Otto Fischer (Kunsthändler)
Otto Fischer (* 1879 in Regenwalde; † 20. Januar 1927 in Bielefeld[1]) war ein deutscher Buch- und Kunsthändler. Mit seinem 1902 initiierten Kunstsalon gilt er als maßgeblicher früher Vermittler moderner Kunst in Bielefeld.
Leben und Wirken
Otto Fischer kam nach einer Ausbildung zum Buchhändler in Freienwalde, Kassel und Mülheim 1901 nach Bielefeld,[1] wo er seine Buch- und Kunsthandlung ursprünglich als Vereinsbuchhandlung des CVJM gründete. Schon bald aber machte er sich vom CVJM unabhängig, führte seine Buchhandlung nach eigenen Vorstellungen und erweiterte das Sortiment erheblich. 1902 initiierte er den Kunstsalon Otto Fischer, der durch regelmäßige Ausstellungen zeitgenössischer Künstler die moderne Kunst in Bielefeld bekannt machte. In der Frühzeit fanden die Ausstellungen noch an wechselnden Orten statt. Mit dem Umzug des Geschäfts an die Obernstraße 47 im Jahr 1906 erhielt der Kunstsalon einen eigenen ständigen Ausstellungsraum. Früh und programmatisch zeigte Fischer Werke von Max Liebermann, Käthe Kollwitz, Künstlerinnen und Künstlern der Münchner und Berliner Secession, der Dresdner „Brücke“, der Künstlerkolonie Worpswede, sowie 1907 die wegweisende, viel diskutierte Munch‑Schau mit 44 Arbeiten, eine der ersten Munch-Ausstellungen in Deutschland überhaupt. Zugleich förderte Fischer regionale Künstler (u. a. Viktor Tuxhorn, Karl Ellermann, Peter August Böckstiegel, Hermann Stenner). In seiner eigenen Sammlung befanden sich Werke von Karl Hagemeister und Carlos Grethe.
Fischer arbeitete eng mit dem Kunsthistoriker Franz Bock zusammen, der Vorträge hielt und die Ausstellungen publizistisch begleitete; später übernahm Heinrich Becker diese Rolle. Zwischen 1902 und 1909 engagierte sich Fischer im Vorstand des Kunstvereins für Bielefeld und Umgebung. Mit seiner Kunstauffassung, aber auch seinen kommerziellen Interessen, konkurrierte er nicht mit dem eher konservativen Programm des Kunstvereins, sondern lief ihm auch den Rang ab, sodass sich der Kunstverein 1909 auflöste.[2] Ab 1907 gab Fischer das Bielefelder Kunstblatt (ab 1908: Westfälisches Kunstblatt) heraus, das 1910 sein Erscheinen wieder einstellte. 1910 verantwortete Fischer die Kunstausstellung, die im Rahmen der „Herforder Gewerbe-und Industrieausstellung“ veranstaltet wurde, und überregional beachtet wurde. Ausgestellt waren unter anderem Arbeiten der sogenannten „Freien Gruppe“, zu der Hans Perathoner und Ernst Barlach gehörten. 1926 erschien unter Fischers maßgeblicher Mitwirkung im eigenen Verlag das vom Magistrat herausgegebene Das Buch der Stadt.
Der Weggefährte Fischers und spätere Direktor des städtischen Kunsthauses, Heinrich Becker, bezeichnete Fischers Unternehmung als jenen Ausgangspunkt, von dem für die Stadt die „entscheidenden Anstöße ausgingen […], um der modernen Kunst im Sinne jener Zeit die notwendige fruchtbare Resonanz zu verschaffen.“[3] Die Kunsthistorikerin Jutta Hülsewig-Johnen bewertet die Eröffnung von Buchhandlung und Kunstsalon als den Beginn des künstlerischen „Kampfes um die Moderne“ in Bielefeld.[3]
Fischers Privatleben wurde von einer Tragödie überschattet. Seine Ehefrau Maria vergiftete 1921 die beiden Söhne und nahm sich selbst das Leben. Otto Fischer holte 1924 seinen Neffen Georg‑Wilhelm Fischer nach Bielefeld, den er 1926 auch adoptierte. Nach Otto Fischers Tod übernahm Georg‑Wilhelm (seit 1939 mit Rufnamen „Otto“) das Unternehmen und führte bis 1974 Buchhandlung und Kunstsalon in Bielefeld fort.
Ausstellungen im Kunstsalon Otto Fischer
- 1902: Graphik (Max Klinger, Hans Thoma, Otto Greiner); Kunstgewerbe (Bruno Paul, Otto Eckmann, Max Laeuger)
- 1903: Niedersächsische Heimatkunst; Worpsweder Maler (Heinrich Vogeler, Fritz Mackensen, Otto Modersohn, Hans am Ende, Carl Vinnen); Graphik (Karlsruher Künstlerbund, Karl Stauffer‑Bern, Max Liebermann, Käthe Kollwitz)
- 1904: Freie Vereinigung junger Düsseldorfer Künstler
- 1905: Dachauer Künstler; Theodor Wedepohl; Erich Kuithan; Alfred Altheer
- 1907: Ludwig von Hofmann; Wanderausstellung der Dresdner Künstlergruppe „Brücke“; Edvard Munch (44 Werke, in zwei Teilen gezeigt)
- 1908: Münchner und Berliner Secession (u. a. Max Buri, Max Liebermann, Max Slevogt, Lovis Corinth, Heinrich Zügel, Hugo Habermann, Hermann Struck, August Gaul)
- 1911: Hermann Stenner
- 1920: Erste Ausstellung der Künstlervereinigung „Der Wurf“ u. a. Hermann Freudenau (Bielefeld) und Otto Dix (Dresden)
- 1921: Aloys Wach; Berthold Müller‑Oerlinghausen; Jenny Mucchi-Wiegmann
- 1922: Peter August Böckstiegel; Conrad Felixmüller; Jussuf Abbo
- 1926: Peter August Böckstiegel
Literatur
- Magistrat der Stadt Bielefeld (Hrsg.): Das Buch der Stadt. Fischer und Koch, Bielefeld 1926.
- Otto Fischer Buch‑ und Kunsthandlung. 50 Jahre Wirken für Buch und Bild. Bielefeld 1951.
- Heinrich Becker: Edvard Munch in Bielefeld. Bielefelder Kunstverein, Bielefeld 1962.
- Werner Frese (Bearb.): Das Archiv des Westfälischen Kunstvereins und des Provinzialvereins für Wissenschaft und Kunst. Münster 1981.
- Helmut Henschel: 19. Mai 1995: Tod des Buchhändlers Otto Fischer. In: Historischer Rückklick Bielefeld. Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, 1. Mai 2025, abgerufen am 1. November 2025.
- Jutta Hülsewig-Johnen: Moderne Kunst in Bielefeld. Otto Fischer und Heinrich Becker. In: Sophie Reinhardt (Hrsg.): Avantgarden in Westfalen? Die Moderne in der Provinz 1902–1933. Ardey, Münster 1999, S. 41–48.
- Werner J. Schweiger: Kunstsalon Otto Fischer (Manuskript für geplante Publikation „Lexikon des Kunsthandels der Moderne im deutschsprachigen Raum 1905-1937“). In: Kunstarchiv Werner J. Schweiger. Künstler*innen-Archive, Berlinische Galerie - Landesmuseum für Moderne Kunst, Fotografie und Architektur, abgerufen am 5. November 2025.
Weblinks
- renda: Objekt des Monats April. Bielefelder Kunstblatt. Historisches Museum Bielefeld, 22. April 2022, abgerufen am 5. November 2025.
Einzelnachweise
- ↑ a b Otto Fischer gestorben. In: Westfälische neueste Nachrichten mit Bielefelder General-Anzeiger und Handelsblatt 28, Nr. 17, 21. Januar 1927.
- ↑ Thomas Thiel: Kunstverein Bielefeld – Zeitgenössische Kunst in Bielefeld seit 1929. Kunstverein Bielefeld, 2019, abgerufen am 5. November 2025.
- ↑ a b Helmut Henschel: 19. Mai 1995: Tod des Buchhändlers Otto Fischer. In: Historischer Rückklick Bielefeld. Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, 1. Mai 2025, abgerufen am 1. November 2025.