Jüdische Gemeinde Pirmasens
Juden in Pirmasens werden Mitte des 18. Jahrhunderts zum ersten Mal in Urkunden erwähnt; die Anfänge einer jüdischen Gemeinde lassen sich bis in die Landgrafenzeit um 1765 zurückverfolgen. Der an der Entwicklung seiner Residenzstadt interessierte Landgraf förderte die Ansiedlungen von Juden, die durch Schutzgelder für zusätzliche Einnahmen sorgten und den Handel belebten. Um 1790 wohnten etwa 130 jüdische Bewohner in der Stadt; diese Anzahl änderte sich in der Zeit der Zugehörigkeit von Pirmasens zu Frankreich nur unwesentlich.
Der erste Rabbiner und seine Nachfahren
Der erste Rabbiner der Stadt Pirmasens war Jakob Israel Beiersdorf (1759–1831). Er hatte in Fürth Theologie studiert und war Rabbiner von August 1775 bis 1826. Sein Nachfolger Aaron Kohn Merz[1] verpflichtete sich, an seinen Vorgänger einen jährlichen Unterhalt von fünfzig Gulden zu zahlen. Er war mit Rosetta geb. Alexander (geb. 1763) verheiratet. Sie starb am 24. März 1846 und ist auf dem alten jüdischen Friedhof in der Dankelsbach in Pirmasens beerdigt. Die Inschrift auf dem noch erhaltenen Grabstein lautet: „Rosette Alexander, Witfrau von Jacob Bayersdorf, Rabbiner in Pirmasens, gestorben im 83. Lebensjahre, den 24. März 1846.“ Sein 1795 geborener Sohn Judas Beiersdorf[2] war Tuchhändler und Spezereikrämer und zählte 1830 mit 4800 Gulden zu den drei vermögendsten Mitgliedern der jüdischen Gemeinde Pirmasens. Weitere Nachkommen lebten noch mehrere Generationen in Pirmasens. Der Enkel des Rabbiners, August Isaak Beiersdorf, wird 1899 in einem Adressbuch der Stadt Pirmasens als Essighändler in der Alleestraße 16 genannt; dessen Söhne Albert, Arthur, Gustav, Jakob und Ludwig werden im selben Adressbuch alle als Buchhalter genannt.
Der Urenkel des Rabbiners Albert Beiersdorf starb eines natürlichen Todes am 20. Oktober 1936 in Pirmasens; die Urenkel Gustav und Arthur Beiersdorf kamen nach 1939 in Konzentrationslagern ums Leben; Urenkel Ludwig Beiersdorf wurde zusammen mit Ehefrau Bertha geb. Schneider am 12. März 1943 von der Gestapo in Berlin verhaftet und ins KZ Auschwitz deportiert, dort wurden beide ermordet.[3]
Bewohnerzahlen
Im Jahr 1767 gab es etwa 20 Juden, 1780 dann 92, 1806 waren es 140, damals rund 3 Prozent der Einwohner.[4] Die weitere Entwicklung sieht so aus 1823: 144, 1848: 148, 1890: 380, 1900: 528 (1,8 Prozent der Einwohner), 1910: 577, 1932/33: etwa 800, 1936: 481. Im August 1939 waren es noch etwa 200 jüdische Bürger, von 1940 bis 1942 dann etwa 10. Nach Angaben der Gedenkstätte Yad Vashem in Jerusalem und des „Gedenkbuches – Opfer der Verfolgung der Juden ...“ wurden insgesamt mehr als 200 in Pirmasens geborene oder länger dort lebende Juden in der Zeit des Nationalsozialismus ermordet.
Jüdische Einrichtungen
Seit 1828 hab es eine jüdische Konfessionsschule, die sogenannte Israelitische Volksschule. Sie wurde 1834 von 50 jüdischen Kindern besucht. In den zwanziger Jahren des 20. Jahrhunderts waren 39 Kinder in dieser Schule, in der dreißiger Jahren in sieben Klassen 42 Kinder.
Seit Ende des 19. Jahrhunderts waren ein Israelitischer Elementarlehrer und ein Kantor angestellt. Von 1891 bis 1930 war – fast 40 Jahre lang – Oberlehrer Abraham Michel Leiter der Israelitischen Volksschule, zugleich Erster Lehrer der Gemeinde, er folgte auf den ersten Lehrer mit dem Namen Nathan. Sein Nachfolger wiederum wurde 1930 Hauptlehrer Julius Lamm. Kantor war seit 1896 Markus Slodki; er blieb 43 Jahre bis zu seinem Tod 1939.[5]
Jüdische Vereine
Der Krankenpflege und dem Bestattungswesen widmeten sich eine Chewra Kadischa und der Israelitische Frauenverein. Es gab weiterhin einen Armenverein, einen Unterhaltungsverein, eine Ortsgruppe des Centralvereins, eine Ortsgruppe des Reichsbundes jüdischer Frontsoldaten, einen Brüderverein der U.O.B.B.-Loge und einen Jüdischen Jugendbund.
Jüdische Friedhöfe
In der Anfangszeit diente der jüdische Friedhof in Annweiler als letzte Ruhestätte. Von 1813 bis 1878 wurde das Gelände „Am Gefällerweg“ (heutige Zeppelinstraße) als Friedhof genutzt, er hat eine Fläche von 1360 m², auf der 95 Grabsteine erhalten sind. Von 1876 an hatte die jüdische Gemeinde ein eigenes Gelände als Teil des städtischen Alten Friedhofs in der Ottostraße von 1810 m². Es wurde in der NS-Zeit völlig zerstört und abgeräumt. Nach 1945 wurden 17 Grabsteine wieder aufgestellt. Ab 1927 wurden Verstorbene auf einer Abteilung des städtischen Waldfriedhofs bestattet, zuletzt im Jahre 1944. Dort sind 64 Grabsteine auf einer Fläche von 3766 m² erhalten.
Bezirksrabbinat Pirmasens
Von 1827 bis 1879 war Pirmasens Sitz des Bezirksrabbinats, das etwa 15 Kultusgemeinden der Region umfasste; danach übernahm Zweibrücken diese Funktion. Seit 1911 hatte der Bezirksrabbiner dann wieder seinen Amtssitz in Pirmasens; zuerst war Dr. Eugen Meyer Bezirksrabbiner, danach bis 1939 Dr. Dagobert Nellhaus.
Weblinks
- Alemannia Judaica: Berichte aus dem Bezirksrabbinat. Über die Entstehung des Rabbinates in Pirmasens
- Familie Beiersdorf, eine alteingesessene Pirmasenser Familie, pirmasens.de
Einzelnachweise
- ↑ Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, S. 109 [1]
- ↑ Bernhard Kukatzki, Dunja Maurer: Juden in Pirmasens: Spuren ihrer Geschichte, Stadt Pirmasens, Stadtarchiv, 2004, ISBN 978-3-00-012870-7, S. 108 [2]
- ↑ Gedenktafel an der Exerzierplatzstraße 13, pirmasens.de, abgerufen am 15. Dezember 2025
- ↑ https://www.jüdische-gemeinden.de/index.php/gemeinden/p-r/1577-pirmasens-rheinland-pfalz
- ↑ https://www.alemannia-judaica.de/pirmasens_synagoge.htm