Heinrich Becker (Museumsleiter)
Heinrich Karl Wilhelm Becker (* 27. September 1881 in Braunschweig; † 26. September 1972 in Bielefeld) war ein deutscher Museumsleiter. Neben seinem Hauptberuf als Lehrer engagierte er sich von 1928 bis 1933 als erster ehrenamtlicher Leiter des Kunsthauses der Stadt Bielefeld, dessen Gründung er maßgeblich mitinitiiert hatte. Becker organisierte Ausstellungen moderner Kunst, insbesondere des deutschen Expressionismus. Nachdem er 1933 von den Nationalsozialisten abgesetzt worden war, übernahm er 1945 erneut die Leitung des Kunsthauses, bis er 1954 aus Altersgründen ausschied.
Leben und Wirken
Nachdem Becker 1901 am Herzoglichen Realgymnasium in Braunschweig sein Abitur abgelegt hatte, studierte er in Leipzig und Göttingen Deutsch, Französisch, Englisch, Italienisch, Literatur und Kunstgeschichte. 1905 promovierte er mit einer Arbeit „Die Auffassung der Jungfrau Maria in der altfranzösischen Literatur“ und legte die Prüfung für das höhere Lehramt ab. Er unterrichtete als Lehrer in Wernigerode, Halle (Saale), Clermont-Ferrand und Quedlinburg, bevor er 1908 nach Bielefeld ans Helmholtz-Gymnasium kam. Hier unterrichtete er bis 1947 Deutsch, Französisch, Englisch und später auch Kunstgeschichte. Zusätzlich war er als Fachleiter für Kunstgeschichte am Pädagogischen Seminar in Bielefeld tätig.
Neben seiner pädagogischen Tätigkeit widmete sich Becker früh dem Aufbau des Bielefelder Kunstlebens. Er fand Anschluss an den Buch- und Kunsthändler Otto Fischer, der seit 1906 einen Kunstsalon betrieb und gezielt moderne Kunst ausstellte. Becker bekam hier Anregungen und Impulse und begann, Fischer zu unterstützen. „In Otto Fischer fand ich einen Mann, dem in seiner begeisterten künstlerischen Haltung beizuspringen mir ein unüberhörbarer Auftrag erschien“, erinnerte sich Becker später.[1]
Für die 1921 gegründete „Pflegschaft der ständigen Kunstausstellung im Städtischen Museum“ organisierte Becker ehrenamtlich Ausstellungen, die in der alten Kaselowsky-Villa (Koblenzer Straße 1, heute Artur-Ladebeck-Straße) stattfanden. Lokale und auswärtige Künstler stellten hier aus, darunter Peter August Böckstiegel, Karl Muggly, Käthe Kollwitz, und Emil Nolde. 1927 erfolgte der Umzug an die Hindenburgstraße (heute Alfred-Bozi-Straße), wo das ehemalige Haus des Kommerzienrats August Tiemann in das das „Städtische Kunsthaus in Bielefeld“ umgewandelt wurde. Becker übernahm ehrenamtlich die Leitung des Städtischen Kunsthauses und gehörte zu den Mitbegründern des „Freundeskreis des Bielefelder Kunsthauses“. Becker organisierte bis 1933 über 80 Ausstellungen, darunter von Franz Marc, Edvard Munch und August Macke. Werke lokaler Künstler und des künstlerischen Nachwuchses der Moderne wurden auch angekauft. Becker katalogisierte außerdem den Kunstbesitz der Stadt.
Als jemand, der sich der modernen Kunst verschrieben hatte, wurde Becker nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten 1933 gezwungen, die Leitung des Kunsthauses abzugeben. Den Bielefelder Nationalsozialisten war Beckers Wirken schon länger ein Dorn im Auge gewesen. Auch die Schließung des Kunsthauses stand zur Debatte. Dabei distanzierten sich auch Bielefelder Künstler, die im Reichsverband Bildender Künstler Deutschlands organisiert waren, und zuvor teilweise von Becker ausgestellt worden waren, von Beckers Ausstellungspraxis. Sein Nachfolger wurde zunächst der Bildhauer und Lehrer an der Werkkunstschule Arnold Rickert (1889–1974) und 1934 Georg Hengstenberg, der als hauptamtlicher Kustos verpflichtet wurde.[2] Becker blieb Schriftführer des Freundeskreises, der zum „Bielefelder Kunstverein“ umgewandelt wurde und seine Verbindung mit dem Kunsthaus verlor.
Nach Kriegsende übernahm Becker 1945 erneut die Leitung des Kunsthauses, das nach Zerstörung und Verlust großer Teile seiner Sammlung neu aufgebaut werden musste. Becker stellte aber als Bedingung, dass das Kunsthaus nicht mit dem geschichtlichen Museum zusammengeführt werden sollte, das bis 1947 noch von dem völkisch gesinnten Eduard Schoneweg geführt wurde. Unter schwierigen Bedingungen organisierte Becker wieder erste Ausstellungen, die zunächst in der Rudolf-Oetker-Halle stattfanden, und katalogisierte die verbliebenen Bestände. 1950 zog das Kunsthaus in das Velhagenhaus an der Wertherstraße um. Becker leitete die Einrichtung bis zu seinem Ausscheiden aus Altersgründen 1954 und arbeitete anschließend weiterhin im Kunstverein, der ihn später zum Ehrenmitglied ernannte. Becker stellte das biografische Nachschlagewerk Bielefelder Künstlerbiographien (1965) zusammen.
Becker engagierte sich auch für die deutsch-französischen Beziehungen. Aus seiner Verbundenheit zu Frankreich, wo er während des Studiums gelebt und seine spätere Ehefrau Martha Preuß kennengelernt hatte, erwuchs eine intensive Verbindung. Er gehörte zu den Gründern der Deutsch-Französischen Gesellschaft in Bielefeld und setzte sich während des Zweiten Weltkriegs für französische Zwangsarbeiter ein. 1964 wurde ihm dafür der französische Orden „Palmes Académiques“ verliehen. Becker war Mitglied der Bielefelder Volksbühne und schrieb Beiträge für deren Programmhefte.
Für seine Verdienste erhielt Becker 1961 das Bundesverdienstkreuz 1. Klasse und 1966 den Kulturpreis der Stadt Bielefeld.
Schriften
- Die Auffassung der Jungfrau Maria in der altfranzösischen Literatur. Diss. phil. Göttingen 1905.
- Edvard Munch in Bielefeld. Bericht über zwei Ausstellungen 1907, 1931. Bielefelder Kunstverein, Bielefeld 1962.
- Bielefelder Künstlerbiographien. Ein Nachschlagewerk, Selbstverlag, Bielefeld 1965.
Literatur
- Andreas Beaugrand, Christian Stiesch: „Die Kunst ist lange bildend ehe sie schön ist“. Der Bielefelder Kunstverein. In: Andreas Beaugrand (Hrsg.): Stadtbuch Bielefeld – Tradition und Fortschritt in der ostwestfälischen Metropole, Bielefeld 1996, S. 192–203.
- Dr. Heinrich Becker zum 100. Geburtstag. Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld und des Biele- felder Kunstvereins e.V. Bielefeld 1981.
- Erich Franz: Zum Wirken Dr. Heinrich Beckers in Bielefeld. In: ders. (Bearb.): Heinrich Becker zum 100. Geburtstag. Ausstellung der Kunsthalle Bielefeld und des Bielefelder Kunstvereins e. V. im Kulturhistorischen Museum Bielefeld, Bielefeld 1981.
- Judith Günther: 27. September 1881: Der Leiter des Kunsthauses Dr. Heinrich Karl Wilhelm Becker wird geboren, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, Bielefeld 2016 (Abruf: 31. Oktober 2025).
- Jutta Hülsewig-Johnen: Moderne Kunst in Bielefeld. Otto Fischer und Heinrich Becker. In: Sophie Reinhardt (Hrsg.): Avantgarden in Westfalen? Die Moderne in der Provinz 1902–1933. Ardey, Münster 1999, S. 41–48.
- Jutta Hülsewig-Johnen: Vom Kunsthaus zur Kunsthalle. Kurze Geschichte der Kunsthalle Bielefeld. In: Andreas Beaugrand (Hrsg.): Stadtbuch Bielefeld 1214–2014, Bielefeld 2013, S. 672–697.
- Christian Juranek: Heinrich Becker. Innovativer Museumsleiter in Bielefeld. In: Unerhörtes Abenteuer im Irgendwo. Ernst Barlach und der Harz. Litterando, Quedlinburg 2006, S. 38–40.
- Städtisches Museum Bielefeld (Hrsg.): Käthe Kollwitz an Dr. Heinrich Becker – Briefe, Bielefeld 1967.
- Thomas Thiel: Zeitgenössische Kunst in Bielefeld seit 1929 – Bielefelder Kunstverein. In: Andreas Beaugrand (Hrsg.): Stadtbuch Bielefeld 1214–2014, Bielefeld 2013, S. 594–597.
Einzelnachweise
- ↑ Judith Günther: 27. September 1881: Der Leiter des Kunsthauses Dr. Heinrich Karl Wilhelm Becker wird geboren, Stadtarchiv und Landesgeschichtliche Bibliothek Bielefeld, Bielefeld 2016 (Abruf: 31. Oktober 2025).
- ↑ Bernd J. Wagner: Kulturpolitik unterm Hakenkreuz. Kunstausstellungen in Bielefelder Museen zischen 1933 und 1945. In: Ravensberger Blätter 2/2002, S. 26–39, hier S. 26–28, 34 f.