Nizaqete Bislimi

Nizaqete Bislimi (* 1979 in Lipjan[1] im Kosovo als Nizaqete Bislimi-Hošo) ist eine deutsche Rechtsanwältin, Fachanwältin für Ausländerrecht und Asylrecht, Buchautorin[2] und Vorsitzende des Bundes Roma Verbands.[3] Bislimi gehört der Volksgruppe der Roma an.[4]

Studium

Bislimi machte ihr Abitur und studierte Jura an der Universität Bochum. Dort schrieb sie sich nach dem Abitur ein und absolvierte später auch ihre Staatsexamen, während sie als Asylbewerberin in Deutschland lebte.[5]

Leben & Werdegang

Bislimi, die unter anderem von ihrer Mutter "Niza" genannt wird,[6][7] hatte eine schwierige Kindheit, welche unter anderem in höchstem Maße von Angst geprägt war. Auch sämtliche Hindernisse und Ungewissheiten dominierten. Im Jahre 1993, im Alter von 14 Jahren, kam sie als Flüchtling mit ihren Eltern während des Bosnienkrieges aus dem Kosovo nach Deutschland. Der Familie Bislimi-Hošo drohte eine Abschiebung.

Wie Bislimi sagte, stellten sie einen Asylantrag, welcher zunächst abgelehnt wurde. Der Familie sei allerdings der negative Bescheid des Bundesamtes nicht ordnungsgemäß zugestellt worden, woraufhin sie einen Bescheid der Ausländerbehörde erhielten, in dem sie aufgefordert wurden Deutschland zu verlassen.

Mit diesem Bescheid gingen sie zu einem Rechtsanwalt, welcher einen Asylfolgeantrag stellte. Nach Ablehnung der Prüfung, welche einige Zeit in Anspruch nahm, ging die Familie Bislimi-Hošo gerichtlich vor. In diesem Verfahren sei der Bescheid in einem Asylfolgeverfahren aufgehoben worden und der Bescheid im Asylerstverfahren ordnungsgemäß zugestellt worden. Die Familie erhob gegen diesen Bescheid erfolgreich Klage, denn wegen des Krieges im Kosovo wurden sie aufgrund der Erlasslage in Nordrhein-Westfalen geduldet.

Bislimi hatte zunächst den Eindruck, dass man sie und ihre Familie in Deutschland gar nicht haben wolle, was sowohl der Familie Bislimi-Hošo von der behördlichen Seite wie auch von der menschlichen vermittelt wurde, sagte Bislimi. Ihre Mutter wollte damals zuerst gar keinen Asylantrag stellen, hatte sich jedoch letztendlich anders entschieden. Anfang der 1990er-Jahre gab es viele Bewegungen gegen asylsuchende Menschen, Brandanschläge wie etwa in Solingen und Hoyerswerda, aber auch übliche Stammtischparolen wie beispielsweise "das Boot ist voll" – derartige Begebenheiten stellten für Bislimi eine besondere Herausforderung dar. Die Familie Bislimi-Hošo lernte aber auch viele andere Menschen kennen, die ihnen gegenüber offen und aufgeschlossen waren und sie Jahre lang unterstützten.

Als Teenager erlebte Bislimi unter anderem, dass sie anders, zum Beispiel abfälliger behandelt wurde als die deutschen Kinder. Die Familie Bislimi-Hošo wurde am äußersten Stadtrand in einem Heim untergebracht. Um in die Stadt zu kommen, mussten sie mit dem Bus fahren, wo es auch Probleme gab – beispielsweise hatten es Deutsche gemieden, neben Bislimi Platz zu nehmen. Als Bislimi mit ihrer Familie bei der Caritas Kleidung holte, setzte sich das fort – immer wurden sie eigenartig beäugt. Ein direkter Kontakt zu den direkten Nachbarn bestand auch nicht. Die Nachbarn schienen beispielsweise von der ständigen Nutzung der Telefonzelle eher genervt gewesen zu sein. Je nach Quellenangabe hatte Bislimi jede nacht Albträume. Sie wurde vergewaltigt, gejagt verfolgt, ihre Beine wurden ausgerissen etc.[8] Des Weiteren wurde sie unter anderem mit Stöcken bedroht und als "Zigeunerin" beschimpft.[9]

Die Ausländerbehörde erteilte Bislimi eine Aufenthaltserlaubnis erst nach dem 1. Staatsexamen im Jahr 2006. Zuvor war sie während ihrer vollständigen Schulzeit und ihres vollständigen Studiums an der Ruhr-Universität Bochum lediglich geduldet.[10]

Heute ist Bislimi Fachanwältin für Ausländer- und Asylrecht. Ihr Kanzleisitz befindet sich in Essen.[11] Ihre Mandanten aus dem Balkan können auch heute nicht von einer Willkommenskultur berichten, sagte Bislimi. Denn es existiere leider eine Einteilung zwischen "guten" und "schlechten" Flüchtlingen. Zum Beispiel sei mal eine Mandantin aus dem Balkan bei ihr in der Kanzlei gewesen, die ihr berichtet habe, dass sie in der Gemeinschaftsunterkunft keine Beratung bekam, da dort angenommen wurde, dass sie sowieso in Kürze ausreisen würde, wenn man sie nicht abschieben würde. Man wolle lieber syrischen Flüchtlingen helfen. Bislimi sagte, dass sie jene Unterteilung entschieden ablehnt. Sie erlebe Menschen, die sich sowohl für Geflüchtete aus Serbien, Kosovo, Mazedonien oder Albanien wie auch für Geflüchtete aus Afghanistan, dem Irak oder Syrien engagieren. Diese Einteilung bezeichnete Bislimi als gesamtgesellschaftliches Problem und machte auch die Politik dafür verantwortlich. Die Politik würde das tagtäglich vorleben. Sogar die Bundeskanzlerin würde das tun, wenn sie von "Menschen mit guter Bleiberechtsperspektive" und "Menschen ohne Bleiberechtsperspektive" spricht. Viele Politiker würden die Geflüchteten aus dem Westbalkan generell als "Wirtschaftsflüchtlinge" kategorisieren. Das sei für die Gesellschaft kontraproduktiv. Bislimis Ansicht nach sollten die Menschen von der Politik geführt und nicht unterteilt und gespalten werden, denn das würde Stigmata auch innerhalb der Geflüchteten schaffen und sie gegeneinander aufhetzen. Auf die Spitze getrieben würde das irgendwann beispielsweise dazu führen, dass ein Syrer einem Roma vorwirft, er nehme ihm den Platz in Deutschland ungerechtfertigt weg. Wenn dieser politische Diskurs so fortgesetzt werde, dann sei das kein unwahrscheinliches Szenario.

Es sei auch schon vorgekommen, dass die Anwältin vor Gericht Erfahrungen mit einer bestimmten Arten von Rassismus gemacht habe. Als Beispiel nannte sie einen Fall einer Romni, die mit plausiblen Gründen darzulegen versucht habe, weshalb sie in Deutschland Schutz suche. Der Richter habe nur gemeint: "Sie sagt ja immer das gleiche." und sich sehr unbeeindruckt gezeigt. Bislimi verwies zudem auf die Pressemeldungn vom Verwaltungsgericht Düsseldorf. Da werde von "sinnentleerten Verfahren" gesprochen, was sich auf die Verfahren von Geflüchteten aus dem Westbalkan beziehe. Für sie sei das eine subtile Art von Rassismus. Bislimi würde sich wünschen, dass Personen, welche beispielsweise Unterkünfte in Brand setzen, genauso hart verfolgt werden, wie gegen sogenannte Schlepper vorgegangen wird.

Bislimi ist auch Vorsitzende des Bundes Roma Verbands. Aufgrund von Vorurteilen gegenüber Roma bekannte sie sich in der Öffentlichkeit erst spät zu ihrer Identität. Um das nötige Selbstvertrauen für diesen Schritt zu entwickeln, musste sie erst Jura studieren und Anwältin werden. Ab und zu erlebe sie auch heute noch als Juristin Anfeindungen und erhalte Hassmails. Onlinekommentare lese sie nicht.

Bislimi sagte, dass sie Deutschland dankbar sei. Dennoch übte sie Kritik wie mit den Menschen umgegangen wird. Denn Deutschland habe die Möglichkeit es den geflüchteten Menschen schwer zu machen oder sie willkommen zu heißen. Denn in keinem der beiden Fälle würden die Menschen gehen. Dennoch empfinde sie tiefe Dankbarkeit, denn womöglich wäre sie nicht mehr am Leben, wenn sie nicht hier wäre.

Bislimi sagte, sie kenne Dozenten an Universitäten, Studenten, Unternehmer, Ärzte etc., die der Bevölkerungsgruppe der Roma angehören, sich aber wegen der üblichen Vorurteile nicht dazu bekennen, vor allem weil sie ihre Kinder schützen wollen.[12] Mit dem Antiziganismus gebe es fatalerweise immer noch einen ganz besonderen Rassismus gegenüber Roma, meinte Bislimi und gab auch hier den Politikern die größte Schuld, weil diese mit Parolen wie "wer betrügt, der fliegt" oder "Wirtschaftsflüchtlinge" um sich werfen würden. Damit werden alte Ressentiments bestätigt, so Bislimi. Bislimi lehnt den Begriff Zigeuner ab, da es eine abfällige Fremdenbezeichnung sei und der Machtausübung durch Stigmatisierung diene. Man sollte sich dessen bewusst sein, dass unter diesem Begriff Menschen getötet und verfolgt wurden, meinte sie.

Bislimi teilte die Auffassung bezüglich der Verbrechen der NSU, dass der Verfassungsschutz auf dem rechten Auge blind gewesen war. Wer die Verfahren verfolgt hatte, der könne zu gar keinem anderen Schluss kommen. Ganz im Gegenteil, dies zu verneinen wäre aus ihrer Sicht naiv. In dem Fall der ermordeten Polizeibeamtin Michèle Kiesewetter in Heilbronn sei eingangs im "Zigeunermilieu" ermittelt worden. Leider gebe es die Akten heute nicht mehr – sie seien geschreddert worden. "Was soll man dazu noch sagen?", fragte die Anwältin.[13]

Bislimi ist Buchautorin und schrieb das Buch "Durch die Wand". Sie berichtet in diesem Buch, welches am 24. September 2015 im DuMont-Verlag erschien, unter anderem über ihre Lebensgeschichte, darunter die Zeit in Flüchtlingsunterkünften und wie es ihr gelang, sich in Deutschland ein neues Leben aufzubauen.[14][15]

Einladungen in Fernsehtalkshows (Maischberger / Illner)

Bislimi bezeichnete das Ruhrgebiet heute als ihre Heimat. Die Juristin ist das beste Beispiel dafür, wie sich Flüchtlinge, mit Furchtlosigkeit, Hartnäckigkeit und Kraft durchkämpfen. Seit geraumer Zeit schreiben unzählige Zeitungen über sie. Sie wird in Fernsehtalkshows eingeladen. Ihre Stimme wird gehört.[16] So wurde sie zum Beispiel im Jahr 2012 von Sandra Maischberger in ihre Sendung Menschen bei Maischberger eingeladen. Andere eingeladene Gäste waren die gerade wiedergewählte Parteivorsitzende Claudia Roth von Bündnis 90/Die Grünen, der bayerische Innenminister Joachim Hermann (CSU), der Bürgerrechtsaktivist und Vorsitzende des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma Romani Rose, der serbische Asylbewerber Damir Kovani und der stellvertretende Chefredakteur der Schweizer Weltwoche Philipp Gut. Das Thema lautete "Feindbild Sinti und Roma: Sind wir zu intolerant?". Bislimi erzählte in kurzen Zusammenfassungen von ihrem Leben, ihrer Kindheit und diskutierte heftig mit Herrmann und Gut, sie waren in keinem Punkt einer Meinung. Roth und vor allem Rose waren hingegen nahezu immer Bislimis Meinung. Als Maischberger Bislimi fragte, ob sie etwas dagegen hat und ob es sie stört, wenn man sie "Zigeunerin" nennt, antwortete Bislimi, dass sie schon alleine die Frage stört.[17][18][19]

Am 3. September 2015 war Bislimi zu Gast bei Maybrit Illner in ihre Sendung. Die anderen Gäste waren der Ministerpräsident des Freistaates Thüringen Bodo Ramelow (Die Linke), der Abgeordnete des Deutschen Bundestages Wolfgang Bosbach (CDU), der ungarische Diplomat und Botschafter József Czukor und der Publizist und parteilose Politiker Wolfram Weimer. Diese Sendung befasste sich mit der Frage, welche Asylbewerber in Deutschland bleiben können und welche nicht, weshalb das Thema "Guter Flüchtling, böser Flüchtling" lautete. Weil man Bislimi nur selten zu Wort kommen ließ, gab es hier TV-Kritik, zumal sie die einzige Person in dieser Runde war, die eine derartige Erfahrung gemacht hatte.[20][21][22][23]

Politik

Bislimi ist 1. Vorsitzende des Bundes Roma Verbands und somit auch politisch engagiert.[24][25]

Bücher

Einzelnachweise

  1. GALORE Interviews – NizaqeteBislimi geboren in Lipjan
  2. Amazon.de Nizaqete Bislimi "Durch die Wand"
  3. Bundes Roma Verband – Vorsitzende NizaqeteBislimi
  4. WELT – Nizaqete Bislimi
  5. Deutschlandfunk Kultur – Nizaqete Bislimi
  6. WELT – Niza, wie ihre Mutter sie nennt
  7. Deutsche Anwaltsauskunft – Die kleine „Niza“, so ihr Rufname
  8. Süddeutsche Zeitung – Nizaqete Bislimi hatte in dieser Zeit jede Nacht Albträume. Sie wurde verfolgt, gejagt, vergewaltigt, ihre Arme wurden ausgerissen, die Beine ...
  9. Deutsche Anwaltsauskunft – Nizaqete Bislimi
  10. GALORE Interviews –NizaqeteBislimi
  11. SPIEGEL – Heute ist Nizaqete Bislimi 36 Jahre alt und Anwältin in Essen.
  12. WELT – Nizaqete Bislimi – Es gibt viele erfolgreiche Roma in Deutschland“, sagt Bislimi. „Ich persönlich allein kenne Dozenten an Universitäten, Studenten, Unternehmer, ..
  13. Planet Interview – Nizaqete Bislimi
  14. BuchMarkt – Nizaqete Bislimi, ehemals Asylbewerberin aus dem Kosovo, heute Flüchtlingsanwältin in Essen. Ihre Lebensgeschichte Durch die Wand erscheint am 24. September im DuMont Verlag.
  15. Thalia – "Durch die Wand" von Nizaqete Bislimi
  16. Deutschlandfunk Kultur – Viele Zeitungen haben über Nizaqete Bislimi geschrieben, sie wird in Fernsehtalkshows eingeladen, ihre Stimme wird gehört.
  17. Nizaqete Bislimi bei Maischberger zu Gast
  18. WELT – Roth streit bei Maischberger an der Seite der Roma
  19. BILD – Maischberger-Talk mit Nizaqete Bislimi
  20. Frankfurter Allgemeine – TV-Kritik Maybrit Illner: Gute und Böse Flüchtlinge – Leider kam Nizaqete Bislimi nur selten zu Wort. Sie ist Rechtsanwältin und beschäftigt sich mit dem Asylrecht.
  21. Süddeutsche Zeitung – Maybrit Illner zu Flüchtlingen – Medien – Anwältin Nizaqete Bislimi
  22. SPIEGEL – Bei der jüngsten Illner-Runde ging es um Flüchtlinge. Und was fragte die Moderatorin die Flüchtlings-Anwältin Nizaqete Bislimi, ...
  23. SPIEGEL – Maybrit Illner: Talk über Flüchtlinge (...) – Nizaqete Bislimi
  24. Bundes Roma Verband – Erste Vorsitzende ist die Rechtsanwältin Nizaqete Bislimi-Hošo
  25. Bundes Roma Verband
  26. BÜCHER VON NIZAQETE BISLIMI