Jeanne Deroin
Jeanne Françoise Deroin (geboren am 31. Dezember 1805 in Paris; gestorben am 2. April 1894 in London) war eine französische Feministin und Sozialistin. Sie war die erste Französin, die bei einer Parlamentswahl antrat.
Leben
Sie wurde 1805 in Paris geboren, arbeitete als Wäscherin, war Autodidaktin, erwarb das Lehrerdiplom und verfasste bereits 1831 ein Plädoyer gegen die „Unterwerfung der Frauen“.[1] 1832 heiratete sie den Saint-Simonisten Antoine Ulysse Desroches, weigerte sich jedoch, seinen Namen anzunehmen, und bestand bei der standesamtlichen Trauung auf ihrem Status der Gleichberechtigung.[1] Trotz ihrer grundsätzlichen Zustimmung zu den Ideen der utopischen Sozialisten blieb sie bis etwa 1848 wenig aktiv, da sie ihre Kinder und die von Flora Tristan großziehen musste.[2]
1848 wurde sie zu einer der Sprecherinnen der feministischen Bewegung: Im Juni 1848 gründete sie zusammen mit Désirée Gay La Politique des femmes, eine „Zeitschrift, die im Interesse der Frauen und von einer Arbeiterinnenvereinigung herausgegeben wird“ und deren Titel sie aufgrund einer behördlichen Entscheidung ändern mussten: Er wurde zu L’Opinion des femmes, „Publikation der Vereinigung zur gegenseitigen Bildung der Frauen“. Hortense Wild[3], Feministin und Fourieristin, beteiligte sich an der Redaktion.[4]
Laut Jeanne Deroin haben Frauen als Mütter politische Rechte und Pflichten. „Als Christinnen“, erklärte sie, „als Bürgerinnen und als Mütter müssen Frauen den ihnen zustehenden Platz im Tempel, im Staat und in der Familie einfordern. … Aber es ist vor allem diese heilige Funktion der Mutter, die als unvereinbar mit der Ausübung der Bürgerrechte angesehen wird, die der Frau die Pflicht auferlegt, über ihre Kinder zu wachen, und ihr das Recht gibt, in alle Handlungen des zivilen Lebens, aber auch in alle Handlungen des politischen Lebens einzugreifen.“[5]
Während der Revolution von 1848 machte sie sich nach und nach einen Namen, bis sie 1849 mit einer spektakulären Aktion auf sich aufmerksam machte: Sie kandidierte bei den Parlamentswahlen vom 13. Mai, weil „die Sache des Volkes und die Sache der Frauen eng miteinander verbunden sind“.[6] Diese Kandidatur war allerdings nicht zulässig, da Frauen in der Zweiten Republik weder das aktive noch das passive Wahlrecht besaßen.[A 1] Bei den Saint-Simonisten stand das Frauenwahlrecht aber seit langem auf der Agenda. Dennoch wurde Deroin in diesem Bestreben nicht nennenswert unterstützt.[A 2]
Im Sommer 1849 wurde Jeanne Deroin in den Zentralvorstand einer Gewerkschaftsvereinigung gewählt, die mit mehr als hundert Arbeiterverbänden sehr erfolgreich war. Im Mai 1850 führte die Polizei jedoch eine Razzia in den Büros durch und verhaftete 46 Personen.[7] Jeanne Deroin blieb bis Juni 1851 in Haft. Nach ihrer Entlassung nahm sie ihre Tätigkeit als Lehrerin wieder auf, doch nach dem Staatsstreich vom 2. Dezember 1851, aus Angst, erneut verhaftet und schikaniert zu werden, ging Jeanne Deroin 1852 nach England.[1] Sie ließ sich in London nieder und traf dort die im Exil lebende Louise Julien, die ihr ein Gedicht widmete.[8] Obwohl sie ab 1871 eine Rente von der französischen Republik erhielt, starb sie 1894 in Armut.[2] In den 1880er Jahren war Deroin der Socialist League beigetreten, deren Gründer William Morris die Trauerrede bei ihrer Beerdigung hielt.[2]
Nachruhm
Neben den Ehrungen, die ihr nach ihrem Tod zuteilwurden, wurde das Andenken an Jeanne Deroin insbesondere von Adrien Ranvier gepflegt, der sie persönlich gekannt hatte und ihr 1908 einen Artikel widmete.[9] Dennoch scheint ihr Kampf von den meisten Menschen vergessen worden zu sein, und bereits 1938 wurde er von Alexandre Zévaès[10] als historische Kuriosität erwähnt.[11] Der Name Jeanne Deroin tauchte jedoch in verschiedenen Werken über die Pionierinnen des Feminismus auf. In jüngerer Zeit widmete ihr Michèle Riot-Sarcey in den 1990er Jahren mehrere Artikel sowie einen Artikel für die breite Öffentlichkeit in L’Humanité im Jahr 2010.[12] Im März 2023, anlässlich des Frauentags, reichte die Abgeordnete des Rassemblement National aus dem Département Vaucluse, Bénédicte Auzanot, einen Resolutionsentwurf ein, um dieser „feministischen und sozialistischen […] ersten Kandidatin bei einer Parlamentswahl in Frankreich“ zu gedenken.[13] Im selben Jahr wurde eine erste Biografie veröffentlicht, die sich ausschließlich ihrem Werdegang widmet und in spanischer Sprache erschien.[14]
Literatur
- Gregory Claeys, Pamela Pilbeam: Encyclopedia of Nineteenth Century Thought. Routledge, 2005, ISBN 978-0-415-24419-0, S. 116 f. (google.de).
- Rémi Gossez: Les ouvriers de Paris. Livre premier : L’organisation 1848–1851. In: Revue d’Histoire du XIXe siècle – 1848. 1967 (persee.fr).
- Adrien Ranvier: Une féministe de 1848 : Jeanne Deroin. In: Revue d’Histoire du XIXe siècle – 1848. 1908 (persee.fr).
- Sara Sánchez Calvo: Jeanne Deroin. Una voz para las oprimidas. Vida revolución y exilio. Comares, 2023, ISBN 978-84-13-69653-9 (comares.com [PDF]).
Weblinks
- Michèle Riot-Sarcey: DEROIN Jeanne, Françoise. In: Le Maitron. (französisch).
- Deroin, Jeanne. In: Oxford Dictionary of National Biography. (englisch).
- Lauren Overton: Jeanne Deroin (1805–1894). In: Hist 259. Abgerufen am 16. November 2025 (französisch).
- L’Œuvre vom 25. September 1938; Alexander Zévaès: La première candidature féministe auf Gallica
Anmerkungen
- ↑ Siehe dazu Constitution française du 4 novembre 1848 in der französischsprachigen Wikipédia.
- ↑ Die französische Sprachversion nennt einige kritische Stimmen von prominenten Personen (Pierre-Joseph Proudhon, George Sand, Marie d’Agoult), ohne jedoch Belege dafür vorzulegen.
Einzelnachweise
- ↑ a b c Christiane Veauvy, Antoinette Fouque, Béatrice Didier, Mireille Calle-Gruber: Le dictionnaire universel des créatrices. Des femmes, 2013, ISBN 978-2-7210-0650-9.
- ↑ a b c Siehe Weblink Oxford Dictionary of National Biography
- ↑ WILD Hortense. In: Le Maitron. Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
- ↑ Bernard Desmars: Wild, Hortense (parfois Henriette). In: charlesfourier.fr. Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
- ↑ Mathilde Dubesset: Joan W. Scott: La citoyenne paradoxale, les féministes françaises et les droits de l’homme. In: Travail, genre et sociétés. 1999, doi:10.3917/tgs.002.0193.
- ↑ Qui se souvient de Jeanne Deroin ? In: La Libre. Abgerufen am 15. November 2025 (französisch).
- ↑ Siehe Literaturliste Gossez S. 345–351
- ↑ Gauthier Langlois: JULIEN Louise. In: Le Maitron. Abgerufen am 16. November 2025 (französisch).
- ↑ Siehe Literaturliste Ranvier 1908
- ↑ Alexandre Bourson dit Zévaes. In: Assemblée nationale. Abgerufen am 16. November 2025 (französisch).
- ↑ Siehe Weblink Zévaès 1938
- ↑ Siehe Weblink Roit-Sarcey/Le Maitron
- ↑ Proposition de résolution, n° 934. In: Assemblée nationale. Abgerufen am 16. November 2025 (französisch).
- ↑ Siehe Literaturliste Sánchez Calvo 2023