Paolo Renier
Paolo Renier (* 21. November 1710 in Venedig; † 13. Februar 1789 ebenda) war der vorletzte Doge von Venedig. Er trat zunächst als Reformer auf, war Gesandter in Rom beim Papst, dann jeweils mehrere Jahre Botschafter am Hof des Kaisers in Wien und am Hof des Sultans in Konstantinopel; die Eheschließung mit einer Bürgerlichen aus Konstantinopel wurde, da er selbst dem venezianischen Adel angehörte, abgelehnt.
Vor seiner Wahl zum Dogen wechselte er zu den Konservativen. Als Doge amtierte er mehr als zehn Jahre lang von seiner Wahl am 14. Januar 1779 bis zu seinem Tod. Sein bedeutendster Eingriff in die politischen Tagesgeschäfte bestand darin, die Gemüter im Großen Rat zu beruhigen, als es zum Streit zwischen Konservativen und Reformern kam.
Herkunft, Familie
Die Renier gehörten zu denjenigen Familien, die erst während des Chioggia-Krieges zum Großen Rat zugelassen worden waren, also im späten 14. Jahrhundert. Nach der in der Familie überlieferten Tradition waren sie jedoch schon seit 970 in Venedig ansässig. Im 18. Jahrhundert gehörte die Familie zu den ärmeren Patriziern, erst Paolo Renier gelang es, durch Getreidehandel mit dem Orient ein beachtliches Vermögen zu erwirtschaften.
Renier wurde als Sohn des Andrea di Daniele und der Elisabetta Morosini di Girolamo am 21. November 1710 im Palast der Familie bei San Stae geboren.[1] Dieser Palazzo Renier S. Stae, dessen Fassade auf den Rio del Megio blickte, wurde 1823 abgerissen. Die Morosini, die Vorfahren auf der mütterlichen Seite also, hatten sich in der Geschichte Venedigs in wichtigen Ämtern ausgezeichnet. Drei Dogen trugen diesen Namen.
Sein Taufpate war Almorò Grimani di Marino, seinerzeit Savio di Terraferma (also einer der für das venezianische Gebiet in Oberitalien, die Terraferma, zuständigen Adligen), der ihn am 2. Dezember aus dem Taufbecken hob.[2]
Paolo war der fünfte von acht Brüdern. Die Brüder Daniele und Paolo starben schon sehr früh, die anderen fünf Brüder stiegen hingegen in zentrale Ämter auf. Girolamo wurde Provveditore in Zecca (arbeitete also für die venezianische Münzprägestätte), Podestà von Brescia sowie Consigliere für das Sestiere S. Croce, einen der sechs Stadtteile der Kernstadt Venedigs. Antonio wurde Sopracomito, Capitano in Golfo (er führte also eine Flotte in der oberen Adria), Provveditore generale in Dalmatien, Provveditore generale da Mar, dann aber auch Zensor, Capitano in Padua, schließlich Senator. Alvise erhielt das Amt eines Avvogadore di Comun, einer Art Ankläger der Stadt, er wurde Consigliere im selben Stadtsechstel wie sein Bruder Girolamo. Daniele avancierte zunächst zum Savio agli Ordini, der in seiner Zeit typischen Einstiegsposition in die Ämterlaufbahn. Dann wurde er zum Camerlengo di Comun, doch endete seine Karriere bereits früh dadurch, dass er am 2. Juni 1758 eine Nichtadlige heiratete, nämlich Agnese Rota. Der jüngste Bruder, Angelo Maria, wurde gleichfalls Senator.
Leben
Bildung, Ämterlaufbahn
Renier war ein sehr gebildeter Mann, der seine frühe Bildung Pater Pietro Antonio Muazzo verdankte, der die prestigeträchtige Bibliothek des Hauses Manin aufbaute, und der aus Candia stammte, der Hauptstadt der von den Osmanen eroberten Insel Kreta,[3] die rund 450 Jahre venezianisch gewesen war. Renier kannte sich dementsprechend bestens in der klassischen Literatur aus – es wurde gar behauptet, er kenne die Ilias und die Odyssee auswendig – und er galt als begabter Redner. Er erhielt zudem eine gute Ausbildung in Geschichte und Philosophie. Von ihm stammt eine venezianische Ausgabe von Werken Platos, die er selbst übersetzt hatte. Er galt darüber hinaus als politisch begabt und als geschickter Taktiker.
Eintritt in den Großen Rat (1730), 1. Ehe mit Giustina Donà di Leonardo
In den Großen Rat, die Generalversammlung des städtischen Adels, in den die jungen Männer normalerweise mit dem 25. Lebensjahr aufstiegen, gelangte er durch die Balla d’oro bereits vorzeitig am 4. Dezember 1730.
Am 28. April 1733 heiratete er Giustina Donà di Leonardo,[4] die allerdings 1751 starb.[5] Das Paar hatte zwei Söhne. Giustina Donà war Nutznießerin eines komplexen Erbganges der Familien Bergonzi und Tasca, auch wenn die Höhe dieses Gesamterbes nicht zu ermitteln ist. Beide Familien hatten sich während des Krieges um Kreta, der im Kern von 1645 bis 1669 dauerte, und der die Adelsrepublik zwang, auf diese Art den Krieg zu finanzieren, für 100.000 Dukaten in den Adel eingekauft.
Ihr Sohn Andrea war von 1775 bis 1777 Botschafter in Rom; er heiratete Cecilia Manin am 2. September 1754. Der zweite Sohn hieß Leonardo.
Savio di Terraferma (1737–1750), Savio del Consiglio (1751–1761), Senator (1746–1764)
Wie viele seiner Standesgenossen, so begann Paolo Renier seine politische Karriere mit der Wahl zum Savio agli Ordini durch den Großen Rat am 28. Juni 1736. Am 16. März 1737 wurde er erneut in dieses Amt gewählt, dann am 12. Mai desselben Jahres wurde er zum Esecutore alle Acque gewählt. Bereits zu dieser frühen Zeit wurde er in das Collegio aufgenommen, zunächst als Savio di Terraferma. Damit hatte er sich als Kenner der Lagune, aber auch der Terraferma ausgewiesen.
In dieses Amt wurde er nun jedes Jahr gewählt, nämlich von 1737 bis 1750, wobei er fast immer das Amt des Kassierers übernahm. Damit erreichte er endgültig den Zugang zum innersten Machtzirkel, denn er wurde nun von 1751 bis 1761 elf Mal zum Savio del Consiglio gewählt. Folgerichtig wurde er am 27. März 1746 in den Senat aufgenommen, wo er bis 1764 einen Sitz hatte.
Wortführer der Reformer, weitere Ämter, Gesandter in Rom
Bald spielte er eine bedeutende Rolle unter den Männern, die zu Reformen des Staatswesens entschlossen waren, wie die Brüder Memmo, Andrea und Bernardo di Pietro, oder Angelo Querini di Lauro, aus dem Familienzweig von S. Severo. Dabei wurde Renier zum Sprecher der Gruppe, die sich mit Rom anlegte, und die das Ende des Patriarchats von Aquileia bewirkte. Der Sitz der Diözese wurde 1751 nach Udine verlegt, zugleich erhielt das Patriarchat nur noch den Rang eines Erzbistums. Kardinal Daniele Dolfin durfte allerdings persönlich bis an sein Lebensende den Titel eines Patriarchen behalten.
Renier wurde in den nächsten Jahren, nunmehr durch den Senat, in eine Reihe höchst angesehener Ämter gewählt. So wurde er am 8. Juli 1750 Sopra provveditore alla Giustizia nuova, am 8. Januar 1753 Savio alle Acque (erneut am 22. Januar 1757 und am 4. Januar 1758), dann Esecutore sopra la Bestemmia – dieser Gerichtshof war 1537 eingerichtet worden, um gegen Gewalt in kirchlichen Einrichtungen aller Art vorzugehen, aber auch Gotteslästerung fiel in seinen Zuständigkeitsbereich –, am 18. Januar 1755 und erneut am 8. Februar 1759. Allerdings war der Gerichtshof in seiner Amtszeit bereits weit weniger aktiv, als in den ersten Jahrzehnten seines Bestehens.
Renier war einer der acht Gesandten, die Papst Clemens XIII. zu seiner Wahl gratulieren sollten. Er wurde Deputato alla Provvisione del denaro (19. Januar 1759), dann Provveditore sopra i Monasteri (10. Januar 1761), womit er die Frauenklöster der Stadt zu beaufsichtigen hatte.
Heeresreform (1760), Niederlage der Reformer
Gemeinsam mit Andrea Tron di Nicolò gelang es ihm im September 1760 auf Vorschlag des schottischen Generals William Graham, der das Landheer der Republik kommandierte, eine Heeresreform durchzusetzen.[6] Am 14. Januar 1761 wurde er zum Provveditore alla Sanità gewählt.
Nun jedoch erlitt er einen schweren politischen Rückschlag, der dennoch seinem Aufstieg letztlich wenig schadete. Wegen eines relativ unbedeutenden Streites zwischen Orden und Bruderschaften um die bei Beerdigungen fälligen Abgaben kam es zu einem schweren Konflikt um die Befugnisse der Staatsinquisitoren. Im Verlauf dieses Streits bezog sich Renier auf den Avogadore di Comun, auf Angelo Querini, der nach Verona verbannt wurde. Damit wurde Renier geradezu zum Sprecher der Querini-Partei. Er intervenierte mehrfach im Großen Rat zu dessen Gunsten, obwohl er nicht zu den fünf Korrektoren gehörte, die die entsprechenden Gesetze reformieren sollten. Damit richtete er sich vor allem gegen den Staatsanwalt von San Marco di Sopra, gegen den späteren Dogen Marco Foscarini di Nicolò; er beantragte die Freilassung Querinis und zugleich, den von den fünf Korrektoren vorgelegten Text zurückzuziehen. Dieser Vorschlag wurde abgelehnt.
Weiterer Aufstieg, Botschafter an den Höfen in Wien (1765–1769) und Konstantinopel (1771–1775)
Trotz dieses herben Rückschlags nahm sein politischer Einfluss weiter zu: Er wurde zwei Mal nacheinander Correttore della Promissione ducale (25. Mai 1762), nämlich gelegentlich der Wahl seines Gegners Marco Foscarini, ebenso wie bei der Wahl Alvise Mocenigos IV. zum Dogen. Derlei Korrektoren hatten die Aufgabe, den Amtseid des Dogen, die Promissio ducale, jeweils zu überarbeiten.
Am 28. November 1764 wurde er zum Botschafter am kaiserlichen Hof gewählt. Am 28. September des folgenden Jahres erreichte er Wien, wenige Wochen nachdem Kaiser Franz gestorben war. Die Beziehungen zu seiner Witwe, Maria Theresia, zugleich Königin von Böhmen, und zu ihrem Sohn Joseph II. waren von weitgehendem Vertrauen geprägt. Man verhandelte über die Grenzen im Gebiet des Gardasees, zwischen Cadore und Ampezzo, sowie auf Istrien. Hinzu kamen Verhandlungen um die jeweiligen Zölle und Abgaben. Renier bewunderte die Effizienz der kaiserlichen Armee und drängte auf Reformen in seiner Heimatstadt. Auch betonte er die dortigen erfolgreichen Maßnahmen in der Handelspolitik und bei der Errichtung neuer Manufakturen. Zudem gelang es ihm, einen diplomatischen Konflikt zu lösen. Am 13. September 1769 wurde er vom neuen Kaiser zum Ritter geschlagen.
Als Renier am 29. Dezember 1769 seinen Bericht (relazione) vor dem Senat hielt, hatte er bereits Auftrag erhalten, nach Konstantinopel zu reisen (15. Mai 1769), um dort als Bailò Girolamo Ascanio Giustinian abzulösen. Die Commissione erhielt er am 14. März 1771. Er erreichte Pera gut vier Monate später, am 17. Juli. Das Osmanenreich litt erheblich unter den Folgen des russisch-türkischen Krieges. Es herrschte starker Mangel an Lebensmitteln. Paolo Renier gelang es, das Vertrauen Sultan Mustafas III. zu gewinnen, ebenso wie das seines Bruders und auch das des Nachfolgers Abdülhamid I. Bei ihm wurde er am 5. Mai 1774 außerordentlicher Botschafter. In dieser Funktion stellte er venezianische Schiffe zur Verfügung, um Lebensmittel in die Metropole zu bringen. Er selbst habe, wie behauptet wurde, erhebliche Gewinne daraus gezogen.
Mit Fürst Alexander Galitzin verhandelte er danach in Wien, um für die venezianischen Schiffe den Handel im Schwarzen Meer zu öffnen. Immerhin durfte die Madonna del Rosario die Krim ansteuern, wenn auch unter russischer Flagge.
2. Ehe mit Giovanna Margherita Dalmet (1776), Wechsel zu den Konservativen
Während seiner Zeit in Konstantinopel hatte er die Bekanntschaft einer jungen Tänzerin namens Giovanna Margherita Dalmet gemacht, die er am 7. Oktober 1776 heiratete. Nachdem er Konstantinopel am 27. September 1775 verlassen hatte, brachte er dafür 50.000 Dukaten auf. Doch fand die Ehe keine Aufnahme in das Goldene Buch, da sie nicht zum Adel gehörte. Dalmet war die Witwe des Lorenzo Bassi, die auch Goethe in seiner Italienreise erwähnt. Sie überlebte Renier und starb am 12. Januar 1817. Als Doge ließ sich Renier bei offiziellen Veranstaltungen von seiner Enkelin Giustina Renier Michiel begleiten.
Er distanzierte sich nun von den Reformern und betrieb als „Konservativer“ seine Wahl zum Dogen. Am 20. März 1776 wurde er zum Consigliere für das Sestiere Dorsoduro gewählt, am 31. Dezember 1778 zum Savio del Consiglio.
Das Dogenamt
Wahl, Korruption, innere Konflikte
Vor der Dogenwahl machten seine Gegner Stimmung gegen Renier, und es gab Gerüchte über einen geplanten Mordanschlag. Um Unruhen in der Stadt zu verhindern, verteilte er großzügig Spenden an das Volk und Stiftungen, an Kirchen und Bruderschaften. Renier wurde gegen den Wunsch der meisten Venezianer am 14. Januar 1779, wie die Wiener Zeitung zwei Tage später berichtete,[7] zum Dogen gewählt. Nach der Wahl wurde, wie es heißt, dem Volk „Wein, Brod und Geld preisgegeben“, und es sei ein Maskenball sowie ein Feuerwerk veranstaltet worden. Die feierliche Krönung fand am 15. Januar statt, wobei der Doge, wie der Schreiber weiß, nach alter Tradition auf einer Bühne von 60 Arsenalotten herumgetragen und so dem Volk vorgestellt wurde. Abends hätten erneut Freudenfeste stattgefunden, und alle im Hafen liegenden Schiffe hätten am 15. und 16. Januar Kanonenschüsse abgegeben.
Sein Amt soll er nur unter massivem Einsatz von Bestechung der Wahlmänner, was offensichtlich durch die Staatsinquisitoren geduldet wurde, erlangt haben. Wie schon vor seiner Wahl kursierten in der Stadt weiterhin die bissigen Pasquinate über die Korruptheit Reniers.
Hochwasserschutz, Ausgleichsversuch zwischen Konservativen und Reformern
Der neue Doge trat sein Amt an, als die Republik erneut hoch verschuldet war. Trotzdem begann während seiner Regierung der Bau der Murazzi auf dem Lido und auf Pellestrina, von Deichen, die Venedig besser gegen Hochwasser schützen sollten.
Innenpolitisch von erheblicher Bedeutung war Reniers Intervention im Großen Rat vom 9. Mai 1780, was die Dogen ansonsten selten taten. Er beruhigte die Gemüter während der anti-oligarchischen Aktivitäten des Giorgio Pisani (1739–1811) und des Carlo Contarini – eine Gruppe von Männern, die als barnabotti bezeichnet wurde.
Rolle bei Staatsbesuchen
Am 15. Mai 1782 besuchte Papst Pius VI. für fünf Tage die Stadt – der erste Besuch eines Papstes seit 1177. Diesem Besuch, der, wie immer mit großem Pomp öffentlich zelebriert wurde, gingen lange Konflikte voraus. Erst 1775 hatte die Republik durch ein Dekret sämtliche vom Adel gegründeten Abteien säkularisiert, woraufhin Pius mit der Verweigerung der Einsetzung des neuen Patriarchen Federico Maria Giovanelli drohte, 1780 hob Venedig seinerseits sechs Benediktinerabteien auf, der Papst drohte daraufhin kaum verhohlen mit der Exkommunikation. Ursprünglich hatte der Papst nur einen Besuch in Wien vorgesehen, doch hatte er dort nichts erreicht. Die Rückreise nutzte er zu einem Besuch in der Lagunenstadt. Ob er sich nur für das angenehme Geleit durch die venezianischen Prokuratoren Alvise Contarini und Lodovico Manin erkenntlich zeigen wollte, oder er zumindest in Venedig einen diplomatischen Erfolg erhoffte, ist unklar. 50.000 Dukaten ließ sich die Serenissima das streng durchorganisierte Programm dieser fünf Tage kosten, auch, um an den Frieden von Venedig des Jahres 1177 zu erinnern, bei dem der Doge Sebastiano Ziani eine zentrale Rolle gespielt hatte. Das Zeremoniell setzte beim Empfang auf der kleinen Insel San Giorgio in Alga ein, doch umfuhr man das Machtzentrum und ruderte am Nordrand der Stadt bis zum Benediktinerkloster, wo der Papst in aller Bescheidenheit nächtigte – was wiederum in Rom zu scharfer Kritik führte. Unmissverständlich sollte die Autonomie des venezianischen Staatskirchentums und die Ebenbürtigkeit des Dogen symbolisch herausgestellt werden. Doch misslang dies zunächst, denn die beiden Männer sprachen eine halbe Stunde ohne Mithörer „in segreto“. Dafür wurde Renier, zumal dem Dogen die private Unterredung mit auswärtigen Potentaten strikt untersagt war, von der Staatsinquisition ebenso schwer gerügt, wie für sein Niederknien vor dem Papst. Im Gegenzug veranlasste Venedig, dass nicht der Papst, sondern der Patriarch von Venedig die Pontifikalmesse in San Zanipolo zelebrierte, während die beiden Staatsoberhäupter einander gegenüber thronten, umgeben von ihrem Gefolge. Insgesamt war all dies „ein diplomatischer Balanceakt zwischen Anerkennung und Ignorierung der geistlichen Autorität.“[8] Den eigentlichen Prestigekern der Stadt, den Markusplatz nebst Kirche durfte der Papst erst an seinem vierten Tag besuchen, dazu auch die große Bibliothek. Immerhin gelang es ihm außerhalb des Protokolls, das Volk zu segnen, wozu der Markusplatz von sämtlichen Verkaufsbuden der alljährlichen Messe, der fiera della sensa, zumindest teilweise geräumt werden musste. Den Dogenpalast betrat er erst am fünften Tag, als er verabschiedet wurde. So versuchte Venedig sein Machtzentrum, wozu auch der Markusdom, der unter dem Patronat des Dogen stand, vor möglichen symbolischen Übergriffen zu schützen. Noch mehr, man baute sogar eigens eine Festarchitektur vor die Kirche. Von der Tribüne erfolgte dann der Segen, doch dadurch, dass die Senatoren mit ihren leuchtenden Amtskleidern nicht wie die übrigen Patrizier und das Volk vor der Tribüne standen, sondern wie der Papst in die Menge blickten, „wurde der Segen von ihnen gleichsam transportiert, ja autorisiert und damit zu einem Segen des Staatswesens umfunktioniert.“[9]
All diese Besonderheiten standen in scharfem Kontrast zum sonst üblichen Zeremoniell bei Empfängen. Der russische Kronprinz Paul Petrovich und spätere Zar Paul I. und seine Ehefrau Sophie Dorothee von Württemberg waren im Januar 1782 incognito als Conti del Nord in Venedig. Ihre Anwesenheit wurde, gegen ihren Willen, incognito zu reisen, mit großartigen Festlichkeiten auf dem Markusplatz gewürdigt.[10]
Schließlich besuchte 1785 König Gustav III. von Schweden die Stadt, incognito unter dem Namen Graf Haaga. Der französische Botschafter François-Joachim de Pierre de Bernis überzeugte ihn allerdings, dass er ähnlich prächtig auftreten müsse, wie sein Gegner, der russische Kronprinz. Dies brachte jedoch die Republik in Schwierigkeiten, der die Geldmittel auszugehen drohten. Da sprang Alvise IV. Pisani ein. Die Republik ihrerseits zog das Himmelfahrtsfest um 19 Tage vor, um die Fahrt des Bucintoro, des Staatsschiffs des Dogen, zu ermöglichen; das Operntheater San Benedetto öffnete vorzeitig. Im Palazzo Pisani wurde nach dem Zeremoniell am 5. Mai mit 200 Damen getanzt, 800 Besucher dinierten. König Gustav wurde allerdings vier Jahre später ermordet, woran Verdis Oper Un ballo in maschera erinnert.[11]
Goethe: Zeremonielles Auftreten, Beschreibung der Erscheinung des Dogen
Goethe, der Venedig im Jahre 1786 besuchte, beschreibt am 6. Oktober seine Eindrücke von einer Messe in der Kirche Santa Giustina, unweit der Fondamenta nove, in deren Mittelpunkt Paolo Renier stand, wie folgt:
„Heute früh war ich bei dem Hochamte, welchem der Doge jährlich an diesem Tage wegen eines alten Siegs über die Türken in der Kirche der heiligen Justina beiwohnen muß. Wenn an dem kleinen Platz die vergoldeten Barken landen, die den Fürsten und einen Teil des Adels bringen, seltsam gekleidete Schiffer sich mit rot gemalten Rudern bemühen, am Ufer die Geistlichkeit, die Brüderschaften mit angezündeten, auf Stangen und tragbare silberne Leuchter gesteckten Kerzen stehen, drängen, wogen und warten, dann mit Teppichen beschlagene Brücken aus den Fahrzeugen ans Land gestreckt werden, zuerst die langen violetten Kleider der Savj, dann die langen roten der Senatoren sich auf dem Pflaster entfalten, zuletzt der Alte, mit goldener phrygischer Mütze geschmückt, im längsten goldenen Talar mit dem Hermelinmantel aussteigt, drei Diener sich seiner Schleppe bemächtigen, alles auf einem kleinen Platz vor dem Portal einer Kirche, vor deren Türen die Türkenfahnen gehalten werden, so glaubt man auf einmal eine alte gewirkte Tapete zu sehen, aber recht gut gezeichnet und koloriert. Mir nordischem Flüchtling hat diese Zeremonie viele Freude gemacht. Bei uns wo alle Feierlichkeiten kurzröckig sind, und wo die größte, die man sich denken kann, mit dem Gewehr auf der Schulter begangen wird, möchte so etwas nicht am Ort sein. Aber hierher gehören diese Schleppröcke, diese friedlichen Begehungen.
Der Doge ist ein gar schön gewachsener und schön gebildeter Mann, der krank sein mag, sich aber nur noch so, um der Würde willen, unter dem schweren Rocke gerade hält. Sonst sieht er aus wie der Großpapa des ganzen Geschlechts und ist gar hold und leutselig; die Kleidung steht sehr gut, das Käppchen unter der Mütze beleidigt nicht, indem es, ganz fein und durchsichtig, auf dem weißesten klarsten Haar von der Welt ruht.
Etwa funfzig Nobili in langen dunkelroten Schleppkleidern waren mit ihm, meist schöne Männer, keine einzige vertrackte Gestalt, mehrere groß, mit großen Köpfen, denen die blonden Lockenperücken wohl ziemten; vorgebaute Gesichter, weiches, weißes Fleisch, ohne schwammig und widerwärtig auszusehen, vielmehr klug, ohne Anstrengung, ruhig, ihrer selbst gewiß, Leichtigkeit des Daseins und durchaus eine gewisse Fröhlichkeit.
Wie sich alles in der Kirche rangiert hatte und das Hochamt anfing, zogen die Brüderschaften zur Haupttüre herein und zur rechten Seitentüre wieder hinaus, nachdem sie Paar für Paar das Weihwasser empfangen und sich gegen den Hochaltar, den Dogen und den Adel geneigt hatten.“[12]
Testament (1788) und Tod, Beisetzung
Zwei Jahre später, am 8. Oktober 1788, setzte Renier sein Testament auf. Erbe und Nachlassverwalter wurde sein Sohn Andrea. Der Doge starb am 14. Februar des nächsten Jahres nach 37 Tagen „rheumatischen Fiebers“.[13]
Beigesetzt wurde er in der Kirche San Nicola da Tolentino. Seine letzte Ruhestätte ist ein einfaches Bodengrabmal. Es ist mit einer Marmorplatte bedeckt.
Literatur
- Vittorio Mandelli: Renier, Paolo, in: Dizionario Biografico degli Italiani 86 (2016).
- Sonia Pellizzer: Dalmet, Margherita, in: Dizionario Biografico degli Italiani 32 (1986).
- Federico Seneca: L’affare delle gondolw e le relazioni austro-venete intorno al 1770, in: Archivio Veneto, s. 5, LXXII (1963) 51–72.
- Teresa Maria Marcellino: Una forte personalità nel patriziato veneziano del Settecento: Paolo Renier, tesi di laurea, Universität Triest, Arte grafiche Smolars, Triest 1959.
- Andrea Da Mosto: I dogi di Venezia con particolare riguardo alle loro tombe, Ferdinando Ongania, Venedig [1939], S. 309–314 (Digitalisat, PDF); nachgedruckt unter dem Titel I Dogi di Venezia, Florenz 1983, zuletzt 2003.
- Antonio Pilot (Hrsg.): Versi satirici per l’elezione e la morte del doge Paolo Renier, Fratelli Centenari, Rom 1911.
- Girolamo Dapponte: Elogio di sua eccellenza Giorgio Pisani, procuratore di S. Marco, [Venedig 1780]. (Digitalisat)
- Alvar Gonzalez-Palacios: The furniture of Doge Paolo Renier, in: Italian Furniture and Interiors 20 (1984) 28–37 (bezweifelt die behauptete Herstellung der 1934 versteigerten Möbel durch Antonio Corradini, der in den 1720er Jahren für die Ausstattung des neuen (und letzten) Bucintoro verantwortlich war).
Weblinks
Anmerkungen
- ↑ Staatsarchiv Venedig, Avogaria di Comun, reg. 63 (=XIII), c. 316v.
- ↑ Archiv des Patriarchen von Venedig, Chiesa S. Stae, Battesimi (Taufen), reg. 1, c. 312r.
- ↑ Dorit Raines: La biblioteca-museo patrizia e il suo 'capitale sociale' – modelli illuministici veneziani e l’imitazione dei nuovi aggregati, in: Caterina Furlan (Hrsg.): Arte, storia, cultura e musica in Friuli nell’età del Tiepolo. Atti del convegno internazionale di studi, Udine 19–20 dicembre 1996, Forum, Udine 1997, S. 63–84, hier: S. 81 [28] (online, PDF).
- ↑ Staatsarchiv Venedig, Avogaria di Comun, reg. 94 (=VII), c. 213v.
- ↑ Sonia Pellizzer: Dalmet, Margherita, in: Dizionario Biografico degli Italiani 32 (1986).
- ↑ Piero Del Negro: Introduzione, in: Ders., Paolo Preto (Hrsg.): Storia di Venezia, Bd. VIII, Rom/Venedig 1998, S. 58.
- ↑ Venedig, den 16. Jänner, in: Wiener Zeitung, 3. Februar 1779, S. 3.
- ↑ Martin Gaier: San Marco in Maschera. Papst Pius VI. besucht Venedig, in: Studi Veneziani n.s. XLV (2003) 128–140, hier: S. 132 (online, PDF).
- ↑ Martin Gaier: San Marco in Maschera. Papst Pius VI. besucht Venedig, in: Studi Veneziani n.s. XLV (2003) 128–140, hier: S. 138.
- ↑ Silvia Balletti: Venezia 1782. La visita dei Conti del Nord, in: Venezia arti 10 (1996) 67–76.
- ↑ Venedig – spätes Feuerwerk. Glanz und Untergang der Republik 1700–1797, 3. Auflage, Klett-Cotta, Stuttgart 2008, S. 286–288.
- ↑ Goethes poetische Werke, Vollst. Ausg., Bd. 9, Autobiographischen Schriften, Tl. 2, Stuttgart 1960, S. 277.
- ↑ Archivio storico del Patriarcato, Chiesa S. Marco, Morti, reg. 6, c. 111.
| Vorgänger | Amt | Nachfolger |
|---|---|---|
| Alvise Mocenigo IV. | Doge von Venedig 1779–1789 | Ludovico Manin |