Montenegrinisch-serbische Beziehungen

Montenegrinisch-serbische Beziehungen
Montenegro Serbien
Montenegro Serbien

Die Montenegrinisch-serbische Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Montenegro und Serbien. Die beiden Länder haben eine tiefgreifende historische und kulturelle Verbindung, die in ihrer jahrhundertelangen gemeinsamen Geschichte verwurzelt ist. Die Völker Serbiens und Montenegros teilen gemeinsame kulturelle Traditionen, darunter die Religion (die Mehrheit in beiden Ländern gehört der serbisch-orthodoxen Kirche an) und die Sprache (die überwiegende Mehrheit in Serbien und eine relative Mehrheit in Montenegro sprechen Serbisch als Muttersprache). Serbien und Montenegro waren im 20. Jahrhundert mehrfach in einem gemeinsamen Staatsverband vereint, zuletzt bis zur Unabhängigkeit Montenegros im Jahr 2006. Heute bestehen zwischen Montenegro und Serbien offizielle diplomatische Beziehungen (seit Juni 2006) sowie enge politische, wirtschaftliche und kulturelle Kontakte. Eine unterschiedliche Orientierung besteht allerdings in der Außenpolitik, wo Montenegro sich 2017 der NATO angeschlossen hat und eine stark prowestliche Außenpolitik betreibt.

Geschichte

Frühe Geschichte

Das Königreich Duklja war ein mittelalterliches südslawisches Staatswesen (10.–12. Jahrhundert) mit Zentrum im heutigen Montenegro rund um den Skadar-See und Zeta. Byzantinische Quellen, wie beispielsweise die von Johannes Skylitzes, bezeichneten die Herrscher von Duklja (z. B. Stefan Vojislav) als „Führer der Serben“, was auf einen serbischen ethnischen Charakter hindeutet. In Montenegro wird Duklja häufig als Vorläufer späterer montenegrinischer Staatswesen angesehen, während die serbische Geschichtsschreibung ihn überwiegend als serbischen Staat ansieht. Die meisten Historiker sind sich einig, dass Duklja zumindest teilweise ein serbischer Staat war, auch wenn seine genaue Zugehörigkeit und Identität bis heute umstritten bleibt.[1]

Im späten 11. und frühen 12. Jahrhundert wurde Duklja aufgrund interner Streitigkeiten und byzantinischer Interventionen geschwächt. Raška entwickelte sich zum führenden serbischen Staat. Duklja, zunehmend als Zeta bezeichnet, wurde nach und nach in den Einflussbereich von Raška eingegliedert und war Ende des 12. Jahrhunderts vollständig in das serbische Königreich (ausgerufen 1217) und später in das serbische Reich unter Stefan Dušan integriert. Zeta wurde von serbischen Adligen oder königlichen Erben regiert, wie beispielsweise Dušans Sohn Stefan Uroš, der den Titel „König von Zeta“ trug. Nach dem Tod von Stefan Dušan im Jahr 1355 zerfiel das Serbische Reich. Zeta erlangte unter lokalen Dynastien wie der Adelsfamilie Balšić, die als serbische Herrscher regierten, aber ihre eigene Politik verfolgten, wieder eine gewisse Eigenständigkeit.[2]

Im 15. Jahrhundert sahen sich sowohl Zeta als auch Serbien der Expansion des Osmanischen Reiches gegenüber. Zeta, unter der Herrschaft der Adelsfamilie Crnojević, bewahrte seine Unabhängigkeit länger als Serbien, das 1459 an die Osmanen fiel. Die Herrscher von Zeta suchten die Unterstützung Venedigs und Ungarns, pflegten aber weiter das orthodoxe Kulturerbe. Obwohl Montenegro nominell unter osmanische Oberhoheit geriet, ermöglichten ihm sein bergiges Gelände und seine Stammesorganisation, de facto seine Autonomie zu bewahren und sich unter der serbischen Familie Petrović-Njegoš (von 1697 bis 1918 Herrscher über Montenegro) der direkten osmanischen Kontrolle zu widersetzen. Dank seiner Autonomie konnte Montenegro als Symbol des Widerstands gegen die osmanische Herrschaft fungieren und die Serben im osmanisch kontrollierten Serbien inspirieren.

Unabhängigkeit von Serbien und Montenegro

Montenegro erlangte gemeinsam mit Serbien auf dem Berliner Kongress 1878 die völkerrechtliche Anerkennung als unabhängiger Staat. Fürst (ab 1910 König) Nikola I. von Montenegro verstand sich selbst als Serbe und pflegte enge Beziehungen zu Serbien. Schon vor dem Ersten Weltkrieg wurde in beiden Ländern die Idee einer Vereinigung diskutiert, fand jedoch bis 1918 keine Umsetzung, auch aufgrund des Widerstands von Österreich-Ungarn. Nach Kriegsende 1918 und dem Ende der österreichisch-ungarischen Besetzung beider Länder setzte die montenegrinische Nationalversammlung in Podgorica König Nikola ab und beschloss die sofortige Vereinigung Montenegros mit Serbien zum neu entstehenden Königreich der Serben, Kroaten und Slowenen. Diese Entscheidung wurde von den unionstreuen „Weißen“ befürwortet, stieß jedoch bei den sogenannten „Grünen“ (Anhänger der montenegrinischen Eigenstaatlichkeit) auf Widerstand; am 7. Januar 1919 initiierten die „Grünen“ einen bewaffneten Aufstand (Weihnachtsaufstand), der rasch niedergeschlagen wurde. Dennoch blieb in Teilen der montenegrinischen Bevölkerung Unmut über den Verlust der Eigenstaatlichkeit bestehen.[3]

Jugoslawische Zeit

In den 1920er und 1930er Jahren hatte Montenegro keinen besonderen politischen oder administrativen Status innerhalb des Königreichs Jugoslawien.[4] Montenegro gehörte ab 1929 zur Banovina Zeta, die Montenegro, Süddalmatien, Ostherzegowina sowie die Regionen Sandžak und Metohija umfasste. Diese Verwaltungsstruktur schwächte die historische Identität Montenegros. Im April 1941, nach dem Einmarsch der Achsenmächte in Jugoslawien, wurde Montenegro von Italien besetzt, das eine Marionettenregierung unter nomineller montenegrinischer Führung, aber italienischer Kontrolle, einrichtete. Obwohl die Italiener beabsichtigt hatten, ein quasi-unabhängiges montenegrinisches Königreich zu gründen, wurden diese Pläne bald endgültig aufgegeben. Im Montenegro waren sowohl königstreue Tschetniks als auch die kommunistischen Partisanen aktiv, wobei viele ehemalige Grüne die Kommunisten unterstützten, in der Hoffnung auf ein autonomes Montenegro in der Nachkriegszeit, während Weiße eher bei den Tschetniks zu finden waren.

In der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) nach 1945 bildete Montenegro als eigene Teilrepublik einen konstituierenden Staat; die kommunistische Führung förderte bewusst eine montenegrinische Identität als eigenständigen Zweig der südslawischen Nationen. Der sozialistische Rahmen betonte die Einheit Jugoslawiens, erkannte jedoch gleichzeitig die Montenegriner als eigenständige ethnische Gruppe an, die sich von den Serben unterschied und über eigene kulturelle Institutionen verfügte. Die zugrunde liegenden Probleme im Zusammenhang mit der montenegrinischen Identität und der wahrgenommenen Vorherrschaft Serbiens wurden dadurch jedoch nicht vollständig gelöst. Das vormals sehr arme Montenegro profitierte wirtschaftlich vom jugoslawischen Bundesstaat; zahlreiche Montenegriner zogen nach Belgrad und bekleideten dort wichtige Positionen in Verwaltung und Streitkräften.[3]

Mit dem Zerfall Jugoslawiens 1991 verblieb Montenegro zunächst in einem gemeinsamen Staat mit Serbien: In einem umstrittenen Referendum von 1992 sprach sich eine formale Mehrheit der Bevölkerung für den Fortbestand der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) aus. In der zweiten Hälfte der 1990er Jahre distanzierte sich die montenegrinische Führung unter Milo Đukanović (ursprünglich ein Verbündeter von Milošević) zunehmend vom Belgrader Regime Slobodan Miloševićs, womit eine internationale Isolierung Montenegros verhindert wurde. Mit westlicher Unterstützung verfolgte Montenegro einen eigenständigen Kurs: Es erklärte sich im Kosovokrieg 1999 für neutral, führte die Deutsche Mark als Währung ein und baute schrittweise eigene staatliche Strukturen wie Zollverwaltung, Zentralbank und Außenministerium auf.[3]

Serbien und Montenegro

Nach dem Sturz von Milošević in Belgrad 2000 begann Đukanović die volle Unabhängigkeit Montenegros zu unterstützten. Die eigene Bevölkerung war jedoch gespalten und international blieben die Reaktionen darauf eher verhalten. Auf Vermittlung der EU einigten sich Belgrad und Podgorica 2002 auf das Belgrader Abkommen: Der jugoslawische Bundesstaat wurde in eine lockere Staatenunion Serbien und Montenegro umgewandelt, mit der Vereinbarung, dass nach drei Jahren ein Referendum über die Unabhängigkeit Montenegros abgehalten werden dürfe.[3] Als diese Frist 2006 ablief, wurde unter EU-Vermittlung ein Unabhängigkeitsreferendum in Montenegro durchgeführt: Am 21. Mai 2006 stimmten 55,5 % der Wähler für die Loslösung von Serbien und erreichten damit knapp die erforderliche qualifizierte Mehrheit. Serbien erkannte die Unabhängigkeit an und beide Staaten etablierten diplomatische Beziehungen.[5]

Beziehungen seit 2006

Ein Konfliktpunkt in den Folgejahren war Montenegros Anerkennung der Unabhängigkeitserklärung des Kosovo im Oktober 2008, die von Serbien scharf kritisiert wurde; Belgrad verwies daraufhin den montenegrinischen Botschafter des Landes.[6] Beide Länder pflegen jedoch pragmatische politische Beziehungen, obwohl sich ihre außenpolitische Ausrichtung zunehmend unterscheidet. Montenegro verfolgt eine pro-westliche Ausrichtung, trat 2017 der NATO bei und strebt die Mitgliedschaft in der Europäischen Union an, während Serbien eine neutralere Haltung einnimmt und gute Kontakte zu Russland und der Volksrepublik China unterhält.

Für Streitigkeiten sorgten weiterhin gelegentlich Fragen der nationalen Identität und der Status der serbisch-orthodoxe Kirche in Montenegro. Im Jahr 2019 verabschiedete das Parlament von Montenegro ein Gesetz zur Religionsfreiheit, das religiöse Organisationen dazu verpflichtet, den Besitz von Immobilien, die sie vor 1918 erworben hatten, nachzuweisen oder diese an den Staat zu übertragen. Die serbisch-orthodoxe Kirche sah darin einen Angriff auf ihr Vermögen, ihre Kirchen und Klöster und das Gesetz löste massive Demonstrationen aus, angeführt von der serbisch-orthodoxen Kirche und pro-serbischen politischen Parteien, bei denen Zehntausende in ganz Montenegro auf die Straße gingen.[7][8] Diese Proteste wurden von der serbischen Regierung und den Medien stark unterstützt, die das Gesetz als „anti-serbisch“ darstellten, während Montenegro Serbien vorwarf, sich in seine inneren Angelegenheiten einzumischen Nach 2020 änderte die neue montenegrinische Regierung unter Führung pro-serbischer Parteien das Religionsgesetz, um die Bedenken der serbisch-orthodoxen Kirche auszuräumen.[9]

Wirtschaftsbeziehungen

Serbien ist Montenegros bedeutendster Handelspartner und steht sowohl als Lieferant von Importgütern als auch als Abnehmer montenegrinischer Exportprodukte an erster Stelle. Im Jahr 2021 betrug der bilaterale Warenhandel rund 900 Millionen Euro, wovon etwa 820 Mio. € auf serbische Exporte nach Montenegro entfielen. Beide Länder sind Mitglieder der mittel- und südosteuropäischen Freihandelszone CEFTA, was ihren gegenseitigen Marktzugang erleichtert. Serbische Unternehmen investieren umfangreich in Montenegro – der Gesamtwert ihrer Investitionen wird auf rund 400 Mio. € geschätzt – und über 1.500 in Montenegro registrierte Firmen haben serbische Gründer oder Eigentümer. Zur Förderung der Wirtschaftskooperation gründeten Unternehmer beider Länder 2011 einen gemeinsamen Wirtschaftsklub, dem inzwischen rund 120 Firmen aus Serbien und Montenegro angehören.[10]

Politische und kulturelle Verflechtungen

Die politischen Kontakte zwischen Montenegro und Serbien sind eng. Seit 2006 wurden über 60 bilaterale Abkommen geschlossen, die die Zusammenarbeit in zahlreichen Bereichen regeln. Dazu zählen Vereinbarungen über wirtschaftliche Kooperation (2009), gemeinsame Konsultationen im EU-Integrationsprozess (2013), gegenseitige konsularische Vertretung im Ausland (2013) sowie ein Verteidigungsabkommen (2007).[10] Kulturell teilen Montenegro und Serbien viele Gemeinsamkeiten. Beide Gesellschaften sind mehrheitlich serbisch-orthodox geprägt und verwenden traditionell das kyrillische Alphabet; aufgrund solcher Gemeinsamkeiten wurden Montenegriner historisch teils als „Bergserben“ angesehen, und viele Montenegriner betrachteten sich selbst als Serben. Diese Nähe zwischen Serbien und Montenegro führt zu sporadischen Debatten über die ethnische und sprachliche Identität Montenegros, wobei sich alles um die zentrale Frage dreht, ob die Montenegriner im Wesentlichen dasselbe Volk wie die Serben sind oder eine eigenständige ethnische Gruppe bilden.[11]

Trotz dieser Verbundenheit gibt es auch Debatten um Eigenständigkeit: Bis 1920 unterstand die montenegrinische Orthodoxie einem eigenen Metropoliten und wurde erst dann in das Patriarchat der Serbischen Orthodoxen Kirche eingegliedert. Neben der serbisch-orthodoxen Kirche, die in Montenegro dominant ist, gibt es auch eine Montenegrinisch-orthodoxe Kirche, die von den übrigen orthodoxen Kirchen nicht anerkannt ist. Außerdem wird die in Montenegro gesprochene Standardsprache heute als Montenegrinisch bezeichnet und offiziell als eigene Amtssprache neben dem Serbischen geführt, obwohl die Varianten weiterhin gegenseitig verständlich sind. Die montenegrinische Aussprache ist allerdings näher am Kroatischen als am Serbischen.[11]

Commons: Montenegrinisch-serbische Beziehungen – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Centre for Advanced Medieval Studies-Centar za napredne srednjovekovne Studije: Initial. A Review of Medieval Studies 11 (2023) – Summaries in English. (academia.edu [abgerufen am 20. September 2025]).
  2. Milan Mišić, ed. (2005). Енциклопедија Британика - сажето издање, књига 8, С [Britannica pocked encyclopaedia, Vol. 8, S. 102]
  3. a b c d Montenegro | The Princeton Encyclopedia of Self-Determination. Abgerufen am 20. September 2025 (englisch).
  4. Nakon 1918. godine Crna Gora je bila marginalizovana. Abgerufen am 20. September 2025 (sr-Latn-ME).
  5. Montenegro gets Serb recognition. 15. Juni 2006 (bbc.co.uk [abgerufen am 20. September 2025]).
  6. Montenegro, Kosovo Establish Relations. In: Radio Free Europe/Radio Liberty. 15. Januar 2010 (rferl.org [abgerufen am 20. September 2025]).
  7. U Crnoj Gori stupio na snagu Zakon o slobodi vjeroispovijesti. In: Radio Slobodna Evropa. (slobodnaevropa.org [abgerufen am 20. September 2025]).
  8. Debatte um das Religionsgesetz in Montenegro Konrad-Adenauer-Stiftung
  9. Montenegro: Neue Regierung ändert Religionsgesetz - Vatican News. 14. Dezember 2020, abgerufen am 20. September 2025.
  10. a b Montenegro | Ministry of Foreign Affairs. Abgerufen am 20. September 2025 (englisch).
  11. a b Montenegro - Slavs, Orthodox, Adriatic | Britannica. 13. September 2025, abgerufen am 20. September 2025 (englisch).