Iohanes diaconus
Iohanes diaconus, in der Literatur häufig Johannes diaconus oder Giovanni Diacono (nicht zu verwechseln mit dem Chronisten), wurde um 804 Bischof der drei Jahrzehnte zuvor gegründeten Diözese Olivolo. Iohanes sollte den umstrittenen Bischof Christoforus ersetzen, der bis 813 ins byzantinische Exil ging. Hintergrund waren einerseits die politischen Kämpfe der Fraktionen in den Städten der Lagune von Venedig, die auf das engste mit dem übergreifenden Konflikt zwischen den Franken unter Karl dem Großen und dem Byzantinischen Kaiserreich verwoben waren. Die Städte rund um die Lagune, nach denen die Franken griffen, gehörten zum östlichen Kaiserreich. Andererseits unterstand der neue Bischof kirchenrechtlich wie seine Vorgänger dem Patriarchen von Grado, der die Wahl des Christoforus zum Bischof von Olivolo abgelehnt hatte, und der auf Befehl des Dogen Giovanni Galbaio dafür ermordet worden war. Allerdings fand Iohanes keine dauerhafte Anerkennung und galt den späteren Chronisten als „Usurpator“, der zu Recht abgesetzt und in das väterliche Haus zurückgeschickt worden war. In den späteren Darstellungen der Bischöfe erscheint er dementsprechend nicht als Bischof, sondern wird nur beiläufig erwähnt.
Leben
Einordnung
Während der kurzen, zeitlich nicht genau einzuordnenden Amtszeit des Iohanes diaconus, beherrschten mehrere Konflikte die Städte rund um die Lagune von Venedig. Innerhalb der weitläufigen Lagune und ihrer Ränder war es unter der Führung von Familien aus Heracleia einerseits zu einer Verlagerung der Hauptstadt an den Ostrand der Lagune gekommen, nämlich nach Metamaucum. Andererseits war es unter dem Gründer des Bistums Olivolo, also schon unter Maurizio Galbaio († 787), dann unter seinem Sohn Johannes und seinem Enkel Mauritius zu einer Art Dynastiegründung gekommen. Der Enkel des Dogen stürzte den Patriarchen Johannes von Grado im Jahr 802 von einem hohen Turm, ein Mord, den er auf Anweisung seines Vaters Johannes ausführte, weil dieser Patriarch es ablehnte, den Kandidaten der Galbaii für das Amt des Bischofs von Olivolo zu akzeptieren.
Vor dem Hintergrund der Kaiserkrönung des Frankenkönigs durch Papst Leo III. zu Weihnachten 800 erhielt dieser Konflikt zwischen Patriarch und Dogen eine neue Dynamik, denn durch die Krönung in Rom kam es zu Konflikten um die Kaiserwürde mit Nikephoros I., die als Zweikaiserproblem bekannt sind. Infolge der Krönung Karls I. und des Sturzes der byzantinischen Kaiserin Irene kam es ab 803 auch zu militärischen Operationen, die sich bis zum Frieden von Aachen im Jahr 812 hinzogen.
Die Galbaii hatten sich als anti-fränkisch positioniert, was im Zusammenhang mit dem Patriarchenmord dazu führte, dass dessen Neffe (mindestens aber Verwandter) und Nachfolger, Fortunatus II., auf Rache für den Patriarchenmord mit Hilfe der Franken sann. Die Gegner der Galbaii sammelten bald ihre Kräfte in Treviso auf fränkischem Gebiet. Nach ihrem Sieg wählten sie Ende 803 oder Anfang 804 einen Tribunen von Metamaucum namens Obelerius zum Dogen.
Der neue Doge ging ‚kühn nach Venedig‘, wie Johannes Diaconus in seiner Istoria Veneticorum vermerkt.[1] Er ließ bald seinen Bruder Beatus zum Mitdogen wählen, der wiederum, wenn auch vielleicht nur nach außen, gemäßigt byzanzfreundlich auftrat. Patriarch Fortunatus nahm zwar seinen Sitz in Grado ein, doch musste er wegen der Gegnerschaft des Obelerius Monate warten, bevor er die Lagune betreten durfte.[2]
Da die Lagune nun Teil der fränkischen Einflusssphäre zu sein schien, reisten Obelerius und sein Bruder Beatus Ende 805, ebenso wie Fortunatus, an den Hof Karls des Großen in Diedenhofen. Obelerius heiratete eine fränkische Hofdame. Die Beziehungen zwischen Venedig und den Franken wurden sogar durch eine ordinatio de ducibus et populis tam Venetiae quam Dalmatiae geregelt, wie es in den Annales regni Francorum heißt.[3] Die Einzelheiten sind allerdings nicht überliefert. Etwas verkürzend heißt es bei Stefan Weinfurter „Karl der Große besetzte die Gebiete [i. e. Dalmatien und Venetien] 805/806 … 808 war Byzanz wieder Herr der Lage.“[4]
Angesichts dieser Entwicklung sah sich Konstantinopel gezwungen, militärisch einzugreifen. Dazu schickte Kaiser Nikephoros I. eine Flotte in die nördliche Adria, die von dem Patrizier Niketas kommandiert wurde.[5] Als die Flotte am Laguneneingang erschien, floh der Frankenfreund Fortunatus, während sich Obelerius und Beatus unterwarfen; beide wurden mit Ehren ausgestattet, doch Beatus und auch Christoforus, „ihr Anhänger und ihre Kreatur“ (Heinrich Kretschmayr),[6] gingen ins Exil, wohl nach Konstantinopel. So wurde der Sitz des Bistums Olivolo vakant.
Niketas gelang es, ein Abkommen mit Pippin, dem König von Italien und Sohn Kaiser Karls zu schließen.[7] Das Abkommen zwischen Niketas und Pippin war angesichts eines fehlenden Vertrages zwischen den Imperien nicht von langer Dauer.
Im Jahr 809 führte Byzanz erneut eine Flotte in venezianische Gewässer, es kam zu Kämpfen um Comacchio, nach denen sich die dort gescheiterten Byzantiner um ein neues Abkommen bemühten. Die beiden Dogen lavierten weiterhin zwischen den Großmächten, so dass Pippin nach dem Abzug der Flotte eine Invasion vorbereitete. Die zeitlich nächste Quelle nach den fränkischen Reichsannalen stammt von Johannes Diaconus, der die Schuld am Ausbruch des Konflikts in seiner Istoria Veneticorum ausschließlich Pippin zurechnete, der das Dukat unter Bruch der Abmachungen angriff. Er sei jedoch im Kampf unterlegen.[8] Nach den fränkischen Reichsannalen sei hingegen ein Abkommen zwischen Konstantinopel und Pippin an den Machenschaften der beiden Dogen gescheitert, woraufhin Pippin die Venezianer unterworfen habe. Erst die byzantinische Flotte, die in der oberen Adria erschien, zwang ihn zum Abzug.
Rolle des Iohanes diaconus in den Konflikten
Andrea Dandolo berichtet rund ein halbes Jahrtausend später, wie in dieser Zeit ein ‚Usurpator‘ namens „Iohanes diaconus“ das Amt des Christoforus besetzte, der Venedig hatte verlassen müssen[9] – und wie mit Hilfe des Fortunatus die Rückkehr gelang.
Nach Dandolo wurde jener „Usurpator“ mit Willen des Concio, der Volksversammlung, bestätigt, zumal er den Bischofsstuhl leer vorfand. Doch mit der Rückkehr der Frankenfreunde ging die Amtszeit des Iohanes bald ihrem Ende entgegen. Als Christoforus bereit war, zurückzukehren, wagte er es allerdings zunächst nicht, nach Metamaucum zu gehen, sondern zog als Aufenthaltsort nicht San Cipriano auf Murano, sondern das gleichnamige Kloster am Westrand der Lagune bei Terzo, bzw. Mestre vor, einer Gemeinde des Bischofs von Altinum.[10] Diese Angabe korrigiert Andrea Dandolo dahingehend, dass San Cipriano zum Bistum Torcello gehörte.
Zeitweise gelang es Fortunatus sogar, Iohannes, der laut Andrea Dandolo leichtsinnig geworden war, gefangen zu nehmen, auch wenn er es noch nicht wagen konnte, nach Metamaucum zu gehen oder in seine vakante Diözese zurückzukehren. Wo er gefangengehalten wurde, ist unklar. Doch in einer Nacht gelang Iohanes die Flucht zum Dogen Obelerius. Nun musste Fortunatus selbst fliehen, und Iohanes wurde, so heißt es, sogar als Patriarch eingesetzt. Gleichzeitig, so Andrea Dandolo, hetzte er nunmehr den Dogen gegen den Patriarchen auf.
Obelerius und Beatus versuchten ihre prekäre Herrschaft zu sichern, indem sie sich auf die Seite der Sieger stellten. Obelerius war aber voller Zorn gegen den Frankenfreund Fortunatus vorgegangen, nun lieferten ihn die Franken im Jahr 810 an Byzanz aus. Der Doge wurde als Gefangener nach Konstantinopel gebracht und sein Bruder Beatus nach Dalmatien, wo er im nächsten Jahr starb.
Christoforus, so heißt es in der Istoria Veneticorum, Liber II, kehrte zurück und nahm sein Amt nach Beratung mit dem Patriarchen wieder auf, wobei der Usurpator offenbar recht milde behandelt wurde: „Iohannes vero diaconus reversus est ad propriam domum“. Er kehrte also in sein Haus zurück, und zwar, wie Andrea Dandolo einordnet, bevor die byzantinische Flotte unter Niketas die Lagune erreichte. Nach anderer Überlieferung übernahm jedoch noch nicht Christoforus I. wieder das Amt des Bischofs, sondern ein Christoforus II., später Cristoforo Tancredi genannt. Erst danach kehrte der erste Christoforus wieder zurück.
Quellen
- Johannes Diaconus: Istoria Veneticorum, Liber II, 25.[11]
- Ester Pastorello (Hrsg.): Andreae Danduli Ducis Venetiarum Chronica per extensum descripta aa. 46–1280 (= Rerum Italicarum Scriptores, XII,1), Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 128, Z. 5–8[12]; S. 131, Z. 13–25. (Digitalisat, S. 128)[13]
Literatur
- Serie cronologica dai vescovi olivolensi, castellani e Patriarchi di Venezia, aggiuntavi la descrizione delle solenni esequie eseguite nella Basilica di San Marco per la morte di Sua Eccellenza Pietro Aurelio Mutti, Patriarca di Venezia, ec. ec. ec., Giuseppe Grimaldo, Venedig 1857, S. 5. (Google Books)
- Alessandro Orsoni: Cronologia storica dei Vescovi Olivolensi detti dappoi Castellani e successivi Patriarchi di Venezia corredata di annotazioni illustranti ecclesiastico-civile veneta storia, Gaspari S. Felice, Venedig 1828, S. 33 f. (Digitalisat, S. 30)
Siehe auch
Anmerkungen
- ↑ „Tunc hisdem Obelierius audacter Veneciam intravit“ (Johannes Diaconus, ed. Berto, ii, 24).
- ↑ In der Chronik Andrea Dandolos heißt es: „Christoforus etiam Olivolensis episcopus, dum Obelierii ducis adventum non auderet prestolari, cum predictis ducibus fuga lapsus est. Tunc hisdem Obelierius audacter Veneciam intravit. Qui cum devote et honorifice a populo susceptus esset, suum fratrem, videlicet Beatum nomine, dignitate fecit sibi socium.“ (II, 24).
- ↑ Annales regni Francorum, 1895, S. 121.
- ↑ Stefan Weinfurter: Karl der Große. Der heilige Barbar, Piper, 2015, S. 239.
- ↑ Ewald Kislinger: Byzantinische Flotten in der venezianischen Lagune 806 – 810/811. Zu chronologisch-inhaltlicher Manipulation in den Annales regni Francorum, in: Millennium 17 (2020) 303–322.
- ↑ Heinrich Kretschmayr: Geschichte von Venedig, Bd. 1: Bis zum Tode Enrico Dandolos, Gotha 1905, S. 55 (Digitalisat).
- ↑ Wie Andrea Dandolo erläutert: „Obellierius siquidem dux per Nicetam patricium spatharii honorem suscepit. Beatus vero, frater eius, cum predicto Niceta Constantinopolim ivit secumque deferens Veneticorum obsides et Christoforum episcopum et Felicem tribunum, quos augustus exilio dampnavit. Gubernavit autem predictus Christoforus Olivolensem ecclesiam annis duodecim; quem successit Christoforus presbyter, qui sancti Moysi ecclesiae estitit plebanus.“ (II, 26).
- ↑ Giovanni Monticolo (Hrsg.): Cronache veneziane antichissime, Bd. 1, Rom 1890, S. 104 f.
- ↑ Christoforus „de Venecia exivit, in cuius sede lohanes diaconus, conlaudacione publice concionis, intrusus est.“ (Ester Pastorello (Hrsg.): Andreae Danduli Ducis Venetiarum Chronica per extensum descripta aa. 46–1280, Nicola Zanichelli, Bologna 1938, S. 128, Z. 7 f.).
- ↑ „Quibus cum fas non esset Veneciam penetrare, in sancti Cipriani ecclesia, plebe scilicet Altinatis episcopii, quae scita est apud Mistrinam, ospitati et aliquamdiu commorati sunt.“ (Istoria Veneticorum, Liber II, 25).
- ↑ „Olyvolensis namque sedis, que proprio pastore vacua videbatur, Iohanni diacono electo a plebe fuerat adtributa. Post aliquod vero tempus Fortunatus patriarcha cum Christoforo episcopo de Francia repedavit. Quibus cum fas non esset Veneciam penetrare, in sancti Cipriani ecclesia, plebe scilicet Altinatis episcopii, quae scita est apud Mistrinam, ospitati et aliquamdiu commorati sunt. Verum postquam domnus Fortunatus Christofori episcopi sedem a Iohanne diacono iniuste usurpatam didicit, prorsus doluit, et tractare studiosissime cepit qualiter sibi faveret ut eum ad propriam sedem restituere posset. Iohannes siquidem predictus diaconus quadam die cum incautus iret, a Fortunato patriarcha captus et diu detentus est. Sed ubi excogitaret quid de illo agere deberet, nocte fuga lapsus evasit et instanter Obellierium ducem adivit. Cui cum ea que passus a Fortunato fuerat ordine recitaret, pocius ducis animum adversus eundem patriarcham in odium quam antea esset excitavit. Tamen, consulente patriarcha, Christoforus sedem suam tandem recepit; Iohannes vero diaconus reversus est ad propriam domum. Igitur Fortunatus patriarcha, cum per aliquanta temporum spacia exsul a propria sede maneret, Gradensem disposuit reciprocare urbem. Et quia valde Nicetae patricii adventum prestolari formidabat, qui tunc missus ab imperatore cum exercitu in partes Dalmaciarum atque Veneciarum veniebat, relicta sede et propria urbe, iterum Franciam petiit. Iohannes vero diaconus, qui electus fuerat in episcopatu Olyvolensi, ordinatus est patriarcha.“
- ↑ Nach der Erhebung des Beatus zum Mitdogen: „Christophorus quoque olivolensis episcopus, qui expulsorum ducum familiaris extiterat, adventum huius formidans, de Venecia exivit, in cuius sede lohanes diaconus, conlaudacione publice concionis, intrusus est.“
- ↑ „Fortunatus igìtur patriarcha, de Francia reversus, cum Christoforo olivolensi episcopo non audens Veneciam intrare, in sancti Cipriani ecclesia, plebe torcelensis sedis, degere cepit, et lohanem episcopatus invasorem incaute pergentem captivavit; qui postea, fuga liberatus, ducibus, que passus fuerat enarans, eos contra patriarcham vehemencius animavit. Fortunatus tandem, Venetorum mitigato furore, ad ecclesiam suam rediit, et, eo consulente, Christophorus episcopus, in sede sua restitutus est, lohane invasore in propria domo redeunte. Post hec, Nicetha patricius, cum exercitu, ad tuenda loca Dalmacie venit, et sucursum bellicum a Venetis requisitum optinuit, quem postea Veneciam accedentem, Fortunatus patriarcha prestolare non audens, in Franciam properavit, et lohanes diaconus, qui episcopatum invaserat, in patriarchali sede subrogatus est. Hic ante sanctorum martirum corpora, et sancti Marci capelam, choros marmoreos composuit, et columpnis ecciam decoravit, et in altare ecclesie sancte Marie ciborium fecit.“