Luigi-Lavizzari-Denkmal

Das Luigi-Lavizzari-Denkmal ist ein Büstendenkmal für den Naturwissenschaftler und Politiker Luigi Lavizzari (1814–1875) in Mendrisio im Schweizer Kanton Tessin. Das Werk von Antonio Soldini wurde am 14. Oktober 1900 eingeweiht.

Geschichte

Vorgeschichte

Kurz nach Luigi Lavizzaris Tod, im April 1875, rief die Gesellschaft der Freunde der Tessiner Volksbildung zu Spenden für ein kleines Denkmal auf und liess mit den eingegangenen rund 3500 Franken von Vincenzo Vela eine Marmorbüste anfertigen. Das für seine stupende Ähnlichkeit mit dem Abgebildeten vielgerühmte Werk wurde am 30. September 1876 im Gymnasium von Lugano (dem heutigen Liceo cantonale di Lugano 1) eingeweiht,[1] an dem Lavizzari als Lehrer und Rektor gewirkt hatte.[2] Eine Kopie der Büste wurde für das Grabmal auf dem Gemeindefriedhof von Mendrisio verwendet.[3]

Denkmäler für verdiente Landsleute auf öffentlichen Plätzen waren im Tessin damals nicht üblich. Das einzige Beispiel, das Marcacci-Denkmal in Locarno von 1856, fand lange keine Nachfolge. Nach dem Tessiner Putsch 1890, in dem die Liberalen gewaltsam die Macht im Kanton an sich zu reissen versuchten, begannen jedoch liberal-radikale Vereine im ganzen Kanton öffentliche Denkmäler für hervorragende Vertreter ihrer Partei (der heutigen FDP) zu errichten. Den Auftakt markierte das Standbild für den Bundesrat Stefano Franscini in Faido (1896), und in rascher Folge entstanden sodann die kleineren Büstendenkmäler für den Staats-, National-, Stände- und Bundesrat Giovanni Battista Pioda in Locarno (1897), den Gross- und Nationalrat Plinio Bolla in Blenio-Olivone (1898) und den Staats- und Ständerat Ambrogio Bertoni in Biasca (1899). Das Unabhängigkeitsdenkmal in Lugano (1898) war ebenfalls eine Manifestation des liberalen Geistes. In diesen Kontext gehört auch das Lavizzari-Denkmal in Mendrisio.

Projektierung

Das Lavizzari-Denkmal geht auf die Initiative des Staatskommissars des Bezirks Mendrisio Rinaldo Borella zurück, der am 1. Februar 1900, anlässlich des 25. Todestages Lavizzaris, erste Subskriptionsaufrufe zur Errichtung eines Monuments und einer Gedenktafel an dessen Geburtshaus in Mendrisio publizierte.[4] Kurz darauf konstituierte er das von ihm präsidierte Komitee Pro Lavizzari, dem auch Repräsentanten der Gemeinde Mendrisio und der Società demopedeutica angehörten. Das Denkmal sollte noch im selben Jahr eingeweiht werden.[5] Dank zahlreicher Spenden aus dem In- und Ausland kamen zuletzt rund 5900 Franken zusammen.[6] Auf eine öffentliche Ausschreibung wurde verzichtet und der Auftrag somit konkurrenzlos an Antonio Soldini übertragen, der bereits zuvor die Denkmäler für Franscini und Bolla geschaffen hatte.

Als Platzierungsort ausersah das Komitee die Piazza del Ponte, wo Lavizzaris Geburtshaus stand. Da das Grundstück der katholischen Kirche gehörte, hätte die Gemeinde eigentlich deren Erlaubnis bedurft. Als der Apostolische Administrator des Kantons Tessin, Bischof Vincenzo Molo, eine solche verweigerte (Lavizzari war ein notorischer Antiklerikaler), setzte sie sich aber einfach über das Verbot hinweg, was in liberalen Kreisen als gelungenes Schelmenstück gegen die Kirche gefeiert wurde. In einer Depesche zur Einweihung gratulierte jemand höhnisch dazu:[7]

«Bravo Mendrisio in oggi rendi omaggio illustre tuo figlio grande patriota scienziato Lavizzari e calpesti ordini vescovili: onore a te.»

„Bravo Mendrisio, heute huldigst du deinem berühmten Sohn, dem grossen Patrioten und Wissenschaftler Lavizzari, und trittst bischöfliche Anordnungen mit Füssen: Ehre sei dir.“

Einweihung

Die Einweihung fand am 14. Oktober 1900 statt. Um 10 Uhr besammelten sich Bürger und Vereine auf der Piazza del Ponte und begaben sich geschlossen zum Bahnhof, wo kurz nach 11 Uhr die Gäste aus dem übrigen Tessin anlangten. Auch hochrangige Vertreter der Regierung, der Bundesversammlung und des Grossen Rats waren angereist. Die vereinte Schar begab sich in einem von Velofahrern angeführten feierlichen Umzug, der von den Musikkapellen von Mendrisio, Bellinzona, Lugano und Chiasso begleitet wurde, in den Hof des Gymnasiums (des heutigen Kunstmuseums Mendrisio), wo der Bürgermeister Achille Borella ein Grusswort hielt. Am folgenden Bankett im «Albergo della Stella» hielten unter anderem der Ständerat Antonio Battaglini und der Staatsrat Luigi Colombi Reden. Ausserdem wurden Gratulationstelegramme verlesen, unter anderem von Alfredo und Giovanni Battista Pioda aus Paris, Giuseppe Stoffel aus Mailand und Pietro Pavesi aus Pavia. Aus Zürich sprach die dortige Sektion der Helvetia Ticinese, aus Winterthur das dortige Komitee der Società liberale ticinese Glückwünsche aus. Gegen 15 Uhr formierte sich der Umzug erneut und begab sich zum verhüllten Denkmal, wo dessen Initiator Rinaldo Borella als erster die Tribüne betrat, über dessen Entstehungsgeschichte referierte und es dann enthüllen liess. Nach einem kurzen Lebensabriss des Geehrten übergab er es unter Applaus der Gemeinde Mendrisio, in deren Namen es Achille Borella dankend und mit einer weiteren Ansprache in Empfang nahm. Anschliessend sprachen Luigi Colombi und Cesare Mola. Die Orchester von Bellinzona und Lugano beschlossen den Anlass mit einem Konzert mit Werken von Richard Wagner, Gioachino Rossini, Johannes Brahms, Jules Massenet und Pietro Mascagni.[8][9]

Am selben Tag wurde die Gedenktafel an Lavizzaris Geburtshaus gegenüber dem Denkmal enthüllt. Sie trägt die schlichte Inschrift: In questa casa nacque Luigi Lavizzari addì 28 gennaio 1814 («In diesem Haus wurde Luigi Lavizzari am 28. Januar 1814 geboren»).[9]

Beschreibung

Das Denkmal steht an der Piazza del Ponte, vor einer Mauer unterhalb der 1887 eingeweihten Kirche Santi Cosma e Damiano. Es befand sich früher weiter oben, auf dem Plateau über dem ersten Treppenaufgang, und anlässlich der Erweiterung des Platzes 2019 gab es Überlegungen, es wieder an seinen angestammten Platz zu versetzen.[10]

Das Büstenporträt in Bronze ist im Wesentlichen eine Kopie von Vincenzo Velas Skulptur.

Die italienische Inschrift in Majuskeln lautet: Luigi Lavizzari / ardente patriota / geologo e naturalista / rivelatore / d’ ignoti veri / i suoi concittadini / 1900 («Luigi Lavizzari, flammender Patriot, Geologe und Naturforscher, Enthüller unbekannter Wahrheiten, seine Mitbürger, 1900»). Georg Kreis las in einer der wenigen wissenschaftlichen Dokumentationen die Zeile «D’ IGNOTI VERI» fälschlicherweise als «DR IGNOTI VERI» und hielt deshalb einen Dr. Ignoti Veri für den Stifter («Enthüller») des Monuments.[11]

Details

Siehe auch

Literatur

  • La festa d’inaugurazione del monumento a Luigi Lavizzari in Mendrisio. In: Gazzetta Ticinese. 15. Oktober 1900, S. 1 f. (online).
  • Stefan Hartmann, Heinz Dieter Fink: Helden, Pioniere und Heilige der Schweiz in Stein und Bronze verewigt. Werd, Zürich 2002, ISBN 978-3-85932-386-5, S. 85.
  • Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-417-3, S. 149.
  • Paola Costantini (Hrsg.): Inventario Fondo Luigi Lavizzari. Kantonsbibliothek Lugano, Archivio Prezzolini. Sig. AP FLAV. Lugano 2010 (PDF; 185 KB).
Commons: Luigi-Lavizzari-Denkmal – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Articoli relativi alla sottoscrizione per il Monumento a Luigi Lavizzari inaugurato il 30 settembre 1876 nel Liceo di Lugano (opera di Vincenzo Vela). In: Paola Costantini (Hrsg.): Inventario Fondo Luigi Lavizzari. Kantonsbibliothek Lugano, Archivio Prezzolini. Sig. AP FLAV. Lugano 2010 (PDF; 185 KB), S. 14–17.
  2. Carlo Agliati: Luigi Lavizzari. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 2. April 2007.
  3. Mendrisio ricorda Luigi Lavizzari, a 150 anni dalla morte. In: L'Osservatore. 18. Februar 2025, abgerufen am 2. November 2025.
  4. Sottoscrizione. In: Gazzetta Ticinese. 1. Februar 1900, S. 3 (online).
  5. Sottoscrizione per un monumento a Lavizzari in Mendrisio. In: Gazzetta Ticinese. 24. Februar 1900, S. 3 (online).
  6. Sottoscrizione per un monumento a Lavizzari in Mendrisio. In: Gazzetta Ticinese. 23. Oktober 1900, S. 3 (online).
  7. Cronachetta. In: Gazzetta Ticinese. 20. Oktober 1900, S. 2 (online).
  8. Festa d’inaugurazione. In: Gazzetta Ticinese. 1. Oktober 1900, S. 3 (online).v
  9. a b La festa d’inaugurazione del monumento a Luigi Lavizzari in Mendrisio. In: Gazzetta Ticinese. 15. Oktober 1900, S. 1 f. (online).
  10. Mendrisio e Stabio svelano le loro nuove piazze. In: laRegione. 9. Februar 2019, abgerufen am 2. November 2025.
  11. Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, S. 149.

Koordinaten: 45° 52′ 13,7″ N, 8° 59′ 19,7″ O; CH1903: 720373 / 81060