Kde domov můj

Kde domov můj?
Alternativer Titel Kde domov můj
Titel auf Deutsch Wo ist mein Heim?
Land Tschechien / Tschechoslowakei
Protektorat Böhmen und Mähren
Tschechoslowakei
Verwendungszeitraum seit 1993, 1990 / 1945–89
       1939–45
       1918–38
Text Josef Kajetán Tyl
Melodie František Škroup
Audiodateien
Orchester des Nationaltheaters Prag

Orchester des Nationaltheaters Prag, Dirigent Jiří Bělohlávek (Prag 2008):
• Chor der Opera des Nationaltheaters Prag

• Solo Kateřina Kněžíková

• Solo Adam Plachetka

Kde domov můj? (Wo ist mein Heim?, anhören) ist die Nationalhymne der ehemaligen Tschechoslowakei und heute von Tschechien. Die offizielle deutsche Version des Textes mit dem Titel Wo ist mein Heim? stammt vom deutschböhmischen Dichter Wenzel Karl Ernst.

Das Lied

Österreich-Ungarn

Das Lied stammt aus dem Theaterstück Fidlovačka aneb Žádný hněv a žádná rvačka (Fiddlerfest oder Kein Zorn und kein Gezänk) von Josef Kajetán Tyl, uraufgeführt 1834 in Prag, zu der František Škroup die Musik komponierte. Es besteht aus zwei Strophen, wobei die zweite in der breiten Öffentlichkeit heute kaum mehr bekannt ist. Mehrere Lieder aus dem Fiddlerfest erlangten Popularität und Kde domov můj (Wo ist mein Heim), das beliebteste unter ihnen, wurde schnell zur inoffiziellen patriotischen Hymne.

Johann Strauss der Jüngere nahm das Motiv Kde domov můj auf in sein Slaven-Potpourri von Melodien aus Volksliedern und Tänzen (Op. 39, 1847).[1]

Im Jahr 1882 verwendete Antonín Dvořák Kde domov můj in seiner symphonischen Dichtung Můj domov (Mein Heim), Ouvertüre zu František Ferdinand Šamberks Schauspiel Josef Kajetán Tyl, das oft, als ein etwa zehnminütiges Konzertwerk, separat aufgeführt wird.[2]

Rainer Maria Rilke hat das Lied Kde domov můj, auf Tschechisch, geschätzt und es in zwei Gedichten in der Sammlung Larenopfer (1895), auf Deutsch, gewürdigt:[3][4]


KAJETÁN TYL
Bei Betrachtung seines Zimmerchens,
das auf der böhmischen ethnographischen Ausstellung
zusammengestellt war

Da also hat der arme Tyl
sein Lied »Kde domov můj« geschrieben.
In Wahrheit: Wen die Musen lieben,
dem gibt das Leben nicht zuviel.

Ein Stübchen – nicht zu klein dem Flug
des Geistes; nicht zu groß zur Ruhe. –
Ein Stuhl, als Schreibtisch eine Truhe,
ein Bett, ein Holzkreuz und ein Krug.

Doch wär er nicht für tausend Louis
von Böhmen fort. Mit jeder Fiber
hing er daran. – »Ich bleibe lieber,«
hätt er gesagt, »kde domov můj.«



DAS HEIMATLIED

Vom Feld klingt ernste Weise;
weiß nicht, wie mir geschieht ...
»Komm her, du Tschechenmädchen,
sing mir ein Heimatlied.« –

Das Mädchen läßt die Sichel,
ist hier mit Husch und Hui, –
setzt nieder sich am Feldrain
und singt: »Kde domov můj« ...

Jetzt schweigt sie still. Voll Tränen
das Aug mir zugewandt, –
nimmt meine Kupferkreuzer
und küßt mir stumm die Hand.

ČSSR

Am 10. Dezember 1988, dem Tag der Menschenrechte, sang Marta Kubišová die Hymne Kde domov můj als Protestlied, in ihrem erster öffentlicher Auftritt nach Jahren der Verbannung und als Abschluss einer Kundgebung unabhängiger Bewegungen auf Škroupovo náměstí (Škroup-Platz) in Prag-Žižkov. Die kommunistischen Machthaber hatten die Kundgebung dank eines Besuchs des französischen Präsidenten François Mitterrand genehmigt. Unabhängige Bewegungen durften erstmals seit Beginn der „Normalisierung“ eine öffentliche Kundgebung abhalten, zum 40. Jahrestag der Verabschiedung der Allgemeinen Erklärung der Menschenrechte. Die offizielle Zeitung der regierenden KPČ, Rudé právo, kommentierte: „die Redner behaupteten demagogisch, die Bürger misstrauten dem Staat und forderten die Freilassung angeblicher politischer Gefangener.“ Danach erlaubten die Behörden keine ähnlichen Veranstaltungen mehr.[5]

Ein Jahr später, am 21. November 1989, beim Ausbruch der Samtenen Revolution, sang sie ihr Lied Modlitba pro Martu (Gebet für Martha), das zu einer inoffiziellen Hymne des Widerstands und der Hoffnung wurde, neben der tschechoslowakischen Nationalhymne, vom Balkon des Melantrich-Gebäudes am Prager Wenzelsplatz, wo auch Alexander Dubček und Václav Havel ihre Reden hielten. Sie und die beiden traten in den folgenden Tagen auch bei weiteren Demonstrationen dort und auf der Letná-Ebene weiterhin gemeinsam, auch mit anderen, auf.

Die Hymne

Der Text

Der offizielle Text der Hymne beruht auf der ersten Strophe des, von Škroup leicht redigierten,[6] Gedichts von Tyl,[7] gesetzlich als Hymne geregelt, zuletzt im § 7 der tschechischen Gesetze 3/1993 und 154/1998.[8][9]

Kde domov můj,
kde domov můj?
Voda hučí po lučinách,
bory šumí po skalinách,
v sadě skví se jara květ,
zemský ráj to na pohled!
A to je ta krásná země,
země česká, domov můj,
země česká, domov můj!

Kde domov můj,
kde domov můj?
V kraji znáš-li Bohu milém,
duše útlé v těle čilém,
mysl jasnou, vznik a zdar,
a tu sílu vzdoru zmar?
To je Čechů slavné plémě,
mezi Čechy domov můj,
mezi Čechy domov můj!

Teil der tschechoslowakischen Hymne, 1918–38, 1945–1992

Als 1918 die Tschecho-Slowakei gegründet wurde (1920 in Tschechoslowakei umbenannt), wurde die erste Strophe des Liedes zum tschechischen Teil der Nationalhymne, gefolgt von der ersten Strophe des slowakischen Liedes Nad Tatrou sa blýska mit offiziellen Übersetzungen ins Deutsche und Ungarische.

Kde domov můj, kde domov můj?
Voda hučí po lučinách,
bory šumí po skalinách,
v sadě skví se jara květ,
zemský ráj to na pohled!
A to je ta krásná země,
země česká, domov můj,
země česká, domov můj!

Nad Tatrou sa blýska,
hromy divo bijú.
Nad Tatrou sa blýska,
hromy divo bijú.
Zastavme sa, bratia,
veď sa ony stratia,
Slováci ožijú.
Zastavme sa, bratia,
veď sa ony stratia,
Slováci ožijú.

Über der Tatra blitzt es, *
Donner schlagen wild.
Über der Tatra blitzt es,
Donner schlagen wild.
Lasst sie aufhalten, Brüder,
sie werden sich ja verlieren,
Slowaken leben auf.
Lasst sie aufhalten, Brüder,
sie werden sich ja verlieren,
Slowaken leben auf.

* (de) wörtliche Übersetzung[10]

Ob der Tatra blitzt es, **
dröhnt des Donners Krachen.
Ob der Tatra blitzt es,
dröhnt des Donners Krachen.
Doch der Stürme Wehen,
wird gar bald vergehen,
Brüder, wir erwachen!
Doch der Stürme Wehen,
wird gar bald vergehen,
Brüder, wir erwachen!

** literarische Übersetzung[10]

Deutsche und ungarische Versionen, 1918–45 und 1918–38

Die deutsche (1918–45) und ungarische (1918–38) Versionen waren in der Ersten Tschechoslowakischen Republik zwischen 1919 und 1938 offiziell, die deutsche auch im Protektorat.[11] Nachdem man im Vorfeld eine Übersetzung ins Deutsche von Josef Wenzig abgelehnt hatte, entschied man sich für den Text des deutschböhmischen Dichters Wenzel Karl Ernst,[12] (1830–1910), der aus Röhrsdorf, dem heutigen Liščí im Schluckenauer Zipfel stammte,[13] Die ungarische Übersetzung von Géza Mészáros[11] kam einfach(er) dazu.

deutsche wörtliche Übersetzung offizielle deutsche Version[11]

Wo ist mein Heim, wo ist mein Heim?
Das Wasser braust auf den Wiesen,
Wälder rauschen auf den Felsen,
Im Garten strahlt des Frühlings Blüte,
es ist das irdische Paradies für’s Auge!
Und das ist das schöne Land,
Böhmerland, mein Heim!
Böhmerland, mein Heim!

Wo ist mein Heim, mein Vaterland?
Wo durch Wiesen Bäche brausen,
Wo auf Felsen Wälder sausen,
Wo ein Eden uns entzückt,
Wenn der Lenz die Fluren schmückt:
Dieses Land, so schön vor allen,
Böhmen ist mein Heimatland!
Böhmen ist mein Heimatland!

offizielle ungarische Version[11] ungarische Version[14]

Hol a honom, hol a hazám?
Hol a réten csermely csobog,
hegyek hatán fenyves susog,
szántóján ezer cirát,
gyönyörü ott a villág.
Földreszállot éden vagy te
Csehországom, szép hazám!
Csehországom, szép hazám!

Hol van honom, hol a hazám,
Hol patak zúg a hegyháton,
Csörgedez a rónaságon.
Üde virág a kertben,
Mint egy földi édenben.
Ez az istenáldotta föld,
Csehszlovák föld a hazám,
Csehszlovák föld a hazám.

Die Instrumentierung

Die Orchesterierung der Hymne, die auch heute noch aufgeführt wird, stammt vom Otakar Jeremiáš (*1892–†1962), in drei Fassungen – für großes Orchester (1930), für kleines Orchester (1932) und in der sogenannten pastoralen/weihnachtlichen Variante für Orgel und Orchester (1932).

Die aktuelle, und neu offizielle, von der tschechischen Regierung veröffentlichte,[15][16] Aufnahme der tschechischen Nationalhymne von 2008, in Orchestrierung von Otakar Jeremiáš und Jaroslav Krček (* 1939), wurde von Opernchor des Nationaltheaters und Orchester des Nationaltheaters unter der Leitung von Jiří Bělohlávek in vier Interpretationen aufgeführt:

  • Instrumentalfassung, Orchester des Nationaltheaters
  • Chorfassung, Chor der Opera des Nationaltheaters
  • weibliches Solo, gesungen von Kateřina Kněžíková, Sopran *
  • männliches Solo, gesungen von Adam Plachetka, Bassbariton *
* *1982 und *1985, Solisten der Oper des Nationaltheaters, seit 2012 verheiratet, zwei Töchter[17]

Die feierliche Aufführung der neuen Aufnahmen zum Tag der tschechischen Staatlichkeit fand am Sonntag, dem 28. September 2008, im Pantheon des Nationalmuseums in Prag statt.[16]

Tschechoslowakei, Protektorat, Tschechoslowakei und Tschechien

Als Hymne der frisch gegründeten Tschecho-Slowakei, ČSR wurde die erste Strophe der Komposition Ende 1918 bestimmt. In der Tschechoslowakei (1918–38, 1945–89) bestand die Nationalhymne aus zwei Teilen – im Anschluss an die tschechische Hymne wurde die slowakische Hymne Nad Tatrou sa blýska aufgeführt.

Auch in den Resten der ČSR nach dem Münchner Diktat, der „Zweiten Republik“ (1938–39) wurde diese Fassung weiter gespielt.

Während des Protektorats Böhmen und Mähren (1939–45) wurde die tschechische Nationalhymne weiterhin gespielt, allerdings nur zusammen mit dem deutschen Deutschland über alles oder dem nationalsozialistischen Horst-Wessel-Lied, ohne dass es eines offiziellen Aktes bedurfte.

Ähnlich verhielt es sich in den 1950er Jahren, in der ČSR, ab den 60ern die ČSSR, als der tschechoslowakischen Nationalhymne die sowjetische, mitunter auch das Lied der Arbeit oder Die Internationale hinzugefügt wurden.

Nach der Wende wurde der tschechische Teil im Jahr 1990 die offizielle Hymne der Tschechischen Republik (im Rahmen der Föderation, ČSFR) und blieb auch als Hymne der Tschechischen Republik nach dem 1. Januar 1993 bestehen.

Wem gehört die Hymne?

Nachdem das Lied zur offiziellen Staatshymne wurde, wurde es auch zum Gegenstand der Innenpolitik (siehe auch Tschechisierung). Die Slowaken zählten in der damaligen offiziellen Konzeption explizit zu den Tschechoslowaken (siehe Tschechoslowakismus), wie, implizit, alle anderen Minderheiten der ČSR, solange sie nicht aufbegehrten.

„Wie der Text der Hymne andeutet, gehörte die Hymne ursprünglich dem Land Böhmen“ („země česká“). Auf Mähren oder Schlesien „bezog sie sich nicht“. So fand Ferdinand Strejček (* 1878 – † 1963), „in Analogie“ zu einem anderen Text von Josef Kajetán Tyl aus demselben Jahr, auch dass „wenn er in dem Lied über das tschechische Land singt, das von Tschechen bewohnte Gebiet meint, nicht Böhmen als Verwaltungseinheit“.[18]

Siehe auch

Commons: Nationalhymne Tschechiens – Sammlung von Bildern, Videos und Audiodateien

Einzelnachweise

  1. Booklet (en: S. 90) der 52-CD-Gesamtausgabe der Orchesterwerke von Johann Strauss Sohn, (Naxos), auf CD 34 als zweiter Titel zu hören (Johann Strauss Sohn: Komplette Orchesterwerke auf naxosdirekt.de)
  2. (cs) Můj domov, op. 62, B125a / (en) My Home, Op. 62, B125a, auf antonin-dvorak.cz, Web der Nationalbibliothek, NK ČR, Projekt WebArchiv
  3. Rainer Maria Rilke. Sämtliche Werke. Band I, Insel-Verlag, Frankfurt am Main, 1955, daraus Kajetan Týl (S. 38.) und Das Heimatlied (S. 68.) (Bemerkung: hier oben Kajetan Týl (Druckfehler) auf Kajetán Tyl korrigiert)
  4. Kajetán Tyl und Das Heimatlied auf rilke.de, Web von Thilo von Pape, (damals) Besançon, Frankreich
  5. Škroupovo náměstí 1988. Disidenti poprvé promluvili na povolené demonstraci (Škroup-Platz 1988. Dissidenten sprachen zum ersten Mal auf einer erlaubten Demonstration), čtk 10. Dezember 2018
  6. Scan der Originalaufzeichnung von 1860 auf commons.wikimedia.org
  7. Scan der Originalaufzeichnung von 1834 auf commons.wikimedia.org
  8. (cs) sb/1993/3 und sb/1998/154 auf e-sbirka.cz, offizielle Gesetzessammlung, Web der tschechischen Regierung
  9. (cs) Znáte píseň Kde domov můj? První sloka písně Kde domov můj? Druhá sloka písně Kde domov můj? (Kennenen Sie das Lied Wo ist mein Heim? Die erste Strophe des Lieds Wo ist mein Heim? Die zweite Strophe des Lieds Wo ist mein Heim), 22. September 2008, auf vlada.gov.cz
  10. a b siehe Nad Tatrou sa blýska, de.wikipedia
  11. a b c d (cs) (en) Státní hymna České republiky v proměnách doby / The Czech republic's national anthem down the ages – Kde domov můj / Where is My Home, Hg.: Amt der Regierung der Tschechischen Republik, Nationalmuseum, Nationaltheater, Tschechischer Rundfunk (Úřad vlády České republiky, Národní muzeum, Národní divadlo, Český rozhlas), 2008, PDF auf vlada.gov.cz, Web der tschechischen Regierung
  12. Die Klingende Brücke – AK ProjekteLied des Monats, Die Klingende Brücke, Portal der Gesellschaft der Klingenden Brücke e. V., online auf: klingendebruecke.de/..., u. a. Seite 8
  13. (cs) J. Melichar a kol. (ed.): Vlastivěda Šluknovského výběžku (Lokalgeschichte des Schluckenauer Zipfels), Šluknov 2008, S. 226
  14. (hu) Jócsik Lajos: Két himnusz (Zwei Hymnen), in: Nyugat – Klasszikus magyar irodalom; Irodalomtudomány általában; Irodalomelmélet; Kritika (West – Klassische ungarische Literatur; Literaturwissenschaft im Allgemeinen; Literaturtheorie; Kritik) auf epa.oszk.hu
  15. (cs) Česko má poprvé oficiální nahrávku státní hymny (Tschechien bekommt erste offizielle Aufnahme der Nationalhymne), 26. September 2008, auf radio.cz
  16. a b (cs) Česká státní hymna (Tschechische Staatshymne), 22. Oktober 2008 auf vlada.gov.cz, Web der tschechischen Regierung / dort unten: Nová nahrávka české hymny (Neue Aufnahme der tschechischen Hymne)
  17. (cs) (en) katerinaknezikova.com und (cs) (en) (de) adamplachetka.com
  18. (cs) Ferdinand Strejček: Jazykové zvláštnosti naší hymny (Sprachliche Besonderheiten unserer Hymne), Naše řeč (Unsere Sprache), Jahrgang 18 (1934), Nr. 8, S. 225–229