Hermann Röhl
Hermann Röhl (* 4. Februar 1851 in Wittstock, Provinz Brandenburg, Königreich Preußen; † 2. Juni 1923 in Berlin-Zehlendorf) war ein deutscher Altphilologe, Gymnasialdirektor und Übersetzer. Seine Übertragungen von russischer Literatur in das Deutsche gehören zu den meistverbreitetsten bis in die Gegenwart.
Leben
Sein Vater war Mathematiklehrer in Wittstock. Die Familie zog bald nach Graudenz in Westpreußen, wo Hermann Röhl die Realschule besuchte, und anschließend das Gymnasium in Marienburg. Ab 1866 studierte er an der Universität Berlin Klassische und germanistische Philologie und wurde dort 1869 im Alter von 18 Jahren promoviert. Damit war er der jüngste Doktor an dieser Universität (mindestens bis 1885).[1]
Nach dem Staatsexamen 1870 wurde Hermann Röhl zunächst Probelehrer am Gymnasium Graudenz, dann am Joachimsthalschen Gymnasium in Berlin, wo er auch ordentlicher Lehrer wurde. 1878 wechselte er als Oberlehrer an das Askanischen Gymnasium in Berlin, 1883 wurde Hermann Röhl er Direktor des Gymnasiums in Königsberg in der Neumark, 1888 Direktor des Domgymnasiums in Naumburg und ab Mai 1892 Direktor des Domgymnasiums in Halberstadt.
1907 trat er in den Ruhestand. Danach veröffentlichte er weitere altphilologische Studien und seit 1912 zahlreiche Übersetzungen aus dem Russischen.
Philologische Studien
Hermann Röhl veröffentlichte zunächst Texte zur griechischen Epigraphik und weiteren altphilologischen Themen.[2]
Autor
- Quaestionum Homericarum specimen. Dissertation Berlin 1869.
- Schedae epigraphicae. Berlin 1876.
- Beiträge zur griechischen Epigraphik. Dräger, Berlin 1876 (Digitalisat).
- Inscriptiones graecae antiquissimae praeter atticas in Attica reperta. Kgl. Preussische Akademie der Wissenschaften, Reimer, Berlin 1882 (Digitalisat).
- Imagines inscriptionorum Graecorum antiquissimarum. In usum scholarum. Reimer, Berlin 1883 (Digitalisat).
Übersetzer aus dem Lateinischen
- Die Satiren u. Episteln des Horaz. In deutscher Prosa von Hermann Röhl. G. Grote, Berlin 1917.
Übersetzungen aus dem Russischen
Übersicht
Hermann Röhl übersetzte über dreißig Bände von Romanen und Erzählungen russischer Autoren, darunter die gesammelten Werke von Fjodor Dostojewski und alle Romane von Leo Tolstoi.
Seine Übersetzungen zeichnen sich nicht nur durch akribische Hintergrundforschungen aus (z. B. mit Manuskriptrecherchen zu „Die toten Seelen“ von Gogol, das in mehreren Varianten und insgesamt unvollständig vorliegt), sondern auch durch umfangreiches Hintergrundwissen, da beispielsweise häufig alte russische (Militär-)Begriffe bzw. heute nicht mehr bekannte Gegenstände beschrieben werden.
Seine Übersetzungen wurden durch den Insel Verlag in Leipzig und Frankfurt am Main häufig neu aufgelegt, und auch von weiteren Verlagen übernommen (Aufbau, Suhrkamp usw.) Sie gehören besonders zu den Werken von Dostojewski und Tolstoi zu den bis in die Gegenwart verbreitetsten Fassungen.[3]
Werke
Die meisten Bücher erschienen im Insel Verlag Leipzig in der Erstausgabe, wenn nicht anders angegeben. (Es sind alle feststellbaren Übersetzungen angegeben.)
- Fjodor Dostojewski
- Schuld und Sühne, Roman, 1912, mehrere Neuausgaben bis 2026
- Der Spieler, 1919, mehrere Neuausgaben bis 2026
- Der Idiot, 1920, mehrere Neuausgaben bis 2026
- Die Teufel , Roman, 1920, mehrere Neuausgaben als Die Dämonen
- Netotschka Njeswanowa und kleine Erzählungen, 1920 (mit Das Krokodil, Eine Silvesterfestlichkeit und eine Trauung, Polsunkow)!
- Erniedrigte und Beleidigte, Roman, 1921
- Arme Leute, Roman, 1921, mehrere Neuausgaben bis 2026
- Aufzeichnungen aus einem Totenhaus, Roman, 1921
- Der Doppelgänger , Roman, 1921
- Aus dem Dunkel der Großstadt, (mit Helle Nächte), 2 Erzählungen, 1921, Neuausgabe 2025
- Das Gut Stepantschikowo und seine Bewohner, Roman, 1921, Neuausgabe 2025
- Der lebenslängliche Ehemann, Die fremde Frau und der Mann unter dem Bett, 2 Erzählungen, 1921
- Ein kleiner Held, Onkelchens Traum, 2 Novellen, 1921
- Die Wirtin und andere Novellen, 1921 (mit Der ehrliche Dieb, Ein Roman in neun Briefen, Herr Prochartschin)
- [weitere Erzählbände (mit Bobok, Der Bettelknabe, Der Traum eines lächerlichen Menschen, Die Sanfte, Ein schwaches Herz, Ein unangenehmes Erlebnis)], 1921
- Werdejahre, Roman, 1921
- Der Großinquisitor, Roman, Reclam, Leipzig 1921
- Aufzeichnungen aus dem Kellerloch, Roman, 1923
- Die Brüder Karamasow, 1924
- Leo Tolstoi
- Anna Karenina, Roman, 2 Bände, 1913, 1921, Neuausgaben 1957, 2025 (Text, Text)
- Der Leinwandmesser, Erzählung, 1913
- Herr und Knecht, Erzählung, 1913
- Krieg und Frieden, Roman, 1916, Neuausgabe 2025 (Text)
- Die Kosaken, Erzählung, 1919
- Zwei Husaren, 1919
- Kindheit, 1923
- Auferstehung, Roman, Propyläen, Berlin 1924
- Familienglück, Roman, 1928 [?]
- Iwan Turgenew
- Asja, Erzählung, 1913
- Faust, Erzählung, 1913
- Erste Liebe, Erzählung, Hendel, Halle 1921
- Frühlingsfluten, Erzählung, Hendel, Halle 1921
- Ignati Potapenko
- Im Pfarrhaus, Reclam, Leipzig 1913
- Aksjonow
- Familienchronik, 1913
- Anton Tschechow
- Eine langweilige Geschichte, Erzählung, 1919
- Humoresken und Satiren, Reclam, Leipzig 1920
- Nikolai Gogol
- Die toten Seelen , Roman, 1920, mehrere Neuauflagen
- Iwan Gontscharow
- Oblomow, Roman, 1923
Literatur
- Franz Koessler: Personenlexikon von Lehrern des 19. Jahrhunderts: Raab - Rzepecki. Gießen 2008 PDF (S. 1472), (Seite nicht mehr abrufbar. Suche in Webarchiven)
- Dom-Gymnasium zu Naumburg. Jahres-Bericht Ostern 1889, S. XIII, mit biographischen Angaben, textgleich übernommen von Koessler
- Elisabeth Dorner: Schuld und Sühne oder Verbrechen und Strafe? Dostojewskijs Romantitel in deutscher Übersetzung. Masterarbeit Universität Wien 2016, S. 54 (Digitalisat).
Weblinks
- Literatur von und über Hermann Röhl im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek
- Hermann Röhl. In: Deutsche Biographie (Index-Eintrag).
- Suche nach Hermann Röhl. In: Deutsche Digitale Bibliothek
- Hermann Röhl Kritikatur, mit einigen Übersetzungen
Anmerkungen
- ↑ Neuphilologische Blätter, 1898/1899, S. 28; identischer Text in Berliner Börsen-Courier vom 15. September 1899, S. 6 (mittlere Spalte); nach Verzeichnis Berliner Universitätsschriften (bis 1885)
- ↑ Literatur von und über Hermann Röhl im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek, mit weiteren Texten
- ↑ Literatur von und über Hermann Röhl im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek; mit über 630 Einträgen von Werken von Hermann Röhl (darunter einige altphilologische Schriften), weitere sehr verbreitete Übersetzer waren Johannes von Guenther (538), Arthur Luther (460), August Scholz (333) und Hermann Asemissen (207) (meist waren dort auch sonstige Schriften mitgezählt); die Tolstoi-Friedensbibliothek wählte für die Neuausgaben von Krieg und Frieden und Anna Karenina 2025 die Übersetzungen von Hermann Röhl (aus über zwanzig möglichen Übertragungen von anderen Übersetzern)