Hermann Nollau
Hermann Nollau (* 13. Dezember 1878 in Königswinter; † 19. August 1969 in Kassel) war ein deutscher Verwaltungsjurist, der als Direktor der Kunstakademien in Königsberg und Kassel Bedeutung erlangte.
Leben
Nollau entstammte einer Familie, die seit dem 17. Jahrhundert in Sachsen (Meißen) und Schlesien, später auch in Westpreußen beheimatet war und Juristen und Offiziere hervorbrachte. Als sechstes Kind seiner Eltern besuchte Nollau das staatliche Gymnasium in Bonn. Ab 1897 studierte er vier Semester Kunstgeschichte und Germanistik an der Ludwig-Maximilians-Universität München, der Friedrich-Wilhelms-Universität Berlin und der Rheinischen Friedrich-Wilhelms-Universität Bonn. Es folgten vier Semester Rechts- und Staatswissenschaften sowie Geschichte an der Albert-Ludwigs-Universität Freiburg, der Ludwig-Maximilians-Universität München und nochmals in Bonn. 1901 und 1902 bereiste er Italien, die Schweiz und Frankreich. Danach setzte er das rechtswissenschaftliche Studium an der Universität Leipzig und erneut in Bonn fort. Am 23. Mai 1903 bestand er in Köln das erste juristische Staatsexamen mit der Gesamtnote gut. Den Vorbereitungsdienst als Referendar leistete er am Amtsgericht Eitorf und am Landgericht Bonn. Am 23. Juli 1904 wurde er in Bonn zum Dr. iur. promoviert.[1] Von Februar bis Juni 1905 war er bei der Staatsanwaltschaft Bonn, danach als Regierungsreferendar bei der Bezirksregierung Breslau. Am 23. November 1907 bestand er das zweite Staatsexamen mit der Gesamtnote ausreichend. Er wurde zum Regierungsassessor ernannt und wurde ab dem 3. Januar 1908 beim Polizeipräsidium Aachen eingesetzt. Für diese Polizeibehörde veröffentlichte er 1910 eine kleine Behördengeschichte. Seit 1913 bei der Bezirksregierung Stade tätig, wurde er als Hilfsarbeiter beim Landratsamt Verden eingesetzt. Er kam 1914 zur Bezirksregierung Köslin und wurde dort dem Oberversicherungsamt zugeordnet. Bei Kriegsende 1918 war er noch im Rang eines Regierungsrats in Köslin tätig. Im Staatshandbuch von 1922 wird er als Oberregierungsrat beim Oberpräsidium der Rheinprovinz in Koblenz aufgeführt.[2]
Königsberg
Bald danach wurde er zum Oberpräsidium der Provinz Ostpreußen versetzt. Dort hatte er entsprechend seinen kulturgeschichtlichen Neigungen dienstlich mit der Kunstakademie Königsberg zu tun. An dieser gab es in diesen Jahren unüberbrückbare Gegensätze zwischen dem Akademiedirektor Wilhelm Thiele und den dortigen Professoren und Studenten.[3] Deshalb verließ Thiele Königsberg Ende 1924. Daraufhin übertrug der preußische Minister für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung die Direktorenstelle Nollau; er sollte die 1921 begonnene Reform der Künstlerausbildung fortsetzen. Seit 1925/1926 war Nollau auch Vorsitzender des Künstlerischen Beirats der Landesgruppe Ostpreußen der Deutschen Akademie. Mit dieser sollte die nationale Bedeutung der Kunstförderung in der vom übrigen Reichsgebiet abgeschnittenen Provinz Ostpreußen herausgestellt werden. Nollau gelang es, das Wirken der Kunstakademie in ruhigere Bahnen zu lenken. Durch Ausstellungen und andere öffentlichkeitswirksame Veranstaltungen wurde dies in Königsberg wahrgenommen, was sich wiederholt in längeren Artikeln in den Königsberger Zeitungen niederschlug. Als besonderes Ereignis regte Nollau bei der Deutschen Kunstgemeinschaft die Ausstellung mit dem Titel „Ostpreußenkunst 1927“ im Berliner Stadtschloss an, deren Eröffnungsvortrag der seit Jahrzehnten in Königsberg tätige Heinrich Wolff hielt. Zu Nollaus Aufbauwerk gehörte auch die Berufung neuer Professoren wie Fritz Burmann und Alfred Partikel. Bevorzugt wurde die Stilrichtung der Neuen Sachlichkeit. Enge Beziehungen bestanden auch zur Künstlerkolonie Nidden. Nollaus Werk und die ministeriellen Absichten wurden durch die Notverordnung vom 23. Dezember 1931 zunichtegemacht, als der Finanzminister Otto Klepper die Auflösung der Kunstakademien in Königsberg und in Breslau zum 1. April 1932 durchsetzte – obwohl zahlreiche Proteste vom Reichspräsidenten über den Provinziallandtag bis zu den Fachverbänden dies zu verhindern suchten, indem sie auf den kulturpolitischen Schaden für die Ostgebiete des Deutschen Reiches hinwiesen. Als Beamter im Wartestand führte Nollau eine „Rumpfakademie“ mit einigen Meisterateliers noch bis August 1932 weiter.[2] In einem Schreiben an den Reichskommissar für Ostpreußen vom 23. August 1932 bat Nollau für den Fall, dass die Akademie nicht am folgenden Monatsanfang wiedereröffnet würde, um eine seinen beamtenrechtlichen Ansprüchen entsprechende Weiterbeschäftigung im preußischen Staatsdienst.[2]
Nollau trat zum 1. Mai 1933 der Nationalsozialistische Deutsche Arbeiterpartei bei (Mitgliedsnummer 2.306.942)[4]; er war Förderndes Mitglied der SS und gehörte dem NSFK, der NSV und dem Reichsbund der deutschen Beamten an.[2]
Kassel
Ohne abzuwarten, bis nach Einschaltung des Reichspräsidenten und des preußischen Ministerpräsidenten die Königsberger Akademie mit dem neuen ehrenamtlichen Direktor Kurt Frick und immerhin fünf Meisterateliers ab dem 1. April 1933 weitergeführt werden konnte, wurde Nollau am 10. Oktober 1933 zum Oberpräsidium der Provinz Hessen-Nassau in Kassel versetzt. Dort war er Dezernent in der I. Abteilung, zugleich unter Beibehaltung dieser Funktion Direktor i. e. R., laut Staatshandbuch seit 1938 Direktor z. D., der Kunstakademie Kassel; denn nach der Schließung infolge der Finanzkrise von 1931/1932 wurde auch diese Akademie wiedereröffnet. Seit 1939 war er außerdem Staatskommissar für das Ritterschaftliche Stift Kaufungen. Die Zerstörung der Hessischen Landesbibliothek Kassel (1942) veranlasste Nollau, sich im Namen des Oberpräsidenten an das Reichsministerium für Wissenschaft, Erziehung und Volksbildung zu wenden. Ein Runderlass des Reichsfinanz- und des Reichsinnenministers hatte (erfolglos) angeregt, die Verluste der Landesbibliothek durch Bücher aus dem Besitz von Finanzämtern auszugleichen. Ob er an die Arbeit der Reichstauschstelle im Reichsministerium des Innern dachte, die zu ähnlichen Zwecken Bücher aus „Feindbesitz“ ankaufte, ist unbekannt. Für seinen Einsatz beim Luftangriff auf Kassel am 22. Oktober 1943 wurde er mit dem Kriegsverdienstkreuz 2. Klasse ausgezeichnet. Seine eigene Wohnung wurde am 2. Januar 1945 zerstört. Da der Kustos für die Staatlichen Kunstsammlungen zum Volkssturm einberufen war, wurden Nollau zum 1. Februar 1945 zusätzlich die Geschäfte eines Direktors dieser Sammlungen übertragen. Nach Kriegsende wurde er auf Weisung der US-amerikanischen Militärregierung zum 9. August 1945 vom Dienst beurlaubt und zum 17. August entlassen. Im Ruhestand in Groß-Hessen erhielt er den Unterhaltsbeitrag für entlassene Beamte. Er lebte weitere 24 Jahre in Kassel.[2]
Schriften
- Volkskönig. Drei deutsche Volksmärchen. Leipzig 1900.
- Pompejanische Religionen. Leipzig 1901.
- Nachrichten über das Geschlecht Nollau 1607–1905. Bonn 1905.
- Die Entwicklung der Königlich Preußischen Polizei-Behörde zu Aachen 1818–1910. Aachen 1910.
- Staatsrechtliche Untersuchung über die möglichen Formen der Lösung der thüringischen Frage. Halle (Saale) 1919.
- (als Herausgeber): Germanische Wiedererstehung. Ein Werk über die germanischen Grundlagen unserer Gesittung. Heidelberg 1926.
- Die Stellung der Kunstakademie in der Entwicklung der bildenden Kunst Ostpreußens. In: Ostmärkische Akademische Rundschau, Jahrgang 1931, Nr. 7 (vom 21. Juli), S. 59–60. (Porträt nach S. 62)
- Erhaltet Ostpreußens Kunst! Um den Fortbestand der Königsberger Akademie. In: Deutsche Allgemeine Zeitung, Nr. 378 vom 13. August 1932.
Literatur
- Werner Timm (Red.): Kunstakademie Königsberg 1845–1945. (= Prussia-Schriftenreihe, Band 11.) Prussia, Essen 1982, ohne ISBN, S. 34 f., S. 60, 9.
- Kristina Kratz-Kessemeier: Kunst für die Republik. Die Kunstpolitik des preußischen Kultusministeriums 1918 bis 1932. Akademie-Verlag, Berlin 2008, ISBN 978-3-05-004371-5, S. 312 f. (Anmerkung 80), S. 331–340, S. 565.
- Cornelia Briel: Beschlagnahmt, erpresst, erbeutet. NS-Raubgut, Reichstauschstelle und Preußische Staatsbibliothek zwischen 1933 und 1945. Akademie-Verlag, Berlin 2013, ISBN 978-3-05-004902-1, S. 97 f.
- Bernhart Jähnig: Drei Nachträge zur „Altpreußischen Biographie“. In: Preußenland, Neue Folge, Band 9 (2018), S. 149–157. (Nollau, Hermann Christian Otto, Oberregierungsrat, Kunstakademiedirektor in Königsberg und Kassel.)
Quellen
- Lebenslauf in Nollaus Dissertation
- Handbuch über den (Königl.) Preußischen (Hof und) Staat, Jahrgänge 1912, 1913, 1914, 1918, 1922, 1925, 1926, 1927, 1928, 1929, 1930, 1931, 1934, 1935, 1938 und 1939.
- Geheimes Staatsarchiv Preußischer Kulturbesitz, Berlin, I. HA, Rep. 76 Kultusministerium, Ve Sektion 20 Abteilung I Nr. 2, Band 6; Rep. 90 A Staatsministerium Jüng. Register, Nr. 1778; Rep. 120 Handelsministerium, EX, Nr. 184
- Hessisches Staatsarchiv Marburg, Bestand 401.2 Regierung Kassel, Nr. 535
Einzelnachweise
- ↑ Dissertation: Das Recht der auf Grund des Reichsgesetzes betreffend die Rechtsverhältnisse der deutschen Schutzgebiete errichteten Kolonialgesellschaften. (veröffentlicht in: Zeitschrift für Kolonialpolitik, Kolonialrecht und Kolonialwirtschaft, 6. Jahrgang, Nr. 6.)
- ↑ a b c d e Bernhart Jähnig (2016)
- ↑ zu Wilhelm Thiele: Altpreußische Biographie, S. 1296.
- ↑ Bundesarchiv R 9361-IX KARTEI/30800814