Kunst der Völkerwanderungszeit
Als Kunst der Völkerwanderungszeit werden die materiellen und bildlichen Ausdrucksformen der europäischen Kulturen vom späten 4. bis ins 7. Jahrhundert n. Chr. bezeichnet (Völkerwanderungszeit).[1] Diese Epoche ist geprägt von tiefgreifenden politischen, sozialen und kulturellen Umbrüchen. In ihr treten germanische, keltische, römische und weitere Einflüsse in wechselnden Kombinationen auf. Die Forschung betont, dass es sich dabei nicht um eine einheitliche Kultur handelt, sondern um eine Vielfalt regionaler Stile, die durch Migrationen, Handelskontakte, Kriegszüge und die Christianisierung beeinflusst wurden.[2] Die Kunst der Völkerwanderungszeit ist durch eine starke Ornamentik mit ausgeprägter Tier- und Pflanzenstilistik charakterisiert. Sie umfasst zahlreiche Varianten von abstrakter Verzierung bis zu stark stilisierten Figuren. Typisch sind das Metallhandwerk (Schmuck, Beschläge, Fibeln), die Goldschmiedekunst (Brakteaten, Trachtenschmuck) sowie Elfenbein- und Holzschnitzereien. In den teils sehr fein gearbeiteten Schmuckstücken sind Techniken wie Filigranarbeit, Cloisonné und Auflagearbeiten vorhanden. Parallel dazu entstanden in einigen Regionen die ersten christlichen Bildprogramme und Buchhandschriften.[1]
Stilgeschichte
Aus stilgeschichtlicher Sicht lassen sich regionale Entwicklungsstränge unterscheiden, die lokal unterschiedlich stark ausgeprägt sind. Beispiele hierfür sind der Kontinentalstil, die skandinavischen Stilphasen und die insularen Hiberno-Saxon-Formen.[3] In Skandinavien sind Grabfunde, Goldbrakteaten und die Entwicklung spezieller Stilphasen (Nydam-Stil und Vendelstil) von besonderer Bedeutung für die Einordnung der ornamentalen Entwicklung. Im angelsächsischen Raum sind neben dem herausragenden Fundensemble von Sutton Hoo weitere Gräber mit reichen Gold- und Elfenbeinbefunden belegt. Sie zeugen von Kontakten zum Kontinent und zum Mittelmeerraum sowie von ausgeprägten lokalen Handwerkstraditionen.[1]
Während in merowingerzeitlichen Herrschergräbern auf dem europäischen Festland zahlreiche fein gearbeitete Fibeln, Gürtelbeschläge und Reiterausstattungen gefunden wurden, entwickelte sich in Irland und Schottland unter dem Einfluss der insularen Klostertradition eine eigenständige Buch- und Steinmetzkunst. Diese verband ältere ornamentale Traditionen mit christlicher Ikonografie. Der Fundkomplex von Sutton Hoo hat einen besonderen Stellenwert für die heutige Wahrnehmung dieser Epoche, da er die hohen Fertigkeiten in der Goldschmiedekunst und den Wert bestimmter hochrangiger Fundstücke exemplarisch veranschaulicht. Funktion, Ikonografie und soziale Bedeutung. Die Objekte – darunter Schmuck, Waffen und Reitzubehör – verweisen auf ihre Rolle als Statussymbole und Repräsentationsgegenstände.[1]
Die Bildprogramme auf Goldbrakteaten und anderen Medaillons enthalten sowohl mythologische als auch herrschaftsbezogene Motive.[4] In Regionen, in denen die Christianisierung einsetzte, entstanden Sakralgegenstände und eine Buchornamentik, die später in die karolingische Kunst einfloss. Darüber hinaus zeigen archäologische Funde, dass die meisten hochwertigen Objekte in Grablagen deponiert wurden. Dies verdeutlicht soziale Rangordnungen sowie rituelle Aspekte der Bestattungspraxis.[1]
In der Forschung ist die alleinige Interpretation der ethnischen Zugehörigkeit anhand der materiellen Kultur umstritten.[5] Neuere Ansätze betonen Bewegungsdynamiken, Netzwerke und hybride Identitätsbildungen. Naturwissenschaftliche Methoden wie Dendrochronologie, Isotopenanalysen und DNA-Analysen erweitern die Datengrundlage, führen jedoch zugleich zu konzeptionellen Debatten über Identität und Mobilität. In vielen Regionen bleibt die Quellenlage fragmentarisch, weshalb stil- und technikanalytische Vergleiche weiterhin von zentraler Bedeutung sind.
Museen und Sammlungen
Zentrale Fundstücke der Völkerwanderungszeit werden im British Museum in London (Sutton Hoo-Sammlung) sowie in zahlreichen Museen in Skandinavien, Deutschland (Museum für Vor- und Frühgeschichte in Berlin; Rheinisches Landesmuseum Bonn; Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen[6]), Österreich (Kunsthistorisches Museum Wien, u. a. Schatzfunde von Szilágysomlyó[7]), England und Irland aufbewahrt. Zu den besonderen Kunstwerken und exemplarischen Objekten zählen:
- Die Sutton-Hoo-Schiffsgrabbestattung mit ihren reich verzierten Schmuck- und Ausstattungsstücken gilt als Referenz für die angelsächsische Elitekultur.
- Goldbrakteaten (Skandinavien): dünne, meist goldene Medaillons mit figürlichen Darstellungen und runenähnlichen Inschriften, die ikonographisch wie sozialgeschichtlich bedeutsam sind.
- Merowingerzeitliche Fibeln und Gürtelbeschläge: Sie zeichnen sich durch technische Virtuosität und komplexe Ornamentik aus und sind wichtige Quellen für Stilvergleiche.
Werke (Auswahl)
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Der Sutton-Hoo-Helm. British Museum, London
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Deckel der Gürteltasche aus der Schiffsbestattung 1 von Sutton Hoo, England. British Museum, London
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Runenkästchen von Auzon (bekannt als Franks Casket). British Museum, London
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Tara-Brosche im Irischen Nationalmuseum, Dublin
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Ein Paar Prunkfibeln. Kunsthistorisches Museum Wien
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Fibel in Drachenform aus Kaltenengers, Germanisches Nationalmuseum, Nürnberg
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Book of Durrow, Seite aus dem Markusevangelium (7. Jahrhundert). Trinity College Dublin
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Ohrring, Ostgotisch. Cleveland Museum of Art, Cleveland
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Goldbrakteat aus einem Schatzfund in Hornbæk, Midtjylland, Dänemark
Literatur
- Helmut Roth (Hrsg.): Kunst der Völkerwanderungszeit. Propyläen, Frankfurt am Main 1979 (Inhaltsverzeichnis).
- Günther Haseloff: Die germanische Tierornamentik in der Völkerwanderungszeit. Studien zu Salins Stil I (= Vorgeschichtliche Forschungen. 17). 3 Teile. de Gruyter, Berlin u. a. 1981, ISBN 3-11-004760-8.
- Günther Haseloff: Email im frühen Mittelalter. Frühchristliche Kunst von der Spätantike bis zu den Karolingern (= Marburger Studien zur Vor- und Frühgeschichte. Sonderband. 1). Hitzeroth, Marburg 1990, ISBN 3-89398-020-2.
- Katharine Reynolds Brown: ‘’Migration Art, A.D. 300–800.’’ The Metropolitan Museum of Art, New York 1995, (Digitalisat).
- Lexikon
- Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. de Gruyter, Berlin/New York, 1968–2008.
Weblinks
- Sutton Hoo and Europe AD 300–1100, British Museum
- Migrationsgeschichten
- Migration Age
- The Migration Period
- The migration period: mass movements that reshaped EUROPE
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Katharine Reynolds Brown: Migration Art, A.D. 300–800. The Metropolitan Museum of Art, New York 1995.
- ↑ Mischa Meier: Die "Völkerwanderung" | Flucht historisch. 24. Juni 2016, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Hiberno-Saxon style | Anglo-Saxon, Insular, Illuminated | Britannica. In: Encyclopedia Britannica. (britannica.com [abgerufen am 17. Dezember 2025]).
- ↑ Karl Hauck, Morten Axboe, Urs Clavadetscher, Klaus Düwel, Lutz von Padberg: Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit. Ikonographischer Katalog (= Münstersche Mittelalter-Schriften. Band 24), 3 Bände in 7 Teilen, Fink, Münster 1985–1989; Die Goldbrakteaten der Völkerwanderungszeit – Thema und Variation. Die Formularfamilien der Bilddarstellungen (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Ergänzungsband 36). de Gruyter, Berlin/New York 2007, ISBN 978-3-110201109.
- ↑ Sebastian Brather: Ethnische Interpretationen in der frühgeschichtlichen Archäologie. Geschichte, Grundlagen und Alternativen (= Reallexikon der Germanischen Altertumskunde. Ergänzungsband 42). de Gruyter, Berlin/New York 2004, ISBN 3-11-018040-5.
- ↑ Sigrun Paas: Der Gondorfer Gräberfund: römisches und fränkisches Kunsthandwerk. Text zur Abteilung der Völkerwanderungszeit Wilhelm-Hack-Museum, Ludwigshafen 1979.
- ↑ Kunsthistorisches Museum Wien: Barbarenschmuck und Römergold – Der Schatz von Szilágysomlyó.