Kiowa Six
Die Kiowa Six (zunächst Kiowa Five) waren eine Künstlergruppe von sechs Angehörigen des Stammes der Kiowa aus dem US-amerikanischen Bundesstaat Oklahoma, die ab Mitte der 1920er Jahre aktiv war. Die Künstler gelten als eine der wichtigsten Wegbereiter der modernen indianischen Malerei im südlichen Nordamerika. Zu der Gruppe gehörten Jack Hokeah (1900–1969), Monroe Tsatoke (1904–1937), Spencer Asah (1906–1954),[1] James Auchiah (1906–1974), Stephen Mopope (1900–1974) und als einziges weibliches Mitglied Lois Smoky (1907–1981).[2]
Geschichte
In der traditionellen Kultur der Kiowa hatte die Malerei eine zentrale Bedeutung. Während sich Frauen vorwiegend auf kunsthandwerkliche Techniken wie die Perlenstickerei beschränkten, schufen Männer bemalte Chroniken, sogenannte Kalender, in denen sie bedeutende Ereignisse der Gemeinschaft oder individuelle Heldentaten festhielten. Alle sechs Künstler der Gruppe sprachen Kiowa und waren trotz der erzwungenen Assimilationsmaßnahmen eng mit der traditionellen Kultur ihres Volkes verbunden.
Im Zuge der US-amerikanischen Assimilationspolitik wurde das Gebiet der Kiowa-Reservation im Westen Oklahomas im Jahr 1900 aufgeteilt. Jedes Stammesmitglied erhielt 160 Acres Land, während 480.000 Acres sogenannter „überschüssiger“ Flächen 1906 an weiße Siedler verkauft wurden. Der Besuch europäisch-amerikanischer Schulen wurde verpflichtend. Die späteren Mitglieder der Kiowa Six besuchten die St. Patrick’s Mission School bei Anadarko in Oklahoma. Dort erhielten sie englische Namen, lernten Englisch und wurden für einfache Handwerksberufe ausgebildet.
Nach ihrer Schulzeit kehrten sie in ihre Gemeinschaft zurück. Dort unterstützte sie Susie Peters, die in Anadarko als Indian Service Field Matron tätig war. Sie förderte ihre künstlerischen Bestrebungen, stellte ihnen Materialien wie Farben und Papier zur Verfügung und organisierte um 1920 eine Gruppe Kiowa-Künstler, der auch die Kiowa Six angehörten. In dieser Zeit entwickelten sie den sogenannten Kiowa-Stil mit Figuren auf einfarbigem Hintergrund, flächig ausgefüllten Farbflächen ohne Tiefenillusion und einer betonten Linienführung. Die Motive waren meist Tänzer, Zeremonien oder Szenen des Stammeslebens.[2]
Zunächst versuchte Susie Peters, die Werke in Oklahoma und New Mexico zu vermarkten. Später stellte sie die Künstler dem Kunsthistoriker Oscar Jacobson vor, der Direktor der Kunstabteilung der University of Oklahoma war. 1927 ermöglichte Jacobson den Künstlern Mopope, Tsatoke, Asah und Hokeah die Nutzung der Universitätsateliers unter der Aufsicht von Edith Mahier. Ein formaler Kunstunterricht wurde ihnen jedoch nicht erteilt. Später stießen Lois Smoky und James Auchiah hinzu. Jacobson organisierte erste Wanderausstellungen und ermöglichte den Verkauf zahlreicher Werke.
Bereits 18 Monate nach dem ersten Kontakt stellte er 35 Aquarelle der Kiowa Six beim Internationalen Kongress in Prag aus und veranlasste die Veröffentlichung eines Portfolios ihrer Werke in Frankreich. Ab 1931 folgten Ausstellungen in New York City, und die Künstler erhielten zunehmende Anerkennung durch die euro-amerikanische Kunstwelt. Im Rahmen des Public Works of Art Project (PWAP) erhielten die fünf männlichen Mitglieder Aufträge zur Ausführung von Wandmalereien, darunter Arbeiten im Oklahoma State Historical Building und im Innenministerium der Vereinigten Staaten in Washington D.C.
Lois Smoky beteiligte sich nicht an diesen Projekten; nach ihrer Heirat wandte sie sich der traditionellen Kiowa-Perlenstickerei zu. Die Kiowa Six gehörten zu den ersten indigenen Künstlergruppen Nordamerikas, die überregional Anerkennung fanden. Ihr Stil prägte die Entwicklung des sogenannten Traditional Flat Style, der später an der Indian School in Santa Fe durch Dorothy Dunn weiterentwickelt wurde.[2]
Werk
Die Kiowa Six entwickelten einen eigenständigen Malstil, der oft als Flat Style bezeichnet wird. Ihre Darstellungen zeigen Figuren, Zeremonien, Tänze und Alltagsszenen der Kiowa mit klaren Umrissen, intensiven Farbflächen und ohne räumliche Tiefe oder Hintergrunddetails. Typische Motive sind Tanzzeremonien, Stammesszenen, traditionelle Kleidung und Personen im Kontext ihrer Kultur. Diese Malweise knüpft an die Ledger-Art-Tradition der Prärie-Indianer an und transformiert sie in eine moderne Kunstform.
Ein wichtiger Meilenstein war die Veröffentlichung des Portfolios Kiowa Indian Art: Watercolor Paintings by the Indians of Oklahoma im Jahr 1929, das Pochoir-Drucke von Werken der Gruppe enthielt und ihre internationale Sichtbarkeit erhöhte. Ihre Wirkung geht über die ihrer Einzelwerke hinaus: Die Künstler der Kiowa Six gelten als Vorbilder für spätere indigene Kunstschaffende und haben gezeigt, wie sich indigene Motive und ästhetische Prinzipien in den etablierten Kunstmarkt integrieren lassen.[3]
Szwedzicki Portfolios
Zwischen 1929 und 1952 produzierte der in Nizza ansässige Verleger C. Szwedzicki sechs Portfolios mit Kunstwerken nordamerikanischer Indianer.[4] Die Publikationen wurden von den amerikanischen Wissenschaftlern Oscar Brousse Jacobson, Hartley Burr Alexander und Kenneth Milton Chapman herausgegeben. Viele der Bilder wurden als Pochoir-Drucke veröffentlicht, die in ihrer Erscheinungsform Siebdrucken ähneln. Es handelt sich um Originalarbeiten amerikanischer Indianerkünstler des 20. Jahrhunderts. Wichtige Dokumente zur Schlacht am Little Bighorn finden sich in der Reproduktion der heute verlorenen Ledger-Kunst von Amos Bad Heart Bull.
Literatur
- Kiowa Indian Art: Watercolor Paintings in Color by the Indians of Oklahoma (Verlag: L’Édition d’Art C. Szwedzicki, Nice/Frankreich, 1929) — enthält 30 Pochoir-Drucke der Arbeiten von Mitgliedern der Gruppe. Reprint: Bell Editions, Santa Fe, 1979 — Wiederveröffentlichung der 1929-Edition mit Einführung von Jamake Highwater.
- Lydia L. Wyckoff (Hrsg.): Visions and Voices: Native American Painting from the Philbrook Museum of Art, Philbrook Museum of Art, Tulsa 1996.
- David J. Wishart: Kiowa Six. In: Encyclopedia of the Great Plains. University of Nebraska Press / University of Nebraska-Lincoln, 2004.
- Janet Berlo: The Szwedzicki portfolios of American Indian Art, 1929–1952: Kiowa Indian Art, Pueblo Indian Painting & Pueblo Indian Pottery. American Indian Art Magazine, Spring 2009.
- Gunlög Fur: Painting Culture, Painting Nature: Stephen Mopope, Oscar Jacobson, and the Development of Indian Art in Oklahoma, University of Oklahoma Press, Norman 2019.
- Patrick D. Lester: The Biographical Directory of Native American Painters, University of Oklahoma Press, Norman & London 1995.
Weblinks
- Encyclopedia of the Great Plains
- Gilcrease Museum
- National Cowboy & Western Heritage Museum
- The Szwedzicki Portfolios: Native American Fine Art and American Visual Culture 1917–1952
- Jacobson House Native Art Center
- Lydia L. Wyckoff: Kiowa Six. Eintrag bei Encyclopedia of the Great Plains.
Einzelnachweise
- ↑ Spencer “Lallo” Asah (1906-1954) – Find a Grave... Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ a b c KIOWA SIX | Encyclopedia of the Great Plains. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ Browse: The Kiowa Six: Painting Oral Histories. Abgerufen am 30. Oktober 2025.
- ↑ The Szwedzicki Portfolios: Native American Fine Art and American Visual Culture 1917-1952. Abgerufen am 30. Oktober 2025.