Marlene Wetzel-Hackspacher

Marlene Wetzel-Hackspacher (geboren 11. Juni 1922 in Schönbrunn; gestorben 1. Februar 2019 in Dillingen) war eine deutsche Unternehmerin.

Leben

Marlene Wetzel-Hackspacher wurde am 11. Juni 1922 in Schönbrunn, Mähren geboren. Sie hatte drei Geschwister. Im Café Engel in Marienbad, welches von ihrer Schwester Liselotte Denk und deren Mann Wilhelm geführt wurde, machte sie nach dem Besuch der Bürgerschule eine Ausbildung zur Konditorin. Das Café war für seine Oblaten bekannt, die an Hotels und andere Cafés in der Region um Marienbad und Karlsbad, verkauft wurden. Diese Oblaten wurden nach der Rezeptur der Reichenbacher Mönche mit Butter, Zucker, Mandeln und Haselnüssen gefüllt und zweimal gebacken.[1] Sie heiratete den Kampfflieger Rudi Wetzel, der aus dem Dorf Zöschingen bei Dillingen stammte. Als es ab Juni 1945 zur Vertreibung der Sudetendeutschen kam, musste auch Marlene Wetzel ihre Heimat verlassen und gemeinsam mit ihrer Familie, den Eltern, ihrer Schwester und deren vier Kindern, ihrer Großmutter und ihrer einjährigen Tochter Marlies wurde sie in einen Viehwaggon verfrachtet und außer Landes gebracht. Auf der Fahrt fiel ihre Großmutter durch die Anstrengung und Aufregung in ein Koma, sie wurde bei einem Halt aus dem Zug geholt und in ein Lazarett gebracht, wo sie verstarb. Marlene Wetzel und ihre Tochter erreichten mit einem Kinderwagen, in dem ihre komplette Habe war, Bayern und den Hof der Schwiegereltern im Dorf Zöschingen. Dort erfuhr sie, dass ihr Mann in den letzten Kriegswochen von italienischen Partisanen erschossen worden war.[2]

Neuanfang in Bayern

Ihre Schwiegereltern nahmen sie mit dem Kind auf, sie bekam keine Witwenrente und musste versuchen, für sich und das Kind den Lebensunterhalt zu verdienen. In ihrem Kinderwagen hatte sie als ihren wertvollsten Besitz ein professionelles, 15 kg schweres Oblateneisen versteckt und dieses während der kompletten Flucht an den Soldaten vorbeigeschmuggelt. Sie begann in Bayern mit der Produktion der Oblaten. Zunächst belächelt und mit großen Schwierigkeiten, da es kaum die nötigen Zutaten gab und die Menschen auch nicht das Geld für diese Süßigkeit hatten.[2]

Sie verschenkte ihre ersten Oblaten an die Bauern der Umgebung, und als die auf den Geschmack kamen und sie so zu Kundschaft kam, versuchte sie damit Geld zu verdienen. Im Jahr 1948 bestand sie die Prüfung zur Konditormeisterin und besaß als erste Frau in Bayern einen Meisterbrief. Sie heiratete den Kaufmann und Kammervorsitzenden der Handwerkskammer Hans Hackspacher und mit ihm baute sie in Dillingen ihr Unternehmen, die Wetzel – Karlsbader Oblaten- und Waffelfabrik auf. Gemeinsam bekamen sie zwei Söhne.[3] Der Anfang war schwierig, sie mussten zunächst mal erklären, was Karlsbader Oblaten sind, sie waren noch aus den Vorkriegsjahren allenfalls in der Oberschicht bekannt. Die Hackspachers boten ihre Oblaten in den umliegenden Konditoreien und Cafés an und sie zogen mit ihnen über Jahrmärkte. Ihre Oblaten lieferten sie mit dem Motorrad aus, ihr Mann steuerte es, sie saß auf dem Rücksitz und hatte in jeder Hand einen Beutel mit den Oblaten. Einen Führerschein hatte zu dem Zeitpunkt keiner von ihnen.[2]

Später folgten weitere Unternehmensgründungen. 1966 wurde die Bavaria-Kerzen gegründet und 1980 die Pischinger-Schokoladenspezialitäten.[4]

Nach dem Beitritt Tschechiens zur Europäischen Union beantragte das Land, dass nur noch in Karlsbad hergestellte Oblaten die Bezeichnung „Karlsbader Oblaten“ tragen dürften. Dies hätte bedeutet, dass die Jahrhunderte alte Oblatentradition von Marlene Wetzel-Hackspacher, die auf Barbara Bayer zurückgeht, keinen Bestand gehabt hätte. Der Streit wurde beendet, indem entschieden wurde, dass die tschechische Bezeichnung „Karlovarské oplatky“ als geografische Angabe geschützt wird, deutschen und österreichischen Herstellern eine fünfjährige Frist eingeräumt wurde, in der sie die deutsche Bezeichnung „Karlsbader Oblaten“ weiter verwenden dürften und Hersteller, die die deutsche Bezeichnung rechtlich geschützt hatten, sie unabhängig von der Frist weiter nutzen dürften. So ist inzwischen Wetzel Oblaten das einzige Unternehmen in Deutschland, das weiterhin Karlsbader Oblaten produzieren und vertreiben darf.[5]

Als Marlene Wetzel-Hackspacher 2017 aus der Geschäftsführung des Unternehmens ausschied, beschäftigte die Firma Wetzel etwa 50 Mitarbeiter, davon zwei Drittel Frauen, bei einem Jahresumsatz von etwa 4 Mio. €.[2]

Politische Tätigkeit

Marlene Wetzel-Hackspacher war auch politisch tätig. Im Stadtrat von Dillingen saß sie 18 Jahre als Stadträtin für die CSU und war zumeist die einzige Frau, sie war Kindergartenreferentin und aktiv in zahlreichen Ausschüssen. Dies auch im Kreistag.[6][7]

Marlene Wetzel-Hackspacher starb am 1. Februar 2019 in Dillingen an der Donau.

Ehrungen

Mit dem Bundesverdienstkreuz am Bande wurde Marlene Wetzel-Hackspacher für ihre unternehmerischen Leistungen bereits 1982 ausgezeichnet und sie ist Trägerin des Bayerischen Verdienstordens.[8]

Für ihre Verdienste wurde sie 2003 zur Ehrenbürgerin von Dillenburg ernannt.[9]

Sie wurde in Dillingen mit einem FrauenOrt geehrt.[10]

Einzelnachweise

  1. Unternehmen. In: wetzel-oblaten.de. Wetzel Karlsbader Oblaten- und Waffelfabrik GmbH, abgerufen am 26. Dezember 2025 (deutsch).
  2. a b c d Stefan Mayr: Sudetendeutsche in Bayern - Königin der Oblaten. In: sueddeutsche.de. Süddeutsche.de, 2013, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  3. Zeitzeugen :: Haus der Bayerischen Geschichte. In: hdbg.eu. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
  4. „Die Chefin“ wird heute 90. In: augsburger-allgemeine.de. augsburger-allgemeine, 2012, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  5. Dillingen trauert um Hans Hackspacher. In: augsburger-allgemeine.de. augsburger-allgemeine, 2017, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  6. Zeitzeugen :: Haus der Bayerischen Geschichte. In: hdbg.eu. Abgerufen am 26. Dezember 2025.
  7. Stadtrat Dillingen: Eine Sitzung mit vielen Emotionen. In: augsburger-allgemeine.de. augsburger-allgemeine, 2019, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  8. „Die Chefin“ wird morgen 90. In: augsburger-allgemeine.de. augsburger-allgemeine, 2012, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  9. Ehrenbürger: Dillingen Donau. In: dillingen-donau.de. Stadt Dillingen an der Donau, abgerufen am 26. Dezember 2025.
  10. Starke Frauen Bayern: Marlene Wetzel-Hackspacher. In: bayerns-frauen.de. Starke Frauen Bayern, abgerufen am 26. Dezember 2025.