Holocaust im Unabhängigen Staat Kroatien
Der Holocaust im Unabhängigen Staat Kroatien fand parallel zum Völkermord an den Serben und dem Völkermord an den Roma im Unabhängigen Staat Kroatien (USK) während des Zweiten Weltkriegs statt. Ihm fielen knapp 30.000 Juden zum Opfer. Er wurde auf kroatischer Seite durch die Ustascha zur Homogenisierung des kroatischen Staatsvolkes betrieben und von der Seite der deutschen Besatzungsmacht durch die Nationalsozialisten zur Vernichtung des europäischen Judentums.
Unabhängiger Staat Kroatien
Nach dem Balkanfeldzug zerschlugen das nationalsozialistische Deutschland und das faschistische Italien das Königreich Jugoslawien im April 1941 und schufen den Unabhängigen Staat Kroatien (USK) mit einer Ustascha-Führung unter dem faschistischen Diktator Ante Pavelić. Bosnien-Herzegowina und Slawonien wurden dem Satellitenstaat zugeschlagen, der im Süd-Westen unter italienischer und im Nord-Osten unter deutscher Besatzung stand. Die Achsenmächte annektierten Teile des heutigen Sloweniens und Italien auch noch einen Teil Dalmatiens.
Der USK war der ethnisch und religiös wohl heterogenste Staat in Hitlers Europa. Der USK hatte im Jahr 1941 etwa 6,5 Mio. Einwohner, von denen fast die Hälfte Nichtkroaten waren. Laut der hochgerechneten Volkszählung von 1931 gab es etwa 1,9 Mio. orthodoxe Serben, 0,8 Mio. muslimische Bosniaken, 175 Tsd. Deutsche, 75 Tsd. Ungarn, 45 Tsd. Tschechen, 40 Tsd. Juden, je 25. Tsd. Ukrainer und Roma, 22 Tsd. Slowaken und 5 Tsd. Italiener in Kroatien. Die Juden lebten in etwa 50 städtischen Gemeinden, wobei in Kroatien und Dalmatien überwiegend aschkenasische Juden und in Bosnien sephardische Juden mit der Muttersprache Ladino lebten. Weiterhin gab es eine größere Anzahl von jüdischen Flüchtlingen aus dem Deutschen Reich.[1.1]
Rassengesetze und „Judenfrage“
Am 30. April 1941 erließ der nach dem Balkanfeldzug aufgestiegene Diktator Ante Pavelić drei Rassengesetze, mit denen die Ausgrenzung von Bevölkerungsgruppen eingeleitet wurde:[2]
- Gesetz über die Rassenzugehörigkeit mit der Definition von Juden und Zigeunern
- Gesetz über den Schutz des arischen Blutes und der Ehre des kroatischen Volkes
- Gesetz über die Staatsangehörigkeit, das zwischen Staatsbürgern und mehr oder weniger rechtlosen Staatsangehörigen unterschied.
Da Serben und Juden eine vermeintliche Gefahr für die Sicherheit des neuen Staates darstellten, wurden sie meldepflichtig und durch zahlreiche Verbote ausgegrenzt.[1.2] Ihre Jugendlichen, die nicht zu den neu gegründeten kroatischen Streitkräften eingezogen wurden und damit privilegiert ihren heimischen Berufen nachgehen konnten, stellten für die Ustascha eine Bedrohung der inneren Sicherheit dar und es wurde ein Zwangsarbeitsdienst für Serben eingeführt. Viele Juden und Roma wurden von lokalen Ustascha-Trupps zu schwerer Arbeit gezwungen. Der Ausschluss aus dem sozialen und wirtschaftlichen Leben wurde durch Verbote und die Kennzeichnungspflicht für serbische und jüdische Geschäfte von den Planern eines völkischen kroatischen Nationalstaats weiter vorangetrieben.[1.3]
Vom Deutschen Reich ausgehende völkische Umsiedlungspläne mündeten in das deutsch-kroatische Umsiedlungsabkommen, das die Vertreibung von Serben aus Kroatien vorsah. Die Deportation von Juden und Zigeunern ins deutsch besetzte Serbien lag nicht im Interesse Deutschlands und erfolgte allenfalls individuell oder in Kleingruppen. Für diese beiden Gruppen wurden zunächst Umsiedlungsfantasien mit Zwangsarbeitsprojekten diskutiert und der Öffentlichkeit suggeriert, dass diese dem kroatischen Volkskörper „Artfremden“ so zu „produktiver Arbeit“ als eine Art Helotenvolk herangezogen werden könnten. Man sprach von internen „territorialen Lösungen“ und die Ustascha-Regierung ließ keinen Zweifel, dass „die Judenfrage gelöst werden müsse“.[1.4]
Verfolgung im Unabhängigen Staat
Am 26. Juni 1941 leitete Pavelic mit einem Dekret eine antisemitische Eskalation ein. Die Juden würden mit erlogenen Nachrichten die Bevölkerung beunruhigen und die Versorgung der Bevölkerung mit „ihrer bekannten spekulativen Art“ stören und erschweren und seien dafür kollektiv verantwortlich. Über die strafrechtliche Verantwortung hinaus sollten sie in Häftlingslager unter freiem Himmel verbracht werden. Hintergrund dürfte laut Alexander Korb gewesen sein, dass die Verfolgung der landwirtschaftlich produktiven Serben mit Inflation, Schwarzmarkt und Versorgungsnöten einherging und die Juden gleichzeitig als Verursacher serbisch-kroatischer Auseinandersetzungen und als serbische Agenten dargestellt werden sollten.[1.5]
Bis 1941 war Gewalt gegen Juden in Kroatien eine seltene Ausnahme gewesen. Der Einmarsch der Deutschen hatte die Standards geändert. Wehrmachtsangehörige demolierten oder zündeten Synagogen an und Juden wurden zur Zwangsarbeit für die Wehrmacht gezwungen.[1.6] Pläne zur Lösung der „Judenfrage“ durch Judenreservate und Arbeitslager wurden von kroatischer Seite zirkuliert und kommunale Behörden waren an der Deportation wohnungsloser Serben und Juden interessiert, die man zuvor aus ihren Wohnungen vertrieben hatte. Um das Gewaltmonopol des Ustascha-Aufsichtsdienstes (UNS) gegenüber den lokalen Initiativen zu verteidigen, untersagte Eugen Dido Kvaternik diese Praxis Ende September 1941 und ordnete dann selbst umfangreiche Deportationen in Internierungslager an.[1.7]
Kontributionen und Arisierung
Im Frühjahr 1941 wurden jüdische Persönlichkeiten von Ustascha-Größen in Geiselhaft genommen und die jüdischen Gemeinden mussten für sogenannte Kontributionen für deren Freilassung leisten.[1.8]
Rassisch motivierte Enteignungen in Kroatien richteten sich nicht nur gegen Juden und sesshafte Roma, sondern vor allem gegen Serben.[3] Statt des Begriffs „Arisierung“ wird auch oft beschönigend von „Nationalisierung“ oder „Verstaatlichung“ gesprochen. Bei der Verfolgung von Serben, Juden und Roma bereicherten sich Einzelpersonen, Ustascha-Gliederungen, Behörden sowie deutsche und italienische Besatzer durch Raub, Erpressung, Schnäppchenjagd und öffentliche Versteigerungen. Dabei entgingen dem kroatischen Staat unermessliche Werte.[1.9] Der kroatische Staat versuchte mit Verordnungen und der Gründung der Ponova (Staatsdirektion für wirtschaftliche Erneuerung) und des Amt für einbehaltene Vermögen den Kontrollverlust und die dreiste Bereicherung einzuschränken.[1.10]
Die Auslandsorganisation der NSDAP forderte durch die neu gegründete Deutsche Handelskammer lauthals die „Entjudung“ der kroatischen Wirtschaft. Der Wehrwirtschaftsstab Südost der Wehrmacht, die Organisation Todt und die SS versuchten davon zu profitieren. Der Einsatzstab Reichsleiter Rosenberg war vor allem an der Beschlagnahmung von Hebraica und Judaica für sein antisemitisches Institut zur Erforschung der Judenfrage interessiert, ging dann aber auch zum Kunstraub allgemein über. Der deutsche Einfluss auf die Enteignungen in Kroatien blieb aber beschränkt.[1.11]
Verhaftungen und Ustascha-Lager
In den drei bedeutendsten Städten fanden folgende Deportationen und Internierungen statt:[4.1]
- Zagreb: Ins KZ Danica im Mai 1941, Massenverhaftungen im Sommer 1941, die meisten verbliebenen Juden im Mai 1943 nach Auschwitz deportiert
- Sarajevo: Ins KZ Kruščica im September 1941, umfangreiche Verhaftungen im Oktober und November 1941, Verhaftung von Facharbeitern im August 1942
- Osijek: Ins Ghetto Tenje im Juni 1942
Die Juden wurden an folgenden Orten konzentriert:[4.2]
- Frühe Lager: KZ Danica, Insel Pag (mit KZ Slana und KZ Metajna), KZ Jadovno und KZ Kruščica
- Spätere Lager: KZ Đakovo, Ghetto Tenje, KZ Loborgrad
- Todes- und Vernichtungslager: KZ-Komplex Jasenovac (insbesondere Lager III Ziegelei und Lager V KZ Stara Gradiska für Frauen und Kinder)
Aufgrund des Deportationserlasses von Pavelic wurde das KZ Gospic ab Juli 1941 zum Zentrallager für serbische wie jüdische „Kommunisten“, die von dort weiterverteilt wurden. Die Lager auf Pag und das KZ Jadovno galten wegen ihrer Bedingungen als besonders mörderisch. Schon sehr früh kam es auch zu Massentötungen durch die Wachmannschaften, weil die Lagerkapazität nicht ausreichte. Auf Pag wurden die Toten ins Meer und in Jadovno in Dolinen geworfen. Jadovno und Pag wurden deshalb in der Forschung teilweise auch als Vernichtungs- bzw. Todeslager eingestuft.[1.12][5.1]
Mit der Zentralisierung des Lagersystems und dem Aufbau des KZ Jasenovac erreichten die innerkroatischen Deportationen im September und Oktober 1941 ihren Höhepunkt. Den kroatischen Behörden ging es in dieser Phase nicht um die physische Vernichtung der Juden, sondern um die Entfernung aus den Städten. Die Auswanderung nach Serbien war den Juden gestattet und es gab kein Auswanderungsverbot. Die nachweisbaren und ergebnislosen kroatischen Initiativen ab Oktober 1941 zur Deportation der Juden ins Deutsche Reich, können nicht als ein kroatisches Vorpreschen auf dem Weg zum Massenmord in Auschwitz gedeutet werden, weil der deutsche Entscheidungsprozess zum Holocaust noch nicht abgeschlossen und im Vasallenstaat nicht abzusehen war.[1.13]
In Jasenovac erfolgten Massentötungen als Repressalien nach Fluchtversuchen, aus Furcht vor Häftlingsaufständen und wegen der ständigen Überbelegung und dem permanenten Mangel an Nahrungsmitteln. Massenmorde durch Giftgas in Gaskammern gab es nicht, aber neben Erschießungen auch grausame Tötungsmethoden mit Schlagwaffen. Diese archaisch anmutenden Tötungsmethoden wurden oft als pathologischer Sadismus der Ustascha-Wachen interpretiert. Doch die Wahl der Tötungsinstrumente (wie Hammer und Messer) erlaubt allein keine Aussage über die Mentalität der Täter, da sie effizient eingesetzt werden konnten, ohne dass Massaker in eine Entgrenzung im Sinne eines Kontrollverlustes der Täter enden mussten.[1.14]
Italienischer Schutz
Ausschreitungen der Ustascha gegen Serben und Juden führten in der italienischen Zone zu einem Chaos, so dass die 2. Armeei neben der annektierten Zone I im September 1941 die demilitarisierte küstennahe Zone II (einen 50 km breiten Streifen), und teilweise die Zone III unter ihre Befehlsgewalt nahm.[6.1] Sie beriefen sich dabei auf ihre Zuständigkeit für die Sicherheit nach dem italienisch-kroatische Abkommen von Rom, während von kroatischer Seite die „Einmischung in innere Angelegenheiten“ beklagt wurde.[7.1]
Während die Truppen im Feld sich der Ustascha aus humanitären Gründen widersetzten, war die italienische Judenschutzpolitik trotz deutschen Drucks motiviert durch:
- Die italienisch-kroatische Feindschaft
- Die Befürchtung, die Auslieferung der Juden könnte das italienische Ansehen der Bevölkerung im besetzten Gebiet schaden.
- Trotz italienischer Schwäche wollte man sich keinem deutschen Diktat beugen.
- Befürchteten Vertrauensverlust bei den verbündeten Serben (Tschetniks).
- Ab Sommer 1943 wurde das Verhalten als nützlich bei den geheimen Waffenstillstandsverhandlungenen mit den Alliierten angesehen.[7.2]
Deutschland übte Druck auf Italien zur Lösung der „Judenfrage“ in Kroatien aus. SS-Chef Himmler (Oktober 1942), Außenminister Ribbentrop (Februar 1943) und Gestapochef Heinrich Müller (März 1943) besuchten Rom, aber trotzdem fanden die Italiener hinhaltende Ausflüchte.[7.2] Währenddessen beschloss Italien im Oktober 1942 die Juden in Dalmatien zu konzentrieren. Mussolini stimmte zwar Anfang 1943 gegenüber Ribbentrop der Auslieferung der Juden zu, erlaubte aber nach Protesten der Generalität und des Außenministeriums, seinen Auslieferungsbefehl zu umgehen. So wurden alle Juden des besetzten Gebietes zum Schutz und um den deutschen Druck abzumildern im italienischen Konzentrationslager Rab interniert.[7.3] In der Provinz Split (Spalato) lebten zu der Zeit noch 800 und auf Korčula etwa 500 Juden in „freier Konfinierung“.[6.2]
Nach dem Waffenstillstand von Cassibile vom 3. September 1943 wurden die jüdischen Gefangenen von den jugoslawischen Partisanen befreit, bevor die Deutschen das KZ Rab erreichen konnten.[7.4] 204 Alte, Frauen und Kinder, die auf Rab blieben, wurden von Gestapo und SS über die Risiera di San Sabba in Triest nach Auschwitz deportiert.[8]
Die 1.400 Juden, die aus Kroatien bis Juli 1943 in den italienisch besetzten Teil Sloweniens geflüchtet waren, wurden in der Regel nicht abgeschoben, sondern im süditalienischen Lager Ferramonte di Tarsia interniert oder in anderen Sammelunterkünften überwacht (freie Konfinierung). Ähnlich erging es Juden, die aus Belgrad in die Provinz Cattaro im italienischen Vasallenstaat Unabhängiger Staat Montenegro geflüchtet waren.[6.3]
Deportation in deutsche Vernichtungslager
Reinhard Heydrich, der Chef des Reichssicherheitshauptamtes (RSHA), hatte schon auf der Wannseekonferenz im Januar 1942 angemerkt, dass die Lösung der „Judenfrage“ in Kroatien und der Slowakei leicht sein werde. Die deutschen Behörden begannen starken Druck auf ihre kroatischen Verbündeten auszuüben.[1.15] Das Reichssicherheitshauptamt Referat IV B 4 Juden- und Räumungsangelegenheiten unter Adolf Eichmann entsandte den SS-Sturmbannführer Franz Abromeit als Judenbeauftragten zum Polizeiattaché Hans Helm in Zagreb. Sie planten vor Ort mit der deutschen Gesandtschaft und dem RSHA die Durchführung von Verhaftungen und Deportationen („Übersiedlungen“ in die „deutschen Ostgebiete“) mit ihren kroatischen Verbindungsmännern Joso Rukovina (Ustascha-Polizei) und Vilko Kühnel (kroatischer Judenreferent).[9] Per kroatischer Verordnung wurde dazu den auszusiedelnden Juden die kroatische Staatsbürgerschaft entzogen. Abromeit bzw. Gestapobeamte überwachten persönlich die Verhaftung von 1.700 Juden in Zagreb.[1.16][5.2]
Bei der Verhaftungs- und Deportationswelle im August 1942 wurden nach SS-Angaben 4.972 Juden nach Auschwitz deportiert.[6.4] Die Züge für die Deportationen wurden von der kroatischen Staatsbahn gestellt. Reichsbahnrat Franz Schmelz koordinierte die deutschen und kroatischen Bahnen. Für den Transport musste Kroatien 30 Reichsmark pro Person an das Deutsche Reich bezahlen, die dann zum Teil den jüdischen Gemeinden in Rechnung gestellt wurden. Die kroatische Regierung konnte sich am Besitz der Deportierten schadlos halten.[1.17] Nur 587 Frauen und Männer wurden im KZ Auschwitz registriert (zur Zwangsarbeit selektiert), von denen nach Zeugenaussagen niemand das Jahr 1943 überlebt haben soll.[1.17]
Anfang 1943 begannen geleitet vom deutschen Gesandten SA-Obergruppenführer Siegfried Kasche und koordiniert mit Ustascha-Behörden die Planungen für eine zweite Deportationswelle. „Alle jüdischen Elementen unabhängig von Alter, Geschlecht und Konfession“ sollten endgültig aus Kroatien entfernt werden.[10.1] Im Mai 1943 leitete dann Abromeit die Verhaftungen in Zagreb. Etwa 1.700 Juden aus Zagreb und 300 aus anderen kroatischen Städten wurden nach Auschwitz deportiert.[10.2]
Nach dem Waffenstillstand von Cassibile vom September 1943 fielen mehrere hundert Juden aus der italienischen Besatzungszone vor allem aus Mostar in deutsche Hände und wurden in die Vernichtungslager deportiert. Ähnlich erging es Juden in Dalmatien.[5.3]
Im April 1944 versicherte Kasche dem Auswärtigen Amt in Berlin: „Die Judenfrage ist in Kroatien in weitem Maße bereinigt...“.[5.4]
Dimension des Völkermordes
Nach der Volkszählung von 1931 gab es mehr als 31.000 Konfessionsjuden auf dem Gebiet des späteren USK. Hinzu kam eine unbekannte Zahl von Abstammungsjuden (gem. Rassegesetzen) sowie mehr als 3.000 jüdische Flüchtlinge aus dem Ausland. Die Gesamtzahl der ansässigen Juden wird mit 30.000 bis 39.000 angegeben.[5.2] Dis Ustascha ist nach der Historikerin Sanela Schmid für die Ermordung von 21.000 bis 23.000 und die Deutschen für 7.200 bis 7.700 Opfern verantwortlich. Die Italiener tragen nur die Verantwortung für ca. 130 jüdische Opfer. Die Wehrmacht war in Kroatien – anders als in Serbien – nur am Rande am Holocaust beteiligt. Zwischen 7.000 und 9.000 Juden aus Kroatien überlebten den Holocaust.[6.5]
Ivo und Slavko Goldstein verweisen darauf, dass der Völkermord an den Serben durch die Ustascha im USK weit umfangreicher und der Völkermord an den Roma noch grausamer und rassistisch radikaler durchgeführt worden ist.[10.3] Vorrangiges Ziel war auf kroatischer Seite nicht die Beteiligung am nationalsozialistischen Projekt der Judenvernichtung in Europa, sondern die gewaltsame Errichtung eines ethnisch homogenen Nationalstaats. Von den mit Deutschland verbündeten Staaten verübte neben dem USK nur noch Rumänien eigenständig organisierte Massenmorde an Juden und Roma.[1.18]
Kommunistische und Revisionistische Narrative
Das kommunistische Nachkriegsjugoslawien pflegte nach dem innerjugoslawischen Bürgerkrieg, das Narrativ der multiethnischen „Brüderlichkeit und Einigkeit“ nach der Befreiung durch die Partisanen. Damit unvereinbar war, dass die Täterinnen und Täter auch aus antisemitischen Gründen getötet hatten. Im kroatischen Exil pflegten Ustascha-nahe Kreise den Mythos der Tragödie von Bleiburg. Die Erinnerung an die rassische Verfolgung von Juden, Roma und Serben blieb marginalisiert.[11]
Mit dem Zerfall Jugoslawiens in den 1990er Jahren und dem damit verbundenen jugoslawischen Nachfolgekrieg zerbrach dieses Narrativ und eine nationalistische und emotional aufgeladene bosnische, kroatische und serbische Geschichtsauslegung fand statt. Der kroatische Präsident Franjo Tuđman und seine Partei Kroatische Demokratische Gemeinschaft verklärten die Geschichte des USK als Meilenstein zur Unabhängigkeit Kroatiens.[11] Kroatische Revisionisten leugneten, dass Jasenovac ein Todeslager war und ein Report der vom kroatischen Parlament gegründeten Kommission zu Kriegs- und Nachkriegsverbrechen kam zu dem Ergebnis, dass nur etwa dreihundert Juden „Kriegsopfer“ gewesen wären.[10.4]
Aufarbeitung
Der Gesandte Kasche und der Polizeiattaché Helm wurden in Jugoslawien zum Tode verurteilt und hingerichtet. Führende Ustascha-Vertreter wie Kvaternik und Budak sowie Hunderte der Führer mittlerer und unterer Ebene wurden hingerichtet.[1.19] Die kroatischen Restitutionsgesetze aus den 1990er Jahren beziehen sich auf die kommunistische Zeit, so dass Eigentum, das durch den Holocaust entzogen wurde, nicht darunter fällt.[12]
Der 1963 in Auschwitz eingerichtete „jugoslawische Pavillon“ wurde 2009 nach dem Zerfall Jugoslawiens aufgelöst. 2024 einigten sich die Nachfolgestaaten, gemeinsam einen Block in Auschwitz zu renovieren und als Ausstellungs- und Gedenkort einzurichten.[13]
Am Zagreber Bahnhof wurde im Jahr 2022 ein „Denkmal für die Opfer des Holocaust und des Ustascha-Regimes“ eingerichtet.[14]
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Jadovno-Denkmal
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Jasenovac-Denkmal
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Deportationszug in Jasenovac
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Deportiertendenkmal am Bahnhof Zagreb
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Đakovo-Denkmal
Literatur
- Ivo Goldstein, Slavko Goldstein: The Holocaust in Croatia. Pittsburgh University Press, 2016, ISBN 978-0-8229-4451-5.
- Alexander Korb: Im Schatten des Weltkriegs : Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945. 2. Auflage. Hamburger Edition, Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-259-2.
- Holm Sundhaussen: Jugoslawien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords : Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. De Gruyter, 1991, ISBN 3-486-70833-3, S. 311–330, doi:10.1524/9783486708332.
- Menachem Shelah: Kroatische Juden zwischen Deutschland und Italien. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 41, Nr. 2. München 1993, S. 175–195 (ifz-muenchen.de [PDF]).
- Sanela Schmid: Deutsche und italienische Besatzung im Unabhängigen Staat Kroatien: 1941 bis 1943/45. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-062383-3, doi:10.1515/9783110623833.
Siehe auch
- Völkermord an den Roma im Unabhängigen Staat Kroatien
- Völkermord an den Serben im Unabhängigen Staat Kroatien
Weblinks
Einzelnachweise
- ↑ Alexander Korb: Im Schatten des Weltkriegs : Massengewalt der Ustaša gegen Serben, Juden und Roma in Kroatien 1941–1945. 2. Auflage. Hamburger Edition, Hamburg 2013, ISBN 978-3-86854-259-2.
- ↑ Brigitte Mihok, Wolfgang Benz (Hrsg.): Handbuch des Antisemitismus – Judenfeindschaft in Geschichte und Gegenwart. Walter de Gruyter, 2009, ISBN 978-3-598-24072-0, S. 620.
- ↑ Introduction. In: Rory Yeomans (Hrsg.): A Marketplace without Jews: Aryanization and the Tinal Solution in Southeastern Europe. Routledge, 2025, ISBN 978-1-03-276744-4, S. 2, doi:10.4324/9781003479895-1.
- ↑ Raul Hilberg: Die Vernichtung der europäischen Juden. Band 2. Fischer, Frankfurt 1982, ISBN 3-596-24417-X.
- ↑ Holm Sundhaussen: Jugoslawien. In: Wolfgang Benz (Hrsg.): Dimension des Völkermords : Die Zahl der jüdischen Opfer des Nationalsozialismus. De Gruyter, 1991, ISBN 3-486-70833-3, S. 311–330, doi:10.1524/9783486708332.
- ↑ Sanela Schmid: Deutsche und italienische Besatzung im Unabhängigen Staat Kroatien: 1941 bis 1943/45. De Gruyter, Berlin 2020, ISBN 978-3-11-062383-3, doi:10.1515/9783110623833.
- ↑ Menachem Shelah: Kroatische Juden zwischen Deutschland und Italien. In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte. Band 41, Nr. 2. München 1993 (ifz-muenchen.de [PDF]).
- ↑ Klaus Voigt: Zuflucht auf Widerruf: Exil in Italien 1933–1945. S. 239 f.
- ↑ Dokument VEJ 171/14 in: Sara Berger u. a. (Bearb.): Die Verfolgung und Ermordung der europäischen Juden durch das nationalsozialistische Deutschland 1933–1945 (Quellensammlung), Band 14: Besetztes Südosteuropa und Italien. Berlin 2017, ISBN 978-3-11-055559-2, S. 471–472.
- ↑ Ivo Goldstein, Slavko Goldstein: The Holocaust in Croatia. Pittsburgh University Press, 2016, ISBN 978-0-8229-4451-5.
- ↑ a b Ljiljana Radonic: Erinnerungskulturen und -politiken im post-jugoslawischen Raum. Bundeszentrale für politische Bildung, 31. Januar 2022, abgerufen am 18. Dezember 2025.
- ↑ Michael J. Bazyler u. a.: Guided by the Terezin Declaration: a Review of the Restitution of Stolen Jewish Property after the Holocaust. In: Carla Ferstman, Mariana Goetz (Hrsg.): Reparations for Victims of Genocide, War Crimes and Crimes against Humanity: Systems in Place and Systems in the Making. 2. Auflage. Brill, Leiden 2020, ISBN 978-90-04-37719-6, S. 157.
- ↑ Holocaust: Sechs ex-jugoslawische Staaten planen Gedenkort in Auschwitz. In: Süddeutsche Zeitung. 26. Januar 2024, abgerufen am 2. Dezember 2025.
- ↑ Denkmal für die Opfer des Holocaust und des Ustascha-Regimes. In: Memorial Museums. Abgerufen am 4. Oktober 2025.