Jüdische Geschichte in Neuss

Die jüdische Geschichte in der Stadt Neuss reicht mindestens bis auf das Jahr 1096 zurück. Eine jüdische Gemeinde ist in der Stadt seit dem Hochmittelalter dokumentiert.

Geschichte

Die früheste Dokumentation von Juden in der Stadt stammt aus dem Jahr 1096, als Kölner Juden, auf der Flucht vor Kreuzfahrern, von dem Erzbischof von Köln Hermann III. in der Stadt untergebracht wurden.[1][2] Trotzdem wurden etwa 200 von ihnen (Männer, Frauen und Kinder) von Kreuzfahrern abgeschlachtet. Das alles geschah im Kontext der nun so genannten Rheinland-Massaker.

Es gibt keinen Hinweis darauf, dass es in Neuss bereits 1096 eine organisierte jüdische Gemeinde gab. Gesichert ist jedoch, dass es schon in der Zeit der Staufer ab dem späten 12. Jahrhundert eine jüdische Gemeinde gegeben hat, im Rahmen eines allgemeinen Zufluss von Kaufleuten in die Stadt.[1]

Laut Ephraim ben Jakob wurden am 11. Januar 1197 mehrere Mitglieder der jüdischen Gemeinde, als Rache für die Tötung eines christlichen Mädchens durch einen geisteskranken Juden, hingerichtet. Der Mörder und mehrere seiner nahen Verwandten wurden grausam hingerichtet. Interessanterweise wurde ihnen offenbar ein jüdisches Begräbnis zuteil: ihre Leichen wurden – vermutlich per Schiff – nach Xanten gebracht, wo sie neben Opfern der rheinischen Massaker von 1096 beigesetzt wurden.[1]

Im Hochmittelalter residierte die Gemeinde zunächst im Bereich der Kaufleute, zwischen Hafen und Markt. Der Durchgang zum Ladeplatz des Hafens wurde als Judensteg bekannt. Um das Jahr 1300 jedoch war der Judensteg von Christen bewohnt, die Juden waren in das Gebiet um den Glockhammer gezogen, wo sich auch ihre Synagoge und Schule befanden. Das Gebiet war kein Ghetto, da es nicht verriegelt war und auch Christen dort lebten.

Ab dem 14. Jahrhundert sahen sich die Juden einer zunehmenden wirtschaftlichen Konkurrenz ausgesetzt, zunächst durch den Verlust ihrer vorteilhaften ehemaligen Lage in der Nähe des Hafens, später durch den Wegfall ihres Monopols im Geldverleih durch die Ankunft von Bankiers aus der Lombardei und Cahors (damals Kawerschen genannt)[1].

Die Stadt wurde 1348 bis 1349 vom Schwarzen Tod heimgesucht und die Gemeinde litt während dieser Zeit unter grausamen Verfolgungen, wie es auch andernorts in Europa der Fall war. In der Folge der Pest wurde die Gemeinde zahlenmäßig dezimiert und wirtschaftlich geschwächt. Eine Welle von religiösem Extremismus und Intoleranz erfasste das Gebiet zu dieser Zeit, die Juden wurden zunehmend unter Druck gesetzt und zum Objekt politischer Machtkämpfe. Im Jahr 1424 wurden Juden zeitweise aus der Stadt vertrieben; dies war als Affront gegenüber dem kurkölnischen Landesherrn gemeint, da er die Juden unter seinen Schutz gestellt hatte.[1]

Die Juden kamen später zurück, wurden aber 1464 erneut vertrieben. Der Erzbischof von Köln, Ruprecht von der Pfalz, besuchte die Stadt am 5. Mai und traf sich mit Bürgermeistern, Schöffen und dem Rat, um diese Vertreibung aufzuhalten, jedoch ohne Erfolg. Juden war fortan der Aufenthalt in der Stadt und das Übernachten innerhalb der Stadtmauern verboten.[3] 1694 erhielten Juden die Genehmigung, vor dem Obertor einen Viehmarkt abzuhalten.[3] Angesichts überfälliger Pauschalzahlungen führte die Stadt 1704 eine Sondersteuer für Juden ein: den Judenleibzoll.[1]

Im Jahr 1794, während des Ersten Koalitionskriegs, fiel Neuss unter französische Kontrolle und wurde 1798 dem französischen Département de la Roer zugeteilt. Mit der Einführung französischen Rechts wurden alle alten diskriminierenden antijüdischen Gesetze aufgehoben. Doch erst 1808, im Kontext von aufkeimender Industrialisierung und Bevölkerungswachstum, zog zum ersten Mal seit Jahrhunderten wieder eine jüdische Familie in die Stadt, die des Metzgers Josef Großmann aus Hülchrath. Die Gemeinde wuchs langsam: 1830 gab es etwa 100 Juden bei einer Bevölkerung von etwa 8000 Personen. Die Größe der Gemeinde wuchs im Laufe des Jahrhunderts immer weiter an.

Juden, die nach Neuss zogen, kamen aus den umliegenden ländlichen Gebieten im Rheinland und waren daher konservativer und ländlich geprägter als ihre Glaubensgenossen in anderen deutschen Städten. Populäre Neuerungen in der Zeit der Haskalah wie Gottesdienste in deutscher Sprache haben hier keine Wurzeln geschlagen, sie fanden weiterhin auf Hebräisch statt. Als generelle Faustregel gilt, dass die Neusser Juden religiöser waren als die anderer deutscher Städte.[1]

Die Beziehungen zwischen Juden und Christen waren zu dieser Zeit im Allgemeinen gut: Sie lebten nebeneinander, und es kam vor, dass Christen am Schabbat in jüdischen Häusern für Juden verbotene Arbeiten verrichteten, wie das Anzünden/Löschen von Feuer.

1834 kam es jedoch zu einem Bruch in diesem Frieden: Am Niederrhein machten Gerüchte über einen Ritualmord die Runde, die zu einer Welle antijüdischer Gewalt führten. In Gindorf und Bedburdyck wurden Synagogen in Brand gesteckt; in Hemmerden, Wevelinghoven und andernorts kam es zu heftigen Kämpfen zwischen Bürgerwehren und Husaren. Auch Neuss blieb davon nicht verschont: Mengen zogen durch die Straßen und skandierten antijüdische Lieder; das Epizentrum der Unruhen lag in den ärmeren Teilen von Neuss, um den Viehmarkt. Diese Situation hielt tagelang an, bis ein Kontingent von Soldaten in der Stadt einquartiert wurde, um die Unruhen zu bändigen.[1]

Am 29. März 1867 wurde die Synagoge eingeweiht, die von dem preußischen Architekten Friedrich Weise entworfen und im modischen orientalischen Stil gebaut wurde. Die Stadt feierte drei Tage lang nach ihrer Einweihung. Obwohl sie nur etwa 1 % der Einwohner versorgte, war die Synagoge ein stolzes Wahrzeichen der Neusser Skyline.[2] Die Größe der Synagogengemeinde erreichte einen Höhepunkt 1890, mit 316 Mitgliedern.

Im Jahr 1892, nach dem Freispruch des jüdischen Metzgers Adolf Buschoff im Xantener Ritualmordvorwurf, erreichte eine Welle antijüdischer Gewalt das nahe Neuss: Jüdisches Eigentum wurde in Brand gesteckt, jüdische Familien erhielten Droh- und Hassbotschaften. Etwa ein Viertel der Gemeinde verließ die Stadt.

1933 lebten in Neuss nicht mehr als 227 Bürger jüdischen Glaubens. Von diesem Jahr an litten sie unter zunehmender Verfolgung durch die Nationalsozialisten. Nur wenige gingen noch rechtzeitig ins Exil. Dann begann die sogenannte „Endlösung der Judenfrage“ und die Deportationen. Am 22. Juli 1942 wurde der letzte Bewohner des Judenhauses in der Küpperstraße 2 in einen Zug von Aachen nach Theresienstadt eingepfercht. Am 23. November 1942 wurde Neuss zynisch erklärt als „judenrein“.[3]

Gleichwohl gab es noch eine Handvoll Juden, die in einem Versteck überlebt hatten oder aufgrund einer „Mischehe“ von Verfolgung verschont geblieben waren.[4]

Die genaue Zahl der jüdischen Opfer des NS-Staats ist nicht mit Sicherheit bekannt. Allerdings findet man auf einem Denkmal von Ulrich Rückriem die Namen von 204 ermordeten Juden, die in irgendeiner Weise mit Neuss verbunden waren. In der Stadt findet sich eine Menge Stolpersteine, darunter für Benno Nussbaum (1880–1944), den letzten Kantor der Synagoge. Er wurde 1941 deportiert und im März 1944 im Ghetto Riga umgebracht.[5]

Seit den 1990er Jahren erlebt die jüdische Gemeinde dank eines Zuzugs von Juden aus der ehemaligen UdSSR eine Wiederbelebung.

Im Jahr 2021 lebten ca. 550 Juden in Neuss.[4]

Siehe auch

Einzelnachweise

  1. a b c d e f g h Stefan Rohrbacher: Die jüdische Gemeinde in Neuss. Abgerufen am 4. Januar 2023.
  2. a b Synagoge – Neuss am Rhein. In: Neuss.de. Stadtarchiv Neuss, abgerufen am 3. Januar 2023.
  3. a b c Angelika Weißenborn-Hinz, Dr. Dieter Weißenborn: Geschichte der Juden in Neuss. Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit in Neuss e. V., abgerufen am 4. Januar 2023.
  4. a b Beate Berrischen: Im Kampf gegen Antisemitismus. Rheinische Post, 28. Mai 2021, abgerufen am 4. Januar 2023.
  5. Mahnmal zur Erinnerung an die ermordeten Neusser Juden. In: Neuss.de. Stadt Neuss;