Marcianus (Stadtpräfekt)

Marcianus war ein hoher römischer Beamter der Spätantike. Er erreichte 409 die Stadtpräfektur der Stadt Rom.

Überlieferung

Inschriften und Gesetze

Generell ist die Identifikation oder Trennung verschiedener bekannter Personen namens Marcianus Ende des 4. und Anfang des 5. Jahrhunderts in der prosopographischen Forschung umstritten.

Der römische Senat widmete einem Iulius Agrius Tarrutenius Marcianus, der oft mit dem späteren Stadtpräfekten identifiziert wird, eine hochoffizielle Inschrift. Diese nennt dessen Ämterlaufbahn wie folgt: vir clarissimus et inlustris (d. h. Angehöriger des Senatorenstands), Kandidat für die Quaestur sowie Praetur, Konsular (Statthalter) der Provinz Sizilien und Prokonsul der Orientis.[1]

Ein an einen Marcianus adressiertes Gesetz vom 22. März 384 weist diesen als vicarius (zweithöchsten Zivilbeamten unter dem Prätorianerpräfekten) einer westlichen Diözese aus;[2] ob dieser identisch ist mit dem späteren Stadtpräfekten, ist jedoch unklar.[3]

Carmen contra paganos

Ein weiterer Hinweis auf einen Marcianus findet sich im Carmen contra paganos, einem anonymen christlichen Schmähgedicht gegen einen gerade verstorbenen heidnischen Präfekten. Darin wird behauptet, dieser Präfekt (dessen Name nicht genannt wird) habe einen sonst unbekannten Leucadius dazu angestiftet, Marcianus so zu „verderben“ (perdere), dass Leucadius den Posten des proconsul von Africa bekam.[4] Da das Ereignis sonst nicht überliefert ist, ist unklar, was hier mit „verderben“ oder „korrumpieren“ gemeint ist. Vielleicht ist gemeint, dass der Präfekt Marcianus als Proconsul Africas absetzte und stattdessen Leucadius auf diesen Posten hob.[5] Vielleicht ist auch gemeint, dass der Präfekt Marcianus vom rechten Glauben abbrachte (ihn also „verdarb“), indem er ihm das Prokonsulat von Africa im Austausch für seine Apostasie gab.[6]

In der historischen Forschung ist zudem umstritten, ob es sich bei dem vom Carmen angegriffenen Präfekten um Vettius Agorius Praetextatus oder um Virius Nicomachus Flavianus handelt. In ersterem Fall hätte sich das zugrundeliegende Ereignis 384 (dem Todesjahr des Praetextatus, in dem dieser Prätorianerpräfekt war), im letzteren Fall 394 (dem Todesjahr des Flavianus, für den dasselbe gilt) zugetragen. Da generell unklar ist, welche Marciani miteinander zu identifizieren sind, ist auch dieser Marcianus nicht sicher zuordenbar.[7]

Stadtpräfektur und weitere Quellen

409 wurde Marcianus von dem Usurpator Priscus Attalus, der unter dem Eindruck der Belagerung Roms durch Alarich den Purpur ergriffen hatte, zum Stadtpräfekten ernannt.[8] Wegen seiner Verbindungen zur heidnischen Stadtaristokratie, der er wohl ebenfalls entstammte, wurde zuweilen vermutet, dass er gemeinsam mit dem Prätorianerpräfekten Lampadius und dem Konsul Tertullus Teil einer Machtfraktion hochrangiger Heiden während der Usurpation des Priscus Attalus war.[9] Allerdings lässt sich aus dem vorhandenen Quellenmaterial laut Alan Cameron nicht einmal mit Sicherheit schließen, dass Marcianus überhaupt Heide war.[10]

Marcianus tauschte Briefe mit dem bekannten heidnischen Politiker und Gelehrten Quintus Aurelius Symmachus aus und hatte einen Sohn namens Maximianus.[11]

Eher als unwahrscheinlich erachtet wird eine Identifikation dieses Marcianus mit einem gleichnamigen Briefpartner des Augustinus von Hippo.[12]

Literatur

Anmerkungen

  1. CIL 6, 1735 Identifikation u. a. bei Wilhelm Enßlin: Marcianus 25. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIV,2, Stuttgart 1930, Sp. 1513 (Digitalisat).
  2. Codex Theodosianus 9,38,7.
  3. Für die Identifikation: Arnold Hugh Martin Jones, John Robert Martindale, John Morris: Marcianus 14. In: The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE). Band 1, Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 0-521-07233-6, S. 555–556.. Dagegen Wilhelm Enßlin: Marcianus 24, 25. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIV,2, Stuttgart 1930, Sp. 1513 (Digitalisat).
  4. Carmen contra paganos, Vers 86.
  5. Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätschen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 350, Anm. 220.
  6. So Arnold Hugh Martin Jones, John Robert Martindale, John Morris: Marcianus 14. In: The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE). Band 1, Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 0-521-07233-6, S. 555–556. Wilhelm Enßlin: Marcianus 25. In: Paulys Realencyclopädie der classischen Altertumswissenschaft (RE). Band XIV,2, Stuttgart 1930, Sp. 1513 (Digitalisat).
  7. Insofern ist auch der Versuch von Christoph Markschies zum Scheitern verurteilt, auf der Grundlage eines Marcianus-Arguments die Frage nach dem Adressaten des Carmen zu klären, vgl. Christoph Markschies: «Leben wir nicht alle unter dem selben Sternenzelt?» Übersetzung und Bemerkungen zum Traktätschen ‚Contra Paganos‘ (Cod. Paris. Lat. 8084, fol. 156r–158v = CPL 1431). In: Reinhard Feldmeier, Ulrich Heckel (Hrsg.): Die Heiden: Juden, Christen und das Problem des Fremden (= Wissenschaftliche Untersuchungen zum Neuen Testament. Band 70). Tübingen 1994, ISBN 978-3-16-157330-9, S. 325–377, hier S. 350 f.
  8. Zosimos 6,7,2.
  9. John F. Matthews: Western Aristocracies and Imperial Court. Oxford 1975, S. 295–296.
  10. Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 190–194.
  11. Symmachus, epistulae 8,9; 8,23–24; 8,54; 8,58; 8,73.
  12. Augustinus, epistula 258. Dazu Alan Cameron: The Last Pagans of Rome. Oxford University Press, Oxford 2011, S. 384, Anm. 150; Arnold Hugh Martin Jones, John Robert Martindale, John Morris: Marcianus 14. In: The Prosopography of the Later Roman Empire (PLRE). Band 1, Cambridge University Press, Cambridge 1971, ISBN 0-521-07233-6, S. 555–556, hier S. 556.