Margarita Calvary
Margarita Calvary (geborene Gretl Silberstein; * 30. April 1922 in Schweinfurt; † 8. Juli 2016 ebenda) war eine deutsche Malerin.
Werdegang
Gretl Silberstein wurde als Tochter des jüdischen Schuhfabrikanten Eliezer Ludwig Silberstein und von Selma Silberstein geboren und wuchs mit ihren zwei Brüdern Jacob und Hans behütet in einem gut situierten bürgerlichen Umfeld im Haus Markt 53 auf.[1][2] Ihr Vater war ehrenamtlicher Handelsrichter der Städtischen Handelskammer und 1. Vorstand der Jüdischen Gemeinde Schweinfurt. Ab 1929 besuchte Gretl Silberstein die Grundschule in Schweinfurt und danach das Städtische Mädchenlyceum (heute Olympia-Morata-Gymnasium), wo sie auch Unterricht im Violinespiel erhielt. Die Ferien verbrachte sie regelmäßig bei der Familie ihrer Mutter in Regensburg.[3]
Die Schuhfabrik von Gretl Silbersteins Vater an der Friedhofstraße 2–4 nahe dem Obertor, die 1921 noch 500 Arbeiter beschäftigt hatte, wurde 1933 liquidiert. Mit dem wachsenden Nationalsozialismus und nach der Machtergreifung wurde das Leben der Familie aufgrund antijüdischer Maßnahmen in der Zeit des Nationalsozialismus immer schwieriger. Gretl Silberstein litt unter den wachsenden Anfeindungen, der gesellschaftlichen Isolation[4] und Meidung durch ihre Mitschülerinnen, wurde aber noch respektiert, weil sie eine sehr gute Sportlerin war.[5][6] 1937 erkrankte Ludwig Silberstein und starb im September desselben Jahres.[3][7]
Leben in Argentinien und Spanien
Der ältere von Gretl Silbersteins Brüdern war bereits 1935 nach Argentinien ausgewandert, der jüngere im Jahr 1936 nach Palästina, um einen Kibbuz zu gründen. Sie selbst brach 1937 die Schule ab und floh auf Drängen ihrer Mutter vor der Judenverfolgung im Mai 1938 nach London. Sie arbeitete als Dienstmädchen, um ihren Englischunterricht zu finanzieren. Nach sechs Monaten Aufenthalt in London konnte sie Ende 1938 über die Niederlande per Schiff zu ihrem Bruder nach Argentinien übersiedeln,[8] wo sie wieder mit ihrer Mutter zusammentraf. Sie arbeitete in Buenos Aires eineinhalb Jahre als Kindermädchen und drei weitere Jahre als Sekretärin im Büro des jüdischen Managers Ernesto Adolfo Calvary. Er stammte aus Berlin, war dort 1934 im Alter von 18 Jahren von der Gestapo verhaftet worden und nach Argentinien emigriert. Im Jahre 1942 heiratete sie ihn[5] und führte von da an den Namen Margarita Calvary. Von 1944 bis 1947 ließ sich beim Roten Kreuz zur Krankenschwester ausbilden.[9] In dieser Zeit fand sie eine enge Freundin, die sie mit den anthroposophischen Lehren Rudolf Steiners vertraut machte. 1947 kam die Tochter Daniela zur Welt, 1950 ein Sohn, der kurz nach der Entbindung starb. 1953 wurde die zweite Tochter Ana geboren.[3][10]
In den folgenden Jahren widmete Margarita Calvary sich ihren gesellschaftlichen Verpflichtungen und der Erziehung ihrer Töchter, besuchte aber auch Vorlesungen in Psychologie und Philosophie.[5] 1963 nahm sie wieder Unterricht im Violinespiel[9] und spielte schließlich so gut, dass sie in kleinen Kammer-Ensembles mitwirkte. Geleitet von dem Drang, Neues zu lernen, nahm sie ab 1969 Unterricht für Dekoration und Innenarchitektur.[3]
Margarita Calvary interessierte sich außerdem für Malerei und fand 1973 in Alfredo Garzón einen geeigneten Zeichenlehrer. Auch nachdem sie nach einem halben Jahr Unterricht Ende 1973 mit ihrem Ehemann und den Kindern nach Madrid umzog, malte sie weiter. Sie besuchte ihren Zeichenlehrer zwischenzeitlich in Buenos Aires, später auch in Paris, wo er sich niedergelassen hatte. In Madrid hatte sie 1977 ihre erste Ausstellung, die auf positive Kritik stieß. Sie intensivierte ihre künstlerische Arbeit und besuchte ab 1977 Kurse des spanischen Malers José Mendez Riuz, bei dem sie lernte, Stillleben zu malen und mit Kohle zu zeichnen. 1980 machte sie in Madrid die Bekanntschaft von Emma Gans, einer Zeichenlehrerin an der Universidad Nacional de La Plata in Argentinien, bei der sie Zeichenunterricht nahm. In der Madrider Galerie lernte sie 1982 den Kunstkritiker Rául Chávarri kennen, der ein Buch über ihre Werke schreiben wollte. Margarita Calvarys Bilder wurden in Madrid, Barcelona und schließlich in einigen Galerien in Deutschland gezeigt, 1985 erstmals auch in ihrer Heimatstadt Schweinfurt.[3] Zwischen 1984 und 1986 nahm sie Unterricht über visuelle Wahrnehmung bei César López Osornio und besuchte 1987 einen Grafik-Kurs im Atelier von Manuel Ayllón. Dort eignete sie sich Techniken des Stahldruckes wie Kaltnadeltechnik, Radierung und Aquatinta an. Im Jahr 2001 besuchte sie einen Intensivkurs zur Serigraphie bei Erik Kirksaether.[9][10]
Rückkehr nach Deutschland
2003 kehrte Margarita Calvary als einzige der vor dem Zweiten Weltkrieg ursprünglich in Schweinfurt ansässigen Bürgerinnen und Bürger jüdischen Glaubens dauerhaft nach Schweinfurt zurück.[1] Sie lebte in der Seniorenresidenz Augustinum[5] und fand 2004 in der Friedenschule ein kleines Atelier, in dem sie arbeitete und bis kurz vor ihrem Tod Schüler unterrichtete.[3] Einen Großteil ihrer Bilder vermachte sie 2004 der Stadt Schweinfurt.[4][5] Margarita Calvary starb 2016 und wurde auf dem Hauptfriedhof Schweinfurt beigesetzt. Ihr Grab liegt im nicht-jüdischen Friedhofsteil gegenüber des Grabes ihres Vaters Ludwig Silberstein im jüdischen Teil, Abteilung 10 an der Ecke Friedhofstraße/Auenstraße.[6]
Werk
Zu Margarita Calvarys Motiven gehören in ihren gegenständlichen Werken Stadt- und Architekturansichten, Natur- und Landschaftsdarstellungen sowie religiöse Sujets, einige davon mit christlich-religiösen Motiven auf Basis von Skizzen diverser Deckenfresken Francisco de Goyas. Ihre informellen Werke bestehen aus Kompositionen meist geometrischer Formen und Figuren. Oft verwendete sie als Basis oder Bestandteile neuer Werke ältere Arbeiten, die sie beschnitt, zur Collage verarbeitete, überdruckte oder übermalte.[4] Anlässlich der Ausstellung in Schweinfurt 1985 schrieb die Presse, Margarita Calvarys Werk sei stilistisch inspiriert von Ernst Ludwig Kirchner und Karl Schmidt-Rottluff und beeinflusst von der expressionistischen und nachexpressionistischen Kunst, die sie im Exil kennengelernt habe, sie hätte aber ihren eigenen unverwechselbaren Ausdruck in der Kunst gefunden. Vom Stil her sei „sie Expressionistin mit der Richtung auf die Abstraktion“. In der Abstrahierung gelängen ihr prächtige Farbkompositionen. In ihren großformatigen Bildern zeige sie eloquent Stadtgeschichte. Ihre Menschenbilder seien gekennzeichnet durch kräftige, aber beherrschte Formen.[5]
Margarita Calvary arbeitete mit Kohle- oder Bleistift, Öl- oder Acrylfarben, oft in einem Bild. Für ihre Druckplatten benutzte sie neben Holz, Linoleum und Metall oft unübliche Materialien wie etwa PVC-Folien, Plexiglas oder Rückseiten von Linoleumplatten.[4] Ein großer Teil von Margarita Calvarys Werken von den künstlerischen Anfängen in den 1970er Jahren bis ins Jahr 2002 befindet sich im Besitz der Stadt Schweinfurt. Der Bestand umfasst über 900 Öl- und Acrylgemälde, zahlreiche Zeichnungen, Druckgrafiken in den unterschiedlichsten Techniken sowie zugehörige Druckplatten, darüber hinaus auch Fotos und Bücher.[4]
Ausstellungen (Auswahl)
- 1977: erste Ausstellung in Madrid
- 1980: Einzelausstellung in der Galeria Zodiaco, Madrid
- 1982: Einzelausstellung in der Galeria Zodiaco, Madrid
- 1983: Einzelausstellung in der Galerie Joan de Serrallonga, Barcelona
- 1984: Gemeinschaftsausstellung in der Galerie Kreisler, Madrid
- 1984: Einzelausstellung in der Stadtbibliothek, Regensburg
- 1985: Einzelausstellung in der Städtischen Sparkasse, Schweinfurt[3]
- 1985: Ausstellung in der Galeria Torres-Begué, Madrid
- 1986: Ausstellung in der Städtischen Galerie Würzburg, die zwei Werke erwirbt
- 1987: Ausstellung in der Galerie Brigitte Wölffer, Berlin. Zur Ausstellungseröffnung hielten der Kulturdezernent des Senats Berlin und der Präsident der jüdischen Gemeinde Berlin Ansprachen.
- 1990: Einzelausstellung in der Galerie Dacal, Madrid
- 1991: Einzelausstellung in der Galerie Magenta, Barcelona
- 1994: Einzelausstellung in der Galerie La Petite, Paris
- 1996: Einzelausstellung in der Galerie Orfilia, Madrid[9]
- 2003: Einzelausstellung mit Druckgrafiken aus den Jahren 1992 bis 2002. Galerie Alte Reichsvogtei, Schweinfurt[4]
- 2005: Einzelausstellung im Schloss Zeilitzheim
- 2007: Gemeinschaftsausstellung Soll? Und Haben (Wunschbilder). Museen und Galerie der Stadt Schweinfurt, Halle Altes Rathaus
- 2007: Jahresausstellung der Gruppe Schweinfurter Künstler, Halle Altes Rathaus
- 2013: Einzelausstellung mit rund siebzig ausgewählten Werken: Ölgemälde, Mischtechniken, Collagen und Druckgrafiken, Kunsthalle Schweinfurt[5][10]
Ehrungen
- 2007 wurde sie von der Gruppe Schweinfurter Künstler als Ehrenmitglied aufgenommen.[5]
- Die Margarita-Calvary-Straße im Schweinfurter Stadtteil Bellevue wurde im März 2018 nach ihr benannt.[11]
- Margarita Calvary wurde mit der Aufnahme in das Projekt FrauenOrte des Bayerischen Staatsministeriums für Familie, Arbeit und Soziales ausgezeichnet, das Leben und Wirken von Frauen in Bayern sichtbar macht. Wie auch in anderen nationalen Projekten der Frauenorte werden Frauen in Deutschland und ihr Lebenswerk als historische Vorbilder geehrt.[2][12]
Literatur
- Ilka Knöpfel: Margarita Calvary - Zum Werk der aus Schweinfurt stammenden Künstlerin. In: Mainleite. Historischer Verein Schweinfurt (Hrsg.), Nummer IV, Dezember 2005, S. 27–30
- Monika Remelé: Schweinfurter Geheimnisse. Eva-Maria Bast, Katja Glatzer, Hannes Helferich (Hrsg.), Bast Medien 2021, ISBN 978-3-946581-81-9
- Margarita Calvary Form und Harmonie; Malerei und Grafik; 14. September bis 7. Oktober 2012, Kunsthalle Schweinfurt
- Renate Treydel: Calvary, Margarita. In: Allgemeines Künstlerlexikon - Internationale Künstlerdatenbank - Online. K. G. Saur, Berlin / New York 2021
Weblinks
- Margarita Calvary in FrauenOrte in Bayern
Einzelnachweise
- ↑ a b Hannes Helferich: Sie war eine Künstlerin und Weltbürgerin. In: Mainpost vom 12. Juli 2016. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b Margarita Calvary: Die Rückkehrerin. In: bayerns-frauen.de, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b c d e f g Margarita Calvary, geb. Silberstein - Geschichte einer Schweinfurter Jüdin. In: Mein Schweinfurt. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b c d e f Ilka Knöpfel: Margarita Calvary - Zum Werk der aus Schweinfurt stammenden Künstlerin. In: Mainleite. Historischer Verein Schweinfurt (Hrsg.), Nummer IV, Dezember 2005, S. 27–30. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b c d e f g h Ludwig Wiener: Mit Kraft des Expressionismus. In: Schweinfurter Tageblatt Nr. 9 vom 11. Januar 1985. In: Margarita Calvary, geb. Silberstein - Geschichte einer Schweinfurter Jüdin. In: Mein Schweinfurt. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b Katja Glatzer: Schweinfurter Geheimnisse: Am Grab von Margarita Calvary In: Mainpost vom 6. Dezember 2021. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ Silberstein & Neumann Schuhe. In: Mein Schweinfurt. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ „Erzählcafé“ im Martin-Luther-Haus, Schweinfurt. In: Dekanat Schweinfurt. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ a b c d Renate Treydel: Calvary, Margarita. In: Allgemeines Künstlerlexikon - Internationale Künstlerdatenbank - Online. K. G. Saur, Berlin / New York 2021
- ↑ a b c Margarita Calvary. In: Mein Schweinfurt. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ Katharina Kraus: Neue Straßennamen für Stadtteil Bellevue. In: Würzburg erleben vom 18. Juli 2018. Abgerufen am 12. Oktober 2025
- ↑ FrauenOrte. In: bayerns-frauen.de, Bayerisches Staatsministerium für Familie, Arbeit und Soziales. Abgerufen am 12. Oktober 2025