Institut für Bienenkunde (Oberursel)
Das Institut für Bienenkunde in Oberursel (Taunus) ist eine Forschungseinrichtung der Johann Wolfgang Goethe-Universität Frankfurt am Main. Es verbindet universitäre Grundlagenforschung zur Honigbiene mit anwendungsorientierter Forschung, Sammlungstätigkeit und praktischer Bienenhaltung.
Geschichte
Gründung und frühe Jahre
Das Institut für Bienenkunde der Polytechnischen Gesellschaft wurde 1937 als erste Einrichtung seiner Art in Hessen gegründet. Hintergrund waren erhebliche Verluste von Bienenvölkern durch Seuchen und der daraus resultierende Forschungsbedarf. Das erste Institutsgebäude entstand am damaligen Siedlungslehrhof in Oberursel und wurde 1938 fertiggestellt; erster Leiter war Hugo Gontarski. Von Beginn an verfolgte das Institut zwei zentrale Aufgaben: Grundlagenforschung und Unterstützung der praktischen Imkerei. Der Zweite Weltkrieg unterbrach die Aufbauphase; das Gelände wurde nach 1945 Teil der US-Kaserne „Camp King“. 1956 erwarb die Polytechnische Gesellschaft ein Einfamilienhaus in der Hohemark, das als neues Forschungsgebäude umgebaut wurde.[1]
Gontarski forschte insbesondere zur Nosemose, zur Honigchemie, Ernährungsphysiologie und Anatomie der Bienen und engagierte sich stark in der imkerlichen Ausbildung. Eine enge Kooperation mit der Universität Gießen bestand bis zu seinem Tod 1963.[1]
Kooperation mit der Universität Frankfurt
Eine neue Entwicklungsphase begann 1963 auf Initiative von Martin Lindauer, Direktor des Zoologischen Instituts der Universität Frankfurt. Das Institut wurde vertraglich eng an die Universität gebunden, und 1964 übernahm Friedrich Ruttner die Leitung; zugleich wurde er Professor für Zoologie an der Goethe-Universität. Fördermittel und Grundstückszukäufe ermöglichten den Bau moderner Labor- und Büroräume.
Ruttner gilt als Begründer der modernen Bienengeographie; seine Arbeiten zu Taxonomie und Biogeographie prägten die systematische Einordnung der Honigbienen nachhaltig. Unter seiner Leitung entstand in Oberursel eine umfangreiche wissenschaftliche Sammlung von Honigbienenarten und -unterarten mit mehreren tausend Präparaten. Gemeinsam mit Jean Louveaux gründete Ruttner 1970 die internationale Fachzeitschrift Apidologie, die aus der Zusammenlegung der Zeitschrift für Bienenforschung und der Annales de l’Abeille hervorging.[2][3]
1976 kam es zur Entdeckung der ersten Varroamilben in Deutschland an Bienen des Oberurseler Instituts, nachdem dieser Parasit schon etwa 10 Jahre zuvor nach Ost- und Südosteuropa eingeschleppt worden war. Möglicherweise wurde die Art durch die Forscher selbst durch Import von Königinnen der „Karpatenbiene“ aus Rumänien im Jahr 1966 eingeschleppt (in Südosteuropa war die Milbe spätestens 1967 als neu etabliert nachweisbar). Zum Zeitpunkt der Entdeckung war die Art aber schon so weit verbreitet, dass eine sichere Zuordnung des Einschleppungsereignisses nicht mehr möglich war.[4] Der Bruder des Institutsleiters, Hans Ruttner von der Bundeslehr- und Versuchsanstalt für Bienenkunde in Lunz am See, der die Art in Oberursel entdeckte, hielt zuvor eine Einschleppung mit Tieren der Art Apis cerana (Östliche Honigbiene) direkt aus Pakistan oder China schon 1970 oder 1971 für wahrscheinlich.[5] Die Oberurseler Forscher intensivierten die Forschung an der Varroa-Milbe und deren Bekämpfungsmöglichkeiten, ihr Erfolg war aber ebenso wenig durchschlagend wie der anderer Forschungsgruppen.[6]
Leitung Koeniger und Erweiterung der Forschung
Von 1981 bis 2007 leitete Nikolaus Koeniger das Institut. Nach Forschungsaufenthalten in Kanada setzte er Schwerpunkte u. a. auf Pheromonforschung, Varroa-Bekämpfung sowie vergleichende Studien parasitischer Milbenarten in Asien. In diesem Zusammenhang wurden neue Milben- und Honigbienenarten beschrieben, darunter Apis nuluensis (1996). Darüber hinaus untersuchte Koeniger mit internationalen Partnern die reproduktive Isolation sympatrischer Honigbienenarten.[1]
Neuausrichtung und Neubau
Ein weiterer Wendepunkt erfolgte 2007 mit einer neuen Kooperationsvereinbarung zwischen der Polytechnischen Gesellschaft und der Goethe-Universität. Die wissenschaftliche Ausrichtung wurde erweitert, insbesondere um neurobiologische Fragestellungen. 2008 wurde Bernd Grünewald als Leiter berufen und zugleich erster Stiftungsprofessor der Polytechnischen Gesellschaft an der Goethe-Universität. Seitdem stehen die Funktionsweise des Bienengehirns, Lernprozesse sowie die Auswirkungen von Bienenkrankheiten und Pflanzenschutzmitteln auf Physiologie und Verhalten der Honigbiene im Mittelpunkt; zugleich bleiben Sammlungspflege und die Entwicklung von Therapien gegen die Varroose zentrale Aufgaben.[1]
2025 wurde die institutionelle Zusammenarbeit durch eine neue Vereinbarung langfristig abgesichert. Die Polytechnische Gesellschaft verpflichtet sich zur dauerhaften Finanzierung der Stiftungsprofessur und stellte der Goethe-Universität ein neu errichtetes Institutsgebäude in Oberursel samt Insektengarten unentgeltlich zur Verfügung; die Universität trägt Betrieb und forschungsbezogene Ausstattung. Der Neubau wurde 2025 fertiggestellt und ermöglicht es, Forschung, Lehre, Imkerei und Bildungsarbeit räumlich zu bündeln; die offizielle Eröffnung ist für 2026 vorgesehen.[7]
Forschungsschwerpunkte
Aktuelle Schwerpunkte sind:
- Neurobiologie des Lernens und der Gedächtnisbildung
- Funktionsweise neuronaler Transmitterrezeptoren
- Wirkungen von Bienenkrankheiten und Pflanzenschutzmitteln auf das Nervensystem
- Entwicklung neuer Therapieansätze gegen Bienenkrankheiten
Darüber hinaus unterhält das Institut eine umfangreiche wissenschaftliche Sammlung von Honigbienenarten und -unterarten und engagiert sich in der Wissenschaftskommunikation durch Vorträge, Führungen und Bildungsangebote.[1]
Institutsleiter
- Hugo Gontarski (1938–1963)
- Friedrich Ruttner (1964–1981)
- Nikolaus Koeniger (1981–2007)
- Bernd Grünewald (2008–)
Videos
Das Institut veröffentlichte 18 hochauflösende Videos unter freier Lizenz als Anhang einer Fachpublikation, die das Verhalten von Honigbienen im Inneren der Wabenzellen dokumentieren: Paul Siefert; Nastasya Buling; Bernd Grünewald (2021): Honey bee behaviours within the hive: Insights from long-term video analysis. In: PLoS ONE 16(3), e0247323. https://doi.org/10.1371/journal.pone.0247323
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ a b c d e Institut für Bienenkunde: Die Geschichte des Instituts für Bienenkunde. https://institut-fuer-bienenkunde.de/das-institut/geschichte
- ↑ Courant, C.; Koeniger, G.; Hartfelder, K. (2021): Apidologie 50 years. In: Apidologie 52, 35–44. https://doi.org/10.1007/s13592-020-00797-8
- ↑ F. Ruttner: Naturgeschichte der Honigbienen. Franckh-Kosmos, Stuttgart 1992.
- ↑ Friedrich Ruttner, Wolfgang Ritter: Das Eindringen von Varroa jacobsoni nach Europa im Rückblick. In: Allgemeine Deutsche Imkerzeitung. Bd. 14, Nr. 5, 1980, S. 130–134.
- ↑ Hans Ruttner: Die Milbe Varroa jacobsoni Oudem., ein neuer Bienenparasit. Anzeiger für Schädlingskunde, Pflanzenschutz, Umweltschutz 50 (1977): 165–169.
- ↑ Rainer Stripf: Honig für das Volk. Geschichte der Imkerei in Deutschland. Ferdinand Schöningh Verlag 2019. ISBN 978-3-506-78008-9, Kapitel 9: Flüchtlingsimker und Lyssenko-Züchter – Entwicklungen nach 1945 bis heute.
- ↑ Goethe-Universität Frankfurt am Main (2025): Ein starkes Bündnis für die Bienenforschung. https://aktuelles.uni-frankfurt.de/forschung/ein-starkes-buendnis-fuer-die-bienenforschung/
Koordinaten: 50° 13′ 4,4″ N, 8° 32′ 54,1″ O