Herrenhaus Heinersdorf
| Herrenhaus Heinersdorf | |
|---|---|
Gutshaus Heinersdorf | |
| Daten | |
| Ort | Steinhöfel Ortsteil Heinersdorf |
| Bauherr | Franz von Meinders |
| Baujahr | 1687 |
| Koordinaten | 52° 27′ 28,6″ N, 14° 13′ 1,1″ O |
Das Herrenhaus Heinersdorf, auch als Schloss oder Gutshaus bezeichnet, ist ein denkmalgeschütztes[1] Gebäude im Steinhöfeler Ortsteil Heinersdorf im brandenburgischen Landkreis Oder-Spree. Das sanierungsbedürftige Haus steht seit der Jahrtausendwende leer.
Der Bau, der bis in die Anfänge des 17. Jahrhunderts zurückgeht, war im Besitz von Franz von Meinders, einem Diplomaten im Dienst des Großen Kurfürsten. Der originale wertvolle Stuck aus der Barockzeit im Obergeschoss des Hauses ist wahrscheinlich italienischer Herkunft[2], vergleichbar mit dem im Schloss Köpenick. Das Gebäude wurde 1886 durch Um- und Ausbauten des Rittergutsbesitzer Günther Schulz von Heinersdorf erweitert und im 20. Jahrhundert nochmals verändert.
Architektur
Der symmetrische, zweistöckige Bau mit weitvorspringendem Risalit und vorgestelltem, pfeilergestützten Portikus ist mit Ziegeln gedeckt. Die beiden dreiachsigen Seitenflügel sind mit flachen Pilastern gegliedert, auch der Risalit ist mit breiten Pilastern eingefasst, über dem Portikus öffnet sich ein hohes Arkadenfenster.
Unterbringung der Landfrauenschule Luisenhof (1942–1945)
Während des Zweiten Weltkriegs wurden Teile des Gutes Heinersdorf zeitweise für schulische Zwecke beansprucht. Ab 1942 wurden Gebäude des Gutes zur Unterbringung eines ausgelagerten Teils der Landesfrauenschule Luisenhof in Bärwalde/Neumark genutzt, einer wirtschaftlichen Landfrauenschule des Reifensteiner Verbands. Die Verlagerung erfolgte im Zusammenhang mit kriegsbedingten Einquartierungen und der teilweisen Beschlagnahmung der Schulgebäude am ursprünglichen Standort. Ein regulärer Schulbetrieb ist nach Anfang 1945 nicht mehr nachweisbar[3][4][5].
Suizid im Garten des Herrenhauses (1944)
Im Herbst 1944 hielt sich der Generalstabsoffizier Hans-Alexander von Voß, der dem militärischen Widerstand gegen das NS-Regime nahestand, bei seiner Familie im Herrenhaus Heinersdorf auf. Er war aufgrund gesundheitlicher Belastungen ab Anfang Oktober beurlaubt. Die Familie hatte dort seit 1941 bei Verwandten Zuflucht vor den Luftangriffen auf Berlin gesucht. Nach dem Scheitern des Attentats vom 20. Juli 1944 geriet Voß zunehmend unter psychischen Druck; er rechnete täglich mit seiner Verhaftung und vernichtete belastende Unterlagen. Zusätzlich war im Gebäude zeitweise eine Nachrichtenabteilung der Waffen-SS einquartiert, was Gespräche im Haus nur eingeschränkt möglich machte[6].
Nachdem eine zunächst angekündigte neue militärische Verwendung kurzfristig wieder zurückgenommen worden war, deutete Voß dies als bevorstehende Festnahme. Am späten Nachmittag des 8. November 1944 nahm er sich im Garten hinter dem Herrenhaus mit einer Pistole das Leben. Voß verstarb kurz darauf im Beisein seiner Ehefrau[6].
Der Schuss wurde von Schülerinnen der im Herrenhaus untergebrachten Landfrauenschule Luisenhof gehört. Die Schulleiterin Margarethe van Semmern ordnete daraufhin einen stillen Gedenkmarsch um das Herrenhaus an.
Im Rahmen der Trauerfeier sangen Schülerinnen der Landfrauenschule ein kirchliches Lied, ungeachtet eines zuvor geäußerten Einspruchs seitens der anwesenden SS[6].
Die Beisetzung erfolgte wenige Tage später unter militärischen Ehren in Waldsieversdorf, wo dessen Großeltern und seit 1943 seine Eltern wohnten. Der Sarg wurde von Angehörigen der in Heinersdorf stationierten Waffen-SS getragen und unter Glockengeläut nach Waldsieversdorf überführt, wo Trauerfeier und Beisetzung stattfanden. Trotz der bekannten Nähe des Verstorbenen zum Widerstand blieb der Zusammenhang offiziell unerwähnt[6].
Nutzung nach 1945
Nach dem Ende des Zweiten Weltkriegs wurde das Herrenhaus Heinersdorf im Zuge der Bodenreform in der Sowjetischen Besatzungszone enteignet. Die Gutsbesitzerfamilie Schulz verließ den Ort im Januar 1945. In den folgenden Jahrzehnten erfuhr das Gebäude eine Vielzahl unterschiedlicher Nutzungen, wie sie für viele ehemalige Gutshäuser in der DDR typisch waren[7].
Lazarett, Schule und Flüchtlingsunterkunft (1945–1956)
Im April 1945 richtete die Rote Armee im Herrenhaus ein Lazarett ein. Über den konkreten Lazarettbetrieb sind keine schriftlichen Überlieferungen bekannt; Hinweise auf dort verstorbene Soldaten finden sich auf dem sowjetischen Soldatenfriedhof am nordöstlichen Rand des ehemaligen Gutsparks. Mit der militärischen Nutzung gingen große Teile der historischen Ausstattung und Dokumente verloren[7].
Bereits im Sommer 1945 zog die Heinersdorfer Schule in das Gebäude ein, nachdem das ursprüngliche Schulgebäude im April 1945 zerstört worden war. Der Unterricht fand vor allem in den großen Sälen des Mittelbaus statt. Parallel dazu wurde das Herrenhaus als Flüchtlingsunterkunft genutzt. In den Ober- und Dachgeschossen der Seitenflügel wurden Wohnräume für Vertriebene und Umsiedler, insbesondere Familien aus den ehemaligen deutschen Ostgebieten, eingerichtet. Die Unterbringung erfolgte meist in Einzelräumen mit gemeinschaftlich genutzten Sanitäranlagen[7].
Zudem entstand im Erdgeschoss eine Arztstube. Eine Gemeindeschwester übernahm die medizinische Erstversorgung, ergänzt durch wöchentliche Sprechstunden eines Arztes aus Müncheberg. Damit wurde das Herrenhaus früh zu einem zentralen Ort medizinischer Grundversorgung für Heinersdorf und die umliegenden Dörfer[7].
Lehrlingsausbildung und -unterbringung (1950er Jahre)
Ab den frühen 1950er Jahren diente das Herrenhaus Heinersdorf zeitweise auch als Ort der beruflichen Ausbildung. In Heinersdorf wurden landwirtschaftliche Berufe ausgebildet, wofür Lehrlinge aus der näheren Umgebung, aber auch aus weiter entfernten Orten herangezogen wurden. Die Unterbringung der Lehrlinge erfolgte im südlichen Seitenflügel des Herrenhauses, während die theoretische Ausbildung überwiegend in den Räumen des Haupthauses stattfand. Die Verpflegung der Lehrlinge wurde bis zur Fertigstellung der 1956 auf dem angrenzenden Gelände errichteten Betriebsberufsschule im Erdgeschoss des linken Seitenflügels des Herrenhauses sichergestellt[7].
Landambulatorium und soziale Einrichtungen (1956–1990)
Nach dem Bau eines neuen Schulgebäudes und einer Betriebsberufsschule im Jahr 1956 wurden im Herrenhaus Räume frei. In der Folge richtete das Ministerium für Gesundheitswesen der DDR ein Landambulatorium mit angeschlossener Kinderkrippe und Kinderheim ein[7].
Dieses entwickelte sich zu einer zentralen ambulanten medizinischen Einrichtung für mehrere umliegende Ortschaften. Neben Hausärzten waren zeitweise ein Zahnarzt, eine Physiotherapie, ein Zahntechniker sowie Fürsorgerinnen tätig. Später kam ein Kinderarzt hinzu, der wöchentlich eine Sprechstunde abhielt. Das Landambulatorium bestand bis 1991 und teilweise noch bis 1996 in Form niedergelassener Arztpraxen[7].
Dem Landambulatorium waren weitere soziale Einrichtungen angegliedert. 1960 wurde ein sogenanntes Dauerheim für Säuglinge und Kleinkinder eröffnet, das vor allem Kinder von Alleinerziehenden oder im Schichtsystem arbeitenden Eltern betreute. Die Einrichtung verfügte über eine 24-Stunden-Betreuung und bestand bis 1990[7].
1967 folgte die Einrichtung einer Tageskinderkrippe im Dachgeschoss des rechten Seitenflügels, die 1988 in ein neu errichtetes Krippengebäude im Ort umzog[7].
Parallel dazu befand sich im Herrenhaus ab 1957 über mehrere Jahrzehnte auch der Kindergarten des Dorfes, der zeitweise bis zu 80 Kinder ab drei Jahren betreute. Der Kindergarten blieb – mit räumlichen Verlagerungen innerhalb des Gebäudes – bis 1995 im Herrenhaus untergebracht[7].
Neben der Kinderbetreuung übernahm das Dauerheim auch hauswirtschaftliche Aufgaben, darunter Wäschepflege und Verpflegung; bis 1967 wurde die gesamte Wäsche im Herrenhaus bearbeitet, zudem versorgte das Kinderheim zwischen 1967 und 1988 auch die Kinder der Kinderkrippe[7].
Wohnungen und weitere Nutzungen
Neben den sozialen und medizinischen Einrichtungen wurden einzelne Räume des Herrenhauses bis in die 1990er Jahre als Wohnungen genutzt, unter anderem von Angestellten der Einrichtungen. In den 1980er Jahren kamen zeitweise Freizeit- und Werkstattnutzungen hinzu, darunter eine Töpfer- und Bastelwerkstatt für Kinder und Jugendliche aus dem Ort[7].
Leerstand seit 1996
Aufgrund des zunehmend schlechten baulichen Zustands zogen in den 1980er und frühen 1990er Jahren nach und nach mehrere Einrichtungen aus. Nach der deutschen Wiedervereinigung wurden das Landambulatorium und das Dauerheim geschlossen. Zwar blieben einzelne Arztpraxen, Mieter und ein Ingenieurbüro noch bis Mitte der 1990er Jahre im Gebäude, doch seit 1996 steht das Herrenhaus vollständig leer[7].
Erhalt und Perspektiven
Das Herrenhaus Heinersdorf ist aufgrund seiner barocken Stuckdecken ein in Brandenburg seltenes Baudenkmal. In den vergangenen Jahren wurden mehrere Maßnahmen zur Sicherung der Bausubstanz umgesetzt, darunter die Neueindeckung des Dachs des Haupthauses, Schwammsanierungen im Dachgeschoss und in Teilen des Erdgeschosses sowie die Sicherung und Restaurierung einzelner Stuckdecken. Die Arbeiten wurden durch Fördermittel des Denkmalschutzes, des Landes Brandenburg und durch private Spenden unterstützt.
Vor dem Hintergrund der denkmalrechtlichen Verpflichtung zu Pflege und Erhalt wird an Nutzungskonzepten gearbeitet, die eine langfristige Belebung des Herrenhauses als Ort sozialer, kultureller und gemeinwesenorientierter Nutzung ermöglichen sollen. Vorgesehen sind unter anderem Arztpraxen, Pflegeeinrichtungen sowie Räume für die Dorfgemeinschaft[7].
Weblinks
- https://www.gemeinde-steinhoefel.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=38699
- https://www.gemeinde-steinhoefel.de/verzeichnis/objekt.php?mandat=38686
- http://www.schloss-heinersdorf.info
- Schloss Heinersdorf - Abriss oder Rettung. In: Märkische Oderzeitung. 6. September 2008 (moz.de).
- https://archiv.berliner-zeitung.de/kultur/gutshaus-heinersdorf-linienspuk-im-oderbruch-3776464
- Gutshaus Heinersdorf bei Alle Burgen: https://www.alleburgen.de/bd.php?id=30683
- Trebnitzer Schlossgespräch: Gutshaus Heinersdorf – Erinnerte Geschichte nach 1945: https://www.schloss-trebnitz.de/veranstaltung/trebnitzer-schlossgespraech-gutshaus-heinersdorf-erinnerte-geschichte-nach-1945/
- Broschüre über die Geschichte des Heinersdorfer Gutshauses nach 1945: https://www.schloss-trebnitz.de/broschuere-heinersdorf/
Einzelnachweise
- ↑ Eintrag zur Denkmalobjektnummer 09115690 in der Denkmaldatenbank des Landes Brandenburg
- ↑ Thomas Theise: Heinersdorf ( des vom 1. Juli 2012 im Internet Archive) Info: Der Archivlink wurde automatisch eingesetzt und noch nicht geprüft. Bitte prüfe Original- und Archivlink gemäß Anleitung und entferne dann diesen Hinweis.
- ↑ Personalakte Margarethe van Semmern (Rep. 36157 Nr. 25 – Personalakte mit Lebenslauf, Fragebogen, Anstellungsvertrag, Besoldungsberechnung, Schriftverkehr und amtsärztlichen Zeugnissen). In: Brandenburgisches Landeshauptarchiv (BLHA). Abgerufen am 27. November 2025.
- ↑ Luisenhof 1914–1945 – Reifensteiner Verband eV. In: Yumpu. Abgerufen am 5. Januar 2026.
- ↑ Reifensteiner Verband (Hrsg.): Frauenschulen auf dem Lande – Reifensteiner Verband (1897–1997) (= Schriftenreihe des Archivs der deutschen Frauenbewegung. Band 11). Archiv der deutschen Frauenbewegung, Kassel 1997, ISBN 3-926068-11-6, S. 189 ff.
- ↑ a b c d Gerhard Ringshausen: Hans-Alexander von Voß (1907–1944). (PDF) In: Vierteljahrshefte für Zeitgeschichte, 52. Jahrgang, Heft 3 (Juli 2004). Abgerufen am 3. Januar 2026.
- ↑ a b c d e f g h i j k l m n Das Herrenhaus Heinersdorf – Vom Adelssitz zur Dorfgemeinschaft. (PDF) In: Schloß Trebnitz Bildungs- und Begegnungszentrum. Denk-mal-Kultur e. V. Heinersdorf, 2023, abgerufen am 5. Januar 2026.