Zentralrat Deutscher Sinti und Roma

Der Zentralrat Deutscher Sinti und Roma mit Sitz in Heidelberg ist die bundesweite politische Interessenvertretung der in Deutschland lebenden Sinti und Roma deutscher Staatsbürgerschaft. Er setzt sich darüber hinaus auch auf europäischer Ebene für die Rechte und Belange von Sinti und Roma ein.

Geschichte

Nachdem der 1958 in Mannheim ins Leben gerufene Verband und Interessengemeinschaft rassisch Verfolgter nichtjüdischen Glaubens deutscher Staatsbürger, der sich für die Strafverfolgung der NS-Verbrechen und die Anerkennung von Sinti und Roma als Opfergruppe eingesetzt hatte, die Arbeit 1968 nach dem Tod des Mitgründers Oskar Rose eingestellt hatte, führten Vinzenz Rose und Oskar Roses Sohn Romani Rose die Arbeit mit dem Verband Deutscher Sinti fort. Angeregt durch die internationale Vernetzung kam es in den 1970er Jahren zu Erfolgen beim Schaffen medialer und politischer Aufmerksamkeit für das Schicksal der Minderheit. Im Februar 1982 gründeten wesentliche Akteure der sich in den vorangegangenen Jahren formierten Bürgerrechtsbewegung den Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Vorsitzender ist seitdem Romani Rose.[1] Ehrenvorsitzender war bis zu seinem Tod Franz Rosenbach.[2] Ein Jahr nach der Gründung des Zentralrats gründete sich 1983 in Hamburg die Rom und Cinti Union, die sich stärker als der Zentralrat auf die Situation der v. a. aus Osteuropa geflohenen Roma einsetzte.[3]

Handlungsfelder, politische Erfolge

Am 17. März 1982 empfing der damalige Bundeskanzler Helmut Schmidt eine Delegation des Zentralrats. Er erkannte in völkerrechtlich bedeutsamer Weise die nationalsozialistischen Verbrechen an den Sinti und Roma als Völkermord aus rassischen Gründen an. Seither führt der Zentralrat Gespräche mit der Bundes- und den Landesregierungen zum Schutz vor Diskriminierung und zur Förderung als nationale Minderheit. Außerdem fördert er das Gedenken an die Opfer des Völkermords an den Sinti und Roma, die Aufklärung und Dokumentation über die begangenen NS-Verbrechen und die Entschädigung der Überlebenden.[4]

Struktur

Der Verein ist der politische Dachverband von 17 Mitgliedsvereinen, den neun Landesverbänden und mehreren weiteren Zusammenschlüssen. Der Zentralrat trägt das Dokumentations- und Kulturzentrum Deutscher Sinti und Roma in Heidelberg, ein bedeutendes Kulturzentrum und zugleich ein Archiv für den Völkermord an den Sinti und Roma. Der Zentralrat wird mit jährlich rund 500.000 Euro aus Mitteln des Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien gefördert.[7]

Mitgliedsvereine

Mitgliedsvereine sind:[8]

  • Bremer Sinti-Verein e. V.
  • Bremerhavener Sinti-Verein
  • Landesverein der Sinti in Hamburg
  • Verein Deutscher Sinti Minden
  • Landesverband Deutscher Sinti und Roma Berlin-Brandenburg
  • Verband Deutscher Sinti und Roma
  • Landesverband Deutscher Sinti und Roma Nordrhein-Westfalen
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Hessen)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Saarland)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Rheinland-Pfalz)
  • Landesvertretung Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg (Sinti Powerclub e. V.)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma (Landesverband Bayern)
  • Verband Deutscher Sinti und Roma – Landesverband Schleswig-Holstein
  • Sinti-Union Freiburg
  • Verband der Sinti und Roma in Karlsruhe
  • Verband Deutscher Sinti, Bundesverband
  • Verein der katholischen Roma e. V.
  • Verein der vereinigten polnischen katholischen Roma
  • Verein zur Förderung von Kultur und Handwerk – Sinti-Werkstatt Landau

Der Verband Deutscher Sinti und Roma Landesverband Baden-Württemberg war bis 2021 Mitglied im Zentralrat Deutscher Sinti und Roma. Danach wurde die Landesvertretung Deutscher Sinti und Roma Baden-Württemberg Mitglied.

Staatsvertrag mit dem Freistaat Bayern

Am 20. Februar 2018 unterzeichnete der bayerische Ministerpräsident Horst Seehofer einen Vertrag mit dem Verband Deutscher Sinti und Roma, dem bayerischen Landesverband des Zentralrats. Knapp drei Jahre nach einem einstimmigen Beschluss des Bayerischen Landtags erfüllte die Staatsregierung den Auftrag. Für den Verband Deutscher Sinti und Roma unterschrieb der Landesvorsitzende Erich Schneeberger. Mit dem Vertrag sollen das Geschichtsbewusstsein im Bundesland sowie die Aufklärung über und die Förderung von Toleranz gegenüber Minderheiten in den Mittelpunkt öffentlicher Aufmerksamkeit gerückt werden. Darüber hinaus regelt der Vertrag eine finanzielle Förderung des Verbandes durch die Staatsregierung neu. Bislang waren die Zuweisungen des Landes an den Verband freiwillige Leistungen, in Zukunft eine Vertragspflicht.

Der Vertragsabschluss sei für die Sinti und Roma „von zentraler Bedeutung“ und habe großen Einfluss auf ihre Gleichstellung sowie den Erhalt ihrer Kultur und Tradition, sagte Schneeberger. „Mit der Vertragsunterzeichnung setzen wir ein historisches Zeichen“, äußerte Seehofer. Bayern bekennt sich damit zu seiner politisch-historischen Verantwortung gegenüber den Sinti und Roma, die lange Zeit zu den vergessenen Opfern der nationalsozialistischen Gewaltherrschaft zählten.[9]

Siehe auch

Film

  • Peter Nestler (Regie): Unrecht und Widerstand. Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung (… der Sinti und Roma) Dokumentarfilm, D, 2022, 112 Min.[10]

Einzelnachweise

  1. Daniela Gress: Nachgeholte Anerkennung. Sinti und Roma als Akteure in der bundesdeutschen Erinnerungskultur. In: Organisiertes Gedächtnis. Wallstein Verlag, 2022, ISBN 978-3-8353-4838-7, S. 425–458, doi:10.5771/9783835348387-425 (nomos-elibrary.de [abgerufen am 16. April 2023]).
  2. Wir trauern um Franz Rosenbach, Nachruf des Zentralrats, abgerufen am 24. Juni 2018
  3. Anne Klein: „Wir haben ein Recht stolz zu sein.“ Die Emanzipationsbewegung der Roma und Sinti in der Bundesrepublik Deutschland, 1950–1983. In: Inclusive City: Überlegungen zum gegenwärtigen Verhältnis von Mobilität und Diversität in der Stadtgesellschaft. Springer Fachmedien, Wiesbaden 2016, ISBN 978-3-658-09539-0, S. 279–298, doi:10.1007/978-3-658-09539-0_17.
  4. Historie des Zentralrats Deutscher Sinti und Roma, auf zentralrat.sintiundroma.de, abgerufen am 23. Juni 2018
  5. Europäischer Bürgerrechtspreis der Sinti und Roma: Preisträger (Memento des Originals vom 11. Februar 2012 im Internet Archive)  Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.@1@2Vorlage:Webachiv/IABot/www.buergerrechtspreis.de, auf www.buergerrechtspreis.de, abgerufen am 23. Juni 2018
  6. Roma Routes About Us (Memento vom 21. Dezember 2014 im Internet Archive)
  7. Kunst- & Kulturförderung – Nationale Minderheiten, beim Beauftragten der Bundesregierung für Kultur und Medien, abgerufen am 24. Juni 2018
  8. Liste der Namen und der Sitze der Mitgliedsorganisationen, auf zentralrat.sintiundroma.de, abgerufen am 4. Mai 2023
  9. Seehofer unterzeichnet Vertrag zwischen Bayern und Sinti und Roma, München Live TV Fernsehen, 20. Februar 2018
  10. Unrecht und Widerstand – Romani Rose und die Bürgerrechtsbewegung. PM des Senders ZDF zum Dokumentarfilm von Nestler, ZDF, 25. Juli 2022. Film in der Mediathek dort abrufbar.