Ina Bierstedt
Ina Bierstedt (* 24. Dezember 1965 in Salzwedel) ist eine deutsche Künstlerin[1] und Kuratorin. Ihr künstlerischer Fokus liegt auf Fragen der Differenzierung und Aktualisierung ästhetischer Erinnerungsarbeit.
Leben und Wirken
Ina Bierstedt stammt aus einer Künstlerfamilie: Ihre Eltern sind Renate und Wolfgang Bierstedt (1936–1983). Der Vater war als Restaurator und Künstler mit einem Schwerpunkt im Bereich Malerei und Holzschnitt tätig. Ihr Urgroßvater hatte bereits ein Malereigeschäft in Beetzendorf, Sachsen-Anhalt. Zusammen mit ihrem Bruder Jens wuchs sie in Beetzendorf in der Nähe von Salzwedel auf.[2] Sie war als Jugendliche in der kirchlichen Friedensbewegung aktiv und reiste 1984 aus der DDR aus.[3] Nach dem Abitur am Berlin-Kolleg studierte sie von 1995 bis 2001 Bildende Kunst an der Hochschule der Künste Berlin bei Walter Stöhrer und Katharina Sieverding.[4] Ein Auslandsstipendium führte Ina Bierstedt 1999 ans Chelsea College of Art and Design nach London. Als Meisterschülerin von Katharina Sieverding schloss sie ihr Studium 2001 an der Universität der Künste Berlin ab.[5]
Seit 2010 lehrt Ina Bierstedt Malerei an der Universität der Künste Berlin. Zudem hatte sie von 2017 bis 2019 eine Vertretungsprofessur im Studiengang Bildende Kunst an der Kunsthochschule Kassel inne. Seit dem Wintersemester 2024 ist Bierstedt Gastprofessorin am Institut Kunst der Universität der Künste Berlin.
Ina Bierstedt wurde mit zahlreichen Stipendien und Förderungen ausgezeichnet. So war sie von 1996 bis 2001 Stipendiatin des Evangelischen Studienwerks Villigst e.V. Von 2003 bis 2005 erhielt Bierstedt das Atelierstipendium der Karl Hofer Gesellschaft und 2005 wurde sie zur Teilnahme am Goldrausch Künstlerinnenprojekt ausgewählt. 2007 erhielt sie das Arbeitsstipendium für Bildende Künstler des Berliner Senats, 2022 das Recherchestipendium des Berliner Senats und 2024 das Stipendium der Stiftung Kunstfonds. Für den Marianne-Werefkin-Preis war Ina Bierstedt 2015 nominiert[6] und 2024 stand sie auf der Shortlist des Losito-Kunstpreises.[7][8]
Gemeinsam mit den Künstlerinnen Alena Meier und Bettina Carl hat Ina Bierstedt 2001 die Berliner Künstlerinneninitiative Capri ins Leben gerufen.[9] Capri realisierte zunächst von 2001 bis 2006 im gleichnamigen Projektraum für zeitgenössische Kunst insgesamt mehr als 70 Ausstellungen.[10] Bis 2017 waren Ina Bierstedt und Bettina Carl als Capri Berlin mit Ausstellungsprojekten aktiv. Hierfür erhielten sie auch öffentliche Förderungen.[11]
Von 2019 bis 2022 war Ina Bierstedt im Beirat des Vereins der Berliner Künstlerinnen 1867 e.V. Von 2020 bis 2023 war sie geschäftsführender Vorstand des Internationalen Künstlergremiums IKG. Sie engagiert sich seit 2021 im Fachausschuss für Arbeit und Soziales des Deutschen Kulturrats.[12]
Werk
In Ina Bierstedts Werk dominiert von Beginn an die Landschaftsmalerei. „Der Fokus der Malerin liegt hierbei nicht auf der Abbildung von Landschaft(en), sondern auf der Konstruktion von Territorien und piktorialen Bildsystemen, die an der Schnittstelle von Natur und Kultur sowie deren Interferenzen entstehen.“[13] Grundlage ihrer Arbeit bildet ein seit Langem angelegtes Archiv, das eigene Fotografien und mediale Bilder umfasst. Ihre seit 2004 entstandenen bühnenartigen Landschaften weisen ungewöhnliche Perspektiven und Spiegelungen auf. „Die Natur in Ina Bierstedts Bildern setzt sich aus Versatzstücken zusammen, die bereits durch andere Medien überliefert wurden.“[14] Dabei erkundet sie in ihren Raumanordnungen die Möglichkeiten eines unvoreingenommenen Sehens.[15]
Mit ihrem 2013 begonnenen Projekt Verspiegelte Fenster verfolgt Ina Bierstedt eine Aktualisierung ästhetischer Erinnerungsarbeit aus malerischer Perspektive. Für dieses Projekt arbeitete sie mit der Bildhauerin Anna Gollwitzer und der Kunsthistorikerin Claudia Beelitz zusammen. Ausgangspunkt ist das Werk ihres Vaters Wolfgang Bierstedt (1936–1983), der jenseits des offiziellen Kunstbetriebs der DDR als Maler und Grafiker tätig war.[2] Die Erinnerung ist für Ina Bierstedt hier sowohl Auslöser als auch Gegenstand künstlerischer Untersuchung.[16]
Die ästhetische Erinnerungsarbeit vollzieht sich bei Bierstedt seither gleichzeitig auf unterschiedlichen Ebenen. Sie greift Malerei und deren Präsentationsbedingungen aus dem frühen 20. Jahrhundert auf oder sie malt auf Tarnstoffen, deren militärische Provenienz unmittelbar zur Anschauung kommt. Historische Objekte wie beispielsweise Glasfunde führen Bierstedt in den letzten Jahren immer stärker zum Thema Handwerk.[17] Dabei interessieren sie nicht nur die historischen Funde selbst, sondern auch die Bedingungen ihrer Entstehung. Hiervon zeugen u. a. ihre Bilder von Kohlemeilern, die von den harten Bedingungen der Holzkohlegewinnung zeugen.
Ina Bierstedt erschließt in ihrer Arbeit ein künstlerisches wie kulturanthropologisches Feld, wobei sie intensive Recherchen mit assoziierenden Methoden verbindet.[17] Hierbei wendet sie unterschiedliche malerische Techniken an und bezieht Medien wie Text, Installation und Video ein.
Ausstellungen (Auswahl)
Einzelausstellungen
- 2015: Kompliment, Wolfgang Bierstedt (1936–1983) künstlerisch reflektiert von Ina Bierstedt, Johann-Friedrich-Danneil-Museum, Salzwedel[2]
- 2017: mit Sabine Herrmann: Entlegene Ecken, Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus[18]
- 2023: Was die Farbe verrät, Kunstverein Lüneburg[17]
- 2024: mit Anna Holzhauer: Hinderniswolken, Kunstverein Bellevue-Saal, Wiesbaden[19]
Gruppenausstellungen
- 2004: Stipendiaten der Karl-Hofer-Gesellschaft, Haus am Kleistpark, Berlin
- 2005: Le peintre de la vie moderne, Museum De Paviljoens, Almere, Niederlande[20]
- 2005: Goldrausch Künstlerinnenprojekt, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
- 2006: emerging artists: Hot Spots 05, Essl Museum, Klosterneuburg, Österreich
- 2007: Förderkohle, Neuer Berliner Kunstverein, Berlin
- 2008: Mensch-Raum-Landschaft. Neue Arbeiten aus der Sammlung, Willy-Brandt-Haus, Berlin[21]
- 2010: Ich weiss was du nicht siehst, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin
- 2011: I know what you dont see, Futura, Centre for Contemporary Arts Prague, Tschechische Republik
- 2012: Alles Wasser, SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin und Galerie Mikael Andersen, Berlin
- 2013: Le peintre de la vie moderne, Galerie Jochen Hempel, Leipzig
- 2015: Streuflüsse, The Brno House of Arts, Dům umění města Brna, Tschechische Republik
- 2015: Marianne-Werefkin-Preis, Ausstellung der Nominierten, Haus am Kleistpark, Berlin
- 2021: Fit durch Wunder, Laura Mars Gallery, Berlin
- 2022: Worin unsere Stärke besteht. Fünfzig Künstlerinnen aus der DDR, Kunstraum Kreuzberg, Berlin
- 2024: Futur zwei, Galerie Coucou und Kunsttempel, Kassel[22]
- 2024: Losito Kunstpreis, Shortlist und PreisträgerInnen, di Galerie, Berlin[23]
- 2025: Gläsern, Schloss Biesdorf, Berlin[24]
- 2025: States of Uncertain Domesticities, Haus Kunst Mitte, Berlin und Brno House of Arts
Arbeiten in privaten und öffentlichen Sammlungen (Auswahl)
- Sammlung Frisch, Berlin
- Sammlung Birgit Möckel, Berlin
- Sammlung Julietta Scharf, Berlin
- SØR Rusche Sammlung Oelde/Berlin
- UBS Art Collection, London
- Sammlung im Willy-Brandt-Haus, Berlin[4]
Literatur (Auswahl)
- Ina Bierstedt: Malerei *Paintings* 2002–2005. Goldrausch Künstlerinnenprojekt Art IT Berlin e. V., Berlin 2005, ISBN 3-937476-36-9.
- Christine Humpl: Hotspots. Sammlung Essl. Ausstellungskatalog. Klosterneuburg, Edition Sammlung Essl 2005, ISBN 978-3-902001-26-9, S. 149.
- Ina Bierstedt: Second. Malerei 2006–2008. Ausstellungskatalog. Kuttner Siebert Galerie, Berlin 2008.
- Mark Gisbourne, Clemens Meyer, Harald Wieser (Hrsg.): Bildgewitter. Kerber Verlag, Bielefeld 2013, ISBN 978-3-8667-8912-8.
- Ina Bierstedt. Entlegene Ecken/Remote Corners. Vice Versa Verlag, Cottbus/Berlin 2017, ISBN 978-3-932809-83-5.
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Ina Bierstedt, auf artfacts.net
- ↑ a b c Anke Pelczarski: Kompliment für Wolfgang Bierstedt. In: volksstimme.de. 12. Oktober 2015, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ HAUS Behausung, Heim, Zuflucht und Traumhaus. mit Arbeiten u.a. von Ina Bierstedt, Roland Boden, Pascal Brateau, Olof Ek, Ute Hoffritz, Rachel Kohn, Dorothea Nold, Andrea Pichl, Alexandra Ranner, Melih Sarıgöl, Matthias Stuchtey und Gabriele Worgitzki. 2023 (jimdo.com [PDF] Ina Bierstedt ist 1965 in der DDR geboren und 1984 ausgereist…).
- ↑ a b Ina Bierstedt. In: udk-berlin.de. Universität der Künste Berlin, archiviert vom am 16. Mai 2022; abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Ein weites Feld: Bettina Carl & Ina Bierstedt. In: oqbo.de. Oqbo – Raum für Bild Wort und Ton, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Marianne Werefkin Preis 2015: Die nominierten Künstlerinnen. In: hausamkleistpark.de. Abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Bierstedt Ina. In: VdBK1867. Abgerufen am 3. Dezember 2025.
- ↑ Aktuell: Losito-Kunstpreis 2024. In: lkzf.de. Losito, Kressmann-Zschach Foundation, abgerufen am 3. Dezember 2025.
- ↑ Capri. In: capri-berlin.de. Abgerufen am 4. Dezember 2025.
- ↑ capri: aktuell. In: capri-berlin.de. Abgerufen am 4. Dezember 2025.
- ↑ Ina Bierstedt vita. In: inabierstedt.de. Abgerufen am 4. Dezember 2025.
- ↑ Kulturpolitik – Internationales Künstlergremium IKG. In: ikg-art.org. Internationales Künstlergremium, abgerufen am 4. Dezember 2025.
- ↑ Ulrike Kremeier: Ina Bierstedt. Entlegene Ecken / Remote Corners. In: Ina Bierstedt. Entlegene Ecken / Remote Corners. Vice Versa Verlag, Cottbus / Berlin 2017, ISBN 978-3-932809-83-5, S. 3.
- ↑ Melanie Franke, Landschaft im Augen-Blick. In: Ina Bierstedt. Ausstellungskatalog polished, Goldrausch Künstlerinnenprojekt 2005, Kunstraum Kreuzberg/Bethanien, Berlin 2005, unpaginiert ISBN 3-937476-36-9
- ↑ Dorothée Bauerle-Willert, Verspiegelte Fenster/Mirrored Windows. In: Ausstellungskat. Ina Bierstedt, dkw. Kunstmuseum Dieselkraftwerk Cottbus, Cottbus 2017, S. 4f. ISBN 978-3-932809-83-5
- ↑ Ulrich Kalmbach, Zur Ausstellung im Danneil-Museum Salzwedel: Kompliment – Wolfgang Bierstedt (1936–1983) künstlerisch reflektiert von Ina Bierstedt. In: Altmark-Zeitung 12, Salzwedel, Dezember 2015
- ↑ a b c Claudia Beelitz: Ina Bierstedt: Was die Farbe verrät. In: kunstvereinlueneburg.de. Abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Nico: Finissage mit Ina Bierstedt und Sabine Herrmann im dkw. In: niederlausitz-aktuell.de. 18. Juni 2017, abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Reihe 1:1 – Ina Bierstedt, Anna Holzhauer. Hinderniswolken. In: kunstverein-bellevue-saal.de. Abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Le peintre de la vie moderne, 2013. In: Galerie Jochen Hempel. 31. März 2020, abgerufen am 7. Dezember 2025.
- ↑ Mensch – Raum – Landschaft. In: fkwbh.de. Freundeskreis Willy-Brandt-Haus-e.V., abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Futur Zwei. In: kunsttempel.net. Abgerufen am 6. Dezember 2025.
- ↑ Christiane Meixner: Hochpolitisch, tief verstörend: Die Finalisten des Losito-Kunstpreises stellen in „di Galerie“ aus. In: Der Tagesspiegel Online. 1. November 2024, ISSN 1865-2263 (tagesspiegel.de [abgerufen am 6. Dezember 2025]).
- ↑ Vorschau: Gläsern. forms of uncontrolled control. In: schlossbiesdorf.de. Abgerufen am 6. Dezember 2025.