Misleidys Castillo Pedroso
Misleidys Francisca Castillo Pedroso (* 28. September 1985 in Güines) ist eine kubanische Künstlerin, die sich der Art brut zurechnen lässt.
Werdegang
Misleidys Castillo Pedroso wurde im fünfzig Kilometer von Havanna gelegenen ländlichen Güines geboren,[1] das von Zuckerrohr- und Tabakfeldern sowie Zigarren-, Textil- und Konservenfabriken geprägt war. Sie wuchs mit ihrem Bruder bei ihrer alleinerziehenden Mutter auf, nachdem der Vater die Familie verlassen hatte. Aufgrund einer schweren Hörbehinderung, ihres Unvermögens zu sprechen und einer Entwicklungsstörung gab ihre Mutter sie im Alter von fünf Jahren in eine Einrichtung für Kinder mit Behinderungen. Als sie verstärkte Symptome von Autismus zeigte, kehrte sie wieder zu ihrer Familie zurück.[2][3]
Misleidys Castillo Pedroso zeigte schon früh großes Interesse an Buntstiften und Wasserfarben, mit denen sie große Figuren malte. Sie kommuniziert nicht mit Sprache, kann weder lesen noch schreiben, und teilt sich ihrer Mutter und ihrem Bruder gegenüber in einfachen Gesten und rudimentären Zeichen mit,[1] um grundlegendste Bedürfnisse und Gefühle zu vermitteln.[4] Im Teenageralter zog Misleidys Castillo Pedroso mit ihrer Familie in die Wohnsiedlung Alamar östlich von Havanna und begann, die Wände ihres Zuhauses mit ihren Werken zu füllen.[3] Um 2025 kam sie mit ihrer Mutter nach Córdoba in Spanien, wo sie seither lebt und arbeitet.[5] Sie verbringt die meiste Zeit in der Wohnung im Kreise ihrer Familie.[4]
Werk
Misleidys Castillo Pedrosos Gouache-Arbeiten auf Karton zeigen gleichermaßen männliche wie weibliche Gestalten mit hervortretenden Muskeln, die sich hauptsächlich durch die Kleidung und Haartracht unterscheiden, sowie Figuren, die mythologischen Kreaturen oder Dämonen ähneln. Einige „sind kahlköpfig, andere haben Hörner; die stets mit schwarzen Strichen umrandeten Muskeln kontrastieren mit den Hautfarben, die entweder Bräune (braun, orange) imitieren oder das Unwahrscheinliche (grün, aquamarin) herausfordern. Die Gesichter, frontal oder seitlich, haben große braune oder blaue Augen, umrahmt von dünnen Augenbrauen; die Münder, halb geöffnet, lächeln selten“.[1] Daneben malt Misleidys Castillo Pedroso einzelne Körperteile, wie beispielsweise Füße und Köpfe mit markanten Gesichtszügen. Kurz nachdem sie mit dem Zeichnen menschenähnlicher Kreaturen begonnen hatte, erweiterte sie ihre Motive um Wild- und andere Tiere, deren Innereien sie durch gemalte Querschnitte in ihrer Anatomie darstellt.[6][7]
Die Bildmotive von Misleidys Castillo Pedrosos beruhen wahrscheinlich auf ihrer persönlichen Geschichte, ihrem Lebensumfeld und der kubanischen Kultur, die sie in ihre eigene Mythologie einbettet. Ihre ersten Silhouetten von Bodybuildern könnten eine Hommage an den ersten schwarzen Mr. Olympia-Sieger Sergio Oliva sein, die an Kühe erinnernden Wesen aus ihren Tierserien von „Ubre Blanca“, einer beliebte Kuhfigur Kubas, inspiriert. „Tänzer und Conga-Spieler erinnern an die Karnevalstraditionen der Insel. Zu den weiteren wiederkehrenden Motiven gehören Szenen der Mutterschaft, Organe und die Anatomie des menschlichen Körpers, die sie vermutlich in den Lehrbüchern ihres jüngeren Bruders, eines Arztes, kennengelernt hat“.[8]
Im Laufe ihres Schaffens steigerte Misleidys Castillo Pedroso die Formate ihrer Werke, bis diese teils größer als tatsächliche Menschen wurden. In einem zweiten Schritt schneidet sie die Figuren aus und klebt die Silhouetten, ringsum versehen mit gleichmäßig angeordneten Abschnitten von braunem Scotch-Klebeband, an die Wände.[2][6][9] Jenseits der engen Bindung zu ihrer Mutter und ihrem Bruder „erscheinen diese Figuren als eine einzigartige Familie“, die sie betrachtet und mit der sie „in stillen Gesprächen steht“[8] und mittels Gesten in „Dialog“ mit ihnen tritt.[7] So haucht sie „ihren Figuren eindeutig Leben ein und erschafft Wesen, die im Zwischenraum unserer Welt und ihrer eigenen existieren“.[4]
Ausstellungen (Auswahl)
- 2025: Women in Art brut – Art Paris, Grand Palais, Paris (kuratiert von Annette Messager)
- 2025: Atlas. March Gallery, New York (Einzelausstellung)[5]
- 2024: L’Esprit Singulier. Halle Saint Pierre, Paris
- 2023/2024: Darker, Lighter, Puffy, Flat. Kunsthalle Wien
- 2023: Portreto de la animo – collection Treger Saint-Silvestre. Museu Nacional de Soares dos Reis, Porto
- 2023: ARCO Kunstmesse, Madrid
- 2020/2021: Sereno variavel. Centro de Arte Oliva, São João da Madeira
- 2020: Ladies brut. Galerie Gugging, Maria Gugging
- 2020: Powerful Female - Delicate Male. Galerie Gugging, Maria Gugging (Gemeinschaftsausstellung mit Oswald Tschirtner)
- 2019: Flying High. Künstlerinnen der Art Brut. Bank Austria Kunstforum Wien[6] (kuratiert von Ingried Brugger, Hannah Rieger)
- 2019: Blood Test. Museum Dr. Guislain, Gent
- 2016: Galerie Christian Berst art brut, Paris[2]
- 2010: Independent Art Fair. New York[7][9][10]
Ihre Werke befinden sich unter anderem in der Sammlung Treger und Saint Silvestre in Portugal, der Schweizer Sammlung von Amr Shaker und seit 2021 im Kontext der „Donation d´Art Brut de Bruno Decharme“ im Pariser Centre Georges-Pompidou.[2][10]
Einzelnachweise
- ↑ a b c Gloria Marchini: Misleidys Castillo Pedroso and her pristine world. In: Outsider Art Now vom 6. Mai 2020. Abgerufen am 11. Januar 2026
- ↑ a b c d Misleidys Francisca Castillo Pedroso. In: Living in Art brut - Hannah Rieger Collection. Abgerufen am 11. Januar 2026
- ↑ a b Lori Landau: Her silent world. Misleidys Francisca Castillo Pedroso. In: Raw Vision. Ausgabe 125, Dezember 2025 (eingeschränkte Vorschau ohne Seitenzahl)
- ↑ a b c Misleidys Francisca Castillo Pedroso : Musculatura Viva. In: Gallery Christian Berst Art brut. Abgerufen am 12. Januar 2026
- ↑ a b Misleidys Francisca Castillo Pedroso: Atlas. In: March Gallery. Abgerufen am 11. Januar 2026
- ↑ a b c Gallery Diary - Galerie Gugging: Misleidys Castillo Pedroso & Oswald Tschirtner. In: Parnass vom 31. März 2020. Abgerufen am 11. Januar 2026
- ↑ a b c Parker Gallery (Los Angeles) presents twenty works by Misleidys Castillo Pedroso at the Independent Art Fair New York. In: Gallery Christian Berst Art brut. Abgerufen am 12. Januar 2026
- ↑ a b Misleidys Castillo Pedroso: Casa Cubana. In: Gallery Christian Berst Art brut. Abgerufen am 12. Januar 2026
- ↑ a b pedroso castillo misleidys. In: Galerie Gugging. Abgerufen am 11. Januar 2026
- ↑ a b Misleidys Francisca Castillo Pedroso. In: Gallery Christian Berst Art brut. Abgerufen am 12. Januar 2026