Lichtspiel (Roman)
Lichtspiel ist der Titel eines Romans des deutsch-österreichischen Autors Daniel Kehlmann, der am 10. Oktober 2023 im Rowohlt Verlag erschien. Der Roman beschäftigt sich am Beispiel des österreichischen Filmregisseurs Georg Wilhelm Pabst mit dem Wirken eines Künstlers unter den Bedingungen einer Diktatur.
Handlung
Struktur
Das Werk besteht aus drei Teilen. Zunächst wird die Zeit der Emigration Pabsts zu Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft behandelt („Draußen“). Sodann wird, als Schwerpunkt des Romans, seine Rückkehr in das von Deutschland inzwischen zwangsweise eingegliederte Österreich und das Schaffen des Regisseurs im nationalsozialistischen Deutschland von 1939 bis 1945 beschrieben („Drinnen“). Schließlich wird – in relativ knappem Umfang – die Zeit nach dem Zweiten Weltkrieg beleuchtet („Danach“). Dabei gehen historische Fakten und Fiktion ineinander über. Die Erzählperspektive verändert sich häufiger.
Handlung
Der in Deutschland renommierte Regisseur Georg Wilhelm Pabst versucht, nach der Machtergreifung der Nationalsozialisten beruflich in den Vereinigten Staaten Fuß zu fassen. So wird in einem Gespräch zwischen amerikanischen Filmproduzenten und Pabst deutlich, dass seine künstlerischen Ambitionen und die kommerziellen Interessen Hollywoods nicht zusammenpassen. Der ihm aufgedrängte Film A Modern Hero bleibt im Jahr 1934 erwartungsgemäß erfolglos. Er sucht nacheinander die Schauspielerinnen Greta Garbo und Louise Brooks auf, um mit ihnen einen Film zu drehen. Mit ihnen feierte er in den 1920er Jahren große Erfolge (etwa Die freudlose Gasse oder Die Büchse der Pandora), doch sie wollen oder können nicht mit ihm arbeiten. Bei einer Party des österreichisch-amerikanischen Filmregisseurs Fred Zinnemann wird Pabst von einem für das Regime tätigen Deutschen auf seine Möglichkeiten im Nationalsozialismus angesprochen. Nach einem Aufenthalt in Paris beschließt Pabst aufgrund einer Nachricht über den schlechten gesundheitlichen Zustand seiner Mutter nach Österreich zu reisen.
Zunächst wird die bedrückende Rückfahrt in das an Deutschland angeschlossene Österreich geschildert. Dort besitzt der Regisseur ein schlossartiges Anwesen im Dorf Tillmitsch in der Steiermark. Der Verwalter des Gebäudes ist jetzt Ortsgruppenleiter der NSDAP und wird als Typus des nationalsozialistisch-kleinbürgerlichen Emporkömmlings beschrieben. Nun, da er zu etwas Macht gekommen ist, behandelt er die Pabsts denkbar schlecht. Kurz darauf bricht der Zweite Weltkrieg aus, so dass Pabst und seine Familie das Dritte Reich nicht mehr verlassen können.
Bei einem Gespräch mit Reichspropagandaminister Joseph Goebbels in Berlin wird Pabst hofiert, dann eingeschüchtert und bekommt schließlich das Drehbuch für den Film Komödianten übergeben. In verschiedenen Kapiteln wird ein Bild des Lebens im nationalsozialistischen Deutschland entworfen. So nimmt die Ehefrau des Regisseurs, Gertrude Pabst, an einem Lesezirkel mit Frauen hochgestellter Personen des NS-Staates teil. Zudem wird die Hinwendung des Sohnes Jakob zum Nationalsozialismus beschrieben. Pabst unterstützt seine alte Bekannte, die nationalsozialistisch ideologisierte Leni Riefenstahl, bei ihrem Film Tiefland und muss später die Verhaftung des Drehbuchautors Kurt Heuser in seinem Haus miterleben. Pabst bleibt weiter bei der UFA, teils aus Furcht um sich und seine Familie, teils weil ihm hier im Gegensatz zu Hollywood die Verwirklichung seiner Filmideen ermöglicht wird.
Sodann wird die Uraufführung von Pabsts Film Paracelsus im März 1943 aus der Sicht eines internierten britischen Schriftstellers (angelehnt an P. G. Wodehouse)[1] geschildert. Großen Raum nehmen im Roman die Mitte 1944 in Prag aufgenommenen Dreharbeiten zum letzten während der nationalsozialistischen Herrschaft entstandenen Film (Der Fall Molander) nach einem Buch des regimetreuen Schriftstellers Alfred Karrasch ein. Bei einer Konzertszene werden Insassen eines Konzentrationslagers als Statisten eingesetzt. Der Film wird dann von Pabst bis kurz vor dem Prager Aufstand und dem Einmarsch der Roten Armee fertig geschnitten. Pabst und sein Assistent Franz Wilzek erreichen mit den Filmrollen den letzten Zug Richtung Wien. Ihr Tornister wird aber von einem Schmied mitgenommen, der darin seine Hufeisen vermutet.
Bei den Dreharbeiten zum Film Geheimnisvolle Tiefe Ende der 1940er Jahre wird Pabst als gebrochener Mann dargestellt, der immer noch unter dem Verlust des Films Der Fall Molander leidet. Seine Frau Gertrude übernimmt die Dreharbeiten in wesentlichen Teilen. Der Roman beginnt und endet mit jeweils einem Kapitel, in dem der betagte und geistig verwirrte Franz Wilzek aus dem „Sanatorium Abendruh“ in eine Fernsehshow transportiert wird, wo Heinz Conrads ihn nach seinen Erfahrungen mit Pabst zu befragen versucht.
Kritiken
Innerhalb der deutschen Literaturkritik wurde Lichtspiel größtenteils mit viel Lob aufgenommen. Denis Scheck urteilte in der ARD: „Lichtspiel ist absolute Weltliteratur – so ein Buch kommt wirklich nicht dauernd vor in der deutschsprachigen Literatur – und auch nicht draußen in der Welt“.[2]
Adam Soboczynski nannte den Roman in der ZEIT „ein großes Werk über moralisches Versagen“ und führte aus: „Der Schriftsteller hat sich die Regiekunst stilistisch anverwandelt, Lichtspiel ist damit auf unterhaltende Weise avantgardistisch.“[2]
Gerrit Bartels nannte den Roman im Tagesspiegel ein „Romanwunderwerk“.[3] Martin Ebel nannte den Roman im Schweizer Tagesanzeiger „ein Meisterwerk“.[4]
Carsten Otte meint im Südwestrundfunk, dass der Autor zu viel gewollt habe. Er habe versucht, sowohl ein Lehrstück über die Unfreiheit der Kunst in der Diktatur als auch einen Essay über die Ästhetik der frühen Kinojahre, einen Familienroman und eine Gesellschaftsparodie zu schreiben. Die Erzählweise sei weitgehend bieder und weniger experimentierfreudig als bei Filmregisseur Pabst selbst unter widrigsten Bedingungen.[5] In einer weiteren Rezension in der taz schreibt Otte, der Roman entwickle sich zu einer „Nummernrevue“: „Es fehlt sowohl eine inhaltliche als auch eine ästhetische Idee, die die Einzelszenen verbinden und zu einer Erkenntnis jenseits von Plattitüden führen könnte. (...) Kehlmann wechselt ständig die Perspektive, doch es vermag partout keine Komplexität [zu] entstehen.“[6]
Enttäuscht zeigt sich Cornelius Pollmer in der Süddeutschen Zeitung: „Eigentlich stimmt wieder alles, eigentlich hat man das Buch vor lauter Neugier mehr mit Hast gelesen statt nur mit Eile, und doch fehlt da dieses überragende Gefühl, einen weiteren Sofortklassiker der Gegenwartsliteratur zum ersten und sicher nicht letzten Mal gelesen zu haben.“ Pollmer begründet seine Kritik damit, „dass Kehlmann diese seine Figuren oft abfilmt, statt in sie hineinzublicken, und dass seine Methode oft erdrückt zu werden droht vom Sujet, auf das er sie diesmal angesetzt hat. Wo in der Halbdistanz sonst Platz genug war für die Magie, mit der der Autor so gern arbeitet, wird es nun eng - zu gewaltig und weiterhin gegenwärtig ist der Schrecken des Dritten Reichs, zu unverjährt und unverjährbar sind die bitteren moralischen Fragen nach persönlicher Schuld und fahrlässigem bis willfährigem Nutznießertum.“[7]
Mit Vorbehalten urteilt auch Franziska Hirsbrunner im Schweizer Radio und Fernsehen: „Das reiche historische Material hat die Tendenz, zum Klischee zu gerinnen. Ähnlich die Figuren: Sie bleiben holzschnittartig. Trotzdem stellt Lichtspiel die grosse Frage nach der persönlichen Verantwortung in einer schwierigen Zeit.“[8]
In der Neuen Zürcher Zeitung schreibt Paul Jandl: „Daniel Kehlmann ist kein literarischer Hochrisikoautor und wird es wohl auch nie sein. Bei ihm gibt es keine gefährlichen Stunts und keine Kapriolen, sondern historisch gut Abgehangenes, mit dem sich gerade so viel Gegenwart beleuchten lässt, dass es nicht zu grell wird. Alles zusammengenommen, ist das wohl der Stoff für Bestsellerromane. Dazu kommt noch eine Virtuosität, die sich beim Virtuossein gerne selbst zuschaut.“ Jandl bescheinigt dem Roman vor allem psychologische Schwächen: „Kehlmann ist ein Vignettenkünstler und kann Szenen von böser Komik schreiben, was «Lichtspiel» aber fehlt, sind psychologische Zusammenhänge. Psychologie überhaupt.“ Kelhmann sei ein „grosser Auserzähler“: „Nichts bleibt ein Geheimnis, nichts im Dunkeln. Kehlmann ist wie ein Zauberer, der die Jungfrau am Ende wirklich zersägt. Warum? Weil er zeigen will, dass er auch das kann.“[9]
Maren Ahring bewertet den Roman im Norddeutschen Rundfunk dagegen als „ganz großes Kino“. Kehlmann habe einen großartigen Roman über das Thema Mitläufertum geschrieben.[10]
In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung würdigt Andreas Kilb zwar die Virtuosität und Lesbarkeit des Romans, dem er auch Drehbuchqualitäten bescheinigt. Vielfach blieben aber die Beweggründe des Regisseurs für sein Handeln im Verborgenen. Das Buch sei insgesamt zu oberflächlich, um es zu einem großen zu machen.[11] In der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung schreibt Peter Körte: „Es ist der Coup, der Kunstgriff des Romans, dass er an einem verschollenen, literarisch noch einmal erfundenen Film zeigt, wo Kunst und Leben sich eben nicht trennen lassen, wann das Verhältnis von Mitteln und Zweck so pervertiert wird, dass einer sich schuldig macht. Und so handelt der Roman auch von der Kunst und ihrem Preis. Von einem „Lichtspiel“, das es ohne Schatten und Dunkel nicht gäbe.“[12]
Jan Drees resümiert im Deutschlandfunk, dass die Geschichte vielfach ruckele, „wie eine schief eingefädelte Filmspule“. Das Buch sei kein „intellektueller Blockbuster“, eher eine brave Fernsehproduktion.[1]
Spezielle Kritik löste die Frage nach dem Verhältnis von historischen Tatsachen und literarischer Fiktion aus. Dabei ging es besonders um die den von Kehlmann erfundenen Einsatz von KZ-Häftlingen bei den Dreharbeiten zum Fall Molander. Im Interview mit dem Spiegel wurde Kehlmann gefragt, ob dieses Verfahren Pabst gegenüber fair sei. Der Autor antwortete: "Nein. Aber ich schreibe ja keinen Roman, um fair zu sein. Wie Thomas Mann einst sagte: Lieber ein Werk verderben als nicht bis zum Äußersten gehen. Pabsts Argument ist: Es stirbt ja niemand, nur weil ich KZ-Insassen filme, und so gibt es auf der Welt einen großartigen Film, den es sonst nicht gäbe. Für die innere Logik der Geschichte war es notwendig, diesen Schritt zu gehen. Die Szene hat ja auch etwas traumartig Verschwommenes, man kann nicht ganz sicher sein, ob es wirklich passiert."[13] Nachfahren des Filmregisseurs erwirkten einen außergerichtlichen Vergleich mit dem Rowohlt-Verlag, der seither ab der 4. Auflage des Romans einen entsprechenden Vermerk am Ende des Buchs eingefügt hat.[14][15] Diese Debatte hat Marin Koerber, Filmhistoriker, Pabst-Experte und ehemaliger Leiter des Filmarchivs der Deutschen Kinemathek in Berlin, zum Anlass genommen, Kehlmanns Roman als gescheitert zu betrachten: "Wenn ich eine reale Person zur Vorlage eines Romans nehme, muss ich als Autor fair sein. Anders muss das Buch scheitern, und es ist in diesem Fall leider gescheitert. Das merkt bloss keiner, der sich mit Pabst nicht auskennt. Das ist das Perfide daran."[16]
Das Buch rangierte auf Platz 13 der Jahresbestsellerliste 2023 des Nachrichtenmagazins Spiegel für Belletristik.[17]
Eine englische Übersetzung von Ross Benjamin erschien am 6. Mai 2025 unter dem Titel The Director bei der New Yorker Verlagsgruppe Simon & Schuster (Summit Books). Stephen Colbert entschloss sich dazu, das Buch mit dem Publikum seines neu gegründeten Buchclubs öffentlich zu lesen.[18]
Einzelnachweise
- ↑ a b Jan Drees: Frieden im Krieg. Daniel Kehlmann: „Lichtspiel“. In: Deutschlandfunk. Deutschlandradio, 8. Oktober 2023, abgerufen am 16. Mai 2024.
- ↑ a b Daniel Kehlmann: "Lichtspiel" - Druckfrisch - ARD | Das Erste. Abgerufen am 19. Juli 2024.
- ↑ Daniel Kehlmanns Romanwunderwerk „Lichtspiel“: Erzählerische Glanzstücke und der Schatten der Kunst. In: Der Tagesspiegel Online. ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 19. Juli 2024]).
- ↑ Ein Künstler im Reich der Lüge. 8. Oktober 2023, abgerufen am 19. Juli 2024.
- ↑ Carsten Otte: Daniel Kehlmann – Lichtspiel. Buchkritik. In: SWR Kultur. Südwestrundfunk, abgerufen am 16. Mai 2024.
- ↑ Carsten Otte: Neuer Roman von Daniel Kehlmann: Mensch ohne Moral. In: die tageszeitung. 10. Oktober 2023, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Cornelius Pollmer: Daniel Kehlmanns Roman "Lichtspiel": Makellos, eigentlich. In: Süddeutsche Zeitung. 10. Oktober 2023, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Franziska Hirsbrunner: Neuer Roman "Lichtspiel": Daniel Kehlmann knöpft sich die NS-Zeit vor. In: Schweizer Radio und Fernsehen. 10. Oktober 2023, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Paul Jandl: Der erfolgreiche Regisseur G. W. Pabst war schon in Hollywood in Sicherheit, da lockten ihn die Nazis nach Berlin. In: Neue Zürcher Zeitung. 19. Oktober 2023, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Maren Ahring: "Lichtspiel" von Daniel Kehlmann: Großes literarisches Kino. In: NDR.de. Norddeutscher Rundfunk, 11. Oktober 2023, abgerufen am 20. Mai 2024.
- ↑ Andreas Kilb: Ein Regisseur als Statist seiner Geschichte. Daniel Kehlmanns neuer Roman. In: Frankfurter Allgemeine Zeitung. 6. Oktober 2023, abgerufen am 16. Mai 2024.
- ↑ Neuer Roman von Daniel Kehlmann: Niemand filmt für sich allein. 13. Oktober 2023, abgerufen am 19. Juli 2024.
- ↑ Starautoren Daniel Kehlmann und Zadie Smith im Gespräch: "Endlich machst du mal was mit Nazis". Interview mit Laura Backes und Xaver von Cranac. In: Der Spiegel, 42/2023. 13. Oktober 2023, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Franz Kasperski: Streit um Roman "Lichtspiel": Was Daniel Kehlmann schreibt, ist Fiktion, nicht Fakt. In: Schweizer Radio und Fernsehen. 10. Juni 2024, abgerufen am 19. Oktober 2025.
- ↑ Der ergänzende Hinweis lautet: Dieser Roman, auch wenn er sich in vielem an den Lebensgeschichten des historischen G. W. Pabst und seiner Familie orientiert, ist ein Werk der Fiktion; so gab es etwa keinen Sohn mit Namen Jakob. Pabsts Filme sind bis heute zugänglich, allein Der Fall Molander, gedreht in den letzten Kriegsmonaten in Prag, gilt als verschollen. Über die Umstände der Dreharbeiten ist praktisch nichts bekannt." Zit. nach der 4. gebundenen Aufl., 2025, unpag. (S. 473).
- ↑ Zit. nach: Kasperski: Streit um Roman "Lichtspiel".
- ↑ Jahresbestseller 2023. In: buchreport. Harenberg GmbH, abgerufen am 20. Mai 2024.
- ↑ US-Moderator Colbert will mit seinem Publikum Kehlmann lesen. In: Frankfurter Rundschau. 1. Juli 2025, abgerufen am 1. Juli 2025.