Bosnisch-herzegowinisch-serbische Beziehungen
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Die Bosnisch-herzegowinisch-serbischen Beziehungen sind das zwischenstaatliche Verhältnis zwischen Bosnien und Herzegowina und Serbien. Das Verhältnis beider Länder geprägt von einer langen gemeinsamen Vergangenheit, Phasen enger staatlicher Verbundenheit im 20. Jahrhundert sowie den Nachwirkungen des Bosnienkrieges in den 1990er Jahren. Beide Länder teilen vielfältige kulturelle und gesellschaftliche Verflechtungen und unterhalten intensive wirtschaftliche Kontakte. Nach der Auflösung Jugoslawiens und dem Konflikt der 1990er wurden die Beziehungen schrittweise normalisiert. Eine besondere Beziehung besteht zwischen Serbien und der serbisch-bosnischen Republika Srpska. Insgesamt sind knapp ein Drittel der Bevölkerung von Bosnien und Herzegowina ethnische Serben. Zu Spannungen hat allerdings seit den 2010er Jahren der wachsende Sezessionismus in der Republika Srpska geführt, der im Widerspruch zum Abkommen von Dayton steht und von der nationalistischen Vučić-Regierung teilweise gefördert wurde.
Geschichte
Mittelalter und osmanische Zeit
Im Mittelalter existierten in Bosnien und in Serbien eigenständige Fürstentümer und Königreiche, deren Gebiete zeitweise unter byzantinischer, ungarischer oder serbischer Oberhoheit standen. Nach Phasen relativer Eigenständigkeit geriet das mittelalterliche Bosnien im 13. Jahrhundert erneut unter serbischen Einfluss, bevor es Ende des 13. Jahrhunderts eine eigene Banovina und später ein Königreich ausbildete. Kulturell bestanden viele Gemeinsamkeiten, aber auch Unterschiede (z. B. Bogomilismus in Bosnien).[1] Angesichts der osmanischen Expansion verbündeten sich bosnische und serbische Truppen im 14. Jahrhundert, etwa in der Schlacht auf dem Amselfeld 1389, bei der König Tvrtko I. eine bosnische Streitmacht an der Seite Serbiens gegen die Osmanen kämpfen ließ. Trotz des gemeinsamen Widerstands wurden bis Ende des 15. Jahrhunderts sowohl Serbien (1459) als auch Bosnien (1463 in seinem Kerngebiet, 1482 endgültig auch die Herzegowina) vom Osmanischen Reich erobert und dessen Herrschaft unterstellt.[2] In der osmanischen Zeit entwickelte Bosnien eine multireligiöse Gesellschaft mit einem hohen Anteil muslimischer Slawen (Bosniaken), während Serbien auch unter osmanischem Einfluss überwiegend christlich-orthodox blieb. Im 19. Jahrhundert erkämpfte sich Serbien schrittweise die staatliche Unabhängigkeit (formell anerkannt 1878), während Bosnien und Herzegowina 1878 auf dem Berliner Kongress dem Verwaltungsmandat Österreich-Ungarns unterstellt wurde und damit die osmanische Ära endete.[1] Nationalistische Serben waren damit unzufrieden, da es unter der entstehenden Ideologie des Jugoslawismus die Vereinigung aller Südslawen unter serbischer Führung forderten, was 1914 das Attentat auf Franz Ferdinand in Sarajevo durch den serbischen Nationalisten Gavrilo Princip auslöste.
Gemeinsame Staatlichkeit im 20. Jahrhundert
Nach dem Ersten Weltkrieg wurden Serbien und Bosnien-Herzegowina Teil des neu gegründeten Königreichs der Serben, Kroaten und Slowenen (ab 1929 Königreich Jugoslawien) unter einer serbischen Monarchie. Der Versuch, einen einheitlichen südslawischen Nationalstaat zu formen, wurde durch anhaltende ethnische Spannungen erheblich erschwert. Während es nach anhaltenden Spannungen einen 1939 einen serbisch-kroatischer Ausgleich gab, bei der einige Gebiete des heutigen Staates Bosnien und Herzegowina an eine autonome Banschaft Kroatien fielen, wurden die Interessen der muslimischen Bosniaken weitgehend ignoriert. Im Zweiten Weltkrieg zerfiel Jugoslawien infolge der Besetzung durch die Achsenmächte; Bosnien und Herzegowina geriet unter die Kontrolle des mit NS-Deutschland verbündeten Ustaša-Regimes im Unabhängigen Staat Kroatien, während Serbien von einer deutschen Besatzungsverwaltung regiert wurde.[1]
Nach 1945 wurde Bosnien und Herzegowina in der Sozialistischen Föderativen Republik Jugoslawien (SFRJ) – ebenso wie Serbien – zu einer der sechs konstitutiven Teilrepubliken. Innerhalb Titos Jugoslawien galt Bosnien-Herzegowina aufgrund seiner gemischten Bevölkerung (Muslime/Bosniaken, Serben, Kroaten) und hohen Zahl an Mischehen als „Jugoslawien im Kleinen“ und Zentrum multiethnischer Koexistenz, insbesondere in der Hauptstadt Sarajevo.[3] Die gemeinsamen Jahrzehnte in einem Staat führten zu engen politischen, wirtschaftlichen und gesellschaftlichen Verflechtungen zwischen Serben und Bosniaken. Gegen Ende der 1980er Jahre allerdings untergruben aufkommende nationalistische Bewegungen und ökonomische Krisen zunehmend den inneren Zusammenhalt Jugoslawiens.[4]
Zerfall Jugoslawiens und Bosnienkrieg
Mit der Auflösung Jugoslawiens Anfang der 1990er strebte Bosnien und Herzegowina die Unabhängigkeit an, was 1992 in einem Referendum (boykottiert von der serbischen Bevölkerungsgruppe) bestätigt wurde. Die bosnischen Serben lehnten die Loslösung von Jugoslawien jedoch ab und proklamierten mit militärischer Unterstützung der Jugoslawischen Volksarmee und Serbiens eine eigene „Republik Srpska“ auf bosnischem Territorium. Es folgte der Bosnienkrieg (1992–1995), der als blutigster der Jugoslawienkonflikte gilt. Er forderte über 100.000 Menschenleben und vertrieb rund 2 Millionen Menschen, mehr als die Hälfte der Vorkriegsbevölkerung Bosniens. Die von Serbien und der Belgrader Führung unterstützten bosnisch-serbischen Truppen brachten zeitweise über 60 % Bosniens unter ihre Kontrolle und verübten systematische Vertreibungen und Massaker an Nicht-Serben, besonders berüchtigt wurde das Massaker von Srebrenica bei dem über 8.000 bosniakische Männer und Jungen im Sommer 1995 durch Truppen unter dem Befehl von Ratko Mladić ermordet wurden.[4]
Nach einem Eingreifen der NATO aufseiten der bosnischen und kroatischen Kräfte wurde im Dezember 1995 durch das Abkommen von Dayton beendet.[4] Bestandteil des Dayton-Vertrags war die gegenseitige völkerrechtliche Anerkennung zwischen der Bundesrepublik Jugoslawien (Serbien und Montenegro) und der Republik Bosnien und Herzegowina als souveräne Staaten innerhalb ihrer bestehenden Grenzen. Bosnien und Herzegowina blieb demnach als Gesamtstaat erhalten, wurde jedoch in zwei hochautonome Entitäten (die Föderation BiH und die Republika Srpska) gegliedert. Serbien verpflichtete sich im Abkommen, die territoriale Integrität Bosniens zu respektieren und jegliche Einmischung in dessen innere Angelegenheiten zu unterlassen.[5]
Beziehungen nach 2000
Erst nach dem Sturz des Regimes von Slobodan Milošević in Belgrad wurden schließlich im Dezember 2000 knapp fünf Jahre nach Dayton formelle diplomatische Beziehungen aufgenommen und erstmals gegenseitig Botschafter ernannt. In den folgenden Jahren bemühten sich beide Staaten um Normalisierung und Vertrauensaufbau. Es kam zu hochrangigen bilateralen Kontakten und ersten Gesten der Versöhnung: So entschuldigte sich 2003 mit Svetozar Marović erstmals ein führender Politiker Serbiens (als Präsident von Serbien-Montenegro) offiziell in Sarajevo für das den Bosniern im Krieg zugefügte Leid.[6] Im Jahr 2010 verabschiedete das serbische Parlament eine Erklärung, die das Massaker von Srebrenica scharf verurteilte und sich bei den Angehörigen der Opfer für unterlassenes Handeln entschuldigte.[7] Im selben Jahr nahm mit Präsident Boris Tadić auch erstmals ein serbisches Staatsoberhaupt an der Gedenkzeremonie in Srebrenica teil, was als wichtige Geste der Annäherung gewertet wurde.[8] 2011 verkündete dieser "engste Freundschaft" mit Bosnien zu suchen.[9]
2015 fand in Sarajevo eine erste gemeinsame Kabinettssitzung der Regierung Serbiens und des bosnischen Ministerrats statt – ein symbolträchtiger Schritt zur Verbesserung der bilateralen Zusammenarbeit. Dennoch bestehen nach wie vor Herausforderungen im Verhältnis. Insbesondere die engen Beziehungen Belgrads zur Republika Srpska werden von bosniakischer Seite mit Misstrauen beobachtet, da Serbien und die RS 2006 ein Abkommen über besondere parallele Beziehungen schlossen.[10] Die serbische Regierung hält zwar offiziell am Prinzip der Nichteinmischung fest, jedoch löst die politische Rückendeckung, die sie der serbischen Entität in Bosnien gewährt, immer wieder Spannungen innerhalb Bosniens aus, besonders nachdem das Parlament der Republika Srpska 2021 beschloss, sich vom Justiz- und Steuersystem sowie von der Armee von Bosnien und Herzegowina abzukoppeln und 2023 auch verkündete, das bosnische Verfassungsgericht nicht mehr anzuerkennen.[11] Der wachsende Nationalismus der bosnischen Serben löste Befürchtungen vor einer neuen Bosnienkrise aus.[12] Dies belastete entsprechend die bosnisch-serbischen Beziehungen.[13]
Wirtschaftsbeziehungen
Beide Staaten sind seit 2007 Mitglieder des Mitteleuropäischen Freihandelsabkommens (CEFTA), was den gegenseitigen Warenverkehr begünstigt. Serbien und Bosnien-Herzegowina zählen heute zu den wichtigsten Handelspartnern einander. Das bilaterale Handelsvolumen wächst kontinuierlich und erreichte 2019 rund 1,96 Milliarden €. Bosnien-Herzegowina war in jenem Jahr der drittgrößte Exportmarkt Serbiens und stand insgesamt an fünfter Stelle der serbischen Außenhandelspartner. Wechselseitige Investitionen haben ebenfalls zugenommen: Bosnische Unternehmen investierten zwischen 2010 und 2018 über 110 Mio. € in Serbien, während serbische Firmen – allen voran Telekom Srbija – bis 2018 rund 2 Mrd. € in Bosnien-Herzegowina investierten. Ein bilaterales Investitionsschutz-Abkommen aus dem Jahr 2001 sowie zahlreiche weitere Verträge (u. a. über konsularische Zusammenarbeit und Katastrophenschutz) bilden die vertragliche Grundlage für die wirtschaftlichen Beziehungen.[10]
Politische und kulturelle Verflechtungen
Zwischen den Bevölkerungen beider Länder bestehen vielfältige kulturelle, sprachliche und familiäre Verflechtungen. So lebt eine große serbische Volksgruppe in Bosnien-Herzegowina, und umgekehrt gibt es in Südserbien (Region Sandschak) eine bosniakische Minderheit. Im Rahmen des Dayton-Abkommens sind besondere parallele Beziehungen zwischen Serbien und der Republika Srpska explizit erlaubt; 2006 unterzeichneten Belgrad und Banja Luka hierzu einen Vertrag, der die institutionalisierte Zusammenarbeit auf allen Ebenen festschreibt. Heute bestehen normale diplomatische Kontakte zwischen Bosnien-Herzegowina und Serbien, Grenzübertritte sind visumsfrei möglich und der zivilgesellschaftliche Austausch ist rege. Die Amtssprachen Bosnisch und Serbisch sind de facto Varianten derselben serbokroatischen Sprache, was den kulturellen Austausch erleichtert. Zugleich sind die Narben des Krieges noch spürbar: Unterschiedliche Sichtweisen auf die Kriegsvergangenheit und die Verantwortlichkeite belasten bisweilen das zwischenstaatliche Klima, ebenso der serbische Sezessionismus in Bosnien.
Diplomatische Vertretungen
- Bosnien und Herzegowina hat eine Botschaft in Belgrad und ein Generalkonsulat in Novi Pazar.
- Serbien hat eine Botschaft in Sarajevo und Generalkonsulate in Banja Luka und Mostar sowie Konsularbüros in Drvar und Trebinje.
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Botschaft von Serbien in Sarajevo
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Generalkonsulat von Serbien in Banja Luka
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Generalkonsulat von Serbien in Mostar
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c The History of Bosnia and Herzegovina Bundesheer
- ↑ Bosnia and Herzegovina - Ottoman, Yugoslav, War | Britannica. 6. August 2025, abgerufen am 25. September 2025 (englisch).
- ↑ Jens Becker/Ina Kulić; Zwischen Ethnonationalismus und Vergangenheitspolitik - Bosnien und Herzegowina 30 Jahre nach dem Bosnienkrieg
- ↑ a b c The Conflicts | International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia. Abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ The General Framework Agreement for Peace in Bosnia and Herzegovina – Office of the High Representative. Abgerufen am 25. September 2025 (britisches Englisch).
- ↑ Ian Traynor: Serb leader says sorry to Bosnia. In: The Guardian. 14. November 2003, ISSN 0261-3077 (theguardian.com [abgerufen am 25. September 2025]).
- ↑ Serbian Parliament's Srebrenica Apology Hailed, Criticized Radio Free Europe / Radio Liberty
- ↑ Reuters: Serbian PM to attend Srebrenica genocide commemoration. Abgerufen am 25. September 2025 (englisch).
- ↑ Serbien will "engste Freundschaft" zu Bosnien. 6. Juli 2011, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ a b Bosnia and Herzegovina | Ministry of Foreign Affairs. Abgerufen am 25. September 2025 (englisch).
- ↑ Katharina James, AFP: Bosnien-Herzegowina: Bosnische Serben erkennen Verfassungsgericht nicht mehr an. In: Die Zeit. 28. Juni 2023, ISSN 0044-2070 (zeit.de [abgerufen am 25. September 2025]).
- ↑ deutschlandfunk.de: Bosnien und Herzegowina - Droht ein neuer Krieg auf dem Balkan? 12. März 2025, abgerufen am 25. September 2025.
- ↑ sarajevo_times: Relations between Serbia and BiH are at the lowest possible Level ever. In: Sarajevo Times. 9. Dezember 2023, abgerufen am 25. September 2025 (amerikanisches Englisch).