Nukleare Latenz

Als nukleare Latenz bezeichnet man das Potenzial eines Landes, innerhalb einer kurzen Zeit zu einer Atommacht zu werden.[1]

Nukleare Absicherung

Länder mit nuklearer Latenz besitzen nukleare Dual-Use-Fähigkeiten im Rahmen eines zivilen Atomprogramms. Strebt ein solches Land danach, die Zeit zum Bau von einsatzfähigen Nuklearwaffen zu verkürzen, bezeichnet man dies als nukleare Absicherung (engl. nuclear hedging). John Carlson, ein Experte für Non-Proliferation, nennt technologische und politische Indikatoren für nukleare Absicherung, z. B.[2]:

  • Es wird mehr nukleares Material gelagert, als für zivile Zwecke (z. B. Stromerzeugung, Forschungsreaktoren, Kernenergieantriebe oder Nuklearmedizin) notwendig ist.
  • Es werden Anlagen und Infrastruktur gebaut, welche eher dem Bau von Kernwaffen statt zivilen Zwecken dienen, z. B. Reaktoren, welche große Mengen Plutonium erzeugen.

Beispiel Japan

In Rokkasho befindet sich die gleichnamige Anlage zur Urananreicherung und Wiederaufarbeitung. Im Jahr 2016 hatte Japan von allen Nicht-Atommächten den höchsten Bestand an Plutonium (47 Tonnen).[3] Mit dieser Menge kann man schätzungsweise 6.000 Nuklearsprengköpfe herstellen.[4] Laut Experten benötigt das Land sechs Monate, um einen Nuklearsprengkopf herzustellen.[5] Im Englischen wird daher nukleare Latenz auch als „Japan Option“ bezeichnet.[6]

2011 sagte der damalige japanische Verteidigungsminister Shigeru Ishiba[7]:

„I don't think Japan needs to possess nuclear weapons, but it's important to maintain our commercial reactors because it would allow us to produce a nuclear warhead in a short amount of time ... It's a tacit nuclear deterrent“

„Ich glaube nicht, dass Japan Atomwaffen besitzen muss, aber es ist wichtig, unsere kommerziellen Reaktoren zu erhalten, da wir dadurch in kurzer Zeit einen Atomsprengkopf herstellen könnten ... Es ist eine stillschweigende nukleare Abschreckung.“

Japan und die USA unterzeichneten im Januar 2024 ein Abkommen, das den Kauf von 400 nuklear bestückbaren Tomahawk-Raketen vorsieht. Acht Zerstörer mit Aegis-Kampfsystem – darunter vier der Kongō-Klasse und jeweils zwei der Atago- und der Maya-Klasse – sollen mit diesen Raketen bewaffnet werden.[8] Im November 2025 testeten die Selbstverteidigungsstreitkräfte den Einsatz des Hyperschallgleiters Hyper Velocity Gliding Projectile.[9]

Die Sicherheitsexpertin Naoko Aoki glaubt, dass „größere exogene Schocks“ – etwa ein chinesischer Angriff auf Taiwan kombiniert mit einer Erschütterung des Vertrauens in die Schutzmacht USA – Japan veranlassen könnten, Nuklearwaffen zu entwickeln.[10]

Mögliche Folgen

Betreibt ein Staat nukleare Absicherung, kann dies dazu führen, dass andere Staaten – insbesondere feindlich gesinnte Nachbarstaaten – es ihm gleichtun. Dies kann zu einem virtuellen und anschließend realen nuklearen Rüstungswettlauf führen.[2]

Befindet sich der Staat in einer Konfliktregion, kann die nukleare Absicherung (bzw. ein mögliches Streben danach) dazu führen, dass die Nuklearanlagen zu militärischen und Sabotagezielen werden. Beteiligte Wissenschaftler können Opfer von Attentaten werden. Siehe auch: Irakisches Atomprogramm, Stuxnet, Israelisch-iranischer Krieg, Person (Iranisches Atomprogramm)

Einzelnachweise

  1. Joachim Krause: Keine Atommacht über Nacht. In: https://internationalepolitik.de/de. 22. Mai 2025, archiviert vom Original; abgerufen am 17. Dezember 2025.
  2. a b John Carlson: “Peaceful” Nuclear Programs and the Problem of Nuclear Latency. In: https://www.nti.org. Nuclear Threat Initiative, 18. November 2015, archiviert vom Original; abgerufen am 18. Dezember 2025 (englisch).
  3. Patrick Zoll: Japan besitzt genug Plutonium, um Tausende von Atombomben bauen zu können. In: https://www.nzz.ch. Neue Zürcher Zeitung, 17. Oktober 2018, abgerufen am 18. Dezember 2025.
  4. Monica Montgomery: U.S., Japan Extend Nuclear Agreement. In: https://www.armscontrol.org/. September 2018, abgerufen am 18. Dezember 2025 (englisch).
  5. Barbara Odrich: Furcht vor Nordkorea: Japan greift nach der Atombombe. In: https://www.vdi-nachrichten.com/. 26. April 2023, abgerufen am 18. Dezember 2025.
  6. The “Japan Option” and Nuclear Negotiations. In: https://niacouncil.org/. National Iranian American Council, 21. Oktober 2009, abgerufen am 18. Dezember 2025 (englisch).
  7. Chester Dawson: In Japan, Provocative Case for Staying Nuclear. In: https://www.wsj.com/. 28. Oktober 2011, archiviert vom Original; abgerufen am 13. Januar 2026 (englisch).
  8. Dzirhan Mahadzir: Japan Destroyer Chokai will be Tomahawk Missile-capable by March, Official says. In: https://news.usni.org/. United States Naval Institute, 17. September 2025, abgerufen am 18. Dezember 2025 (englisch).
  9. Aaron-Matthew Lariosa: Japanese Forces Test Deployment of Hypersonic Missile System. In: https://news.usni.org/. United States Naval Institute, 17. November 2025, abgerufen am 18. Dezember 2025 (englisch).
  10. Martin Kölling: 80 Jahre nach Hiroshima – Baut Japan bald eine eigene Atombombe? In: https://www.handelsblatt.com/. 5. August 2025, abgerufen am 18. Dezember 2025.