Marie Glinzer
Marie Glinzer (geborene Marie Hartner, 3. Dezember 1843 in Hamburg; gestorben 6. Dezember 1921 ebenda) war eine deutsche Pädagogin und Leiterin der von Emilie Wüstenfeld gegründeten ersten Gewerbeschule für Mädchen in Hamburg.
Leben
Marie Hartner wurde am 3. Dezember 1843 in Hamburg geboren. Sie war die Tochter des Steinmetz Wilhelm Hartner (1819–1856), der starb, als Marie Hartner 12 Jahre alt war. Sie lebte von dem Zeitpunkt an als Ziehkind bei Emilie Wüstenfeld. Diese hatte sie kennenlernt, als sie einen Kurs des „Frauenvereins zur Unterstützung der Armenpflege“ besuchte, zu dem ihr Vater sie angemeldet hatte. An den Kursen durften auch Kinder teilnehmen, deren Eltern nicht durch den Frauenverein unterstützt wurden. Wilhelm Hartner starb früh an einer Berufskrankheit und seine Witwe heiratete nach einiger Zeit ihren ebenfalls verwitweten Schwager, den Zimmermann Eduard Harms. Harms war ein guter Vater und tüchtiger Handwerker, jedoch nannte Marie Hartner ihn nie Vater, sondern weiterhin Onkel, denn sie trauerte sehr um ihren verstorbenen Vater.[1]
Ihrer Familie blieb Marie Hartner treu, sie kümmerte sich um das Fortkommen ihrer Geschwister und sparte auch für sie, doch geprägt wurde Hartner durch Emilie Wüstenfeld. Als sie 16 Jahre alt war, wurde sie nach London zu Bertha Ronge geschickt, um dort die Arbeit in einem Fröbelschen Kindergarten kennenzulernen. Sie reiste 1860 nach London, blieb dort einige Zeit und nahm dann eine Stelle als Gouvernante bei einer englischen Familie mit fünf Kindern an. Dort hatte sie keinen leichten Stand. Durch Emilie Wüstenfeld entstand der Kontakt zu Kinkels und Malwida von Meysenbug, die sich nun um sie kümmerten. Malwida von Meysenbug war 1861 mit der Erziehung von Olga, der jüngsten Tochter des russischen Revolutionärs Alexander Herzen, betraut. Da Malwida von Meysenbug dies neben ihrer eigenen schriftstellerischen Tätigkeit nicht alleine leisten konnte, wurde Marie Hartner als Hilfe für die Erziehung engagiert. Für ein Jahr teilte sie das Leben einer reichen, russischen Emigrantenfamilie.[1]
Als Alexander Herzen mit seiner Familie 1861 nach Florenz zog, vermittelte Von Meysenbug ihr eine Anstellung als Gouvernante bei der Familie Pauer. Ernst Pauer war Pianist und Künstler und stammte aus Wien, seine Frau Ernestine aus Frankfurt. Sie war für die vier Töchter der Familie zuständig, vor allem für die zu der Zeit neun Jahre alte Tina Pauer. Diese litt an einer Augenerkrankung, konnte die Schule nicht besuchen, bekam Hausunterricht und musste im Dunkeln liegen. Hartner las ihr viel vor und es entwickelte sich eine enge Beziehung. Sie blieb vier Jahre bei der Familie Pauer und war in der Zeit nur einmal in Deutschland. Danach kehrte sie nach Hamburg zurück, lebte zunächst bei Marie Kortmann und ihrer Familie und dann erneut bei Emilie Wüstenfeld. Diese sorgte dafür, dass Marie Hartner eine Ausbildung zur gewerblichen Lehrerin machte.[1]
Zum Zeitpunkt ihrer Rückkehr war Emilie Wüstenfeld mit der Planung des Paulsenstifts beschäftigt. Dies sollte zum Andenken an die 1862 verstorbene Sozialreformerin und Freundin von Emilie Wüstenfeld Charlotte Paulsen entstehen. Geplant war ein Gebäude, welches Räume für den Frauenverein zur Unterstützung der Armenpflege, der Bewahranstalt und einer Schule haben sollte. Zudem war eine „Industrieklasse“ geplant. Vom Hamburger Senat wurde ein Platz an den Pumpen bewilligt und für den Bau eine Sammlung durchgeführt. Marie Hartner nahm in dieser Zeit Unterricht in den unterschiedlichen Fächern, die später in der Industrieklasse unterrichtet werden sollten. Dazu gehörten geometrisches Zeichnen und das Entwerfen von Mustern, Physik und Chemie, zudem hatte sie Klavierunterricht, lernte Buchführung, Stoffkunde und Schneidern. Das Paulsenstift wurde am 3. November 1866 eingeweiht und danach unterrichtete Hartner in der neuen Industrieklasse.[1]
Für diese Klasse war eine erfahrene Leiterin engagiert worden, diese erreichte die Klasse jedoch verspätet und kündigte auch recht schnell wieder. So übernahm Marie Hartner die Leitung der Klasse, die sich zur „Mädchen-Gewerbeschule“ entwickelte. Die Schülerinnen waren zumeist ehemalige Schülerinnen des Frauenvereins- und Paulsenstifts. Marie Hartner war eine strenge, aber gerechte Lehrerin und wurde von ihren Schülerinnen sehr verehrt. Zur ersten Ausrüstung der Gewerbeschule gehörten Schneidertische und Nähmaschinen. Hand- und Maschinennäherei, Wäsche und Kleiderzuschneiden und -anfertigen waren die ersten Arbeiten, Musterentwerfen und Zierhandarbeiten, alle Ausbesserungen, Waschen und Plätten waren die ersten Unterrichtseinheiten, Zeichnen, Körperzeichnen, Zeichnen nach Pflanzenmodellen und nach der Natur, Malen, Porzellan und Holzmalerei, Lithographie kamen hinzu, aber auch Physik und Chemie, Deutsch, Rechnen und Elementargeometrie, Buchführung und Schreiben.[1][2]
Durch gemeinsame Bekannte lernte sie im Oktober 1865 den Lehrer Dr. Ernst Glinzer aus Kassel kennen. Sie freundeten sich an und Glinzer zog im Herbst 1867 nach Hamburg. Dort arbeitete er bei Helene Lange, gab Stunden an der Gewerbe- und Bauwerkschule und Privatstunden. An der Mädchen-Gewerbeschule löste er Emil Wohlwill ab, der dort bis zu dem Zeitpunkt als Lehrer gearbeitet hatte. Hartner und Glinzer trafen sich bei gemeinsamen Freunden. Sie verlobten sich im Juni 1869. Glinzer wurde 1870 Hamburger Bürger und legte seinen Bürgereid ab. Da es zuvor zu einem Streit mit seinem Vater gekommen war, der ansonsten eine Zustimmung zur Hochzeit hätte geben müssen, konnte diese erst danach, am 2. Juni 1870, stattfinden.[1] Zunächst wohnten sie in einer Wohnung in der Schule, als diese jedoch große Raumnot hatte und der Bau einer neuen Schule nicht schnell genug fortschritt, mussten sie diese verlassen und zogen in eine Wohnung, die Emilie Wüstenfeld ihnen zur Verfügung stellte.[3] Das Paar hatte drei Kinder, Otto Wilhelm, geboren 1871, Hanna Emilie, geboren 1874, und die 1878 geborene Dora Luise.[1]
Emilie Wüstenfeld starb früh, mit nur 57 Jahren im Jahr 1874. Nach ihrem Tod kam es zu Konflikten mit dem Vorstand der Schule, vor allem mit Frau Meyer. Zuvor konnte Marie Glinzer als Leiterin sich dort recht frei bewegen, nun gab es Vorgaben, die sie erfüllen sollte. Um diese Konflikte zu beenden, kündigte Ernst Glinzer das Arbeitsverhältnis seiner Frau. Marie Glinzer war durch diese eigenmächtige Handlung tief verletzt und gekränkt. Kurz nachdem das Arbeitsverhältnis gekündigt worden war, verließ Frau Meyer den Vorstand.[1]
Nachdem Marie Glinzer die Leitung der Schule aufgeben musste, beschränkte sie sich auf die Führung des Haushalts und übernahm nun auch selbst das Kochen, Waschen und weitere Tätigkeiten für die Familie. Auch kümmerte sie sich nun selbst um die Erziehung ihrer zwei Kinder. Sie erzog sie nach den Fröbelschen Vorgaben. 1878 wurde dann eine weitere Tochter geboren und die Familie zog 1879 in ein Haus auf der trockeneren Geest. Zunächst entwickelte sich das Familienleben dort sehr positiv, dann jedoch wurde die Position des Direktors der Gewerbe- und Bauwerkschule frei und nicht mit Glinzer, sondern mit dessen Kollegen besetzt. Dies sorgte für Groll bei Glinzer, der sich zu einer Depression entwickelte.[1]
Marie Glinzer hatte durch Pauline Kortmann weiterhin Kontakt zu den Institutionen, die Emilie Wüstenfeld gegründet hatte. Sie half nur gelegentlich, aber jedes Jahr im November beteiligte sie sich am Verkauf der von den Armen angefertigten Arbeiten.[1]
Marie Glinzer starb am 6. Dezember 1921 in Hamburg.
Ehrungen
- Ihr historischer Grabstein wurde Teil der Sammlung der historischen Grabsteine im Garten der Frauen auf dem Friedhof Ohlsdorf.[2]
- Für Marie Glinzer wurde in Hamburg ein Frauenort eingerichtet.[1]
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e f g h i j k Frauenort für Marie Glinzer auf der Seite Hamburg-Frauenbiografien.de, abgerufen am 26. September 2025
- ↑ a b Marie Glinzer. In: garten-der-frauen.de. 2024, abgerufen am 26. September 2025.
- ↑ Marie Glinzer in „Man meint aber unter Menschenrechten nichts anderes als Männerrechte“ (PDF), abgerufen am 26. September 2025.