Küstengewässer
Küstengewässer (engl. Coastal waters) bezeichnet den Bereich eines Meeres oder Ozeans, der in unmittelbarer Nähe zur Küstenlinie liegt und durch deren Einfluss physikalisch, chemisch und biologisch geprägt wird. Seine Ausdehnung wird oft bis zur Kante des Schelfs, der flachen Fortsetzung eines Kontinents unter der Meeresoberfläche, definiert.[1] Küstengewässer sind dynamische Übergangszonen (Ökotone) zwischen Land und offenem Ozean und gehören zu den produktivsten und ökologisch sowie wirtschaftlich wichtigsten marinen Lebensräumen.
Charakteristische Eigenschaften
Küstengewässer unterscheiden sich in mehrfacher Hinsicht vom offenen Ozean. Ihre physikalischen Eigenschaften unterliegen starken Schwankungen: Die Wassertemperatur und der Salzgehalt variieren erheblich aufgrund von Süßwassereinträgen aus Flüssen, unterschiedlicher Sonneneinstrahlung, Gezeiten und Windeinfluss. Die Wasserbewegungen sind komplex und werden durch Gezeitenströme, Brandung und küstennahe Wirbel dominiert.[2]
Hinsichtlich ihrer chemischen Eigenschaften ist der Nährstoffgehalt typischerweise hoch. Nährstoffe wie Nitrate und Phosphate gelangen aus Flüssen – oft durch landwirtschaftliche Einträge – ins Meer oder werden durch Auftrieb von nährstoffreichem Tiefenwasser an die Oberfläche befördert. Diese Nährstofffülle bildet die Grundlage für eine hohe biologische Produktivität, macht die Küstengewässer aber gleichzeitig zu Schwerpunkten von Umweltverschmutzung.
Diese physikalisch-chemischen Bedingungen bedingen die biologischen Eigenschaften. Aufgrund des reichlichen Nährstoffangebots ist die Primärproduktion durch Phytoplankton, aber auch durch sessilhafte Algen und Seegräser, sehr hoch. Sie bildet die Grundlage für komplexe Nahrungsnetze, die eine immense Artenvielfalt beherbergen, darunter viele wirtschaftlich wichtige Fisch- und Schalentiere.[3]
Ökologische und wirtschaftliche Bedeutung
Küstengewässer erfüllen eine Reihe entscheidender Funktionen. Sie dienen als Kinderstube für zahlreiche Fischarten. Viele marine Fischarten, darunter Hering, Scholle und Seezunge, nutzen flache Küstengewässer und spezielle Habitate wie Seegraswiesen und Mangrovenwälder als Aufwuchsgebiete für ihren Nachwuchs.[4] Zudem sind sie Biodiversitäts-Hotspots; Lebensräume wie Korallenriffe, Kelpwälder und Wattenmeere, die sich in Küstengewässern befinden, zählen zu den artenreichsten Ökosystemen der Erde.
Ihre wirtschaftliche Bedeutung ist enorm, da sie die Grundlage für die Fischerei, die Aquakultur und den Tourismus bilden. Millionen von Menschen sind wirtschaftlich von gesunden Küstenökosystemen abhängig. Nicht zu unterschätzen ist auch ihre Funktion im Küstenschutz: Vegetationsbestände wie Mangroven und Seegraswiesen stabilisieren die Küstenlinie und schützen das Hinterland vor Erosion und Sturmfluten.
Gefährdung und Schutz
Trotz ihrer Bedeutung sind Küstengewässer global stark bedroht. Eine Hauptgefährdung stellt die Überdüngung (Eutrophierung) dar. Der übermäßige Eintrag von Nährstoffen führt zu massiven Algenblüten, die beim Absterben und Zersetzen Sauerstoffmangel (Hypoxie) bis hin zu toten Zonen (anoxischen Gebieten) verursachen können, in denen höheres Leben nicht mehr möglich ist.[5]
Hinzu kommt die Verschmutzung durch Schadstoffe aus Industrie, Landwirtschaft und Siedlungsgebieten, darunter Schwermetalle, Pestizide, Plastikmüll und Mikroschadstoffe, die sich in den Küstengewässern anreichern. Habitatzerstörung durch Küstenbebauung, Hafenanlagen, Bodenberührung durch Grundschleppnetzfischerei und die Zerstörung von Lebensräumen wie Seegraswiesen führt zu einem massiven Verlust an Biodiversität. Der Klimawandel mit der Erwärmung des Wassers, der Versauerung der Meere und dem ansteigenden Meeresspiegel stellt einen weiteren, tiefgreifenden Stressfaktor dar.
Der Schutz der Küstengewässer erfordert daher integrierte Managementansätze, die auf regionaler und internationaler Ebene die Reduzierung von Schadstoffeinträgen, die nachhaltige Nutzung von Ressourcen und die Einrichtung von Meeresschutzgebieten kombinieren.
Einteilung
Durch die EU-Wasser-Rahmenrichtlinie (WRRL) hat die Klassifikation der Küstengewässer juristische Bedeutung bekommen. Die Klassifikation ist aber auch wichtig für wissenschaftliche Bewertung und Vergleich der ökologischen Entwicklung verschiedener Küsten.
Die Einteilung der Küstengewässer berücksichtigt sowohl die räumliche Beziehung der verschiedenen Wasserkörper zum offenen Meer, zur Küste und zu Binnengewässern, als auch den chemischen Aspekt des Salzgehaltes, wissenschaftlich als Salinität bezeichnet.
Einteilung nach räumlichen Eigenschaften
- Offene Küstengewässer entsprechen etwa dem Küstenmeer der Schifffahrt.
- Innere Küstengewässer erstrecken sich landwärts der vorderen Küstenlinie, sind oft nur durch ein Seegatt mit dem offenen Meer verbunden:
- Übergangsgewässer sind Übergangsformen zwischen Fließgewässern und Küstengewässern
- Ästuare mit einem Einzugsgebiet von mindestens 10 km² an Tidenküsten
- Das Wattenmeer zählt nautisch zwar zu den inneren Küstengewässern, wird ökologisch aber getrennt betrachtet.
Einteilung nach Beschaffenheit des Gewässergrundes
- felsig
- sandig
- schlammig
Einteilung nach Salinität
- euhalin – Salzgehalt entspricht dem Weltmeer
- polyhalin – Salzgehalt nicht viel geringer als im Weltmeer, Beispiel: Beltsee als Teil der westlichen Ostsee
- mesohalin
- oligohalin – Salzgehalt sehr gering, vorwiegend innere Küstengewässer mit großem Süßwassereintrag wie die Haffe.
Siehe auch
Weblinks
- Uwe Selig, Dirk Schories, Hendrik Schubert: Bericht zum Forschungsvorhaben: „Testung des Klassifizierungsansatzes Mecklenburg-Vorpommern (innere Küstengewässer) unter den Bedingungen Schleswig-Holsteins und Ausdehnung des Ansatzes auf die Aussenküste“. Küstengewässer-Klassifizierung deutsche Ostsee nach EU-WRRL, Teil B: Innere Küstengewässer Schleswig-Holstein (PDF; 833 kB)
- LAWA-AO RaKon Monitoring Teil B, Arbeitspapier I: Gewässertypen / Referenzbedingungen / Klassengrenzen, Stand 12.11.2006, siehe Tab. 8: Gewässertypen der Übergangs- und Küstengewässer in Deutschland (PDF; 236 kB)
Einzelnachweise
- ↑ Paul R. Pinet (2009): Invitation to Oceanography, 6. Aufl., 2009. Jones & Bartlett Learning. ISBN 978-1-284-16469-5.
- ↑ Kenneth Henry Mann, John R. N. Lazier (2006): Dynamics of marine ecosystems: Biological-physical interactions in the oceans, 3. Aufl. 2006. Blackwell Publishing. ISBN 978-1-4051-1118-8. DOI:10.1002/9781118687901.
- ↑ Daniel Pauly, Villy Christensen, Sylvie Guénette, Tony J. Pitcher, U. Rashid Sumaila, Carl J. Walters, R. Watson, Dirk Zeller (2002): Towards sustainability in world fisheries. In: Nature, Band 418 (2002), Artikel 6898, S. 689–695. DOI:10.1038/nature01017.
- ↑ Michael W. Beck, Kenneth L. Heck, Kenneth W. Able, Daniel L. Childers, David B. Eggleston, Bronwyn M. Gillanders, Benjamin Halpern, Cynthia G. Hays, Kaho Hoshino, Thomas J. Minello, Robert J. Orth, Peter F. Sheridan, Michael P. Weinstein (2001): The Identification, Conservation, and Management of Estuarine and Marine Nurseries for Fish and Invertebrates: A better understanding of the habitats that serve as nurseries for marine species and the factors that create site-specific variability in nursery quality will improve conservation and management of these areas. In: BioScience, Band 51 (2008), Ausgabe 8, S. 633–641. DOI:10.1641/0006-3568(2001)051[0633:TICAMO]2.0.CO;2.
- ↑ Robert J. Diaz, Rutger Rosenberg (2008): Spreading dead zones and consequences for marine ecosystems. In: Science, Band 321 (2008), Artikel 5891, S. 926–929. DOI:10.1126/science.1156401.