Johannes Bergerhausen
Johannes Bergerhausen (* 1965 in Bonn)[1] ist ein deutscher Kommunikationsdesigner, Typograf, Buchgestalter, Autor und Professor für Typografie und Buchgestaltung an der Hochschule Mainz.
Leben und Wirken
Nach dem Abitur 1984 in Bonn studierte Johannes Bergerhausen Kommunikationsdesign am Fachbereich Design der Fachhochschule Düsseldorf (heute Hochschule Düsseldorf) u. a. bei Helmut Schmidt Rhen, Wilfried Korfmacher und Uwe Loesch. Nach seinem Diplom 1993 lebte und arbeitete er bis 2000 in Paris, zunächst bei Gérard Paris-Clavel und Pierre Bernard, den Gründern des wegweisenden französischen Grafikerkollektivs Grapus. Anschließend arbeitete Bergerhausen selbständig u. a. als Buchgestalter für die éditions au figuré in Paris.
1994 entwickelt er gemeinsam mit Gérard Paris-Clavel die Exklusivschrift Le Buro[2] für die französische Tageszeitung Libération. Der Verein Ne Pas Plier verwendet diese Schrift noch heute auf seinen Plakaten und für grafische Projekte. Im Atelier de Création Graphique von Pierre Bernard gehörten unter anderem die Betreuung des Louvre und des Centre Pompidou zu seinen Projekten.
Bergerhausen war 1998 und 1999 Stipendiat des Centre National des Arts Plastiques (CNAP) Paris mit einer Forschungsarbeit über die typografischen Zeichen des ASCII-Codes.
Im Jahr 2000 kehrte Bergerhausen nach Deutschland zurück und gründete ein Designbüro in Köln. Von 2000 bis 2002 hatte er Lehraufträge für Konzeption & Entwurf an der Hochschule Düsseldorf inne. 2002 wurde er zum Professor für Typografie und Buchgestaltung am Fachbereich Gestaltung der Hochschule Mainz berufen. Er verstärkte damit neben Prof. Isabel Naegele und Prof. Ulysses Voelker den Schwerpunkt Typografie in der Gutenberg-Stadt. 2004 gründete er gemeinsam mit Kolleginnen und Kollegen an der Hochschule Mainz das Institut Designlabor Gutenberg (IDG). Inhaltlicher Schwerpunkt des Instituts ist die Forschung über und mittels Typografie.[3]
Von 2004 bis 2016 arbeitete Bergerhausen am Forschungsprojekt decodeunicode – the world’s writing systems,[4] gefördert vom Bundesministerium für Bildung und Forschung (BMBF), Berlin. 2011 veröffentlichte er gemeinsam mit Siri Poarangan seine Forschungsergebnisse im Buch decodeunicode – Die Schriftzeichen der Welt. Für seine Forschungstätigkeit erhielt Bergerhausen 2012 zahlreiche nationale und internationale Auszeichnungen und den Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold. 2014 folgte die zweisprachige Publikation Digitale Keilschrift / Digital Cuneiform mit einem eigens entworfenen Keilschrift-Font.
Seit 2014 ist er Visiting Professor am Atelier National de Recherche Typographique (ANRT) in Nancy.[5] 2016 initiierte er das Forschungsprojekt Missing Scripts gemeinsam mit dem ANRT Nancy und der Script Encoding Initiative (SEI) der Linguisten der University of California, Berkeley.[6] Bei diesem Langzeitprojekt geht es um die linguistische und typografische Erforschung von Schriftsystemen (Scripts), die noch nicht in den Unicode Standard aufgenommen sind.
Gemeinsam mit der Künstlerin Ilka Helmig stellte er 2019 das Projekt Missing Scripts — The Proposals im Museum für zeitgenössische Kunst West in Den Haag aus. Zur Ausstellung erschien die Publikation Missing Scripts. Alphabetum VI.[7]
Ebenfalls 2019 startete er das Projekt The World's Writing Systems,[8] das einen Überblick über alle 292 bekannten Schriftsysteme der Menschheit gibt. Über 100 Schriftsysteme sind aktuell noch nicht digital verfügbar. Bergerhausen war 2019 Teilnehmer der 8. Gwangju Design-Biennale in Südkorea.[9]
2020 und 2021 nahm er gemeinsam mit Ilka Helmig an der Ausstellung Die Gesellschaft der Zeichen im Leopold-Hoesch-Museum[10] in Düren und im Museum für Neue Kunst, Freiburg teil. Zur Ausstellung erschien das gemeinsame Künstlerbuch picto-, ideo-.[11]
2023 stellten Ilka Helmig und er in der Berliner Galerie A—Z von Anja Lutz das Projekt Sound Clouds & Family Trees vor.[12][13]
Mitgliedschaften
Bergerhausen hält Vorträge weltweit, ist seit 2004 Mitglied in der Association Typographique Internationale (ATypI) und der Wikimedia Foundation, Berlin. In der Internationalen Gutenberg-Gesellschaft in Mainz ist er Mitglied im Vorstand.[14]
Auszeichnungen (Auswahl)
Die buchgestalterischen Arbeiten und Forschungsprojekte von Johannes Bergerhausen wurden vielfach national und international ausgezeichnet u. a. von der Stiftung Buchkunst „Schönste Deutsche Bücher“, Red Dot Design Award Best of the Best, iF Award Gold, Art Directors Club (ADC) Deutschland, Type Directors Club (TDC) New York, Type Directors Club (TDC) Tokyo, Designpreis der Bundesrepublik Deutschland in Gold, European Design Award Gold.
Veröffentlichungen (Auswahl)
- Interview Missing Scripts Project: A fish would design an O differently. In: Journal. type.today, 2024.[15]
- Mit Ilka Helmig: picto-, ideo-. Artist’s Book, 2020.
- Missing Scripts – The Proposals. Alphabetum IV. West Den Haag 2019, ISBN 978-90-79917-89-1.
- Caution! Gefahrenzonen. In: form Nr. 271, Mai/Juni 2017, S. 46–50.
- Nano, Mikro, Makro. In: Subtext: Typedesign. Herausgegeben von Andreas Pawlik und Martin Tiefenthaler, Niggli Verlag, Salenstein 2017, ISBN 978-3-7212-0978-5, S. 431–433.
- Ein Stern ist ein Stern ist ein Gott. In: Schrägstrich 3.0 – Typografie um die Welt. Das Typografiemagazin, HTWK Leipzig, 2015.[16]
- Das Medium ist die halbe Botschaft / The medium is half the message. In: Die Schönsten deutschen Bücher 2015. Herausgegeben von Katharina Hesse für die Stiftung Buchkunst, Frankfurt am Main 2015, ISBN 978-3-9814291-4-5, S. 222–225.
- Less is more in Mesopotamia. In: ATypI 365typo I. éditions Étapes, Paris, 2015
- Die Renaissance der Zeichen, 30 Years of Digital Type Design. In: form Nr. 255, September/Oktober 2014, S. 102–107.
- Digitale Keilschrift / Digital cuneiform. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2014, ISBN 978-3-87439-861-9.
- Mit Siri Poarangan: decodeunicode – Die Schriftzeichen der Welt. Verlag Hermann Schmidt, Mainz 2011, ISBN 978-3-87439-813-8.
- Mit Karal Boonzaaijer und Ilka Helmig: Vision. ruimte voor verbeelding 1985–2010. space for imagination 1985–2010. Stichting Kunstboek, Oostkamp 2010, ISBN 978-90-5856-357-6.
- Die Demokratisierung der Zeichen. In: Schriftgestalten. Über Schrift und Gestaltung. Herausgegeben von Tino Graß, Niggli Verlag, Sulgen 2008, ISBN 978-3-7212-0653-1, S. 130–145.
- Steve Jobs, 2001: A Space Odyssey, Fontographer 3.1, Grapus, Gérard Paris-Clavel, Unicode, Erika Fuchs, Library Walther König, Brothers, Uwe Loesch. In: Influences. A Lexicon of Contemporary Graphic Design. Herausgegeben von Anna Gerber und Anja Lutz, Die Gestalten Verlag, Berlin 2006, ISBN 978-3-89955-152-5.
- decodeunicode — the open science database. Hochschule Mainz, 2004, ISBN 3-936723-09-5 (Englische Ausgabe), ISBN 3-936723-08-7 (Deutsche Ausgabe).
- decodeunicode — the basic multilingual plane poster. First edition, 2004, Hochschule Mainz, ISBN 978-3-936723-14-4.[17]
- Unicode entschlüsseln. Zum Projekt einer typografischen Datenbank der Unicode-Zeichen. In: Signa. Beiträge zur Signographie. Heft 6, herausgegeben von Uwe Andrich und Andreas Stötzner, Denkmalschmiede Höfgen Edition Waechterpappel, Grimma 2004, ISBN 978-3-933629-12-8, S. 6–19.
- Rotterdam is vele Steden — Rotterdam is many cities. Atelier de Création Graphique (Johannes Bergerhausen und Pierre Bernard). In: Identiteiten, Identities. Rotterdam 2001, Culturele Hoofdstad van Europa. NAi Uitgevers/BIS Publishers, Rotterdam 2000, ISBN 978-90-72007-82-7.
- Questionner le clavier: Les Codes ASCII et ISO Latin 1. Rendu. Centre National des Arts Plastiques (CNAP), Paris, 1999.
- Mit Andreas Filthaut: Georg Salden Types – Polo. Schriftmusterbroschüre, Type-Specimen, herausgegeben von der Context GmbH, Nürnberg 1990.
Literatur (Auswahl)
- Matter Of (Hrsg.): New New Typography. Adventures in Transborder Typography. Sorry Press, München 2025, ISBN 978-3-910265-23-3.
- Anja Lutz, Soraya Guimaraes Hoepfner (Hrsg.): On the Edges of Graphic Design from A—Z—∞. Set Margins, Berlin 2025, ISBN 978-90-835795-1-1.
- Les nations unie de la typographie — entretiens avec Johannes Bergerhausen. In: When design cherishes the ambition to save the world, WDCTATSTW. Azimuts Nr. 44, École supérieure d’art et design Saint-Etienne, 2016.
- Robert Hanks: Elegantly nerdish. In: eye Magazine Nr. 90, Summer 2015.[18]
- John L. Walters: Bible of babel. In: eye Magazine Nr. 83, Summer 2012.[19]
- Jan Middendorp: Shaping Text. BIS Publishers, Amsterdam 2012.
- John L. Walters: The United Nations of Type. In: eye Magazine Nr. 64, Summer 2007.[20]
Weblinks
- Website Institut Designlabor Gutenberg
- Website decodeunicode
- Website Schriftsysteme der Welt
- Website Johannes Bergerhausen und Ilka Helmig
Einzelnachweise
- ↑ Prof. Johannes Bergerhausen. Hochschule Mainz, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Gérard Paris-Clarel [sic!]. (PDF) Klingspor Museum, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Institut Designlabor Gutenberg. Hochschule Mainz, Institut Designlabor Gutenberg, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Johannes Bergerhausen: decodeunicode. Abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Decodeunicode. École nationale supérieure d'art et design de Nancy, 6. Februar 2014, abgerufen am 10. November 2025 (französisch).
- ↑ Rosa Zangenberg: Bergerhausen & Huot-Marchand, The Missing Scripts Project. West Den Haag, 18. Januar 2022, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Missing Scripts. West Den Haag, 2019, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Johannes Bergerhausen: The World’s Writing Systems. 2019, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ 8th Gwangju Biennale: humanity. Gwangju Biennale, 31. Oktober 2019, abgerufen am 10. November 2025 (koreanisch).
- ↑ Die Gesellschaft der Zeichen. Leopold-Hoesch-Museum, 2020, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ picto-, ideo-. slanted, 18. Juni 2021, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Counter Sessiom #3: Sound Clouds & Family Trees with Ilka Helmig and Johannes Bergerhausen. A–Z Presents, 2023, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Counter Session #3, Ilka Helmig and Johannes Bergerhausen. In: YouTube. A-Z Presents, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Vorstand und Präsidium. Internationale Gutenberg Gesellschaft, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Missing Scripts Project: A fish would design an O differently. type.today, 31. Oktober 2024, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ Antje Dohmann: Schrägstrich 3.0. PAGE, 22. Oktober 2015, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ decodeunicode. In: 100 Beste Plakate. 2004, abgerufen am 10. November 2025.
- ↑ Robert Hanks: Elegantly nerdish. eye Magazine, 2015, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ John L. Walters: Bible of babel. eye Magazine, 2012, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).
- ↑ John L. Walters: The United Nations of Type. eye Magazine, 2007, abgerufen am 10. November 2025 (englisch).