich parallel mit dem Griechischen, beides zentrale Quellensprachen der römischen Geschichtsforschung. Paul Veyne war Mitglied des Instituts de latin an der Sorbonne, wo er unter anderem von Pierre Boyancé geprägt wurde, der ihm Kenntnisse in antiker Philosophie vermittelte. Zusätzlich besuchte er regelmäßig Kurse in griechischer Epigraphik bei Louis Robert, dammaliger Professor am Collège de France und an der École pratique des hautes études. Laut Veyne gehörte Louis Robert zu den bedeutendsten Gelehrten seiner Zeit.
Außerdem fiel Veynes akademisches Arbeiten an der Sorbonne in die Phase des Algerienkriegs. Die Einberufungen von jungen Männern, Berichte über Folter in Algerien und die allgemeine politische Spannung prägten den Alltag. Veyne veröffentlichte einen Leserbrief in Le Monde, in dem er sich gegen die Folter in Algerien aussprach. Zudem nahm er an Demonstrationen teil, darunter im Mai 1958 während der politischen Krise, um die Republik in Paris gegen eine mögliche Machtübernahme von Generalen aus Algerien zu verteidigen.[6]
Zurück nach Aix-en-Provence
Im Juli 1961 wurde Veyne zum maître de conférences de latin an der Universität von Aix-en-Provence ernannt. Sein Unterricht umfasste lateinische Texte aus dem offiziellen Studienprogramm, wobei er Vokabular, Grammatik und historische Hintergründe erklärte und zudem Studente auf den concours d’agrégation vorbereitete. Neben der Lehre, veröffentlichte er mehrere Kurzartikel zu Epigraphik und antiker Geschichte. Zudem vertiefte er sich in verschiedene Wissenschaften, darunter Soziologie und Wirtschaft, um seine Kenntnisse der römischen Welt zu erweitern. In dieser Zeit verfasste er Arbeiten zur Wirtschaft des Römischen Reiches und veröffentlichte unter anderem Artikel zur Interpretation des Satyricon, die ihm Anerkennung bei führenden Historikern der École des Annales einbrachten. Gleichzeitig arbeitete er an seiner Doktorarbeit über bürgerliche und patriotische Gaben der reichen Notablen im antiken Rom. Georges Duby und Raymond Aron gehörten später dem Dissertationsjury seiner Arbeit an. Anschließend informierte Raymond Aron ihn, dass er beabsichtige, Veyne für eine freie Stelle am Collège de France vorzuschlagen.[7]
Mai 1968
Während seiner Zeit in Aix-en-Provence erlebte Paul Veyne die Studentenproteste von Mai 1968. Er selbst beteiligte sich nicht aktiv an den Protesten, zeigte jedoch Verständnis für die Atmosphäre von Revolte und Enthusiasmus unter den Studenten. Er erkannte in den Protesten ein Bewusstsein der Studenten für den Wunsch nach Erneuerung in der Gesellschaft und Universität. In den folgenden Jahren entstand zwischen den Lehrern und Studenten eine engere Verbindung, und die akademischen und sozialen Umgangsformen veränderten sich. Veyne bezeichnet dies als eine Art „Revolution der Sitten“.[8]
Collège de France
1975 wurde Paul Veyne auf Empfehlung von Raymond Aron zum Professor für römische Geschichte am Collège de France ernannt. Paul Veynes Eröffnungsvorlesung am Collège de France fand im Juni 1976, etwa ein Jahr nach seiner Berufung, statt. In dieser Vorlesung stellte er sein Konzept von Geschichtsschreibung vor, insbesondere für die römische Antike, und betonte die Einbeziehung sozialwissenschaftlicher Methoden. Diese Ausrichtung entsprach jedoch nicht der von Raymond Aron, der Veyne zuvor gefördert hatte, und führte zu einer Distanz zwischen beiden Männern, da Veyne Aron weder erwähnte noch dessen Einfluss würdigte.
Seine Lehrtätigkeit am Collège umfasste Vorlesungen, in denen er die antike Geschichte unter Einbeziehung moderner Ansätze wie Ethnologie, Wirtschaft und Soziologie behandelte. Anders als es an Universitäten üblich war, hatte er keine regulären Studenten oder Prüfungen und seine Lehrtätigkeit beschränkte sich auf öffentliche Vorlesungen. Dies ermöglichte es ihm, sich weitgehend auf die Forschung und das Schreiben zu konzentrieren. Persönlich war diese Zeit für Veyne durch eine enge Freundschaft mit Michel Foucault geprägt, mit dem er sich regelmäßig austauschte.[9]
Historische Methode und Ansatz
Paul Veyne war für seine lebendige historische Vorstellungskraft und seine oft ungewöhnlichen Interpretationen bekannt. Er betonte, dass die antike Gesellschaft eigene soziale und kulturelle Strukturen aufgewiesen habe und nicht einfach als verkleinerte Version der modernen Gesellschaft verstanden werden könne. Veyne arbeitete vergleichend und bezog anthropologische Phänomene sowie auch Befunde aus Archäologie, Epigraphik, Literatur und Sozialgeschichte in seine Analysen ein. Sein Ziel war es, einfache Analogien zur Gegenwart zu vermeiden und die Antike in ihrer eigenen Logik zu verstehen. Dabei hinterfragte und dekonstruierte er selbstverständliche Annahmen über die antike Welt und zwang den Leser, die Fremdheit der Vergangenheit ernst zu nehmen.
In seinem Werk „Comment on écrit l’histoire (1971)“ betonte Veyne, dass Geschichte vor allem beschreibend sein und sich auf das Einzelne konzentrieren solle, statt allgemeine Schlussfolgerungen abzuleiten. Historiker sollten die Ereignisse untersuchen, weil sie stattgefunden haben, und nicht primär, um universelle Theorien zu stützen. Dieser Ansatz stand in bewusster Abgrenzung zu den analytischen Ambitionen der École des Annales, die soziale, kulturelle oder wirtschaftliche Strukturen über längere Zeiträume rekonstruierte. Die Rezeption des Buches war einflussreich: Raymond Aron veröffentlichte eine ausführliche und kritische Besprechung in den Annales d’histoire économique et sociale, die Veyne in der Fachwelt bekannt machte und später ein wichtiger Faktor für seine Wahl an das Collège de France war.[10]
Werke
- Comment on écrit l’histoire : essai d’épistémologie, Paris, Le Seuil, 1971.
- Le Pain et le Cirque, Sociologie historique d’un pluralisme politique, Paris, Le Seuil, 1976.
- L’inventaire des différences, Paris, Le Seuil, 1979.
- Les Grecs ont-ils cru à leurs mythes ? Essai sur l’imagination constituante, Paris, Le Seuil, 1983.
- René Char en ses poèmes, Paris, Gallimard, 1990.
- La société romaine, Paris, Le Seuil 1991.
- Le quotidien et l’intéressant. Entretiens avec Catherine Darbo-Peschanski, Paris, Les Belles Lettres, 1995.
- L’Empire gréco-romain, Paris, Le Seuil, 2005.
- Sexe et pouvoir à Rome, Paris, Tallandier, 2005.
- Quand notre monde est devenu chrétien, Paris, Albin Michel, 2007.
- Michel Foucault, sa pensée, sa personne, Paris, Albin Michel, 2008.
- Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas, Paris, Albin Michel, 2014.
- Palmyre. L’irremplaçable trésor, Paris, Albin Michel, 2015.[11]
Weblinks
- Paul Veyne: Biographie et publications, in : Collège de France
- Sarah Rey: Le curieux Monsieur Veyne, in : la vie des idées, 2. Juni 2025
- Paul Veyne (1930-2022), in Universalis
- Sam Haselby: Guide to a foreign past, in : aeon (18. April 2023)
Einzelnachweise
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, I. Une vocation ludique, S. 4–12.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, Adolescence en Provence occupée, S. 12–20.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, IV. Le monastère laïc de la rue d'Ulm, S. 29–41.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, V. Communiste sous protection américaine, S. 43–55.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, VII. L'Italie, enfin elle !, S. 63–73.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, VIII. Sorbonnard et anticolonialiste, S. 74–81.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, IX. La recherche est un plaisir, S. 92–98.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, XI. Mai 68 à Aix-en-Provence, S. 99–102.
- ↑ Paul Veyne: Et dans l’éternité, je ne m’ennuierai pas. Albin Michel, Paris 2014, XIII. Rencontres du premier type, S. 114–126.
- ↑ Sam Haselby: Guide to a foreign past. In: aeon. 18. April 2023, abgerufen am 22. Dezember 2025 (englisch).
- ↑ 11 livres pour se souvenir de l’œuvre de Paul Veyne. In: Le Grand Continent. Abgerufen am 22. Dezember 2025 (französisch).