Melchtal-Gruppe

Die Melchtal-Gruppe (Arnold von Melchtal und sein Vater) ist eine 1899/1900 geschaffene Skulptur des Schweizer Bildhauers Natale Albisetti. Sie zeigt Arnold von Melchtal (als einer der Drei Eidgenossen eine zentrale Figur der Schweizer Befreiungstradition) mit seinem geblendeten Vater. Es existieren drei Versionen, die sich allesamt in Stabio befinden. Die 1978 gegossene und über der Piazza Maggiore platzierte Bronzeversion ist neben dem Telldenkmal in Lugano das grösste öffentliche Denkmal für einen Schweizer Nationalhelden im Tessin.

Sage

Die Sage von Arnold von Melchtal und seinem Vater wird erstmals um 1470 im Weissen Buch von Sarnen geschildert und diente der Illustration der Grausamkeit der habsburgischen Reichsvögte: Der Vogt Landenberg in Sarnen schickt einen Knecht aus, um «einem im Melchi» seine Ochsen zu entwenden, schliesslich könnten die Bauern den Pflug selbst ziehen. Der Sohn des Bauern setzt sich jedoch zur Wehr, schlägt dem Häscher einen Finger entzwei und flieht dann vor dem Zorn des Tyrannen. Dieser rächt sich stattdessen an seinem Vater:

«Der herr schigt vmb sin vatter vnd hies inn gan Sarnen fuoren vf das huis vnd erblant inn vnd nam imm was er hat vnd tet imm gross vebel etc.»

«Der Vogt liess den Vater holen, nach Sarnen in sein Haus holen, blendete ihn, nahm ihm alles, was er hatte, und tat ihm grosses Leid an etc.»[1]

Später vertritt «der aus dem Melchi» Unterwalden im Rütlischwur.[2] Im Urner Tellenspiel 1512/1513 ist erstmals der Vorname Arnold bezeugt.[3] In Friedrich Schillers Wilhelm Tell (1804) wird die Episode in einem Botenbericht von Werner Stauffacher erzählt: Der greise, hilfsbedürftige Vater heisst hier «Heinrich von der Halden». Auch wenn er schwört, nicht zu wissen, wo sich sein Sohn aufhalte, lässt der Landenberger «den spitz’gen Stahl ihm in die Augen bohren». Melchtal schwört Rache («Feigherz’ge Vorsicht fahre hin – Auf nichts / Als blutige Vergeltung will ich denken, / Hinüber will ich – Keiner soll mich halten – / Des Vaters Auge von dem Landvogt fodern»), und Walter Fürst und Stauffacher können ihn nur mit Mühe zurückhalten.[4] Weder bei Schiller noch in Gioachino Rossinis Oper (1829), in der Arnold eine Hauptrolle zukommt, gibt es eine Szene, in der er auf seinen Vater trifft.

Vorgänger

Anton Bütler fertigte 1852 das Ölgemälde Der blinde Melchtal, in dem er den Geblendeten als rotwangigen, noch reichlich rüstigen Greis in einer Kutte, mit langem Bart und zum Himmel emporgereckter Rechten darstellte. Ein kleiner Junge, vermutlich sein Sohn, klammert sich an ihn und blickt ängstlich zu ihm auf.[5] Das Bild befindet sich heute im zum Nidwaldner Museum gehörigen Winkelriedhaus in Stans.[6]

Richard Kissling schuf mit 29 Jahren die Skulpturengruppe Arnold von Melchtal, seinen des Augenlichtes beraubten Vater wiederfindend. Das Modell wurde 1877 im Ständeratssaal im Bundeshaus in Bern ausgestellt und sollte später in Carrara-Marmor ausgeführt werden.[7] Im Januar 1880 war das Werk angeblich «seiner Vollendung nahe».[8] Im Mai 1892 stellte Kissling «sein neuestes Werk, eine Melchthal-Gruppe» an der Schweizerischen Kunstausstellung in Bern aus.[9] Als Melchtal-Denkmal sollte es den Landenberg in Stans aufwerten. Das Projekt wurde aber nie realisiert.[10] Die Gipsplastik steht seit 2015 in der Eingangshalle des Gerichtsgebäudes in Sarnen.[11] Kissling gelang ein rührendes, intimes Kabinettstück, das nicht die tradierte Wut und Rachsucht des Sohnes, sondern dessen liebende Sorge und Trauer im Wiedersehen des verstümmelten, gebrechlichen Vaters fokussiert. Arnold ist bei ihm ein junger Erwachsener mit Schnurrbart und in aristokratischer Kleidung. Mit seiner Rechten lüftet er die Kapuze des Vaters, mit seiner Linken stützt er dessen ihn suchenden Arm. Milde blickt er in seine leeren Augenhöhlen.

Albisettis Werk

Alle drei Versionen von Albisettis Melchtal-Gruppe befinden sich heute in seiner Heimatgemeinde Stabio.[12] Das Modell ist 2,10 Meter hoch, 1,30 Meter breit und 90 Zentimeter tief.[13] Wie schon Kissling stellt Albisetti den Vater als gebrochenen, alten Mann mit Bart dar und verstärkt den Eindruck der Verwahrlosung noch durch seinen nackten Oberkörper, der nur notdürftig mit einer Art Toga drapiert ist, und seine Barfüssigkeit. Der Vater sitzt neben dem stehenden Sohn, hält ihn fest und hat seine leeren Augenhöhlen verzweifelt zu ihm emporgerichtet. Anders als bei Kissling wendet Arnold, ein athletischer, bartloser Jüngling im Hirtenmantel mit Kapuze, unter der sein lockiges Haar hervorwallt, seinen Blick von ihm ab und schaut mit zornverzerrtem Antlitz in die Ferne. Seine rechte Hand ist grimmig zur Faust geballt. Das Bild ist ein Index auf die kommende Erhebung.

Gipsplastik

1899 schuf Albisetti für seine Figurengruppe ein Gipsmodell, das heute in der Eingangshalle des Gemeindehauses (Casa Comunale) steht.[12]

Marmorskulptur

1900 nahm Albisetti mit der Ausführung in Carrara-Marmor[14] an der Weltausstellung in Paris teil und wurde in der Sparte «Bildhauerkunst und Stecherkunst» mit einer Silbermedaille prämiert.[15][16] Nach seinem Tod am 2. Juli 1923 veranlasste seine Witwe, die Statue gemäss seinem Wunsch an seinem Grab auf dem Friedhof Stabio aufzustellen. Sie wurde hier am 7. September 1924 enthüllt.[14] 2020 wurde sie aufwendig gereinigt und mit einem wasserabweisenden Mittel behandelt, um sie besser gegen die Witterung zu schützen.[17]

Bronzeplastik

Albisettis Erben in Paris liessen 1978 bei der Giesserei «Perseo» in Mendrisio fünf seiner Gipsmodelle in Bronze giessen, um sie dann der Gemeinde Stabio zu schenken. Zwei Büsten von Bäuerinnen kamen ins Museo della civiltà contadina, drei weitere Plastiken, darunter auch die Melchtal-Gruppe, wurden im öffentlichen Raum platziert. Die Gemeinde bezahlte 13'500 Franken für die Fundamente.[18] Die Melchtal-Gruppe steht seither als Historiendenkmal im Garten des Museo della civiltà contadina, oberhalb der Piazza Maggiore.

Siehe auch

Literatur

  • Aurelia Antonini: Stabio e Natale Albisetti. Un percorso tra le opere dello scultore. Museo Vincenzo Vela, 2023 (PDF; 7,6 MB).
Commons: Melchtal-Gruppe – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Das Weisse Buch von Sarnen. Wortlaut und Übersetzung des Chroniktextes von Bruno Meyer. Sarnen 1984, S. 35.
  2. Das Weisse Buch von Sarnen. Wortlaut und Übersetzung des Chroniktextes von Bruno Meyer. Sarnen 1984, S. 41.
  3. Das Weisse Buch von Sarnen. Wortlaut und Übersetzung des Chroniktextes von Bruno Meyer. Sarnen 1984, S. 78, Anm. 5.
  4. Friedrich Schiller: Wilhelm Tell. Erster Aufzug, vierte Szene.
  5. Der blinde Arnold von Melchtal. Artnet, abgerufen am 15. November 2025.
  6. Alte Meister. Nidwaldner Museum Winkelriedhaus, 2017, Nr. 153 (PDF; 5,8 MB).
  7. Kunst. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Blatt. Band 57, Nr. 441, 20. September 1877, S. 3 (online).
  8. Vermischtes. In: Neue Zürcher Zeitung. Zweites Blatt. Band 60, Nr. 15, 15. Januar 1880, S. 2 (online).
  9. Schweizerische Kunstausstellung in Bern. In: Neue Zürcher Zeitung. Erstes Blatt. Band 72, Nr. 148, 27. Mai 1892, S. 1 (online).
  10. Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 168.
  11. «Melchi-Gruppe» erhält nach Jahren einen Ausstellungsort. In: SRF News. 3. Februar 2015, abgerufen am 15. November 2025.
  12. a b Aurelia Antonini: Stabio e Natale Albisetti. Un percorso tra le opere dello scultore. Museo Vincenzo Vela, 2023 (PDF; 7,6 MB).
  13. Le opere. In: Spazio Albisetti. Abgerufen am 24. August 2025.
  14. a b Una imponente opera d’arte. In: Gazzetta Ticinese. 6. September 1924, S. 2 (online).
  15. Offizielle Liste der an der Pariser Weltausstellung prämierten schweizerischen Künstler. In: Neue Zürcher Zeitung. Nr. 235, 25. August 1900, S. 5 (online).
  16. Peregrinus: Von der Pariser Weltausstellung. In: Intelligenzblatt für die Stadt Bern. Nr. 195, 18. August 1900, S. 1 (online).
  17. Jenny Covelli: La tomba di Albisetti torna a risplendere. In: Tio.ch. 28. Juli 2020.
  18. Il cantiere a Stabio l’allestimento di un museo della civiltà contadina. In: Gazzetta Ticinese. 17. Mai 1978, S. 7 (online).

Koordinaten: 45° 51′ 4,3″ N, 8° 56′ 19,8″ O; CH1903: 716535 / 78842