Nordjemenitischer Bürgerkrieg

Nordjemenitischer Bürgerkrieg

Royalistische jemenitische Streitkräfte versuchen, einen ägyptischen Panzerangriff abzuwehren.
Datum 26. September 1962 bis 1. Dezember 1970
Ort Jemen
Casus Belli Absetzung von Muhammad al-Badr nach einem Militärputsch
Ausgang Sieg der Republikaner
Folgen Ende der Monarchie
Konfliktparteien

Königreich Jemen Unterstützt von:
Saudi-Arabien Saudi-Arabien
Jordanien Jordanien
Israel Israel
Vereinigtes Konigreich Vereinigtes Königreich
Pakistan Pakistan

Jemenitische Arabische Republik

Unterstützt von:
Agypten Ägypten
Sowjetunion Sowjetunion
Kuba Kuba

Befehlshaber

Muhammad al-Badr
Hassan ibn Yahya
Saudi-Arabien Faisal ibn Abd al-Aziz

Abdullah as-Sallal
Abd ar-Rahman al-Iryani
Hassan al-Amri
Gamal Abdel Nasser

Truppenstärke

20.000 halbreguläre Soldaten
200.000 Stammeskrieger
Vereinigtes Konigreich Britische Söldner

3.000 Soldaten (1964)
Agypten 40.000 bis 70.000 Soldaten

Verluste
100.000–200.0000 Tote

Der Jemenitische Bürgerkrieg bzw. Nordjemenitischer Bürgerkrieg war ein bewaffneter Konflikt im Nordjemen zwischen republikanischen Kräften, die nach einem Militärputsch die Jemenitische Arabische Republik ausgerufen hatten, und royalistischen Truppen, die die Wiederherstellung des traditionellen Imamats unter dem Zaiditen-König Muhammad al-Badr anstrebten. Der Krieg begann im September 1962 mit dem Sturz der jahrhundertealten Zaiditenmonarchie und entwickelte sich rasch zu einem Stellvertreterkrieg: Ägypten unterstützte die Republikaner militärisch mit bis zu 70.000 Soldaten, während Saudi-Arabien, Jordanien, Israel und Großbritannien die Royalisten finanziell und logistisch förderten. Schätzungen zufolge kamen im Verlauf des achtjährigen Konflikts zwischen 100.000 und 200.000 Menschen ums Leben. Der Krieg endete 1970 mit der Anerkennung der Republik durch Saudi-Arabien und dem formellen Ende der jemenitischen Monarchie.

Hintergrund

Bis 1962 wurde das Königreich Nordjemen (Mutawakkilitisches Königreich Jemen) von den Zaiditen-Imamen autokratisch regiert, als ein theokratisches Herrschaftssystem, das politische Reformen weitgehend blockierte. Der Jemen zählte zu den ärmsten und rückständigsten Ländern weltweit. In den 1950er Jahren formierte sich jedoch eine oppositionelle Bewegung von Offizieren und Intellektuellen (die „Freien Jemeniten“ in Anlehnung an ähnliche modernisierende Bewegungen in Ländern wie Ägypten oder Libyen, welche sich am Arabischen Nationalismus orientierten), viele davon im Exil in der britischen Kolonie Aden, die eine Modernisierung und die Einführung einer Republik anstrebten.[1] Bereits 1948 und 1955 hatte es gescheiterte Umsturzversuche gegen die Imame gegeben, doch konservative Regime unter Imam Ahmad bin Yahya hielt sich bis zu seinem Tod im September 1962.

Unmittelbar nach dem Tod Ahmad bin Yahyas am 19. September 1962 trat sein Sohn Muhammad al-Badr die Nachfolge als Imam an. Nur eine Woche später, in der Nacht vom 26. auf den 27. September 1962, putschten jedoch reformorientierte Offiziere unter Führung von Abdullah as-Sallal gegen die Krone. Sie riefen in Sanaa die Jemenitische Arabische Republik aus und beendeten formal die Monarchie. Auch die Sklaverei wurde von den Revolutionären abgeschafft. Imam al-Badr entkam knapp dem Beschuss des Königspalastes und floh ins Hochland Nordjemens, wo er loyale Stammesführer um sich sammelte. Damit begann ein Bürgerkrieg zwischen den republikanischen Putschisten und den royalistischen Anhängern der Imam-Herrschaft.[2]

Kriegsverlauf

Nach dem Staatsstreich von 1962 etablierte sich die neue republikanische Regierung unter Präsident as-Sallal zunächst in der Hauptstadt Sanaa und anderen Städten. Die entmachteten Royalisten organisierten im gebirgigen Norden den Widerstand. Beide Seiten erhielten umgehend Unterstützung aus dem Ausland: Ägyptens Präsident Gamal Abdel Nasser stellte sich hinter die Republikaner und entsandte schon Anfang Oktober 1962 Tausende ägyptische Soldaten nach Nordjemen, unterstützt von der Sowjetunion. Saudi-Arabien hingegen unterstützte Imam al-Badr und die Royalisten finanziell und mit Waffenlieferungen, da das saudische Königshaus einen revolutionären republikanischen Staat an seiner Südgrenze fürchtete.[2] Auch das haschemitische Königreich Jordanien leistete zunächst Hilfen für die Royalisten. Die internationalen Fronten dieses Konflikts entsprachen damit dem Arabischen Kalten Krieg: revolutionär-nationalistische Militärregime (angeführt von Ägypten) gegen traditionell-monarchische Regime (angeführt von Saudi-Arabien).[3] Die Vereinigten Staaten erkannten das neue republikanische Regime zwar diplomatisch an, griffen aber nicht in den Konflikt ein, während Großbritannien – Kolonialmacht im benachbarten Aden – offiziell neutral blieb, jedoch insgeheim die royalistische Seite begünstigte.

In den ersten Kriegsjahren kam es zu intensiven Kämpfen. Die Republikaner kontrollierten die größeren Städte und erhielten kontinuierlich Nachschub und Verstärkung durch ägyptische Truppen, deren Kontingent bis 1963 schätzungsweise auf 28.000 Mann anwuchs. Die Royalisten, getragen von nordjemenitischen Stammesmilizen, führten dagegen einen Guerillakrieg von den schwer zugänglichen Bergregionen aus. Dies bereitete den ägyptischen Expeditionsstreitkräften große Schwierigkeiten, zumal die lokale Bevölkerung in ländlichen Gebieten überwiegend loyal zum König stand. Zur Versorgung der eingeschlossenen Königstreuen organisierte Saudi-Arabien gemeinsam mit verbündeten Offizieren verdeckte Nachschubrouten. Großbritannien duldete stillschweigend, dass Nachschub über die britisch kontrollierte Südarabische Föderation (Aden) an die Royalisten gelangte.[2] Sogar israelische Geheimdienste beteiligten sich ab 1964 verdeckt an einer Luftbrücke für Waffenlieferungen an die Royalisten, um Ägypten in einen langwierigen Krieg zu verwickeln.[4]

1963 unternahm die internationale Gemeinschaft erste Schritte zur Eindämmung des Konflikts. Auf Vermittlung der Vereinten Nationen schlossen Saudi-Arabien und Ägypten im Sommer 1963 ein Disengagement-Abkommen, das den schrittweisen Rückzug ausländischer Unterstützung vorsah. Zur Überwachung entsandte die UNO die Beobachtermission UNYOM (United Nations Yemen Observation Mission), die von Juli 1963 bis September 1964 im Jemen stationiert war. Die UN-Blauhelme sollten überprüfen, dass Saudi-Arabien keine Waffen mehr an die Royalisten lieferte und Ägypten seine Truppen abzog. Tatsächlich hielten sich beide Konfliktparteien jedoch nicht an diese Zusagen. Ägyptens Truppenrotation ging verdeckt weiter, und auch saudische Waffenlieferungen flossen bald erneut. Im April 1964 geriet Großbritannien direkt in den Konflikt: Nach grenznahen Angriffen der Republikaner flog die britische Luftwaffe am 28. März 1964 einen Vergeltungsschlag auf die jemenitische Stadt Harib im Grenzgebiet zur Kolonie Aden. Der Nordjemen brachte den Vorfall vor den UN-Sicherheitsrat und beschuldigte London, seit 1962 über 40 Aggressionsakte begangen zu haben.[2]

Die ägyptische Armee setzte ab 1963 erstmals in der arabischen Geschichte chemische Kampfstoffe ein, um die royalistischen Guerillas in den Bergen auszuschalten. Frühe Berichte westlicher Journalisten und Untersuchungen des Internationalen Komitees vom Roten Kreuz (IKRK) belegten diese Einsätze.[5] Am 8. Juni 1963 erfolgte der erste dokumentierte Gasangriff auf das Dorf al-Kawma (nahe Sa‘dah), bei dem Tränengas abgeworfen wurde.[2] Schwerer wog ein Angriff am 5. Januar 1967 auf das Dorf Ketaf im Norden: dort starben über 120 Menschen an den Folgen eines Giftgaseinsatzes. Das IKRK entsandte umgehend Ärzte ins Gebiet und bestätigte Indizien für den Einsatz chemischer Kampfstoffe und verurteilte den Einsatz von chemischen Waffen, der im Gegensatz zum Genfer Protokoll von 1925 stand, das auch Ägypten unterzeichnet hatte. Dennoch gingen die Einsätze danach weiter. Am 12. Mai 1967 bombardierte die ägyptische Luftwaffe das Dorf Gahar und tötete 75 Zivilisten, ebenfalls offenbar mit chemischen Substanzen.[5] Auch zwei Grenzdörfer in Saudi-Arabien wurden Ziel von Giftgasabwürfen.[2]

Mitte 1964 kam es erneut zu internationalen Vermittlungsbemühungen. Auf Druck der Sowjetunion – die ein Interesse an der Stabilisierung Nassers hatte – kam es im September 1964 zu einem Waffenstillstand zwischen Ägypten und Saudi-Arabien. In Verhandlungen einigten sich beide Sponsoren darauf, ihre direkte Einmischung zu reduzieren: Ägypten sagte einen stufenweisen Truppenrückzug bis September 1966 zu, während Saudi-Arabien seine Unterstützung für die Royalisten drosseln wollte. Tatsächlich begann Kairo 1965 einige Truppen heimzuführen. Doch innerhalb des republikanischen Lagers führte die Aussicht auf einen ägyptischen Abzug zu Machtkämpfen: eine pro-ägyptische Fraktion unter Präsident Sallal und radikalen Offizieren wollte die ägyptische Präsenz beibehalten, während gemäßigte Republikaner eine politische Lösung mit den Royalisten anstrebten. Diese Spannungen kulminierten Ende 1966 in einem Putsch innerhalb der republikanischen Führung – Sallal entließ mehrere prominente Minister, und pro-ägyptische Hardliner setzten sich gewaltsam durch. Es folgte eine „Säuberung“ in Armee und Verwaltung, bei der viele Gegner der ägyptischen Einflussnahme ausgeschaltet wurden.[2]

Im Laufe des Jahres 1967 ergab sich schließlich eine militärische Pattsituation. Ägypten geriet am 5. Juni 1967 in den Krieg gegen Israel (Sechstagekrieg) und sah sich gezwungen, den Großteil seiner Expeditionsarmee umgehend aus dem Jemen abzuziehen. Innerhalb weniger Wochen wurden zehntausende ägyptische Soldaten, Panzer und Flugzeuge aus Arabien abgezogen, da sie im Sinai benötigt wurden. Bis Dezember 1967 waren sämtliche ägyptischen Einheiten aus Nordjemen abgezogen. Parallel dazu stellte Saudi-Arabien – nun bestrebt, die arabische Einheit nach der Niederlage gegen Israel zu wahren – seine offene Militärhilfe für die Royalisten ein. Beide Mächte hatten sich bereits im August 1967 auf der arabischen Konferenz in Khartum darauf verständigt, den Stellvertreterkrieg im Jemen zu beenden. Dieser Strategiewechsel schwächte die Kriegsparteien vor Ort erheblich. Präsident as-Sallal, der die ägyptische Präsenz weiterhin verlangte, geriet in Sanaa zunehmend unter Druck. Am 5. November 1967 wurde Sallal von einer Gruppe moderater Republikaner (angeführt von Abdul Rahman al-Iryani) in Abwesenheit gestürzt, während er zu Besuch im Irak war.[2] Die neue moderate Führung strebte jetzt eine Verhandlungslösung an.

Dennoch versuchten die royalistischen Truppen Ende 1967 ein letztes Mal, die Republik militärisch zu besiegen. Ohne ägyptische Luftunterstützung standen die Republikaner zeitweise unter starkem Druck: Im Herbst 1967 marschierten royalistische Stämme unter Imam al-Badr Richtung Sanaa und belagerten die Hauptstadt für rund 70 Tage (November 1967 bis Anfang 1968).[6][7] Diese Belagerung von Sanaa wurde zur entscheidenden Kraftprobe. Trotz großer Entbehrungen der Bewohner hielt Sanaa dem Ansturm stand; republikanische Einheiten und loyal gebliebene Stammesverbände schlugen bis Februar 1968 die Angriffe zurück, sodass die Belagerung scheiterte. Die königstreuen Truppen hatten hohe Verluste erlitten und waren kriegsmüde. Imam al-Badr selbst ging daraufhin ins Exil nach Saudi-Arabien, Die Republikaner hatten den Krieg effektiv für sich entschieden.

Frieden

Der Bürgerkrieg endete schließlich 1970 mit einem politischen Kompromiss zwischen den Konfliktparteien. Bereits 1968/69 hatten in der Stadt Khamir Gespräche zwischen Vertretern der gemäßigten republikanischen Regierung unter al-Iryani und Stammesführern der Royalisten stattgefunden. Diese Verhandlungen mündeten im Frühjahr 1970 in einer nationalen Versöhnungsvereinbarung, oft als Kompromiss von 1970 bezeichnet. Kernpunkte waren die Anerkennung der Republik durch die Royalisten und die Integration früherer Royalisten in die Regierung und Armee Nordjemens. Im Gegenzug garantierten die Republikaner, keine Mitglieder der königlichen Familie zu verfolgen, schlossen aber eine Wiederherstellung der Monarchie kategorisch aus. Saudi-Arabien, das den Royalisten fast acht Jahre den Rücken gestärkt hatte, erkannte am 1. Juli 1970 die Republik Nordjemen offiziell an und stellte sämtliche Unterstützung für die Imamisten ein.[2]

Saudi-Arabien begann der jungen Republik wirtschaftliche Hilfe zu leisten, um sie wirtschaftlich und politisch an sich zu binden. Die letzten noch im Feld befindlichen royalistischen Milizen legten nach und nach die Waffen nieder oder schlossen sich den regulären Streitkräften der Republik an. Der entthronte Imam Muhammad al-Badr blieb zwar im saudischen Exil und gab seinen dynastischen Anspruch niemals formal auf, hatte aber de facto keine Machtbasis mehr. Mit dem Friedensschluss kehrte in Nordjemen relativ stabile Ruhe ein, wenngleich vereinzelte lokale Fehden zwischen Stämmen noch fortdauerten. Die Jemenitische Arabische Republik begann sich zu konsolidieren und wandte sich dem Wiederaufbau zu.

Nachwirkungen

Langfristig markierte der Bürgerkrieg von 1962–1970 einen tiefgreifenden Wandel in der jemenitischen Geschichte. Die Jemenitische Arabische Republik etablierte sich dauerhaft im Norden, während parallel 1967 im Süden nach dem Abzug der Briten die marxistische Volksrepublik Südjemen (später DVR Jemen) entstand. Viele der traditionellen Stammesführer und politischen Eliten des Imams blieben jedoch einflussreich und arrangierten sich mit der Republik, was zu einer informellen Machtteilung führte. Nordjemen blieb in den 1970er Jahren ein fragiler Staat, erholte sich aber langsam dank finanzieller Hilfe seiner Nachbarn und Einnahmen durch jemenitische Gastarbeiter im reichen Saudi-Arabien. Die Narben des Bürgerkriegs – in Form von gesellschaftlicher Fragmentierung, militarisierten Stämmen und unzähligen Waffen im Umlauf – beeinflussten die jemenitische Politik noch Jahrzehnte weiter. Trotz allem bildete der erfolgreiche republikanische Umsturz von 1962 die Grundlage für den modernen Jemen: Er beendete eine feudale Theokratie und leitete einen (wenn auch mühseligen) Übergang zu modernen staatlichen Strukturen ein, der letztlich 1990 in der Vereinigung von Nord- und Südjemen mündete. Ab 2015 kam es jedoch zu einem weiteren Krieg im Jemen, der erneut zu ausländischer Intervention und einer de-facto Teilung des Landes führte.[8]

Kriegsschäden

Der achtjährige Bürgerkrieg hatte verheerende Folgen für Nordjemen. Neben den bereits erwähnten hohen Opferzahlen von geschätzten 100.000 bis 200.000 Toten[4], trug der Konflikt zu einer erheblichen sozioökonomischen Rückentwicklung des Landes bei. Viele Dörfer und Ackerflächen waren durch Kämpfe verwüstet, Bewässerungsanlagen zerstört und der Handel kam jahrelang fast vollständig zum Erliegen. Eine ganze Generation jemenitischer Kinder wuchs während des Krieges ohne Schulbildung auf, und Krankheiten breiteten sich mangels Gesundheitsversorgung aus. Die humanitären Organisationen – allen voran der Rote Kreuz – berichteten von katastrophalen Zuständen in entlegenen Gebieten, in denen bis zu 80 % der Kriegsverletzten an unbehandelten Wunden starben.[9] Hunderttausende Menschen wurden im eigenen Land vertrieben oder flohen vorübergehend ins Ausland (vor allem nach Saudi-Arabien und in den Südjemen), was die demografischen Strukturen in manchen Regionen veränderte.

Ausländische Intervention

Ägypten

Die Vereinigte Arabische Republik (Ägypten unter Gamal Abdel Nasser) spielte die entscheidende ausländische Rolle im Konflikt. Motiviert von Nassers Panarabismus und dem Wunsch, monarchistische Regime in der Region zurückzudrängen, unterstützte Kairo ab 1962 die jemenitischen Republikaner massiv. Anfangs entsandte Ägypten Ausbilder, Waffen und Kampfflugzeuge, kurz darauf komplette Bodentruppen. Im Verlauf des Krieges waren zeitweise 40.000–70.000 ägyptische Soldaten in Nordjemen stationiert.[2] Ägypten übernahm faktisch die Kriegführung für die Republikaner: Ägyptische Offiziere leiteten die Operationen, und Nasser steuerte die Strategie aus Kairo. Dennoch unterschätzte man die Schwierigkeiten des Guerillakriegs im jemenitischen Bergland. Die ägyptische Armee geriet in einen langwierigen Abnutzungskrieg und verlor mindestens 10.000 Mann.[10] Außenpolitisch isolierte die Intervention Ägypten und der Einsatz von Gilftgas zeitweise in der arabischen Welt (Saudi-Arabien und Jordanien opponierten offen). Mit dem Sechstagekrieg 1967 zog Ägypten seine Truppen abrupt ab, ohne sein Kriegsziel (einen gefestigten pro-nasseristischen Jemen) erreicht zu haben.

Im Nachhinein wurde die Intervention Ägyptens als strategisches Desaster angesehen und als „Nassers Vietnam“ bezeichnet.[11] Viele Historiker sehen in diesem „verlorenen Krieg“ einen wesentlichen Grund für die Schwächung der ägyptischen Armee, was Israels durchschlagenden Sieg im Juni 1967 erleichterte. Der kostspielige Einsatz in Jemen trug so zum Prestigeverlust Nassers bei und band Ressourcen, die in der Konfrontation mit Israel fehlten.[8][4]

Arabische Monarchien

Saudi-Arabien betrachtete die Revolution im Nachbarland von Anfang an als Bedrohung. König Saud (später Faisal) fürchtete, Nassers republikanisch-sozialistische Ideologie könne auch die eigene Bevölkerung anstecken und die Monarchie gefährden. Daher unterstützte Riad Imam al-Badr umgehend mit Geld, Waffen und logistischer Hilfe. Über die kaum gesicherte Nordgrenze gelangten saudische Finanzmittel und Munition zu den Aufständischen.[2] Saudi-Arabien diente zudem als Rückzugsraum für die Royalisten: Imam al-Badr und Gefolgsleute operierten zeitweise von saudi-arabischem Territorium aus, verwundete Kämpfer wurden dort medizinisch versorgt. Auch Jordanien beteiligte sich im begrenzten Umfang: König Hussein entsandte Ausrüstung und stand dem Imam politisch bei, da er solidarisch die monarchische Staatsform erhalten wollte.

Saudi-Arabien fungierte überdies als Finanzier internationaler Söldner: In den 1960ern heuerte Riad ehemalige britische Militärs und andere Experten an, um die royalistischen Kräfte zu beraten.[2] Die saudische Unterstützung erreichte ihren Höhepunkt 1964–66, ebbte dann aber schrittweise ab, als klar wurde, dass auch ein lang andauernder Krieg die Republikaner nicht mehr vertreiben konnte. Ab 1968 verlegte sich Saudi-Arabien darauf, eine Verhandlungslösung herbeizuführen, und nutzte seinen Einfluss auf die Royalisten, um diese zur Aufgabe der Idee einer Rückkehr des Imams zu bewegen.

Saudi-Arabien ging aus dem Konflikt letztlich strategisch gestärkt hervor. Das Königreich hatte die Etablierung einer radikal-revolutionären Republik an seiner Grenze verhindert und konnte durch seine finanziellen Ressourcen das neue Regime in Sanaa zu seinen Gunsten formen.

Supermächte

Die beiden Supermächte des Kalten Krieges spielten im Jemen-Krieg nur indirekt mit. Die Sowjetunion unterstützte Ägypten politisch und militärisch, da sie Nassers panarabisches Projekt förderte. Moskau erkannte die Republik Jemen bereits am 30. September 1962 (einen Tag nach Kairo) diplomatisch an und lieferte in den Folgejahren Waffen und Ausrüstung, meist über Ägypten als Vermittler. Zeitweise entsandte die UdSSR auch Militärberater nach Sanaa. Nachdem Ägypten 1967 ausschied, intensivierte die Sowjetunion ihre Hilfe: 1968 organisierte sie eine Luftbrücke zur republikanischen Armee und setzte sogar sowjetische Piloten für Transporte und Aufklärungsflüge ein.[2]

Die USA wiederum standen vor einem Dilemma: Einerseits wollten sie ihren Verbündeten Saudi-Arabien und Großbritannien nicht verprellen, andererseits bemühten sie sich unter Präsident Kennedy um eine Entspannung mit Nasser. Washington entschied sich Ende 1962, die jemenitische Republik offiziell anzuerkennen[12], um Ägypten gewogen zu bleiben. Zugleich versuchten die USA, vermittelnd einzugreifen: Amerikanische Emissäre (wie Ellsworth Bunker) initiierten 1963 Gespräche zwischen Saudi-Arabien und Ägypten, die letztlich in das UN-Disengagement-Abkommen mündeten. Militärisch blieben die USA neutral, leisteten aber begrenzte Wirtschaftshilfe an das republikanische Regime in Sanaa, um Stabilität zu fördern und einen völligen sowjetischen Einfluss zu verhindern.

Großbritannien

Großbritanniens Rolle im Jemenkrieg war komplex. Offiziell hielt sich London aus dem Konflikt heraus, war jedoch als Kolonialmacht in Aden (Südjemen) direkt betroffen. Das Königreich Jemen hatte historisch Gebietsansprüche auf Aden erhoben, und Nasser agitierte propagandistisch gegen die britische Präsenz am Golf von Aden. Die britische Regierung befürchtete, ein von Ägypten gestütztes republikanisches Regime in Nordjemen könnte die antikoloniale Aufstandsbewegung im benachbarten Südjemen (Aden) anfachen. Daher neigte London dazu, die royalistischen Kräfte im Norden inoffiziell zu begünstigen und führte einige Militäraktion gegen den Nordjemen durch, um seine Gebiete im Südjemen zu verteidigen, wollte allerdings keinen direkten Krieg mit Ägypten riskieren. Aden wurde 1967 schließlich geordnet geräumt und der Südjemen unabhängig.

Israel

Eine ungewöhnliche ausländische Intervention erfolgte durch Israel. Obwohl Israel offiziell kein Teil des Konflikts war, verfolgte es die Entwicklungen genau, da Ägyptens Engagement im Jemen die Kräfteverhältnisse im arabisch-israelischen Konflikt beeinflusste. Nachrichtendienstliche Kontakte führten dazu, dass Israel ab Mitte der 1960er eine geheime Allianz mit Saudi-Arabien und den Royalisten einging. Unter strengster Geheimhaltung organisierte der israelische Auslandsgeheimdienst (Mossad) in den Jahren 1964–66 mehrere nächtliche Waffenabwürfe per Flugzeug über Royalisten-Gebiet. Diese Operationen – finanziert indirekt durch saudische Gelder über Dritte – lieferten den bedrängten Imam-Truppen Gewehre, Munition und medizinisches Material und trugen dazu bei, deren Niederlage hinauszuzögern.[4]

Israel verfolgte damit eigennützige Ziele: Gemäß der Devise „Der Feind meines Feindes ist mein Freund“ sollte der Krieg in Jemen verlängert werden, um Nassers Ägypten militärisch zu schwächen. Tatsächlich zeigte sich der israelische Generalstab zufrieden, man erreichte, dass Ägypten enorme finanzielle und personelle Verluste im Jemen auf sich nehmen musste. In Jerusalem waren viele davon überzeugt, dass diese Schwächung der ägyptischen Streitkräfte 1967 den israelischen Sieg begünstigte.[4] Die für beide Seiten heikle Zusammenarbeit mit Saudi-Arabien wurde erst in den 1980er Jahren bekannt.

Einzelnachweise

  1. Jemen Bundeszentrale für politische Bildung
  2. a b c d e f g h i j k l m North Yemen Civil War (1962-1970). Abgerufen am 26. Oktober 2025.
  3. Malcolm H. Kerr: The Arab Cold War: Gamal ʼAbd Al-Nasir and His Rivals, 1958-1970. Royal Institute of International Affairs, 1971, ISBN 978-0-19-501475-4 (google.de [abgerufen am 26. Oktober 2025]).
  4. a b c d e Covert Israeli Intervention in the Yemeni Civil War between 1964 and 1966
  5. a b cedcotter: The ICRC in Yemen: 60 years of work for the Yemeni people. In: Cross-Files | ICRC Archives, audiovisual and library. 6. März 2023, abgerufen am 26. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  6. The Siege of San'a - TIME. Archiviert vom Original am 15. Dezember 2008; abgerufen am 26. Oktober 2025.
  7. Mark N. Katz: Middle Eastern Sketches. Bloomsbury Academic, 1997, ISBN 978-0-7618-0776-6 (google.de [abgerufen am 26. Oktober 2025]).
  8. a b Yemen: The sixty year war
  9. THE INTERNATIONAL COMMITTEE'S ACTION IN THE YEMEN Rotes Kreuz
  10. Atlantic Council: Egypt and Yemen 53 Years Later. In: Atlantic Council. 8. April 2015, abgerufen am 26. Oktober 2025 (amerikanisches Englisch).
  11. Dominik Peters: Gamal Abdel Nasser: Der letzte Pharao. In: Der Spiegel. 15. Januar 2018, ISSN 2195-1349 (spiegel.de [abgerufen am 26. Oktober 2025]).
  12. History of US-Yemen relations