Volkspark Lichtenrade

Der Volkspark Lichtenrade (auch Lichtenrader Volkspark) ist eine öffentliche Parkanlage im Berliner Ortsteil Lichtenrade (Bezirk Tempelhof-Schöneberg). Der Park entstand ab 1979 durch eine Bürgerinitiative und wird seit 1981 vom Trägerverein Lichtenrader Volkspark e. V. gepflegt. Er gilt als die älteste von Bürgern initiierte und betreute öffentliche Grünanlage Deutschlands.[1][2] Das Parkgelände umfasst etwa 4,6 Hektar.[3]

Seit 1986 verpachtet das Land Berlin die Fläche kostenlos an den Trägerverein.[4] Im September 2025 widmete das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg etwa 3,9 Hektar des Parks (ca. 85 % der Gesamtfläche) offiziell als öffentliche Grün- und Erholungsanlage.[5]

Geschichte

Gründung und Entstehung (1979–1989)

Ende der 1970er-Jahre entstand in Lichtenrade-Ost eine Hochhaussiedlung. Das spätere Parkgelände war ursprünglich als dritter Bauabschnitt dieser Siedlung mit weiteren Hochhäusern vorgesehen.[6][7] Lichtenrade war zu dieser Zeit an drei Seiten von der Berliner Mauer umschlossen, wodurch kaum Erholungsflächen zur Verfügung standen.[2]

Um den Bau weiterer Hochhäuser zu verhindern, rief die Bürgerinitiative Lichtenrade-Ost (BILO) zu Weihnachten 1979 dazu auf, lebende Weihnachtsbäume (Bäume mit intaktem Wurzelsystem) zu kaufen und diese nach den Festtagen auf der Brachfläche einzupflanzen.[4][7] Die Besitzverhältnisse der Fläche waren zunächst ungeklärt; die Initiative besetzte kurzerhand das Gelände.[8][9] Mit ihrer Idee eines Volksparks setzte sie sich gegen die ursprünglich geplante Bebauung durch.[6]

Am 10. Juni 1981 wurde aus der Arbeitsgruppe der BILO der gemeinnützige Trägerverein Lichtenrader Volkspark e. V. gegründet und am 2. September 1981 in das Vereinsregister beim Amtsgericht Charlottenburg eingetragen.[10][11] Gemäß seiner Satzung ist der Zweck des Vereins die Errichtung und Betreuung des Volksparks, der für der Allgemeinheit unentgeltlich nutzbar sein soll.[10] Weiterhin übernehme der Verein die Planung, Finanzierung, Errichtung und Betreuung des Parks.[10]

Die Vereinsmitglieder legten in Eigeninitiative Wasserleitungen und Wege an.[4] Amerikanische Soldaten der damals in Tempelhof stationierten US-Garnison unterstützten das Projekt, indem sie mit schwerem Gerät einen Rodelberg aufschütteten.[4][8] Die Erde dafür stammte vom Aushub des Lichtenrader Dorfteiches, der kurz zuvor saniert worden war.[8] Ein weiterer Hügel wurde von einem Bauunternehmer angelegt, der dieses Material sonst mit hohem Aufwand über die Grenze in die DDR hätte transportieren müssen.[8] Zur Befestigung der Hügel dienten ausgemusterte U-Bahn-Schwellen.[8]

Die Besitzverhältnisse klärten sich erst nach und nach. Ursprünglich umfasste das zukünftige Parkgelände etwa 56.000 m² und befand sich im Besitz der evangelischen Kirche (36.000 m²), des Landes Berlin (10.000 m²) und des Bauern Lehne (10.000 m²).[7] Im selben Jahr verstarb Lehne ; seine Erbengemeinschaft verkaufte das Grundstück an einen Bauträger, der bis 1986 dort 40 Einfamilienreihenhäuser errichten ließ, die dort unter dem Slogan "Wohnen am Volkspark" vermarktet wurden.[7][8]

1986 erwarb das Land Berlin etwa 30.000 m² Fläche mit der Maßgabe, dieses Gelände für 20 Jahre kostenlos an den Trägerverein zu verpachten.[7] Der entsprechende Pachtvertrag wurde am 1. Juni 1989 unterzeichnet.[7] Seitdem verpachtet das Land Berlin Teile des Parkgeländes kostenlos an den Trägerverein.[7]

Patenschaft mit dem Landkreis Cham

Im September 1983 übernahm der bayerische Landkreis Cham eine Patenschaft für den Lichtenrader Volkspark.[12][7] Der Kontakt kam durch Lichtenrader Anwohner zustande, die dort regelmäßig Urlaub machten und dort von den Schwierigkeiten des Parkprojekts erzählten.[7] Unter Führung des damaligen Landrats Ernst Girmindl wurde die Patenschaft vertraglich besiegelt.[7] Ziel war es, einen kleinen "Naturpark Oberer Bayerischer Wald" in Berlin zu schaffen.[12]

Im Rahmen einer Spendenaktion beteiligten sich der Naturparkverein Oberer Bayerischer Wald, 39 Städte und Gemeinden aus dem Landkreis Cham sowie mehr als zehn Baumschulen. Gestiftet wurden Pflanzen, Sträucher, Ruhebänke, Tische, Bauholz und Schnittholz im Gesamtwert von etwa 150.000 Euro.[12][8]

Bezeichnungen im Park erinnern an die Patenschaft: Der Rodelberg erhielt den Namen Kaitersberg, nach dem Hausberg der Stadt Bad Kötzting. Weitere Wege und Bereiche heißen Kötztinger Weg, Grafenwiesener Steig, Lamer Winkel und Kleiner Arber.[12][8]

Als Zeichen der Verbundenheit spendet der Landkreis Cham seit 1984 jährlich einen Weihnachtsbaum, der vor dem Rathaus Tempelhof aufgestellt wird.[4][13][7] Die Firma Max Schierer aus Cham übernimmt den Transport nach Berlin seit Beginn der Tradition kostenlos.[13][8]

Umwandlung zum Naturpark

Seit 2019 wird der Park zunehmend als Naturpark gestaltet. Dafür wurden verschiedene Biotope angelegt, darunter Wildblumen- und Obstwiesen, Sandinseln, Wildgehölzhecken, Saumbiotope, Trockenmauern sowie Behausungen für verschiedene Tierarten, wie Igelkeller, Insektennisthilfen und Vogel- und Fledermauskästen.[9]

Offizielle Widmung (2025)

Am 2. September 2025 widmete das Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg eine Fläche des Parks von etwa 3,9 Hektar offiziell als öffentliche Grün- und Erholungsanlage.[5]

In der Begründung führte das Bezirksamt an, dass aus Gründen der Verkehrssicherheit die Pflege der Bäume zukünftig von der Behörde übernommen werden müsse. Durch die Widmung wird die Fläche rechtlich als öffentliche Grünanlage definiert und unterliegt damit der bezirklichen Verantwortung für die Verkehrssicherungspflicht.[5] Die Allgemeinverfügung trat am 11. Oktober 2025 in Kraft.[5]

Herausforderungen

Seit den 2000er-Jahren kämpft der Verein mit Nachwuchsproblemen. Während in den 1980er-Jahren rund 250 Mitglieder verzeichnet wurden, hatte sich diese Zahl bis 2011 mehr als halbiert, wobei nur noch wenige aktiv waren.[4] Im Jahr 2013 bestand die Kerngruppe der aktiven ehrenamtlichen Gärtner nur aus acht Personen, die alle im Rentenalter waren.[3] Rund ein Dutzend aktive Mitglieder treffen sich zweimal pro Woche zur Parkpflege.[9]

Der Verein finanziert sich ausschließlich durch Spenden und Mitgliedsbeiträge und ist bei der Pflege des Parkgeländes auf ehrenamtliche Arbeit angewiesen.[6][10]

Auszeichnungen

Für sein ehrenamtliches Engagement erhielt der Verein mehrere Auszeichnungen:

  • 1986: Umweltpreis für Leistungen im Umwelt- und Naturschutz[8]
  • 1988: 2. Platz beim Tempelhofer Umweltpreis[8][7]
  • 2001: Tempelhofer Bürgerpreis[6][7]
  • 2008: Berliner Umweltpreis des BUND in der Kategorie "Umweltmanagement"[2][8]
Commons: Volkspark Lichtenrade – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Isabell Jürgens: Studie: Ohne privates Zutun verkommen Grünflächen: Bürger und Ämter oft im Streit um Parkpflege. In: Die Welt. 23. April 2007, S. 31 (welt.de).
  2. a b c Sebastian Heiser: Umwelt: Viel Haus für wenig Energie. In: taz. die tageszeitung. 19. November 2008, S. 24 (taz.de).
  3. a b Helden der Parkraum-Bewirtschaftung. In: B.Z. 5. August 2013, S. 14 (bz-berlin.de).
  4. a b c d e f Philip Volkmann-Schluck: Der Park und sein Schutzengel. In: Berliner Morgenpost. 19. Dezember 2011, S. 17.
  5. a b c d Bezirksamt Tempelhof-Schöneberg von Berlin: Widmung einer Grün- und Erholungsanlage: Bekanntmachung vom 2. September 2025. In: Amtsblatt für Berlin. 75. Jahrgang, Nr. 42, 10. Oktober 2025, S. 1773–1774 (berlin.de (Memento des Originals vom 21. Oktober 2025 im Internet Archive) [abgerufen am 12. Oktober 2025]).
  6. a b c d Frank Behrens: Seit 20 Jahren engagiert sich ein Verein für den Volkspark Lichtenrade: Kürbisse für den Kiez - aber kaum Nachwuchs. In: Berliner Morgenpost. 22. August 2001, S. 1.
  7. a b c d e f g h i j k l m Thomas Moser, Trägerverein Lichtenrader Volkspark: Lichtenrader Volkspark. In: Lichtenrade-Berlin.de. Abgerufen am 22. Oktober 2025.
  8. a b c d e f g h i j k l Jana Kotte: Ein Berlinerisch-Bayerischer Park. In: Jana Kotte (Hrsg.): Berlin gärtnert: Kübel, Beet und Samenbombe. Edition Terra, Berlin 2012, ISBN 978-3-942917-03-2, S. 97–99.
  9. a b c Bundesamt für Naturschutz: Ein selbstorganisierter Naturpark – der Volkspark Lichtenrade in Berlin. Abgerufen am 21. Oktober 2025.
  10. a b c d Trägerverein Lichtenrader Volkspark: Satzung. 14. März 2007, abgerufen am 21. Oktober 2025.
  11. Trägerverein Lichtenrader Volkspark: Aktueller Ausdruck. 3. Dezember 2024 (verfügbar im Vereinsregister des Amtsgerichts Charlottenburg, VR 6646 B; abgerufen am 19. Oktober 2025).
  12. a b c d Kaitersberg und Bad Kötzting in Berlin: Landkreis Cham übernahm vor 30 Jahren die Patenschaft für den Lichtenrader Volkspark. In: Passauer Neue Presse. 26. Oktober 2013.
  13. a b Stattlicher Christbaum für Berlin: 16 Meter lange Fichte erneuert Verbindung zum Lichtenrader Volkspark. In: Kötztinger Zeitung. 24. November 2016, S. 17.

Koordinaten: 52° 23′ 32″ N, 13° 24′ 49″ O