Nina Wassiljewna Smirnowa

Nina Wassiljewna Smirnowa (russisch Нина Васильевна Смирнова; * 1896 in Sibirien, Russisches Kaiserreich; † 1931 in Leningrad, UdSSR) war eine russische Schriftstellerin.

Leben und Wirken

Nina Smirnowa stammte aus einer Kaufmannsfamilie in Sibirien, ohne eine umfassendere Schulbildung. Ihre erste Erzählung veröffentlichte sie 1913 in einer sibirischen Zeitschrift in Tomsk, weitere ab 1922 in verschiedenen Zeitschriften. 1927 erschien ihr erster Erzählband, 1929 ihr erster Roman Marfa, der autobiographisch gefärbt war und auch in einer deutschen und einer englischen Übersetzung erschien. Sie veröffentlichte auch zwei Kinderbücher.

In den Werken von Nina Smirnowa wird vor allem ein einfaches ländliches Leben geschildert, mit seinen Schönheiten und Schattenseiten, wenig beeinflusst von der sowjetischen Moderne. Ihre Frauengestalten streben nach einem selbstbestimmten Leben, erleben aber auch viel Gewalt bis hin zu Mord und Selbstmord.[1] Ihre Darstellungsweise ist von den Werken Korolenkos beeinflusst und hat Ähnlichkeit mit den ungeschönten realistischen Lebensbeschreibungen Gorkis, der sich über sie auch wohlwollend geäußert hat. In ihrem letzten Roman Zepi (1930) schilderte sie die Versuche einer jungen Frau aus bürgerlichen Verhältnissen, sich in der neuen sowjetischen Stadt zurechtzufinden. Ihr früher Tod 1931 verhinderte eine weitere schriftstellerische Entwicklung.[2]

Maxim Gorki schrieb 1927 in einem Brief über sie

„Außerdem hat mir auch eine gewisse Nina Smirnowa gefallen, eine originelle Erscheinung mit einer eigenen Sprache, einem eigenen Thema, leider wiederholt sie es fast in allen ihren Erzählungen.“[3]

Marfa

Der Roman Marfa (1929) beschreibt die Entwicklung einer jungen Kaufmannstochter, die von einem Erbe lebt, und daher ein Leben ohne gesellschaftliche Konventionen führen kann. Er wurde als einziges Werk von Nina Smirnowa in das Deutsche übersetzt und erhielt dort mehrere begeisterte Rezensionen. Der Klappentext des Erich Reiß Verlages versprach eine Nomadin der Liebe, die in der Einsamkeit des Herzens endet, das Werk sei mit den großen Romanen des norwegischen Dichters Knut Hamsun zu vergleichen.

Der Literaturrezensent Paul Elbogen pries eine neue geniale Dichterin und große Balladendichterin (..) es gibt da Szenen (...) deren Genialität so heftig erstrahlt, daß man für Sekunden die Augen schließen muß. Er bestätigte eine gewisse Ähnlichkeit mit den Werken Pan und Segen der Erde von Knut Hamsun, aber: Diese restlose Konglomerierung von Lyrik mit Dramatik gelingt nur den Russen.[4] Lutz Weltmann nannte den Roman das überraschendste und nachhaltigste Buch über eine Frau, das in der letzten Zeit erschienen sei.[5] Auch er sah eine Ähnlichkeit mit Pan, denn

„so heidnisch groß steht das russische Mädchen, Kind eines Ehebruchs, in der Landschaft (...), ein Überweib, reißend in seiner Leidenschaft wie ein Raubtier und unschuldig in seiner Vitalität wie ein Geschöpf des Paradieses. Sie kann ihrem Trieb ganz leben, als Erbin eines Reichen dem sozialen Dasein nicht eingeordnet, dem Gerede der Umgebung entrückt, (...) animalisch an ihren Kindern hängend, (...) bis die große Leere kommt, das Welken und Verdorren.“

Der Literaturkritiker W. L. schrieb von einer fast märchenhaft losgelösten Lebensgeschichte, deren Heldin aus Gorkis Schule zu stammen scheint.[6]

„Die „große Unruhe“ dieser Frau, die weder in der Rolle der Geliebten, noch der der Mutter Befriedigung findet, und schließlich in ihrer Einsamkeit ausgelöscht wird, wächst aus der Landschaft heraus und geht wieder in sie ein. Die Verfasserin hat ein elementares Stück russischer Seele entdeckt und wie einen bunten Teppich vor dem Leser ausgebreitet.“

Es gab weitere Rezensionen.[7] In einigen wurde die teilweise nicht besonders hohe sprachliche Qualität der Übersetzung von Erich Boehme bedauert.[8] Der Roman wurde auch in den Literatursendungen der Funkstunden in Berlin und Leipzig besprochen.[9][10] Die englische Übersetzung Marfa (1932) von Malcolm Burr im Verlag Boriswood erhielt ebenfalls wohlwollende Rezensionen, wie with extraordinary beauty.[11]

Einzelnachweise

  1. Нина Васильевна Смирнова Русская Литература и Фольклор
  2. Смирнова Нина Васильевна Библиотека сибирского краеведения, mit einigen Angaben zu Werk und Person
  3. Brief von Maxim Gorki an Leonid Leonow vom 31. Dezember 1927, in Maxim Gorki. Briefwechsel mit sowjetischen Schriftstellern, de Gruyter, 1984, S. 310
  4. Der Querschnitt, 1931, Heft 12, S. 860f.
  5. Das literarische Echo, 1931, S. 251f., Sammelrezension über fünf neu erschienene Romane über Frauen
  6. Osteuropa, 7, 1931/1932, S. 366
  7. Die Neue Rundschau, 1932, S. 844 (kurze Auszüge)
  8. Weltmann, S. 252, und andere
  9. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 5. März 1932, Rückumschlag; mit Ankündigung der Literatursendung in Leipzig am 11. März 1932 (ganz unten rechts)
  10. Börsenblatt für den Deutschen Buchhandel vom 7. Mai 1932 Rückumschlag (ganz oben links), Funkstunde Berlin, Sendung Frauen-Romane von Dr. Fritz Engel am 17. Mai 1932
  11. The Saturday Review, 1932, p. 649 (kurze Auszüge), mit einer ausführlicheren Rezension