Lucien Bernheim

Lucien Bernheim (* 25. Juni 1856 in Mülhausen; † 15. Oktober 1917 in Paris) war ein französischer Unternehmer und Minenbesitzer in Neukaledonien. Er entstammte einer wohlhabenden jüdischen Familie, wanderte aber mit nur geringen Ersparnissen in die französische Kolonie aus, wo er zum Betreiber der damals größten Chrom- und Nickelminen der Welt wurde.

Leben

Jugend

Lucien Bernheim wurde 1856 in der Industriestadt Mülhausen in einer jüdischen Familie geboren. Sein Vater war der Spinnereibesitzer Constant Bernheim, seine Mutter Henriette, geborene Dietisheim, entstammte der aus dem Elsass stammenden Schweizer Familie Ditisheim.[1.1] Er hatte fünf Geschwister.[2] Seine Familie war mehrsprachig, sie beherrschte neben der französischen und deutschen Sprache auch Jiddisch und Hebräisch, Lucien Bernheim zudem Englisch und Niederländisch, wie einige seiner Telegramme belegen. Sein Elternhaus an der Place de la Concorde 3[3] war nur wenige Schritte vom Hauptplatz der Stadt, der Place de la Réunion, entfernt. Die Familie besaß eine große Kollektion seltener Bücher. Die Bibliophilie übertrug sich später auf Lucien.[4]

Er besuchte das Lycée seiner Heimatstadt bis zum Ausbruch des Deutsch-Französischen Krieges 1870, als er mit 14 Jahren erst zu seinen Verwandten mütterlicherseits in La Chaux-de-Fonds floh und sich kurz darauf im Oktober 1870 in Lyon dem Freikorps Les vengeurs du Rhône anschloss, um im Untergrund gegen die Preußen zu kämpfen. Anfang Januar 1871 wechselte er dort zur 2ème Légion d’Alsace et de Lorraine, wurde aber schon Ende Januar, während eines besonders kalten Winters, aufgrund seines allzu jungen Alters entlassen.[1.2][5]

Da seine Eltern nach dem Ende des Deutsch-Französischen Krieges und der Annexion Elsass-Lothringens nicht für Frankreich optierten, verlor Bernheim die französische Staatsbürgerschaft und musste sie 1892 durch Einbürgerung erneut erwerben.[1.2]

Nickel

Die Abenteuerlust trieb Bernheim zunächst nach Indochina, kurz darauf nach Australien, wo er sich als Goldsucher und im Bergbau betätigte. Mit seinem dort angesparten Vermögen von 200 £ machte er sich 1884 auf den Weg nach Neukaledonien, angelockt von den Berichten über große Nickelvorkommen. Er investierte seine Ersparnisse in eine kleine Nickelmine in Thio. Im Gegensatz zu den anderen Prospektoren, vornehmlich aus Australien und Neuseeland, verkaufte er diese nicht an die Société Le Nickel (SLN), die ein Monopol bei der Verschiffung besaß. Nach zwei Jahren übergab er die Leitung der Mine einem befähigten englischen Bergbauingenieur, um sich anderen Aufgaben zu widmen.[6]

Bernheim zog weiter an die Westküste nach Népoui nördlich von Bourail. Hier gab es riesige Vorkommen von braunen Nickelerzen, dem Népouit, deren Abbau bisher jedoch zugunsten des attraktiver aussehenden, grünlichen Garnierits vernachlässigt wurde. Die Entdeckung des Népouits verdoppelte die bekannte Menge der Nickelvorkommen der Insel. Um diese Vorkommen abbauen zu können, musste sich Bernheim in die Hände des bedeutendsten Minenbetreibers Neukaledoniens, des Engländers John Higginson, Gründer der SLN, begeben. Higginson würde ihm die Geräte und Arbeitskräfte zur Verfügung stellen, wenn Bernheim dafür monatlich hohe Zinsen bezahlte. Bei finanziellen Schwierigkeiten würde er jedoch die gesamte Mine an Higginson verlieren.[7]

Schmalspurbahn

Bernheim organisierte 1895–1898 den Bau einer 27 km langen Schmalspurbahn von den drei Hauptminen zum Schiffsanleger an der Küste, seinerzeit die längste der Kolonie. Er hatte zuvor mit der SLN eine Vereinbarung getroffen, die Erze mit ihren Schiffen zu transportieren. Die Erze wurden mittels vier Lokomotiven, 100 Wagons, 200 Ochsen und 60 Pferden von den Minen auf die Schiffe geschafft. Die Lokomotiven trugen die Namen seiner Familienmitglieder wie La Henriette zu Ehren seiner Mutter, La Blanche nach seiner Frau, La Constant nach seinem Vater bzw. seinem Sohn und La Gaspard nach seinem zweiten Sohn. Zusätzlich errichtete er ein Netzwerk von Drahtseilen mit einer Gesamtlänge von 200 km, an denen die mit Erz gefüllten Säcke zu der Schienentrasse hinunterglitten. Als Arbeitskräfte wurden sowohl aus Frankreich nach Neukaledonien verbannte Strafgefangene als auch Kontraktarbeiter aus Vietnam, aber auch einige Kanak und Neuhebrider eingesetzt. Als Wärter dienten einheimische Kanak, die deren Flucht verhindern sollten. Die Arbeitsbedingungen waren sehr hart, auch aufgrund der höhenbedingten Kälte in der Bergregion.[9]

Familiengründung

Nachdem er seine Schulden bei Higginson beglichen hatte, beschloss Bernheim mit 38 Jahren, eine Familie zu gründen, und heiratete in Basel seine Nichte zweiten Grades, Blanche Ditisheim, eine Schwester des Uhrmachers Paul Ditisheim. Aus der Ehe gingen zwei Söhne hervor, die in Neukaledonien geboren wurden. Die Familie lebte zunächst in Népoui, zog später aber nach Nouméa. Gleichzeitig widmete er sich der Ausbeutung weiterer Minen bei Pouembout und Koné, darunter die besonders reiche Koniambo-Mine. 1899 beendete die SLN jedoch die Zusammenarbeit mit Bernheim und transportierte sein Erz nicht mehr mit ihren Schiffen. Daraufhin brach der Absatz ein und er musste die Minen an das kanadische Bergbauunternehmen International Nickel Company verkaufen.[10]

Chrom

Nach diesem Rückschlag erwog Bernheim, Neukaledonien zu verlassen, beschloss aber, sich nun der Chromgewinnung zu widmen, ein Metall, das bis dahin aufgrund seines geringen Wertes kaum abgebaut wurde. Er hatte aber die Vorahnung, dass der Preis dieses Metalls bald stark ansteigen würde.[11] Das Erz wurde zufällig von einem Cowboy, der nach entlaufenem Vieh suchte, im Tiebaghi-Massiv bei Koumac gefunden. Dieser zeigte Bernheim einen Klumpen, den dieser als Chrom erkannte und den Fund offiziell meldete.[12] Daraufhin gründete er 1902 die Aktiengesellschaft Société Le Chrome, die 40.000 ha Land erwarb, und begann mit dem Abbau. Für den Transport war es ihm gelungen, Kapitäne zu finden, deren Schiffe Wolle von Australien nach Europa beförderten und die bereit waren, seine Chromerze als Ballast mitzunehmen. Er ließ erneut eine Schmalspurbahn zur Küste bauen, für die er auch deutsche Ingenieure einsetzte[13] und die bis 1908 in Betrieb war, als der Marktpreis von Chrom einbrach und der Abbau nicht mehr rentabel war. Der vorübergehende Preisverfall war in erster Linie durch die eigene Überproduktion entstanden,[14] die Bernheim absichtlich herbeigeführt hatte, um dadurch die sich neu formierenden Konkurrenten in Südafrika und Indien auszuschalten.[15] Die Tiebaghi-Mine mit einem Metallgehalt von 56 % galt als die reichste Chrommine der Welt und die Société Le Chrome führte damit Neukaledonien an die erste Stelle der chromproduzierenden Länder.[16] Die Chrommine von Tiebaghi reichte aus, um den gesamten Weltmarkt zu versorgen.[17]

Staudammprojekt

Sein letztes Projekt war ab 1907 der Bau eines Staudamms und Wasserkraftwerks am Lac de Yaté im Süden der Insel für die eigene Verarbeitung der Nickel- und Chromerze. Dafür war die Bohrung eines 2,7 km langen Tunnels durch einen Berg erforderlich, was am Ende jedoch seine finanziellen Möglichkeiten während des Ersten Weltkriegs überstieg, weshalb er gezwungen war, die Arbeiten nach 700 m einzustellen.[18] Diese wurden erst nach 1920 wieder aufgenommen und mit der Fertigstellung der zweiten Staumauer 1959 abgeschlossen.

Rückkehr nach Frankreich

Bernheim, der vom Gouverneur Paul Feillet in einem Brief an den Kolonialminister 1898 als „der unternehmungsfreudigste, im Bergbau erfolgreichste und aktivste Siedler der ganzen Kolonie, der das Pech hat, Jude zu sein“ bezeichnet wurde,[19] kehrte nach dem Scheitern des Projekts nach Frankreich zurück, wo auch seine Frau lebte. Er war in Neukaledonien wegen seines Eintretens für politische Reformen, wie die Abschaffung der Zwangsarbeit von französischen Strafgefangenen, aber auch aufgrund seines wirtschaftlichen Erfolgs Anfeindungen und Beleidigungen reaktionärer Kräfte ausgesetzt. Er war Anhänger der 1901 gegründeten Parti républicain, radical et radical-socialiste.[20] In Nouméa forderten ihn daher seine Gegner mehrmals am Strand zu einem damals üblichen Duell heraus, bei denen er einmal am Arm verletzt wurde.[21]

Er starb am 15. Oktober 1917 in seinem Haus im Pariser Nobelviertel Villa Montmorency im Alter von 61 Jahren und wurde auf dem jüdischen Teil des Cimetière du Montparnasse beerdigt.[22] Seine Angehörigen verkauften 1919 seine Anteile an der Société Le Chrome an deren Hauptkonkurrenten, die Société Le Nickel.[23]

Bibliothek

Nach dem Verkauf der Népoui-Mine beschloss Bernheim 1901, der Kolonie, die bisher über keine öffentliche Bibliothek verfügte, die Summe von 100.000 Francs für die Errichtung einer solchen Einrichtung zu spenden. Er ließ dafür den Pavillon Neukaledoniens von der Weltausstellung Paris 1900 abbauen und nach Nouméa transportieren. Dieser wurde 1905 im Zentrum von Nouméa wieder aufgebaut. Sie trägt seither den Namen Bibliothèque Bernheim und ist mit einem neuen Erweiterungsbau die bedeutendste Bibliothek des Territoriums.

Ritter der Ehrenlegion

Im Mai 1912 wurde Bernheim auf Vorschlag des Kolonialministers wegen seiner Verdienste als Industrieller und um die Stiftung der Bibliothek zum Chevalier de la Légion d’honneur ernannt.[1]

Einzelnachweise

  1. Akte Lucien Bernheim zur Aufnahme in die Ehrenlegion in der Datenbank Léonore des französischen Nationalarchivs
    1. S. 14: Geburtsurkunde
    2. a b S. 5: Résumé de mes services
  2. Bertha Bernheim – Parents and Siblings familysearch.org
  3. Christiane Terrier, 16:24 (YouTube)
  4. Christiane Terrier, 14:00–28:00 (YouTube)
  5. Christiane Terrier, 28:00–31:30 (YouTube)
  6. Lew Friday
  7. Christiane Terrier, 32:40–45:00 (YouTube)
  8. VE60 indus. vapeur 020 Decauville 253 – Païta (Nouvelle-Calédonie) patrimoine-ferroviaire.fr, 13. April 2024, abgerufen am 20. Dezember 2025 (französisch)
  9. Christiane Terrier, 45:00–59:00 (YouTube)
  10. Christiane Terrier, 59:00–1:08:00 (YouTube)
  11. Christiane Terrier, 1:08:00–1:12:00 (YouTube)
  12. Lew Friday
  13. Christiane Terrier, 1:19:00–1:19:05 (YouTube)
  14. Observations spéciales (PDF; 0,3 MB) L’Écho des mines et de la métallurgie, 12. Oktober 1911, S. 19 (französisch)
  15. Une interview de M. BERNHEIM (PDF; 0,3 MB) L'Écho des mines et de la métallurgie, 15. Februar 1909, S. 13 (französisch)
  16. coloniales.fr/pacifique/Le_Chrome.pdf L’or et les autres produits divers dans les colonies françaises (PDF) La Dépêche coloniale, 12. März 1908, S. 13 (französisch)
  17. Les Mines de Calédonie (PDF; 0,3 MB) La Politique coloniale, 27. März 1905, S. 9 (französisch)
  18. Est-ce un krach néo-calédonien? (PDF; 0,3 MB) L’Écho des mines et de la métallurgie, 25. November 1912, S. 22 (französisch)
  19. Christiane Terrier, S. 208
  20. Christiane Terrier, 1:23:38–1:23:41 (YouTube)
  21. Lew Friday
  22. Christiane Terrier, 1:27:08–1:27:10 (YouTube)
  23. 1919 : Prise de contrôle par la Société Le Nickel (SLN) (PDF; 0,3 MB) L'Information financière, économique et politique, 9. Juli 1919, S. 25 (französisch)

Literatur

  • Patrick O'Reilly: Calédoniens: répertoire bio-bibliographique de la Nouvelle-Calédonie, Ausgabe 3, Musée de l'homme, 1953, S. 18–19.