Jüdisches Waisenhaus (Paderborn)

Das Jüdische Waisenhaus in Paderborn war eine bedeutende soziale und pädagogische Einrichtung der jüdischen Gemeinde, in der elternlose und unbemittelte jüdische Kinder betreut, erzogen und unterrichtet wurden. Es bestand von 1863 bis 1942 und befand sich an der Leostraße 3 (heute Warburger Straße), Ecke Husener Straße in Paderborn. Das Haus war für viele Jahrzehnte ein Zentrum jüdischer Fürsorge in Westfalen und der Rheinprovinz.[1][2]

Gründung und Aufbau

Die Erzieherin Fanny Nathan war die Gründerin des Waisenhauses. Sie setzte sich ab 1855 für die Einrichtung eines Heims für jüdische Waisenkinder ein. Zunächst wurden einige Kinder in ihrem Privathaus am Domplatz 14 aufgenommen. Durch Spenden konnte dann ein größeres Gebäude in der Leostraße gebaut werden. 1861 wurde der Grundstein gelegt, und zwei Jahre später (am 1. August 1863) zogen 21 Kinder in das neue Haus ein.[1][3][4]

Im Jahr 1864 erhielt das Waisenhaus auch eine Elementarschule. Diese Schule bestand aus nur einer Klasse, ermöglichte den Kindern aber einen vollständigen Volksschulabschluss. Das Waisenhaus wurde durch Spenden, Stiftungen und Vermächtnisse finanziert. Es wurde zu einer bekannten und anerkannten Einrichtung der jüdischen Wohlfahrt in Westfalen.[1]

Leben und Erziehung im Waisenhaus

Im Waisenhaus lebten Kinder, die keine Eltern oder Angehörigen mehr hatten. Sie erhielten dort Unterkunft, Kleidung, Bildung und religiöse Erziehung. Der Unterricht legte Wert auf Ordnung, Fleiß und Gemeinschaft. Neben dem Lernen in der Schule wurden die Kinder auf das Berufsleben vorbereitet. Auch der jüdische Glaube spielte im Alltag eine wichtige Rolle. Das Haus war ein Ort, an dem Religion, Bildung und Fürsorge eng miteinander verbunden waren.[3]

Zeit des Nationalsozialismus

Mit dem Beginn der nationalsozialistischen Herrschaft änderte sich die Situation im Waisenhaus stark. Nach der Zerstörung der Paderborner Synagoge im Jahr 1938 wurde der Betsaal des Waisenhauses zu einem wichtigen religiösen Treffpunkt für die jüdische Gemeinde. Die Kinder wurden nun auch gezielt auf die Auswanderung vorbereitet, um sie vor der Verfolgung zu schützen. Diese Aufgabe wurde 1936 offiziell in die Satzung des Hauses aufgenommen.[1]

Unter der Leitung von Liese Dreyer wurde das Heim ab 1940 zudem eine Anlaufstelle für verfolgte Jüdinnen und Juden. Es gehörte nun zur „Reichsvereinigung der Juden in Deutschland“, einer Organisation, die alle jüdischen Einrichtungen verwaltete. 1942 musste die Reichsvereinigung das Gebäude weit unter Wert an den Kreis Paderborn verkaufen. Dieser übergab es an die „Nationalsozialistische Volkswohlfahrt“.[1]

Am 26. Mai 1942 mussten die letzten 20 Kinder zusammen mit ihrem Lehrer David Köln Paderborn verlassen. Am 11. Juni 1942 folgte auch Liese Dreyer. Sie wurden nach Ahlem bei Hannover gebracht, wo sich eine jüdische Gartenbauschule befand, die inzwischen als Sammelstelle für Deportationen genutzt wurde. Fast alle Kinder, Lehrerinnen und Lehrer sowie die letzte Leiterin des Heims, Liese Dreyer, wurden später in den Konzentrationslagern Theresienstadt oder Auschwitz ermordet.[1][5]

Bewohner des Waisenhauses, die ab Oktober 1941 von Ahlem aus deportiert wurden

Name Geboren Rolle im Waisenhaus / Anmerkung Schicksal
Elise „Liese“ Dreyer 1895 Leiterin 11.6.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Berta Edelmann 1931 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 23.10.1944 Auschwitz, ermordet
Ella Feldmeier 1902 Kindergärtnerin 12.6.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, für tot erklärt
Erich Freudenberger 1932 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 18.5.1944 Auschwitz, ermordet
Hannelore Gonsenhäuser 1929 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 9.10.1944 Auschwitz, ermordet
Eva Groß 1925 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, für tot erklärt
David Köln 1887 Lehrer 26.5.1942 Ahlem, 29.1.1943 Auschwitz, für tot erklärt
Frieda Köln 1890 Ehefrau von David Köln 8.6.1942 Ahlem, 29.1.1943 Auschwitz, für tot erklärt
Gerhard Köln 1926 Sohn von David Köln 8.6.1942 Ahlem, 29.1.1943 Auschwitz, für tot erklärt
Hans Köln 1929 Sohn von David Köln 26.5.1942 Ahlem, 23.7.1942 Theresienstadt, für tot erklärt
Manfred Kratzer 1929 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 23.7.1942 Theresienstadt, ermordet
Philipp Massholder 1928 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 28.9.1944 Auschwitz, ermordet
Lilli Perlstein 1929 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, für tot erklärt
Inge Ransenberg[4] 1935 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 1.10.1944 Auschwitz, für tot erklärt
Alfred Rosenstein 1935 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Erich Rosenstein 1932 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Horst Rosenstein 1931 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Johanna Ryster 1926 Schülerin 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Ingrid Schlesinger 1932 Schülerin 30.8.1940 Wien, später Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Ruth Spier 1927 Schülerin 12.6.1942 Ahlem, Auschwitz, vermutlich ermordet
Max Taub 1928 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Otto Taub 1930 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 2.3.1943 Auschwitz, ermordet
Erwin Tobias 1933 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 1.3.1943 Auschwitz, ermordet
Karl Tobias 1932 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 1.3.1943 Auschwitz, ermordet
Kurt Tobias 1935 Schüler 26.5.1942 Ahlem, 1.3.1943 Auschwitz, ermordet
Ludwig Träger 1927 Schüler 12.6.1942 Ahlem, 29.9.1944 Auschwitz, ermordet

Quelle: Informationstafel an der Husener Straße (am Standort des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses), Stand: 12. Oktober 2025.

Bewohner des Waisenhauses, die ab Oktober 1941 in andere Orte zurückgekehrt waren und von dort aus deportiert wurden

Name Geboren Rolle im Waisenhaus / Anmerkung Schicksal
Anneliese Blume 1926 Haushälterin 6.5.1942 Detmold, 1942 Auschwitz, für tot erklärt
Hannelore Diekhoff 1927 Schülerin 3.12.1941 Ossendorf, 13.12.1941 Riga, ermordet
Harry Dieckhoff 1930 Schüler 3.12.1941 Ossendorf, 13.12.1941 Riga, ermordet
Werner Eichenwald 1935 Schüler 28.4.1942 Erwitte, 30.4.1942 Zamosc, ermordet
Margarete Falkenstein 1920 Hausangestellte 31.12.1941 Rothenburg/Fulda, 1.6.1942 Sobibor, ermordet
Ruth Kalkstein 1927 Schülerin 16.11.1941 Essen, 22.4.1942 Izbica, ermordet
Herbert Joachim Kaufmann 1929 21.3.1942 Aachen, 22.3.1942 Izbica, ermordet
Marga Loeb 1928 Schülerin 28.4.1942 Brilon, deportiert, ermordet
Ruth Loeb 1927 Schülerin 28.4.1942 Brilon, 30.4.1942 Zamosc, ermordet
Ernst Ludwig Löwengrung 5.12.1941 (Rimbeck) 13.12.1941 Riga, ermordet
Walter Mosbach 10.4.1942 (Lippstadt) 30.4.1942 Zamosc, für tot erklärt
Eva Luß 1900 8.10.1941 Bünde, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt
Max Meyers 1928 Schüler 26.11.1941 Stadtlohn, deportiert, ermordet
Margarete van Mölken 1920 Hausangestellte 31.12.1941 Hamm, Schicksal unbekannt
Ursula van Mölken 1931 Schülerin 31.12.1941 Hamm, Schicksal unbekannt
Günter Münchhausen 1933 Schüler 26.11.1941 Vreden/Ahaus, 13.12.1941 Riga, ermordet
Hannelore Präger 1928 Schülerin 17.4.1942 Laasphe, Schicksal unbekannt
Fritz Scheideberg 1932 Schüler 25.3.1942 Erkeln, deportiert, ermordet
Harry Scheideberg 1931 Schüler 25.3.1942 Erkeln, deportiert, ermordet
Ruth Simson 1933 Schülerin 4.12.1941 Höxter, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt
Werner Simson 1934 Schüler 4.12.1941 Höxter, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt
Max Siegfried Schlösser 1929 Schüler 28.10.1941 Ahaus, 13.12.1941 Riga, für tot erklärt
Walter Stein 1933 Schüler 3.12.1941 Lügde, 13.12.1941 Riga, Schicksal unbekannt
Trude Stern 1929 Schülerin 25.6.1942 Schmallenberg, 1943 Auschwitz, ermordet
Kurt Tannenbaum 1935 Schüler 28.10.1941 Rüthen, 31.3.42 Warschau, für tot erklärt
Grete Weisner 1897 Küchenhilfe 8.6.1942 Unna, 12.10.1944 Auschwitz, ermordet
Ruth Weisner 1929 Tochter von Grete Weisner vermutlich 8.6.1942 Unna, 12.10.1944 Auschwitz, ermordet
Edith Zytnik 1933 Schülerin 2.12.1941 Bocholt, 13.12.1941 Riga, ermordet
Manfred Zytnik 1932 Schüler 2.12.1941 Bocholt, 13.12.1941 Riga, ermordet

Quelle: Informationstafel an der Husener Straße (am Standort des ehemaligen Jüdischen Waisenhauses), Stand: 12. Oktober 2025.

Zerstörung des Gebäudes

Am 27. März 1945 wurde das Gebäude des Waisenhauses bei einem Bombenangriff vollständig zerstört. Nach dem Krieg wurde ein Teil des Grundstücks für den Ausbau der Kreuzung Husener Straße verwendet. Der restliche Teil gehört heute zur Westfälischen Schule für Blinde und wird als Garten und Spielplatz genutzt. Vom ursprünglichen Waisenhaus ist nichts mehr erhalten.[1]

Gedenken und Erinnerung

Erinnerungsstele

Zum Gedenken an das jüdische Waisenhaus wurde am 5. März 1990 eine Erinnerungsstele des Bildhauers Werner Klenk aufgestellt. Sie steht im Eingangsbereich der Westfälischen Schule für Blinde.[1]

Die Stele erinnert mit vielen Symbolen an das Schicksal des Heims: Der breite Sockel steht für die frühere Stärke der jüdischen Gemeinde. Blüten am Fuß der Stele erinnern an die zwanzig Kinder, die 1942 deportiert wurden. Linien und Flammen symbolisieren die Verfolgung der Jüdinnen und Juden, ein Relief zeigt das frühere Gebäude, und ein halbierter Davidstern erinnert an die Zerstörung jüdischen Lebens.[1]

Eine Inschrift nennt die Jahre 1863 bis 1942, in denen das Haus bestand. Auf der anderen Seite steht ein Vers aus Psalm 10, Vers 14:

„Zu Dir wendet sich der Verlassene. Den Waisen warst Du stets ein Helfer.“

Dieser Spruch stand früher auch über dem Eingang des Waisenhauses.[1]

Stolpersteine

Auf Initiative von Schülerinnen und Schülern der Friedrich-Spee-Gesamtschule Paderborn wurden am 12. Dezember 2019 drei Stolpersteine am Grundstück des ehemaligen jüdischen Waisenhauses verlegt. Einer dieser Stolpersteine erinnert an das jüdische Waisenhaus.[6][7]

Informationstafeln

Eine Informationstafel an der Warburger Straße und eine weitere an der Husener Straße – aufgestellt in der Nähe des Grundstücks des ehemaligen jüdischen Waisenhauses – erinnern an diese Einrichtung.[8]

Die Informationstafel an der Husener Straße gedenkt unter anderem der Bewohner des Waisenhauses, die ab Oktober 1941 von Ahlem aus deportiert wurden, sowie derjenigen, die ab diesem Zeitpunkt in andere Orte zurückgekehrt waren und von dort aus deportiert wurden.

Straßennamen

Nach folgenden Personen, die einen Bezug zum Waisenhaus hatten, wurden in Paderborn Straßen und Wege benannt:

  • Fanny Nathan (Fanny-Nathan-Straße)
  • Liese Dreyer (Liese-Dreyer-Weg)
  • Inge Ransenberg (Inge-Ransenberg-Weg)

Inge Ransenberg wurde 1935 im Mescheder Ortsteil Wennemen geboren. Nach den Novemberpogromen von 1938 fand sie gemeinsam mit ihrem Vater und ihren drei Geschwistern vorübergehend Zuflucht im jüdischen Waisenhaus in Paderborn. 1942 wurde sie von den Nationalsozialisten zunächst nach Theresienstadt und anschließend nach Auschwitz deportiert. Dort wurde sie im Alter von nur sieben Jahren ermordet. Inge Ransenberg war das jüngste Kind aus dem Paderborner Waisenhaus, das in Auschwitz ums Leben kam.[4][9]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h i j Jüdisches Waisenhaus. In: 80 Jahre Pogrom (Jüdische Gemeinde Paderborn). Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  2. Jüdische Orte. Jewish Places. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  3. a b Internet-Portal „Westfälische Geschichte“. LWL. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  4. a b c LWL: „Historisches Handbuch der jüdischen Gemeinschaften in Westfalen und Lippe“ (2021), Seite 99–100. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
  5. „Rosenland Nr. 25 (Juli 2021)“. (PDF). Rosenland Zeitschrift für lippische Geschichte, S. 118. Abgerufen am 17. Oktober 2025.
  6. Erstmals werden in Paderborn Stolpersteine in Erinnerung an NS-Opfer verlegt. In: Neue Westfälische. 24. November 2019. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  7. Verlegungsort – Stolpersteine Paderborn. Abgerufen am 12. Oktober 2025.
  8. Gesellschaft für Christlich-Jüdische Zusammenarbeit Paderborn e.V. (2019): „Erinnern und Gedenken“. Abgerufen am 13. Oktober 2025.
  9. Weg nach jüdischem Mädchen benannt. In: Westfalen-Blatt. Abgerufen am 18. Oktober 2025.

Koordinaten: 51° 42′ 54,6″ N, 8° 45′ 31,6″ O