Anilaios und Asinaios
Das Brüderpaar Anilaios und Asinaios (griech. Ἀνιλαιος und Ἀσίναιος; fl. ca. 20–30 n. Chr.) erscheint in Josephus’ antiquitates Iudaicae (93 oder 94 n. Chr.) innerhalb eines Abschnitts, der die in Mesopotamien, insbesondere in Babylonien, ansässigen Juden behandelt.[1] Dieser Teil des Werkes wurde chronologisch zwischen dem Tod des Kaisers Caligula im Jahr 41 n. Chr. und Josephus’ Auseinandersetzung mit ihm eingefügt.
Die Einleitung kündigt an, die Gründe für die Katastrophen, die die babylonischen Juden getroffen hatten, darzulegen.[2] Dies ist wohl in erster Linie als Rechtfertigung für die ausführliche Darstellung der Geschichte von Anilaios und Asinaios zu verstehen.[3] Es ist wahrscheinlich, dass Josephus eine aramäische Vorlage nutzte, was sich in der auffällig schlechten Qualität des Griechischen sowie in einigen aramäisch klingenden Einzelheiten zeigt.[4] Zentrales Element der Geschichte ist das folkloristische Motiv der glücklichen Brüder, deren Glück durch die Vermählung eines von ihnen zunichtegemacht wird. In dieser jüdischen Fassung stiftet die nichtjüdische Gattin das Unheil, indem sie fremde Gottheiten verehrt und so Zwist in das Haus der Brüder trägt. Das Motiv ist in eine narrative Struktur eingebettet, die nicht vollständig kohärent wirkt, weshalb anzunehmen ist, dass die Geschichte zumindest in ihrem Kern auf historischen Ereignissen beruht.[5]
Die Brüder Anilaios und Asinaios stammten aus der jüdischen Stadt Nehardea in Babylonien und wurden dort nach dem Tod des Vaters von der gemeinsamen Mutter in die Lehre und Obhut eines Webers gegeben. Als dieser sie wegen verspäteten Erscheinens mit heftigen Schlägen bedacht hatte, entwendeten sie wegen der Kränkung Waffen, flohen und lebten fortan als Gesetzlose in den Marschen und Auen des Euphrats.[6] Bald scharten sich viele Besitzlose um sie und mit wachsender Gefolgschaft zwangen sie die Viehhirten zu Abgaben und begannen, die benachbarten Siedlungen zu überfallen und eine Festung zu errichten.[7] Als der Satrap von Babylonien von diesem Treiben vernahm, rüstete er ein Heer aus Babyloniern und Parthern gegen die Gesetzlosen, um dem Unwesen Einhalt zu gebieten. Er fiel an einem Sabbat über sie her, im Glauben, die Brüder würden sich der Waffen enthalten; doch diese leisteten Widerstand und schlugen die Angreifer zurück.[8] Daraufhin gewährte der parthische König Artabanos ihnen die Verwaltung jenes Stückchen babylonischen Landes, das sie bereits besetzt hielten.[9] Nach Josephus tat er dies, um mit Hilfe der Brüder jene Satrapien der stark zersplitterten Region, die teils im Aufstand standen, teils vom Aufstand bedroht waren, wieder unter seine Kontrolle zu bringen. Auch habe er gefürchtet, dass im Falle eines Krieges die Kräfte um Asinaios und Babylon, das sich in jener Zeit in Auflehnung befand, noch wachsen und entweder sofort gegen ihn auftreten oder, wenn dies nicht möglich wäre, schwerere Verwüstung in der Region anrichten könnten.[10] Mit dieser königlichen Legitimation[11] ausgestattet, errichtete Asinaios Festungen in seinem Gebiet und genoss die Anerkennung sowohl der Babylonier als auch der parthischen Machthaber der umliegenden Regionen.[12]
Nach fünfzehn Jahren des Wohlstands entbrannte Anilaios in Leidenschaft zu der Gemahlin eines parthischen Fürsten. Die Brüder erklärte diesen daraufhin zum Feind und töteten ihn im Kampfe; Anilaios nahm die Frau gefangen und verehelichte sich mit ihr.[13] Er erlaubte ihr, die Gottheiten ihrer Vorfahren zu verehren,[14] und tötete sogar einen Gefolgsmann, der sich dagegen aussprach.[15] Als auch Asinaios Einwände erhob, vergiftete seine Schwägerin ihn.[16] Somit stand Anilaios nun an der Spitze des kleinen Herrschaftsgebiets.
In der Folge überfiel er die Dörfer des Mithridates, dem Schwiegersohn Artabanos’.[17] Mithridates unternahm daraufhin einen Vergeltungsfeldzug, wurde aber besiegt und gefangen genommen, doch verschonte ihn Anilaios aus Furcht vor der Vergeltung des Artabanos.[18] Ein zweiter Feldzug des Mithridates endete jedoch in Anilaios’ Niederlage und dem Schlachtentod tausender Juden.[19] Nach diesem Rückschlag führte Anilaios abermals ein Räuberleben und sammelte bald von neuem eine große Gefolgschaft aus Besitzlosen um sich. Mit ihr verheerte er die Dörfer der Babylonier, bis diese von den Juden in Nehardea die Auslieferung des Unheilstifters forderten. Da die Juden diesem Begehren nicht unmittelbar entsprechen konnten, entsandten sie gemeinsam mit einigen Babyloniern Gesandte zu Verhandlungen. Dabei wurde das Versteck des Anilaios entdeckt; er und seine Bande wurden daraufhin bei Nacht überfallen und ohne Gegenwehr getötet.[20] Mit Anilaios’ Tod erlosch auch der Schutz, den seine Macht den Juden bislang gewährt hatte, und die Babylonier, die seit langem in Zwist mit ihnen standen, fielen nun über sie her. Die jüdische Landbevölkerung Babyloniens, von den anhaltenden Feindseligkeiten bedrängt und zum Widerstand außerstande, suchte daraufhin Zuflucht in Seleukeia,[21] wo sie zunächst wohlwollende Aufnahme fand. Doch bald erwuchs neues Misstrauen: Die Griechen in Seleukeia befürchteten, die Juden könnten durch ihre Nähe zu den Syrern, mit denen die Griechen in ständiger Rivalität lebten, deren Einfluss stärken. In der Absicht, dieser Gefahr zuvorzukommen, täuschten die Griechen eine Aussöhnung mit den Syrern vor, um gemeinsam gegen die Juden vorzugehen. Vereint fielen sie über diese her und töteten, so Josephus, mehr als fünfzigtausend. Die wenigen Überlebenden flohen nach Ktesiphon, schließlich nach Naarda und Nisibis, deren feste Lage ihnen Schutz bot.[22] Der Umstand, dass die ländliche jüdische Bevölkerung zunächst Seleukia und Ktesiphon den Vorzug vor Nehardea gab, deckt sich mit weiteren Indizien, die auf Feindseligkeiten zwischen den ländlichen und den städtischen jüdischen Gemeinschaften hinweisen.[23]
Die Erzählung spiegelt die Situation im südlichen Mesopotamien unter parthischer Herrschaft wider, in der ethnische Gruppen unter losen parthischen Oberhoheiten lebten und häufig miteinander rivalisierten. Militärführer, die ihre eigenen Enklaven sichern konnten, erlangten gelegentlich parthische Anerkennung. Josephus beschreibt in der Fortsetzung weitgehend unabhängige Städte, in denen unterschiedliche ethnische Gruppen gegeneinander standen. Es bestehen keine Anhaltspunkte dafür, dass Asinaios und Anilaios formell als „Ethnarchen“ der Juden fungierten oder Nehardea kontrollierten. Gleichwohl verteidigten sie offenbar die ländliche jüdische Bevölkerung gegen die Übergriffe der Heiden.[24]
Literatur
- Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765.
Anmerkungen
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9 (310–379).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,1 (310).
- ↑ Richard Fowler: Kingship and Banditry. The Parthian Empire and Its Western Subjects. In: Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers, hrsg. v. Tessa Rajak u. a., Berkeley u. a. 2008, S. 147–162, hier: S: 149.
- ↑ Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765. Für die Quellenfrage vgl. insbes. Tessa Rajak: The Parthians in Josephus. In: Das Partherreich und seine Zeugnisse, hrsg. v. Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, S. 309–324, hier: S. 321f.
- ↑ Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,1 (314).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,1 (315–317). Die Forschung hat wiederholt betont, dass es sich nach modernen wie josephischen Maßstäben um eine Räubererzählung handelt, Josephus die Brüder jedoch nie als lêstai bezeichnet; Brent D. Shaw: Tyrants, Bandits and Kings. Personal Power in Josephus. In: Journal of Jewish Studies 44 (1993), S. 176–204, hier: S. 179. Eine Erklärung liefert Thomas Grünewald: Bandits in the Roman Empire, London u. a. 2004, S. 201, Anm. 57.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,2 (318–324).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,3–4 (325–339).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,3 (330–331). Vgl. dazu Tessa Rajak: The Parthians in Josephus. In: Das Partherreich und seine Zeugnisse, hrsg. v. Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, S. 309–317, hier: S. 314.
- ↑ Zum Verhältnis der halb- bzw. semistaatlichen Akteure im Grenzbereich zum Banditentum und ihrer Beziehung zur Zentralgewalt im Partherreich ausführlich Richard Fowler: Kingship and Banditry. The Parthian Empire and Its Western Subjects. In: Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers, hrsg. v. Tessa Rajak u. a., Berkeley u. a. 2008, S. 147–162; und Brent D. Shaw: Tyrants, Bandits and Kings. Personal Power in Josephus. In: Journal of Jewish Studies 44 (1993), S. 176–204.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,4 (339). Zeitlich sind diese Ereignisse offenbar um 20 n. Chr. anzusetzen; Brent D. Shaw: Tyrants, Bandits and Kings. Personal Power in Josephus. In: Journal of Jewish Studies 44 (1993), S. 176–204, hier: S. 183.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,5 (340–344).
- ↑ Josephus widmet dabei der Frage des Gesetzes uns seiner Rolle in einem paganen Raum im Text auffällig großen Raum und Aufmerksamkeit; vgl. Tessa Rajak: The Parthians in Josephus. In: Das Partherreich und seine Zeugnisse, hrsg. v. Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, S. 309–324, hier: S. 317. Eine Deutung der Geschichte als Parabel ist möglich; Richard Fowler: Kingship and Banditry. The Parthian Empire and Its Western Subjects. In: Jewish Perspectives on Hellenistic Rulers, hrsg. v. Tessa Rajak u. a., Berkeley u. a. 2008, S. 147–162; und Geoffrey Herman: Iranian Epic Motifs in Josephus’ Antiquities (XVIII, 314–370). In: Journal of Jewish Studies 57/2 (2006), S. 245–268.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,5 (345–346).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,5 (348–352).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,6 (353).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,6 (353–360).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,7 (363–366).
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,9,7 (367–370).
- ↑ Die Flucht der Juden nach Seleukeia wird klassischerweise in die Zeit zwischen 36 und 42 n. Chr. datiert; Tessa Rajak: The Parthians in Josephus. In: Das Partherreich und seine Zeugnisse, hrsg. v. Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, S. 309–324, hier S. 315.
- ↑ Iosephus, antiquitates Iudaicae 18,8–9 (372–379).
- ↑ Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765.
- ↑ Für unterschiedliche Interpretationen betreffend das Verhältnis von Asinaios und Anilaios zu den Juden und den übrigen Völkern der Region vgl. Tessa Rajak: The Parthians in Josephus. In: Das Partherreich und seine Zeugnisse, hrsg. v. Josef Wiesehöfer, Stuttgart 1998, S. 309–324, hier: S. 316f; und Morton Smith: Asinaeus and Anilaeus. In: Encyclopædia Iranica (EIr), Bd. 2, New York 1987, S. 765.