Palazzo Vidoni Caffarelli

Der Palazzo Vidoni Caffarelli ist ein Palast in Rom. Er wurde ursprünglich in der ersten Hälfte des 16. Jahrhunderts zur Zeit der Hochrenaissance errichtet, zwischenzeitlich aber mehrfach verändert und umgebaut, so dass heute von der ursprünglichen Fassade nur noch wenige Teile zu sehen sind. Seit 1951 ist er ein Nebensitz des italienischen Ministerratspräsidiums.

Lage

Der Palast liegt im VIII. römischen Rione Sant’Eustachio direkt neben der Kirche Sant’Andrea della Valle. An ihm führt nördlich der Corso Vittorio Emanuele II entlang, westlich schließt sich die Piazza Vidoni an sowie südlich die Via del Sudario.

Baugeschichte

Der Bau wurde um 1524 für Bernardino Caffarelli begonnen, die Pläne hierfür stammen wohl von Raffael, was aber nicht ganz geklärt ist. Sicher ist, dass Caffarelli 1515 eine Zeichnung für sein geplantes Gebäude bei Raffael bestellte und erhielt. Wer die Bauleitung in den ersten drei Jahren hatte, ist nicht bekannt. 1527 übernahm Lorenzo Lotto die Leitung bis 1541, hierüber berichtet Giorgio Vasari. Unter Nicola Giansimoni wurde im 18. Jahrhundert das oberste Stockwerk hinzugefügt, durch zahlreiche An- und Umbauten im 18. und 19. Jahrhundert hat der Palast heute drei Schauseiten.

Vorlage für die Gestaltung war der – heute nicht mehr erhaltene – 1501 von Donato Bramante erbaute Palazzo Caprini. Nachdem dieses Gebäude Bramante selbst bewohnt hatte, kaufte es 1517 diesem Raffael ab. Der Palazzo Vidoni Caffarelli ist die Übertragung der dort bereits vorhandenen Gestaltung auf einen größeren Maßstab.

Fassadengestaltung

Der Palast verfügte ursprünglich über nur eine Schauseite, heute an der Via del Sudario gelegen. Von den 17 dort heute sichtbaren Achsen sind nur die mittleren sieben original.

Für die untere Gestaltung wählte Raffael eine schwere Rustikagestaltung, allerdings mit einer Abwandlung: während bei einer „normalen“ Bossetierung das Mauerwerk aus einzelnen Steinen besteht, wurde hier die Fassade mit einem Gussbeton, den Bramante erfunden haben soll, in die Form gegossen. Die Wand wird gegliedert von abwechselnden Arkadenbögen und rechteckigen Öffnungen, die allerdings die – vorgetäuschte – Keilsteingestaltung der Bögen übernehmen. Drei rechteckige Öffnungen auf der rechten Seite sind als Ädikulaportale gestaltet, eine spätere Zutat.

Das Obergeschoss ist – erstmals bei einem römischen Palastbau – nicht mit einer Pilastergliederung gestaltet, sondern Raffael stellte paarweise Dreiviertelsäulen nach dorischer Ordnung auf Postamente, zwischen denen kleine Balkone vermitteln. Oberhalb der sich dazwischen öffnenden Fenster sind als weiteres zierendes Element kleine, zweimal gestaffelte Rahmenfelder eingelassen.

Nach Stefan Grundmann repräsentiert die Fassade die raffaelitische Architekturauffassung in „mustergültiger“ Weise.

Die beiden anderen Schauseiten wurden nach dem Vorbild dieser Fassade gestaltet, allerdings nunmehr nur noch mit Pilastern und nicht mehr mit Säulen.

Die Fassadengestaltung ihrerseits wurde Vorbild für die Gestaltung des 1535 von Baldassare Peruzzi begonnenen Palazzo Di Brazzà.

Weitere Geschichte

Kaiser Karl V. soll bei seiner Rückreise aus Tunis 1536 einige Tage im Palast gewohnt haben.

Der Palast kam dann im 18. Jahrhundert in den Besitz des Kardinals Pietro Vidoni, daher hat er seinen zweiten Namensbestandteil. Um 1900 wechselten die Eigentümer mehrmals, bis ihn 1924 der italienische Staat erwarb. Dieser hatte ihn der deutschen Regierung als Ersatz für den kriegsbedingt eingezogenen Palazzo Caffarelli auf dem Kapitol angeboten, die deutsche Seite zog dann aber den Erwerb der Villa Wolkonsky vor.[1]

Im Palazzo Vidoni Caffarelli befand sich im italienischen Faschismus die Parteizentrale des Partito Nazionale Fascista, weswegen er seinerzeit Palazzo del Littorio oder „Liktorenpalast“ genannt wurde. Hier unterschrieben am 2. Oktober 1925 der Arbeitgeberverband Confindustria und der faschistische Gewerkschaftsbund den sogenannten „Vidoni-Pakt“, der alle anderen italienischen Gewerkschaften als Verhandlungspartner ausschloss und damit die freie Gewerkschaftstätigkeit in Italien beendete.[2] In den 1930er Jahren plante man für die PNF eine neue, monumentale Parteizentrale, die 1937 mit dem Palazzo della Farnesina begonnen, aber erst nach dem Zweiten Weltkrieg als neues Außenministerium fertiggestellt wurde. In der Italienischen Sozialrepublik befand sich die PNF-Zentrale von September 1943 bis Juni 1944 im Palazzo Wedekind.

Unmittelbar nach der Befreiung Roms nutzten alliierte Besatzungstruppen den Palazzo Vidoni Caffarelli, bis er 1947 wieder an die italienische Regierung zurückgegeben wurde. Diese brachte in dem Gebäude vorübergehend Dienststellen des Unterrichtsministeriums unter. Seit 1951 ist der Palazzo Sitz der für die Öffentliche Verwaltung zuständigen Organisationseinheit des Ministerratspräsidiums.

Siehe auch

Literatur

  • Marco Bussagli (Hrsg.): Rom. Kunst & Architektur. Könemann, Köln 1999, ISBN 3-8290-2258-1.
  • Ursula Verena Fischer Pace: Kunstdenkmäler in Rom. 2 Bände. Wissenschaftliche Buchgesellschaft, Darmstadt 1988.
  • Stefan Grundmann (Hrsg.): Architekturführer Rom. Eine Architekturgeschichte in 400 Einzeldarstellungen. Menges, Stuttgart u. a. 1997, ISBN 3-930698-59-5.
  • Anton Henze: Rom und Latium. Kunstdenkmäler und Museen (= Reclams Kunstführer Italien. Bd. 5 = Universal-Bibliothek 8678). 4., revidierte Auflage. Reclam, Stuttgart 1981, ISBN 3-15-008679-5.
  • Henry V. Morton: Wanderungen in Rom. 2. Auflage. Scheffler, Frankfurt am Main 1960.
Commons: Palazzo Vidoni Caffarelli (Rome) – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. PCM - Dipartimento della Funzione Pubblica: Palazzo Vidoni dal ’500 ad oggi. uniroma2.it (italienisch)
  2. Geschichte der Confindustria (englisch)

Koordinaten: 41° 53′ 46,3″ N, 12° 28′ 30,4″ O