Karl-Siegmund Litzmann

Karl-Siegmund Hermann Julius Ottomar Litzmann (* 1. August 1893 in Minden; † 23. August 1945 in Kappeln) war während der deutschen Besetzung Generalkommissar für Estland im Reichskommissariat Ostland. Der SA-Obergruppenführer amtierte vom 5. Dezember 1941 bis 17. September 1944 in Reval.

Leben

Jugend und Erster Weltkrieg

Karl-Siegmund Litzmann war der Sohn des Generals Karl Litzmann (1850–1936) und dessen Ehefrau Clara Litzmann (1859–1917). Ab 1905 besuchte er eine Kadettenanstalt und wurde 1911 zum Fahnenjunker ernannt. Im November 1913 erhielt er, nach Abschluss des Offizierslehrgangs in Paderborn sein Patent zum Leutnant. Mit Beginn des Ersten Weltkrieges war er als Gruppen- und Patrouillenführer beim 6. Jägerregiment zu Pferde eingesetzt. Im November 1914 wurde Litzmann mit seinem Verband, dem Reserve-Infanterie-Regiment Nr. 261, im Kessel von Lodz eingeschlossen. Es gehört nach wissenschaftlichen Forschungen inzwischen dem Reich der Legende an, dass unter Truppenführung seines Vaters, des Generalleutnants Karl Litzmann der 3. Garde-Infanterie-Division, diese Umklammerung gesprengt worden sei. Dieses Ereignis soll dann die Kriegslage zugunsten der deutschen Seite gewendet haben. Ab 1917 war er als Kommandeur eines Korps und später als Verbindungsoffizier zur österreichisch-ungarischen Division eingesetzt. Seit Anfang 1918 führte er eine Kompanie, anschließend ein Bataillon beim Garde-Füsilier-Regiment. Litzmann wurde im weiteren Verlauf des Krieges dreimal schwer verwundet und erhielt beide Klassen des Eisernen Kreuzes sowie das Ritterkreuz des Königlichen Hausordens von Hohenzollern mit Schwertern. Sich der vollzogenen Kapitulation des kaiserlichen Heeres widersetzend, schloss er sich 1919 den irregulären Freikorps-Einheiten an. Anfang 1920 wechselte er zur „Heimkehr“, dann zum Grenzschutz-Ost und zuletzt zur Feldjägereinheit-Ost, einem Vorläuferverband der Feldpolizei.

Weimarer Republik

Zwischen seinen Militäreinsätzen erhielt Litzmann um 1919 bei dem Großgrundbesitzer Carl Wentzel in Teutschenthal bei Halle eine Ausbildung in landwirtschaftlicher Betriebsführung und übernahm 1921 die Verwaltung des Wentzelschen Gutes Althof-Didlacken bei Insterburg in Ostpreußen.

Zum 1. September 1929 trat er in die NSDAP ein, (Mitgliedsnummer 168.167)[1] und übernahm als Mitglied der SA, den SA-Aufbau in Ostpreußen. Ausgangspunkt seines Agierens war die ungesetzliche Gründung der SA in der freien Reichstadt Danzig, obwohl die Stadt unter internationalen Kontrolle stand und hier keine militärischen Einheiten stationiert werden durften. Ab 1930 wurde er mit dem Aufbau der späteren Reiter-SA beauftragt, die 1933 aus der Eingliederung verschiedener Teile der Pferdezuchtvereinen in die Sturmabteilung und deren Vereinigung mit den bis dahin berittenen SA-Einheiten, den SA-Reiterstürmen, entstand. Im Jahr 1931 wurde er zum SA-Standartenführer und SA-Führer für Ostland (Ostpreußen und Danzig) ernannt. Bei den Wahlen 1932 in Preußen zog er für die NSDAP in den preußischen Landtag ein. In dieser Zeit führte er den Titel eines Preußischen Staatsrates.

Drittes Reich

Nach der Zwangsauflösung des Preußischen Landtag vom 12. November 1933 durch den NS-Staat, wurde er ständiges Mitglied des Deutschen Reichstages. Damit setzte er die Tradition seines Vaters fort, der auch hier eine politische Betätigung gefunden hatte.

In den SA-Formationen Ostpreußens gehörte er mit zu den führenden Kräften, die sich für eine Militarisierung der deutschen Gesellschaft und Ernennung der SA als reguläre Streitmacht, neben der Wehrmacht, einsetzten. Damit war er in das Schussfeld der Kräfte um Adolf Hitler, die SS und den neuangerichteten Sicherheitsdienst der NSDAP geraten, die den alleinigen Machtanspruch für sich erhoben. In Vorbereitung der „Nacht der langen Messer“, die das Ziel verfolgte, die SA-Führungsspitze zu liquidieren, war er auf die Liste der zu beseitigenden SA-Führer gesetzt worden. Im Sommer 1934 entging Litzmann, inzwischen im Rang eines SA-Obergruppenführers, der Liquidierung der SA-Führungsspitze („Röhm-Putsch“) durch Hitler, Heinrich Himmler und Reinhard Heydrich, ausgeführt durch Einheiten der SS und des SD. Er hatte von Adolf Hitler die Order erhalten, sich von der Führungstagung der SA am 30. Juni 1934 fernzuhalten. Hitler wollte vermutlich dem von ihm sehr geschätzten General Karl Litzmann (Alterspräsident des Reichstages und Staatsrat) die Ermordung seines Sohnes ersparen.

Um Litzmann aus den SA-Spitzenverbindungen herauszulösen, wurde er 1934 zum „Reichsreiterführer“ berufen und erhielt damit ein neues Betätigungsfeld. Damit war er „Führer der obersten Behörden für Pferdezucht und -rennen“ für Deutschland, obwohl er über keine fachlichen Voraussetzungen für ein solches Amt verfügte, und erhielt eine Abkommandierung nach Berlin. Erste Aufgaben, die von ihm erfüllt wurde, waren 1937 der Baubeginn der „Reichs-Reiterführer-Schule“ in Berlin-Zehlendorf und 1936 die Ausrichtung der Reiter-Equipe auf die Olympiade 1936 nach den nationalsozialistischen Vorgaben. Das Training der Sportreiter und -Pferde erfolgte durch den Leiter des Reiterprüfamtes Felix Bürkner. Um einen einheitlichen Ausbildungsstandard und die ideologische Ausrichtung aller berittenen Einheiten der NS-Organisationen (Reiter-SA und Reiter-HJ sowie auch der Reiter-SS) zu gewährleisten, war im März 1936 das „Nationalsozialistische Reiterkorps“ aufgestellt, dem Litzmann als „Inspektor der SA-Reiterschulen“ vorstand. Seinen Sitz hatte er in Berlin Voßstraße. In dieser Funktion war er nur dem Stabschef der SA verantwortlich. Anfang 1938 wurde auf dem Gelände der Reichs-Reiterführerschule in Berlin-Zehlendorf ein Verwaltungsgebäude eröffnet, das ab da sein Geschäftssitz war.[2]

Litzmann wurde ehrenhalber Alter Herr der 1938 aufgestellten und nach seinem Vater benannten Kameradschaft I General Litzmann des Rostocker NSDStB (vormalige Burschenschaft Redaria Rostock).[3] obwohl er niemals ein Studium absolviert, noch Beziehungen zur Rostocker Universität aufweisen konnte. In diesen Jahren erfolgte auch seine Ernennung zum SA-Obergruppenführer, was dem militärischen Rang eines Generals entsprach.

Teilnahme am Zweiten Weltkrieg

Mit dem deutschen Überfall auf das Nachbarland Polen im September 1939 wurde Litzmann als Eskadronkommandeur eines ostpreußischen Kavallerieregiments eingesetzt. Er nahm auch als Führungsoffizier an den weiteren Feldzügen gegen Holland, Belgien und Frankreich teil. Auch beim Angriff auf die Sowjetunion führte er Einheiten bis zu den Kämpfen um Smolensk. Lange vordem war kriegsbedingt die öffentlich geförderte Reitausbildung eingestellt worden, da diese nach dem Übergang zur Motorisierung der militärischen Einheiten und spätestens mit der Einführung der Panzerwaffe keine Relevanz mehr für die Kriegsführung hatte. Von seiner Einheit ins Baltikum beordert wurde er am 5. Dezember 1941 zum Generalkommissar für Estland berufen. Nur einen Tag vor die Amtsübergabe traf er in Reval ein und löste dort den bisherigen militärischen Befehlshaber, General Franz von Roques ab, um nach außen hin eine Zivilregierung der deutschen Besatzungsmacht vorzuspielen. Die eigentliche politische Macht übte im neu geschaffenen Reichskommissariat „Ostland“ Hinrich Lohse (1896–1964) als direkter Beauftragter des Ministeriums für die besetzten Ostgebiete aus. Litzmann selbst hatte seinen Sitz in Reval und berief noch am gleichen Tag 6 zuständige Regionalkommissare ins Amt.[4] Ihm zur Seite gestellt wurde noch eine estnische Selbstverwaltung unter Hjalmar Mäe (1901–1978) als 1. Landesdirektor. Litzmann Aufgabe bestand vorrangig in der Ausplünderung des Landes, der Absicherung des Terrors gegen die Zivilbevölkerung und die Sicherstellung der Deportation estnischer Juden, um sie in den deutschen Vernichtungslagern zu ermorden. Aus Rücksichtnahme auf Litzmanns Frau wurde der estnischen Verwaltung nahegelegt, im Schriftverkehr durch Zuhilfenahme eines „e“ aus Litzmann Lietzmann zu machen, da „Litz“ (Lits) auf EstnischSchlampe“ bedeutet. Litzmann selbst unterzeichnete allerdings weiter mit der richtigen Schreibweise seines Namens.

Ab Oktober 1944 war Litzmann als SS-Offizier der Waffen-SS im Kampfeinsatz. Es ist jedoch unklar, ob Litzmann dorthin abkommandiert wurde oder sich freiwillig gemeldet hatte. Ab Januar 1945 hatte er den Dienstgrad eines SS-Sturmbannführers. Mit diesen SS-Einheiten beteiligte er sich an den Kämpfen in Ungarn und der Tschechoslowakei bis Frühjahr 1945. Dann setzte er sich in Richtung Schleswig-Holstein ab.

Familie

Karl-Siegmund Litzmann war ein Sohn des Generals der Infanterie Karl Litzmann sowie Onkel von Walter Lehweß-Litzmann.

Tod

Litzmann tauchte im Mai 1945 unter falschem Namen in Kappeln (Schleswig-Holstein) bei seiner dort lebenden Schwester auf, starb dort aber unter ungeklärten Umständen bereits im August 1945. Im Frühjahr 1946 wurde der Familienbesitz in Neuglobsow am Stechlinsee im Rahmen der Bodenreform unter sowjetischer Besatzung enteignet.

Literatur

  • Bernd Nielsen-Stokkeby: Baltische Erinnerungen. Estland, Lettland, Litauen zwischen Unterdrückung und Freiheit. Bastei-Lübbe, Bergisch Gladbach 1990, S. 183, ISBN 3-7857-0583-2.
  • David Littlejohn: The SA 1921–45: Hitler’s Stormtroopers. Osprey Publishing 1990, ISBN 978-0-85045-944-9.
  • Erich Stockhorst: 5000 Köpfe. Wer war was im 3. Reich. Arndt, Kiel 2000, ISBN 3-88741-116-1 (Unveränderter Nachdruck der ersten Auflage von 1967).
Commons: Karl-Siegmund Litzmann – Sammlung von Bildern

Einzelnachweise

  1. Bundesarchiv R 9361-III/568642
  2. Walter Lehweß, Die Reichs-Reiterschule in Berlin-Zehlendorf, Freie Universität Berlin, in: https://www.vetmed.fu-berlin.de/bibliothek/archiv/_ressourcen/klauentierklinik/Reichs-Reiterfuehrer-Schule.pdf;
  3. Bernhard Grün: Zwischen Revolution und Rekonstitution – Die Kameradschaften des NSD-Studentenbundes und Altherrenschaften im NS-Altherrenbund an den deutschen Hoch- und höheren Fachschulen 1937 bis 1945. Teilband 4/III: Bereich NORD, Federsee-Verlag Bad Buchau 2025, ISBN 978-3-948502-24-9, S. 115–116.
  4. Ruth Betina Borns, Die Sicherheitspolizei in Estland 1941–1944. Eine Studie der Kollaboration im Osten, Schönigh Verlag Paderborn 2006, S. 14ff.