Hilmi Ziya Ülken

Hilmi Ziya Ülken (* 3. Oktober 1901 in Konstantinopel; † 5. Juni 1974 in Istanbul) war ein türkischer Soziologe, Philosoph und Schriftsteller. Er gilt als eine der prägenden Persönlichkeiten der türkischen Geistes- und Sozialwissenschaften des 20. Jahrhunderts. Ülken trug maßgeblich zur Entwicklung der Soziologie, der Philosophie sowie der Kultur- und Ideengeschichte in der Türkei bei. Neben wissenschaftlichen Arbeiten veröffentlichte er auch literarische Texte, darunter Gedichte.

Leben

Hilmi Ziya Ülken wurde 1901 in Konstantinopel geboren.[1] Sein Vater Mehmet Ziya Bey war Dozent am Darülfünun, dem Vorläufer der heutigen Universität Istanbul, und wirkte dort als Lehrer für Chemie sowie als Dekan der Fakultät für Zahnmedizin und Pharmazie. Seine Mutter Müşfike Hanım stammte aus einer Familie aus Kasan; ihr Vater Kerim Hazret war eine religiöse Persönlichkeit, die sich während des Krimkriegs auf Einladung des osmanischen Sultans Abdülaziz in Konstantinopel niederließ.[2]

Ülken absolvierte 1918 das Istanbuler Gymnasium und begann anschließend ein Studium an der Hochschule für Politikwissenschaften des Darülfünun, das er 1921 abschloss.[3] Nach seinem Abschluss arbeitete er zunächst als Geografielehrer.[4] Parallel dazu setzte er seine Ausbildung in den Bereichen Ethik, Soziologie und Philosophiegeschichte fort.

Hilmi Ziya Ülken heiratete 1924 Hatice Ülken. Aus der Ehe ging eine Tochter hervor.[5]

Er starb am 5. Juni 1974 in Istanbul und wurde auf dem Aşiyan-Friedhof beigesetzt.[5]

Akademische Laufbahn

Ülken lehrte in den 1920er-Jahren in Ankara und Istanbul.[6] In Ankara war er an der Lehrerschule tätig, später unterrichtete er Soziologie am Istanbuler Gymnasium.[7] Zu seinen Schülern zählte unter anderem Pertev Naili Boratav. Darüber hinaus lehrte er Philosophie und Soziologie am Galatasaray-Gymnasium.

1933 hielt sich Ülken zu Forschungszwecken in Berlin auf.[8] Im selben Jahr wurde das Darülfünun zur Universität Istanbul umstrukturiert, und Ülken trat dort eine Stelle als außerordentlicher Professor für türkische Kulturgeschichte an.[8] Er lehrte unter anderem:

  • Geschichte der philosophischen Lehre
  • Logikgeschichte
  • Philosophie
  • Soziologie
  • Kunstgeschichte

Zu seinen Kollegen zählte der deutsche Philosoph Hans Reichenbach, der infolge der nationalsozialistischen Machtübernahme nach Istanbul emigriert war.[8][9]

1944 wurde Ülken zum ordentlichen Professor ernannt, 1957 erhielt er eine reguläre Professur.[2] Zudem war er Leiter des Instituts für Soziologie an der Universität Istanbul.[10]

In den 1950er-Jahren wechselte Ülken an die Universität Ankara. 1959 wurde er Dekan der Theologischen Fakultät, trat jedoch kurze Zeit später zurück.[2] 1962 übernahm er das Amt erneut, legte es jedoch nach sechs Monaten wiederum nieder.[2]

Ab 1964 lehrte er an der Fakultät für Erziehungswissenschaften der Universität Ankara und hielt dort die ersten Lehrveranstaltungen zur Philosophie der Erziehung.[11] 1973 trat er in den Ruhestand.[2]

Ansichten

Ülkens Denken wurde von einer Vielzahl muslimischer, türkischer und europäischer Denker beeinflusst. Zu den wichtigsten zählen Ibn ʿArabī, Mehmet Fuat Köprülü, Ziya Gökalp, Mehmet İzzet, Émile Durkheim, Henri Bergson, Émile Boutroux, Baruch Spinoza, Max Scheler und Martin Heidegger.[2]

Besonders prägend war für ihn der Einfluss Henri Bergsons, dessen Philosophie er gemeinsam mit anderen türkischen Intellektuellen rezipierte. Ülken sah in Bergsons Denken eine Verbindung von spiritueller Intuition und gesellschaftlicher Erneuerung, die insbesondere in der politisch und kulturell schwierigen Zeit nach dem Ersten Weltkrieg Orientierung bot.[12]

Nach der Gründung der Republik Türkei im Jahr 1923 entwickelte Ülken eine konservativ geprägte Form des Republikanismus. Er vertrat die Auffassung, dass Nationalismus dann eine moderne politische Ordnung darstelle, wenn er bürgerliche und politische Rechte anerkenne.[6] Die Republik betrachtete er als die einzig angemessene Staatsform für moderne Gesellschaften.[6]

In den späten 1920er-Jahren setzte sich Ülken an der Universität Istanbul für eine ideenorientierte Soziologie ein und wandte sich gegen eine rein empirisch-experimentelle Ausrichtung.[13] Er gehörte zudem zu den ersten türkischen Wissenschaftlern, die sich mit dem logischen Empirismus auseinandersetzten.[8]

Werk

Ülken verfasste zahlreiche Werke aus den Bereichen Philosophie, Soziologie, Kulturgeschichte und Pädagogik. Zu seinen wichtigsten Publikationen zählen:

  • Aşk Ahlakı (1931) – Ethik der Liebe Eine philosophische Abhandlung mit ethischen, soziologischen und kulturellen Dimensionen.[10]
  • İnsani Vatanperverlik (1933) – Humanistischer Patriotismus In diesem Werk befasste sich Ülken mit dem Verhältnis von Universalismus und Nationalismus und versuchte, Idealismus und Realismus zu verbinden. Es stellt seinen einzigen Versuch einer systematischen philosophischen Synthese dar.[2]
  • Uyanış Devirlerinde Tercümenin Rolü (1935) – Die Rolle der Übersetzung in Zeiten des Erwachens Hier argumentierte Ülken, dass Übersetzungen eine zentrale kreative Kraft in kulturellen Erneuerungsprozessen darstellen[1].
  • Türkiye’de Çağdaş Düşünce Tarihi (1966) – Geschichte des modernen Denkens in der Türkei[2] Eines seiner bekanntesten Werke, in dem er die Entwicklung des türkischen Denkens in drei Epochen analysierte: – Tanzimat-Zeit – Meşrutiyet (konstitutionelle Phase) – Republikzeit

Seine Vorlesungen zur Philosophie der Erziehung wurden 1982 posthum als Buch veröffentlicht.[11]

Ülken war Mitarbeiter zahlreicher Zeitschriften, darunter Mihrab, Anadolu Mecmuası,[3] Dergâh, Her Ay, Türk Yurdu, Yeni İnsanlık, Türk Düşüncesi,[3] Adımlar und Hareket.

Zwischen 1938 und 1943 gründete und leitete er gemeinsam mit Nurullah Ataç, Sabahattin Eyüboğlu und Celaleddin Ezine die Zeitschrift İnsan.[3] Ab 1943 war er Herausgeber der Sosyoloji Dergisi, der Fachzeitschrift der philosophischen Fakultät der Universität Istanbul.[2]

Mitgliedschaften und wissenschaftliche Aktivitäten

1928 gründete Ülken gemeinsam mit Mehmet Servet die Philosophische Gesellschaft, die erste ihrer Art in der Türkei.[13][9] Sie bestand bis 1930.[13] Zudem war er Mitbegründer der Soziologischen Gesellschaft, die 1949 in Ankara gegründet wurde.[13]

Im selben Jahr war Ülken an den Vorbereitungen zur Gründung der International Sociological Association (ISA) beteiligt. Er nahm am Gründungskongress 1949 in Oslo teil und war von 1953 bis 1959 Vizepräsident sowie Mitglied des Exekutivkomitees der ISA.[14]

Einzelnachweise

  1. a b Hilmi Ziya Ülken. Oxford Reference, abgerufen am 2. April 2023.
  2. a b c d e f g h i Hakan Arslanbenzer: Hilmi Ziya Ülken: Ethics of love In: Daily Sabah, 31. Januar 2015. Abgerufen am 2. April 2023 
  3. a b c d Arzu Öztürkmen: Folklore on Trial: Pertev Naili Boratav and the Denationalization of Turkish Folklore. In: Journal of Folklore Research. 42. Jahrgang, Nr. 2, 2005, S. 41, doi:10.2979/JFR.2005.42.2.185, JSTOR:3814600.
  4. Hilmi Ziya Ülken. Abgerufen am 28. Dezember 2025 (englisch).
  5. a b Hatice Ülken: Eşim Hilmi Ziya'nın Özel Hayatı. In: Istanbul Journal of Sociological Studies. Nr. 17, 1979 (türkisch, org.tr).
  6. a b c Barak Salmoni: Ordered liberty and disciplined freedom: Turkish education and republican democracy, 1923–50. In: Middle Eastern Studies. 40. Jahrgang, Nr. 2, 2004, S. 84, doi:10.1080/00263200412331301997 (englisch).
  7. Arzu Öztürkmen: Folklore on Trial: Pertev Naili Boratav and the Denationalization of Turkish Folklore. In: Journal of Folklore Research. 42. Jahrgang, Nr. 2, 2005, S. 41, doi:10.2979/JFR.2005.42.2.185, JSTOR:3814600 (englisch).
  8. a b c d Pascale Roure: Logical empiricism in Turkish exile: Hans Reichenbach's research and teaching activities at Istanbul University (1933–1938). In: Synthese. Band 200, Nr. 265, 2022, S. 265, doi:10.1007/s11229-022-03740-9 (englisch).
  9. a b Yaman Örs: Hans Reichenbach and Logical Empiricism in Turkey. 2006, ISBN 978-1-4020-4101-3, doi:10.1007/1-4020-4101-2_13.
  10. a b Ahmet Hınçalan: Diverging paths of Turkish conservatisms during the Cold War era: A study on Cemil Meriç and Tarik Buğra. Boğaziçi University 2011, S. 6 (englisch, gov.tr).
  11. a b Hasan Ünder: Philosophy of Education as an Academic Discipline in Turkey: The Past and the Present. In: Studies in Philosophy and Education. 27. Jahrgang, Nr. 6, November 2008, S. 416, doi:10.1007/s11217-007-9049-z (englisch).
  12. M. Sait Özervarlı: Intellectual Foundations and Transformations in an Imperial City: Istanbul from the Late Ottoman to the Early Republican Periods. In: The Muslim World. 103. Jahrgang, Nr. 4, Oktober 2013, S. 524, doi:10.1111/muwo.12031.
  13. a b c d Nilgün Çelebi: Sociology Associations in Turkey: Continuity Behind Discontinuity. In: International Sociology. 17. Jahrgang, Nr. 2, 2002, S. 257–260, doi:10.1177/0268580902017002007.
  14. Stéphane Dufoix: Under Western Eyes? Elements for a Transnational and International History of Sociology in Asia (1960s–1980s). In: Journal of Historical Sociology. 34. Jahrgang, Nr. 1, März 2021, S. 58–60, doi:10.1111/johs.12319.