Josef Bläsi
Josef Bläsi (* 15. Dezember 1833 in Bellach; † 24. November 1903 in Lausanne) war ein Schweizer Jurist, Politiker (Radikal-Liberaler) und Richter. Er gehörte dem Nationalrat an und wirkte fast drei Jahrzehnte als Richter am schweizerischen Bundesgericht, dem er in den Jahren 1891 und 1892 als Präsident vorstand.
Herkunft, Ausbildung und Privatleben
Josef Bläsi wurde als Sohn des Buchhandlungsgehilfen Urs Josef Bläsi in der solothurnischen Gemeinde Bellach geboren; er war heimatberechtigt in Aedermannsdorf.[1] Seine schulische Bildung erhielt er an der Kantonsschule Solothurn.[1] In den Jahren 1854 bis 1856 absolvierte er ein Studium der Rechtswissenschaften an der Universität Heidelberg sowie an der Universität München.[1][2]
Bläsi war ursprünglich katholischer Konfession, schloss sich jedoch später der christkatholischen Kirche an, was im Kontext des Kulturkampfes im Kanton Solothurn in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts als signifikante Positionierung zu werten ist.[1] Im Jahr 1861 heiratete er Emma Franziska Mäder, die Tochter des Flachmalers Georg Mäder.[1]
Neben seiner beruflichen Tätigkeit pflegte Bläsi ein ausgeprägtes kulturelles Engagement. Er war musikalisch und schauspielerisch aktiv, wirkte in der Liebhabertheatergesellschaft Solothurn sowie bei Aufführungen in seiner Heimatgemeinde mit und präsidierte von 1861 bis 1874 als erster Präsident den Cäcilienverein Solothurn.[1] Militärisch bekleidete er den Rang eines Obersts (ab 1869) und war als Kadetteninstruktor tätig.[1][2]
Juristische und politische Laufbahn im Kanton
Seine berufliche Laufbahn begann Bläsi 1859 als Fürsprecher. Bereits ein Jahr später trat er in den Staatsdienst ein und arbeitete als Gerichtsschreiber am Amtsgericht Solothurn-Lebern.[1] Seine Karriere in der Justiz verlief rasch: 1861 wurde er zum Präsidenten des Amtsgerichts von Bucheggberg-Kriegstetten ernannt.[1] Parallel dazu übernahm er Aufgaben im Bildungswesen als Schulinspektor.[2] Ab 1872 wirkte er als Richter am solothurnischen Kassationsgericht, dessen Präsidentschaft er ebenfalls innehatte.[1]
Politisch war Bläsi zunächst bei den sogenannten «Grauen» aktiv, einer Gruppierung der Altliberalen im Kanton Solothurn. Im Jahr 1872 vollzog er jedoch eine politische Neuorientierung und söhnte sich mit den «Roten», den Radikal-Liberalen, aus.[1] Diese Annäherung ermöglichte ihm eine breite politische Abstützung. In der Folge übernahm er diverse politische Mandate: Von 1866 bis 1875 gehörte er dem Solothurner Kantonsrat (Legislative) an, und zwischen 1872 und 1874 wirkte er als Gemeinderat der Stadt Solothurn (Exekutive).[1]
Bundespolitische Tätigkeit und Ämterkumulation
Auf eidgenössischer Ebene vertrat Josef Bläsi den Kanton Solothurn von 1872 bis 1874 im Nationalrat.[1] In dieser Phase seiner Karriere zeigt sich die für das schweizerische politische System des 19. Jahrhunderts typische, wenn auch in der Ausprägung bemerkenswerte Ämterkumulation. In den Jahren 1872 bis 1874 vereinte Bläsi Ämter der Legislative auf Bundesebene (Nationalrat) und Kantonsebene (Kantonsrat), der Exekutive auf Gemeindeebene (Gemeinderat) sowie der Judikative auf Kantonsebene (Kassationsrichter) in einer Person.[1] Eine solch weitreichende Personalunion war vor der Totalrevision der Bundesverfassung von 1874 und der damit einhergehenden strikteren Gewaltentrennung sowie Professionalisierung der Justiz durchaus möglich und üblich.
Richter am Bundesgericht
Die Totalrevision der Bundesverfassung 1874 brachte eine Zäsur in Bläsis Laufbahn. Mit der Umwandlung des schweizerischen Bundesgerichts in ein ständiges Gericht mussten die Richter ihren Wohnsitz an den Gerichtssitz in Lausanne verlegen, was die Aufgabe der meisten anderen politischen und beruflichen Mandate bedingte. Bläsi wurde 1874 als Vertreter der radikalen Fraktion zum Bundesrichter gewählt und übte dieses Amt bis zu seinem Tod im Jahr 1903 aus.[1][2]
Am Bundesgericht erwarb er sich insbesondere als Schiedsrichter grosse Wertschätzung.[2] In den Jahren 1891 und 1892 stand er dem Gesamtgericht als Präsident vor.[2] Ab 1893 war er der staatsrechtlichen Abteilung zugeteilt.[2] In seinen letzten Lebensjahren war Bläsi gesundheitlich beeinträchtigt und musste sich aufgrund einer zunehmenden Sehschwäche bei der richterlichen Arbeit schonen.[2] Er verstarb 1903 im Amt.
Literatur
- Erich Gruner: Die Schweizerische Bundesversammlung 1848–1920. Band 1, Bern 1966, S. 416.
- Hans Sigrist: Bellach. Die Geschichte eines Dorfes am Jurasüdfuss. Gemeinde Bellach, Bellach 1990, S. 169 f.
- K. Jäggi: Josef Bläsi (1833–1903). In: Bellacher Kalender 1995. S. 74 f.
- Eduard Schneider: 150 und 125 Jahre Bundesgericht. Stämpfli Verlag, Bern 1998.