Mithridates (Satrap im Partherreich)
Mithridates (griech. Μιθριδάτης, fl. ca. 35 n. Chr.[1]) war nach den Antiquitates Judaicae des jüdischen Historikers Flavius Josephus ein parthischer Satrap unter Artabanos III. (ca. 10–40 n. Chr.) und zugleich dessen Schwiegersohn.[2]
Er trat im Zusammenhang mit den Auseinandersetzungen mit dem jüdisch-babylonischen Rebellen Anilaios[3] in Erscheinung. Dieser war ursprünglich, ebenso wie sein Bruder Asinaios, ein einfacher Handwerker gewesen. Gemeinsam erhoben die Brüder sich jedoch an die Spitze eines Banditenheeres und etablierten über mehrere Jahre hinweg in Teilen Mesopotamiens eine faktisch autonome, von der parthischen Krone geduldete Herrschaft.[4] Nach dem Tod seines Bruders Asinaios übernahm Anilaios die alleinige Führung und begann, die Ländereien des Mithridates zu überfallen und zahlreiche Güter, Sklaven und Vieh von dort fortzuführen.[5]
Mithridates sammelte daraufhin eine Reitertruppe und führte einen Gegenangriff. Zunächst versuchte er, die Schlacht auf den jüdischen Sabbat zu legen, um die Gegner in religiöser Passivität zu überraschen – eine Taktik, die bereits zuvor von anderen Satrapen erfolglos angewandt worden war.[6] Doch Anilaios erhielt durch einen syrischen Informanten Kenntnis von dem Plan, überfiel in der Nacht Mithridates’ Lager, tötete viele seiner Männer und nahm den Satrapen gefangen.[7] Anschließend wurde Mithridates nackt auf einen Esel gesetzt und umhergeführt – für die Parther ein Zeichen äußerster Schmach.[8] Dennoch wurde er auf Anilaios’ Befehl nicht getötet, da dieser fürchtete, dass der Tod eines königlichen Verwandten das gesamte babylonische Judentum gefährden würde. Mithridates wurde daraufhin wieder freigelassen.[9]
Nach seiner Rückkehr erlebte Mithridates laut Josephus eine schwere Demütigung durch seine Ehefrau, die ihn wegen der erlittenen Schmach verhöhnte und ihm drohte, ihn zu verlassen, falls er nicht erneut gegen den Juden ins Feld zöge.[10]
Unter diesem Druck sammelte Mithridates erneut Truppen und zog abermals gegen Anilaios.[11] Diesmal gelang ihm der Sieg: In der Hitze eines langen Marsches überfiel er das erschöpfte Heer der Rebellen, tötete Tausende und vertrieb den Rest.[12] Der Sieg des Mithridates beendete die Unabhängigkeit des Herrschaftsgebietes des Rebellen und leitete die Rückkehr der parthischen Kontrolle über die Region ein. Anilaios selbst kam kurz darauf durch Verrat ums Leben.[13] Nach seinem Tod entbrannten blutige Unruhen gegen die jüdischen Gemeinden Babyloniens.[14]
Anmerkungen
- ↑ Für die zeitliche Eingrenzung vgl. Brent D. Shaw: Tyrants, Bandits and Kings. Personal Power in Josephus. In: Journal of Jewish Studies 44 (1993), S. 176–204, hier: S. 183.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (353). Für eine kurze Übersicht über seine Biographie siehe Fritz Geyer: Mithridates 28. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE), Bd. XV,2, Stuttgart 1932, Sp. 2213.
- ↑ Zu diesem vgl. insbes. Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,1–4 (314–339). Zum Zusammenspiel halb- und semistaatlicher Akteure am Randbereich des Banditentums mit der Zentralgewalt im Partherreich siehe ausführlich Richard Fowler: Kingship and Banditry. The Parthian Empire and Its Western Subjects. In: Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers, hrsg. v. Tessa Rajak u. a., Berkeley u. a. 2008, S. 147–162; Brent D. Shaw: Tyrants, Bandits and Kings. Personal Power in Josephus. In: Journal of Jewish Studies 44 (1993), S. 176–204.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (353).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,2 (318–324)
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (354–356).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (356).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (357–360).
- ↑ Richard Fowler: Kingship and Banditry. The Parthian Empire and Its Western Subjects. In: Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers, hrsg. v. Tessa Rajak u. a., Berkeley u. a. 2008, S. 147–162, hier: S. 156 hat Ehre, Schmach, Demütigung und Schande als die zentralen Triebkräfte der ganzen Geschichte um die beiden Brüder ausgemacht. Hier treten diese Motive besonders deutlich zutage. Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,6 (361–362).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,7 (363–364).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,7 (365–366)
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,7 (367–370).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae, 18,9,8 (371–379)