Marcacci-Denkmal
Das Marcacci-Denkmal steht auf der Piazza Sant’Antonio in Locarno im Schweizer Kanton Tessin und ist dem Politiker Giovanni Antonio Marcacci (1769–1854) gewidmet. Die von Alessandro Rossi geschaffene Statue wurde im Juni 1856 platziert und ist damit das erste moderne Personendenkmal des Kantons und eines der ersten Verdienstdenkmäler der Schweiz.
Geschichte
Der aus Locarno gebürtige Marcacci war zur Zeit der Helvetischen Republik 1798–1803 Mitglied des helvetischen Grossen Rats, des Gesetzgebenden Rats, des Senats und des Obersten Gerichts. Zwischen 1804 und 1835 war er der diplomatische Vertreter der Schweiz in Mailand, zuletzt als Generalkonsul im Königreich Lombardo-Venetien.[1] Nach seinem Tod 1854 vermachte er seiner Geburtsstadt etwa 300'000 Franken[2] und seine Besitztümer. Sein Palast, der «Palazzo Marcacci» an der Piazza Grande, dient bis heute als Rathaus.[1] Zum Dank dafür beauftragten die Stadtbehörden den Tessiner Bildhauer Alessandro Rossi mit der Schaffung eines Denkmals für den grosszügigen Spender. Ebenfalls involviert war ein weiterer Erbe, der mit ihm verwandte Testamentsvollstrecker Pietro Morettini.[3]
Rossi schuf die Statue im Jahr 1856. Anfang Mai 1856 berichtete die Gazzetta Ufficiale di Milano über die Eröffnung von Rossis Atelier im Mailänder Quartier Porta Vercellina. In der ausführlichen Auflistung der dort zu bewundernden Skulpturen war auch die Rede von einer «noch nicht ganz vollendeten, kolossalen Statue» Marcaccis, die «zum Schmucke der Stadt Locarno bestimmt» sei und «auf einem als Brunnen ausgearbeiteten Sockel» zu stehen komme.[2] Im Juni wurde das Denkmal auf der Piazza Sant’Antonio enthüllt.[4] Am 18. August nahm es der Sachverständige Giuseppe Fraschina ab. Auf Rossis Wunsch hin wurde auch Vincenzo Vela zur Beurteilung beigezogen.[5] Das Wasser hätte ursprünglich aus den Maskaronen in den Nischen des Postaments austreten sollen, die Pläne wurden aber noch einmal überarbeitet. Im Oktober wurde versuchsweise ein Modell der beiden wasserspeienden Löwen aufgestellt, die in einer zweiten Bauetappe hinzugefügt und 1858 vollendet wurden.[5]
Bedeutung
Das Marcacci-Denkmal ist schweizweit eines der ersten Verdienstdenkmäler im engeren Sinne, die nicht länger als Historiendenkmäler «aus einer abstrakten Wertschätzung einer Grösse der Vergangenheit», sondern «aus der realen Erfahrung des Verlusts» hervorgingen und primär beabsichtigten, einer Person, nicht einer Idee, «durch Verehrung ein Nachleben zu sichern».[6]
Im Kanton Tessin ist es das erste moderne Personendenkmal überhaupt. Die am 2. September 1856 eingeweihte Tellstatue in Lugano und der 1859 mit einer Büste von George Washington ausgestattete, ursprünglich private Washingtontempel in derselben Stadt sind beide Historiendenkmäler, die primär als Zierde dienten. Erst 1889 folgte mit dem Mordasini-Denkmal, abermals in Locarno, ein weiteres Verdienstdenkmal im Kanton Tessin.
Mit dem Stefano-Franscini-Denkmal in Faido (1896) und dem Emilio-Bossi-Denkmal in Bruzella (1931) ist das Marcacci-Denkmal zudem das einzige Personendenkmal im Kanton, das den Geehrten mit einer Ganzkörperstatue darstellt.
Beschreibung
Das Denkmal steht auf der Piazza Sant’Antonio, vor der Barockkirche Sant’Antonio, in der Altstadt Locarnos.
Die überlebensgrosse Statue ist aus Carrara-Marmor gefertigt. Marcacci trägt die Uniform eines Ehren-Obersten des Kantons Tessin; der Rang war ihm 1805 von der damaligen Kantonsregierung, dem Kleinen Rat, verliehen worden, als er die diplomatische Laufbahn beschritt.[7] Über seine Schultern hat er einen weiten Mantel mit Epauletten geworfen. Sein Blick geht in die Ferne. Mit seiner Linken drückt er einen Degen an seine Brust, «bereit sein Vaterland zu verteidigen».[4] Mit seiner Rechten hält er die Standarte der Helvetischen Republik.[5] Auf der Plinthe der Statue steht die Signatur: «Ales.o Rossi di Lugano fece in Milano 1856».[5]
Gian Gaspare Nessi vermutete, Rossi habe sich bei seinem Werk am Denkmal für den Gelehrten Pietro Verri orientiert, das Innocenzo Fraccaroli 1844 für den Hof der Accademia di Brera in Mailand geschaffen hatte.[4] Die Mailänder Zeitung Le Belle Arti betonte hingegen das Innovative des Kunstwerks: «Das Konzept ist neu, die Ornamentik anmutig und schlicht, der Stil originell, der weder als byzantinisch noch als bramantesk bezeichnet werden kann, vielmehr an die Eleganz des einen wie des anderen gemahnt, ohne dass irgendeine Art von Nachahmung vorläge.»[8]
Das hohe Postament und die beiden flankierenden wasserspeienden Löwen bestehen aus italienischem Saltrio-Kalkstein.[5] Auf der Rückseite steht über dem Wappen der Marcacci die Inschrift:
«Al barone Gio. Ant. de Marcacci
Colonnello federale preside dell'antico senato svizzero
Rappresentante generale della Confederazione
Nato li 15 agosto 1769 in Locarno
Decesso li 10 aprile 1854 in Milano
Legava
Al comune agli infanti alle donzelle larghi sussidi
Alla patria il suo affetto e le sue ceneri»
«Dem Baron Gio[vanni] Ant[onio] Marcacci / eidgenössischer Oberst des alten Schweizer Senats / Generalkonsul der Eidgenossenschaft / geboren am 15. August 1769 in Locarno / gestorben am 10. April 1854 in Mailand / vermachte / der Gemeinde den Knaben den Mädchen grosse Zuwendungen / dem Vaterland seine Liebe und seine Asche»
Auf der Vorderseite steht die Inschrift:
«La città di Locarno
l’avvocato Pietro Morettini
in attestato di solenne riconoscenza
anno 1856»
«Die Stadt Locarno / der Anwalt Pietro Morettini / zum Zeugnis tiefster Dankbarkeit / anno 1856»
Das darunter angebrachte Wappen der Stadt Locarno ist heraldisch falsch.[5]
Siehe auch
Literatur
- Virgilio Gilardoni: Monumento al barone Giov. Ant. Marcacci. In: Locarno e il suo circolo (= I monumenti d’arte e di storia del Canton Ticino, Band 1). Birkhäuser, Basel 1972, S. 89 f. (online).
- Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-417-3, S. 298, 302.
Einzelnachweise
- ↑ a b Hans Rudolf Schneider: Giovanni Antonio Marcacci. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 21. Januar 2010.
- ↑ a b Francesco Viganò: Studio dello scultore Rossi. In: Gazzetta Ticinese. 5. Mai 1856, S. 294 (online).
- ↑ Carlo Agliati: Pietro Morettini. In: Historisches Lexikon der Schweiz. 25. März 2010.
- ↑ a b c Gian Gaspare Nessi: Lettera. In: Gazzetta Ticinese. 9. August 1856, S. 521 (online).
- ↑ a b c d e f Virgilio Gilardoni: Monumento al barone Giov. Ant. Marcacci. In: Locarno e il suo circolo (= I monumenti d’arte e di storia del Canton Ticino, Band 1). Birkhäuser, Basel 1972, S. 89 f. (online).
- ↑ Georg Kreis: Zeitzeichen für die Ewigkeit. 300 Jahre schweizerische Denkmaltopografie. Verlag NZZ, Zürich 2008, ISBN 978-3-03823-417-3, S. 297 f.
- ↑ Ticino. In: Gazzetta Ticinese. 16. August 1856, S. 533 (online).
- ↑ Ticino. In: Gazzetta Ticinese. 20. August 1856, S. 541 (online).
Koordinaten: 46° 10′ 11,3″ N, 8° 47′ 30,1″ O; CH1903: 704496 / 114048