Stiftung St. Konradihaus
| Stiftung St. Konradihaus | |
|---|---|
| Gründung | 1880 |
| Ort | Schelklingen |
| Land | Baden-Württemberg |
| Staat | Deutschland |
| Koordinaten | 48° 22′ 30″ N, 9° 44′ 5″ O |
| Träger | Stiftung Konradihaus Schelklingen |
| Leitung | Karin Ammann[1] |
| Website | www.stkonradihaus.de |
Die Stiftung St. Konradihaus (auch St. Konradihaus) ist eine Einrichtung der Jugendhilfe in freier Trägerschaft mit Hauptsitz in Schelklingen mit Internat und sonderpädagogischer Privatschule.
Zur Erweiterung der Wohnmöglichkeiten im Kernbereich wurden externe Wohngruppen in der näheren Umgebung und ein Wohnhaus in Justingen errichtet. Die Stiftung betreibt auch ein Jugendwohnheim für Berufsschülerinnen und Berufsschüler der Gewerblichen Schule Ehingen, eine Außenstelle der Joann-Baptist-Sproll-Schule in Ehingen (Donau), ein Ausbildungsrestaurant und einen Dorfladen im Kern von Schelklingen.
Geschichte
Gründungsphase und Vorgeschichte (1874–1880)
Die Einrichtung geht auf Überlegungen aus den 1870er-Jahren zurück. Eine Analyse der katholischen Rettungsanstalten aus dem Jahr 1874 stellte fest, dass im südwestdeutschen Raum rund 10.000 Kinder als hilfebedürftig galten, während lediglich etwa 2.000 in bestehenden karitativen Einrichtungen untergebracht werden konnten.[2]
Auf der II. Konferenz der Vorstände der katholischen Rettungsanstalten im Jahr 1877 in Oggelsbeuren wurde der Wunsch geäußert, eine weitere Rettungsanstalt zu gründen. Hintergrund war insbesondere der akute Platzmangel in den bereits bestehenden Einrichtungen im schwäbischen Raum. Am 25. Oktober 1877 wurde in Ulm die Gründung einer Anstalt für ältere und verwahrloste Knaben in Schelklingen protokollarisch beschlossen. Zu den Initiatoren gehörten der Schelklinger Stadtpfarrer Wilhelm Hummel, Kaplan Nuber aus Oggelsbeuren sowie der Kaplan aus Ried bei Warth. Als Standort wurde eine ehemalige Malzfabrik in Schelklingen vorgesehen.
Am 25. Februar 1878 wurden in Ulm die Statuten der neuen Anstalt ausgearbeitet und ein Verwaltungsrat eingesetzt. Bereits am 30. Juni 1879 zogen zwei Barmherzige Schwestern sowie die ersten Zöglinge in das Gebäude ein. Die feierliche Eröffnung des St.-Konradi-Hauses fand am 11. September 1879 statt. Im Jahr 1880 nahm die Einrichtung ihren regulären Betrieb auf. Sie stand unter dem Patronat des Konrad von Konstanz und unter der Obhut des Rottenburger Bischofs Wilhelm von Reiser.
Konsolidierung und Ausbau (1880–1918)
Von Beginn an war die Einrichtung arbeits- und ausbildungsorientiert geprägt. Neben schulischer Grundbildung bestanden Werkstätten wie Schneiderei, Korbflechterei und Schuhmacherei; 1881 kam eine Buchbinderei hinzu. Ein Teil der Jugendlichen arbeitete zudem in der umliegenden Landwirtschaft.
Am 28. November 1883 verstarb Wilhelm Hummel, Mitbegründer und erster Vorstand des Hauses. Im August 1884 wurde der damalige Schulinspektor und Stadtpfarrer von Schelklingen, Otto Türk, zu seinem Nachfolger ernannt. Bereits um 1890 waren 102 Knaben im St. Konradihaus untergebracht. Aufgrund steigender Belegungszahlen beschloss der Verwaltungsrat im April 1888 eine Erweiterung der Gebäude, die noch im selben Jahr abgeschlossen wurde.
Nach der Versetzung von Otto Türk im Jahr 1900 übernahm Stadtpfarrer Josef Schumacher den Vorstand des St. Konradihauses. In seine Amtszeit fiel die Überarbeitung und Erweiterung der Statuten infolge der Einführung des Bürgerlichen Gesetzbuchs. Durch das neue Zwangserziehungsgesetz nahm die Zahl der Zöglinge weiter zu; 1904 lebten rund 120 Knaben in der Anstalt, davon etwa 40 im Alter zwischen 14 und 18 Jahren.
Zu Beginn des 20. Jahrhunderts wurden umfangreiche bauliche Maßnahmen umgesetzt, darunter die Errichtung einer Badeanstalt (1902) sowie Aufstockungen und Umbauten zwischen 1903 und 1904, einschließlich der Restaurierung und Ausschmückung des Schlafsaals. Schumacher prägte die Einrichtung zudem durch ausführliche Rechenschaftsberichte, in denen er pädagogische, organisatorische und soziale Probleme der damaligen Heimerziehung offenlegte.
In der historischen Rückschau werden diese Darstellungen als frühe Hinweise auf reformpädagogische Leitgedanken des 20. Jahrhunderts gewertet. Josef Schumacher verstarb im November 1918, wenige Tage nach dem Ende des Ersten Weltkriegs.
Zwischenkriegszeit und landwirtschaftliche Erweiterung (1919–1939)
Da das St. Konradihaus im frühen 20. Jahrhundert zunehmend Zöglinge aus geschlossenen Erziehungsanstalten aufnahm, wurde 1927 das Hofgut Oberschelklingen erworben. Dort arbeiteten rund 15 schulentlassene Jugendliche. Im selben Jahr entstand eine Gemüsegärtnerei mit einem Meister und sechs Lehrlingen.[2]
Nationalsozialismus und Zweiter Weltkrieg (1942–1945)
Im Juni 1942 wurde das St. Konradihaus durch die SS übernommen und in die nationalsozialistische Umsiedlungs- und Eindeutschungspolitik eingebunden.[3] Maschinen und Inventar wurden übernommen, die Zöglinge an frühere Wohnorte zurückverwiesen oder zum Wehrdienst eingezogen.[2]
Wiederaufbau und Nachkriegsentwicklung (1945–1969)
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs bemühte sich der damalige Direktor Lorenz Traa, die Einrichtung wieder ihrem ursprünglichen Zweck zuzuführen. Zwischen August 1945 und 1947 standen die Beseitigung kriegsbedingter Schäden sowie die Vorbereitung eines Neubeginns im Vordergrund. Ab 1946 war das Gebäude zeitweise von der UNRRA (United Nations Relief and Rehabilitation Administration) belegt. Im April 1948 wurde das St. Konradihaus wiedereröffnet; zugleich nahm auch eine Lehrwerkstätte erneut ihren Betrieb auf.
Im Februar 1959 verfügte das Fürsorgeheim wieder über 150 Plätze. Nach umfangreichen Restaurierungs- und Aufbauarbeiten wurden 1964 eine Badeanstalt sowie eine Lehrwerkstätte eingeweiht. In dieser Phase entstand zu großen Teilen das heutige, architektonisch geprägte Erscheinungsbild des Konradihauses, das sich in moderner Form in das Stadtbild von Schelklingen einfügt. Gegen Ende der 1960er-Jahre standen den rund 150 Zöglingen im Alter zwischen 14 und 21 Jahren insgesamt 17 Ausbildungsberufe zur Verfügung.
Schulgründung und pädagogische Weiterentwicklung (1972–1981)
Da das Konradihaus überwiegend schulentlassene Zöglinge aufnahm, wurde im Januar 1972 eine eigene Schule gegründet. Im Jahr 1979 konnte der Unterricht im neu errichteten Schulgebäude aufgenommen werden. In späteren Jahren wurde die Schule auch als Berufsfachschule und Berufsschule geführt.
Aufarbeitung und institutioneller Wandel (1971–1999)
In der Forschung zur westdeutschen Heimerziehung wird das St. Konradihaus den Fürsorge- und Erziehungsheimen des 20. Jahrhunderts zugeordnet. Eine 1971 entstandene Examensarbeit dokumentiert unter anderem den Einsatz eines Karzers sowie bauliche und hygienische Zustände, die als menschenunwürdig beschrieben wurden.[4]
Bis 1981 lagen die erzieherischen Aufgaben bei einem Hausvater und den Barmherzigen Schwestern des Vinzenz von Paul.
Entwicklungen im 21. Jahrhundert
Im 21. Jahrhundert entwickelte sich das St. Konradihaus zu einer modernen Jugendhilfeeinrichtung mit zusätzlichen Wohngruppen in der Goethe-, Schiller- und Blaubeurer Straße sowie im Ortsteil Justingen.[2]
Die Flüchtlingsbewegungen ab 2015 sowie der erneute Zuzug nach Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine führten zu einem Anstieg unbegleiteter minderjähriger Ausländer (UMAS). Im Jahr 2023 waren 31 der insgesamt 59 im Landkreis untergebrachten UMAS im St. Konradihaus untergebracht.[2]
Umbruch ab 2023
Im Jahr 2023 stellte die Einrichtung nach 143 Jahren ihre Ausbildungsarbeit ein. Von den 25 betroffenen Mitarbeitenden traten fünf in den Ruhestand; die übrigen übernahmen andere Aufgaben innerhalb oder außerhalb der Einrichtung. Teile des Ausbildungszentrums wurden vorübergehend von Auszubildenden der nach einem Brand geschlossenen Firma Burgmaier genutzt.[2]
Mit einer strategischen Neuausrichtung richtet sich der Schwerpunkt des St. Konradihauses seit 2023 verstärkt an Kinder im Alter von sechs bis 13 Jahren. Vorgesehen sind unter anderem die Reaktivierung der Wohngruppe am Lützelberg, der Aufbau weiterer Gruppen sowie die geplante jährliche Einrichtung einer zusätzlichen Wohngruppe bis 2027. Ergänzend befindet sich eine Mutter-Kind-Gruppe in Vorbereitung.[2]
Heute ist das St. Konradihaus ein Internat, das als staatlich anerkannte Einrichtung der Jugendhilfe mit sozialpädagogischer Ausrichtung, differenzierten Wohngruppenstrukturen und schulischen Angeboten betrieben wird.[5]
Konzept
Zweck des heutigen St. Konradihauses ist die schulisch- und berufliche Bildung sowie koedukativ pädagogische Erziehung der Internatsbewohner.
Joann-Baptist-Sproll-Schule
| Joann-Baptist-Sproll-Schule | |
|---|---|
| Schulform | privates Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung, Werkrealschule, Berufsschule |
| Leitung | Björn Esslinger[6] |
| Website | www.stkonradihaus.de/schule |
Die Joann-Baptist-Sproll-Schule ist ein privates Sonderpädagogisches Bildungs- und Beratungszentrum mit dem Förderschwerpunkt emotionale und soziale Entwicklung. Sie umfasst eine Hauptschule/Förderschule von Klasse 6 bis 9 mit einer Außenstelle in Ehingen, ein Sonder-Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf (SVAB), ein Vorqualifizierungsjahr Arbeit und Beruf ohne Deutschkenntnisse (VABO) und einen Sonderpädagogischen Dienst.[6]
Internatsbewohner der Jugendhilfeeinrichtung können ihrem Schulleistungsniveau entsprechend auch weiterführende Regelschulen in der näheren Umgebung besuchen oder eine Berufsausbildung in den umliegenden Ausbildungsbetrieben absolvieren. Dabei erhalten diese weiterhin sozialpädagogische Begleitung.
Abschlüsse
Je nach Schulzweig erlangen die Internatsschüler nach der 9. Jahrgangsstufe und der staatlichen Prüfung den Hauptschulabschluss oder den Abschluss des „sonderpädagogischen Bildungs- und Beratungszentrums“ (SBBZ).
Kritik
In den 1950er Jahren sollen Internatsbewohner des St. Konradihauses laut der Schwäbischen Zeitung durch einen ehemaligen Direktor, der mittlerweile als pensionierter katholischer Pfarrer im Allgäu lebt, körperlich misshandelt und sexuell missbraucht worden sein. Eine abschließende Klärung des mittlerweile verjährten Rechtsfalls war bis dato nicht möglich.[7]
Internatskosten
Die Kosten der Internatserziehung[8] belaufen sich auf bis zu 54.000 Euro im Jahr. Dabei zu beachten sind auch die Mehrkosten für sonderpädagogische Fördermaßnahmen. Sollte die Kostenübernahme nicht vollständig über einen Kostenträger laufen, so kann vermögenden Eltern hierzu ein Eigenkostenbeitrag in Höhe von bis zu 2.438 Euro im Monat für die Internatserziehung auferlegt werden.[9]
Schirmherrschaft
Roland Bless, ehemals Mitglied der deutschen Pop-Band Pur, ist seit 2017 Schirmherr des St. Konradihauses.[10]
Literatur
- Hans Dolde: 100 Jahre St.-Konradi-Haus 1880–1980. Geschichte des Heimes von seiner Gründung bis heute. Schwäbischer Bote, Oberndorf/Neckar 1980.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Ansprechpartner. In: www.stkonradihaus.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ a b c d e f g Umbruch beim St. Konradihaus in Schelklingen. In: Schwäbische Zeitung. 16. Juli 2023, abgerufen am 8. Dezember 2025.
- ↑ Stadtgeschichte – Museum Schelklingen. In: Museum Schelklingen. Abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Schläge im Namen des Herrn. Die verdrängte Geschichte der Heimkinder in der Bundesrepublik. Abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Über uns – Stiftung St. Konradihaus. In: St. Konradihaus. Abgerufen am 1. Januar 2025.
- ↑ a b Joann-Baptist-Sproll-Schule. In: www.stkonradihaus.de. Abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Misshandlungsvorwürfe gegen das St. Konradihaus. In: www.schwaebische.de. Schwäbische Zeitung, 7. April 2010, abgerufen am 17. Dezember 2025.
- ↑ Prof. Dr. Richard Günder Heimerziehung im Sozialgesetzbuch, abgerufen am 2. März 2019
- ↑ Bundesministerium der Justiz und für Verbraucherschutz Kostenbeitragsverordnung, abgerufen am 2. März 2019
- ↑ Unterstützung für das St. Konradihaus